Tagebuch Intermezzos

Von Fuchs und Greif

Ein nicht ganz unbedeutender Anfang in Kuslik

"Ich gestehe, daß ich nicht ganz unglücklich bin, diese spezielle Robe von hinten zu sehen..."

Ein leises Lachen erfüllte den Raum, und Yolanthe Isadrion trat an die Seite von Larissa Ukchabar, der Spectabilitas der ehrwürdigen Halle der Antimagie zu Kuslik, um gemeinsam mit ihr aus dem großen Fenster in den Hof des Institutes hinunterzublicken, wo gerade eine blutjunge Adepta in weißblauer Robe und mit einem Eibenstab in der Hand ihren Falben aus den Stallungen gen Ausgang führte. Die Satteltaschen schienen vollgeladen mit Gepäck, obwohl ein Großteil der Habe Esybilla Stragazzas schon vor einigen Tagen gen Montana gesandt worden war, dem Heimatsitz ihrer Familie. Zwei junge Herren wohl eher niederen, wenn schon nicht windigen Charakters erwarteten die Adepta außerhalb des Eisentores, das die Akademie vom pulsierenden Stadtleben Kusliks abschottete.

Esybillas Schritt war beschwingt, beinahe ein wenig tänzelnd, als sei auch sie froh, diesen Weg beschreiten zu können. Und in der Tat, hatte es nicht oft genug auf Messers Schneide gestanden, daß sie ihr Studium an diesen Hallen hatte beenden können? Die junge rotblonde Frau zeigte ein bemerkenswertes Geschick und eine erstaunliche Vorliebe für Streiche und Unheil aller Art, und nur Intervention von allerhöchster Stelle hatte bei einer Gelegenheit ihren Herauswurf verhindert. Dreistigkeit, mehr Neugierde als gut für sie war und ein profundes Gefühl für Herausforderungen hatten Esybilla schon immer ausgezeichnet, und sie so zu einer guten Schülerin, aber auch zu dem werden lassen, was man wohl den Kobold der Schule nennen konnte.

Das Silbertor erreichend wandte Esybilla sich noch einmal um und winkte den beiden am Fenster stehenden Lehrern mit der ihr eigenen Unbefangenheit entgegen. Das sommersprossige, blasse Gesicht glühte geradezu vor Abenteuerlust, und wenn es wahr war, daß sie fürs erste das Liebliche Feld verlassen sollte, so schien sie sich zumindest darauf zu freuen.

"Ihr seid befangen, Spectabilitas", bemerkte Yolanthe auf die längst verklungene Bemerkung. "Ich fand sie durchaus... erfrischend."

"Ihr hegtet stets eine seltsame Sentimentalität für impertinente Gewächse, wenn Ihr mir die Bemerkung verzeiht. Ist es doch bezeichnend, daß die junge di Montana nicht einmal in der Lage war, sich eine Anstellung in den Reihen des Adels zu suchen..." Yolanthe schüttelte sacht den Kopf.

"Ich glaube nicht, daß sie überhaupt gesucht hat. Sagt selbst, Spectabilitas, stellt Ihr Euch Esybilla als den stummen Schatten hinter einem hohen Herrn vor?" Ein mißbilligendes Schnauben war die Antwort.

"Stumm ist wohl ein Wort, daß diese spezielle junge Dame zu keiner Zeit beschreiben würde..."

Yolanthe lachte ein weiteres Mal, trugen diese Worte doch mehr als nur ein Korn Wahrheit. Esybilla sagte, was sie dachte. Daß dies nur selten mit dem konform ging, was ihre Umgebung hören wollte, machte ihre Situation nicht unbedingt besser. Zudem zeigte sie eine erstaunliche Tendenz zu, wenngleich kurzweiligen, so doch langen Geschichten und ihr Mitteilungsdrang schien auf keine der ihr bisher bekannten Wege zu entmutigen. "Da mögt Ihr recht haben. Doch ich glaube, daß sie gar nicht vorhatte, in Anstellung zu gehen, sondern auf eine derartige Möglichkeit zur Reise gehofft hat."

"Möglich." Die Spectabilitas klang reserviert. "Unpassend jedoch, im mindesten." Yolanthe legte die flachen Handflächen auf den Sims und stützte sich auf, während unten im Hof die junge Adepta, fröhlich mit ihren beiden Begleitern schwatzend, der Akademie endgültig den Rücken kehrte.

"Ihr wißt selbst, daß jeder einen anderen Weg beschreiten muß. Ich glaube daß sich der ihre nicht mit dem der meisten, die diese Schule verließen, vereinbaren ließe..." Sie wandte den Blick ab von dem Dreiergrüppchen um die Spectabilitas anzusehen, ein sachtes Lächeln auf den Zügen. "Ich denke derlei müssen wir akzeptieren."

"Zuwenig vom Götterfürsten in ihr, zuviel vom Fuchse", bemerkte die Spectabilitas abwertend und rümpfte die gerade Nase, die Augen leicht zusammengekniffen. "Hesinde ehrt sie, das mag ja nun sein. Aber sie wird sich auch dort draußen in Schwierigkeiten bringen. Zu unbesonnen."

"Sie ist jung...", schwächte Yolanthe lächelnd ab. "Und doch glaube ich, daß in ihr sich eine Mischung wiederfindet, die ungewöhnlich ist. Sie ist nicht nur Streiche und Sorglosigkeit. Gebt ihr Zeit, Spectabilitas. Ich bin sicher, wir werden sie wiedersehen."

Ihr Gegenüber schnaubte und schüttelte den Kopf.

"Hesinde bewahre mich vor zu verständnisvollen Magistrae. Verzeiht, Collega, doch ich wäre froh, wenn ich Esybilla Stragazza di Montana in meinem Leben niemals mehr wiedersehen muß." Yolanthe lächelte fein.

"Nun... das wird sich zeigen."

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