Im Schatten der Toten

Im Auftrag des tobrischen Herzogshauses wendet sich Yann Sertun gemeinsam mit einigen Gefährten gen Warunk, um in der verfluchten Stadt Rhazzazors ein Artefakt aus dem Molchenberg zu entwenden. Kaum in der Stadt stellen sie fest, wie schwierig es ist, sich ohne Verbündete in der faulenden Stadt der Thargunitoth zu bewegen. Nur mühsam gelingt es, den Kontakt zu einer dort lebenden, verdeckten Geweihten des Phex herzustellen. Diese führt - unter dem Deckmantel eines Waisenhauses für Kriegswaisen, ein nicht schlecht organisiertes Spionagenetzwerk, das jedoch durch Verrat just dann auffliegt, als die Helden sich in Warunk befinden. Soldaten Rhazzazors nehmen die Geweihte mit, um sie in der Goldenen Pyramide vor den Drachen zu bringen, die Kinder werden, als Mahnung für die Bevölkerung, in der Straße an die Wand geschlagen und ihrem Schicksal, dem Tode überlassen.
Die Gefährten sind gezwungen, hilflos zuzusehen, und als sie des Nachts in das Haus der Geweihten eindringen, um nach eventuellen Überlebenden oder auch Aufzeichnungen zu suchen, erwartet sie eine Überraschung.
(Inspiriert von 'Kreise der Verdammnis')

Im Schatten der Toten

Erste, vorsichtige Annäherungen

Perdija hielt inne auf dem von pappigem Schnee bedeckten Dachfirst, als sie die Bewegung am Rand der Dachkante bemerkte. Dort zog sich- ganz offensichtlich mit letzter Kraft eine schmale Gestalt über den Rand, verharrte keuchend einen Moment und kroch dann mühsam weiter zu auf den Dachfirst. Dunkle Flecken blieben im hellen Schnee zurück.: Blut. Klein war die Gestalt- in etwa so wie die eines Kindes. Ein Schauer durchrann die rothaarige Frau. Konnte das sein? War es tatsächlich einem der Kinder gelungen...? Da sie nicht nur allein auf die gewöhnlichen Fähigkeiten ihrer Augen angewiesen war stutzte sie kurz, als sie die Züge des Kindes erkannte- jenes, bei den sie am Nachmittag den rötlichen Schimmer wahrgenommen hatte. Offenbar war es ihm gelungen, sich zu befreien. Doch die Nägel, die die Schergen der Drachengarde durch Unterarme und Beine des Kindes getrieben hatten, hatten grausame, stark blutende Wunden hinterlassen. Dazu noch die Kälte des Tages. Es blieb nicht schwer zu ahnen, dass die kleine Gestalt vor ihr nicht mehr viele Atemzüge übrig hatte- falls sie nichts unternahm, denn soeben sackte das Kind im Schatten des Kamins in sich zusammen.
Flüchtig glitt ihr Blick zurück zu dem Haus das ihr eigentliches Ziel dargestellt hatte. Sie waren mit einem wichtigen Auftrag in die Stadt gekommen, sie durften ihn nicht gefährden... Doch vor ihrem inneren Auge erschien das Bild ihrer eigenen Kinder- Lieto und Luzelin. Bereits als sie den Kopf wieder von ihrem ursprünglichen Ziel abwandte, war die Entscheidung gefallen. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend um keinen Lärm zu verursachen und nicht abzurutschen, bewegte Perdija sich auf das Kind zu.
Yann Sertun stand am Fenster im oberen Stockwerk des Flickschneiderhauses und spähte hinaus als Perdija sich auch nachdem das ausgemachte Zeichen schon eine geraume Weile zurück lag nicht blicken ließ. Er gewahrte wohl die Bewegung auf dem Dach gegenüber... und auch dass etwas offenbar die Aufmerksamkeit der Hexe erregt hatte. Auch er zögerte nur einen Moment. Reto und Andrego mussten eben eins und eins zusammenzählen, aber das traute er zumindest dem Nandus-Laienpriester zu. Mit der Routine jahrelanger Übung schwang er sich auf das Fenstersims und fand mit den Händen Halt an der Wand. Wieder streifte ihn kurz Ekel ob des dichten Schimmelgeflechts das auf dem Stein wucherte und ihn leicht glitschig machte. Dennoch- für ihn kein wirkliches Wagnis, dafür besaß die Wand zu viele Riefen und Vorsprünge. Auch der Sprung von einem Dach zum nächsten stellte ein kleines- und bereits mehrfach überwundenes- Hindernis dar. Als er bei Perdija anlangte, war ihm längst der dunkel gefleckte Schnee aufgefallen- und die kleine Gestalt, die Perdija in den Armen hielt. Eines der Kinder. Irgendwie hatte es das schier unmögliche vollbracht sich von den langen Metallnägeln die man durch Unterarme und Beine getrieben hatte zu befreien und trotz des hohen Blutverlustes noch das Dach zu erklimmen.
Mit leiser Stimme rief er sie an, um ein Erschrecken zu vermeiden. Auch wenn Perdija eine geschickte Frau war, so bewegte sie sich üblicherweise nicht über verschneite Dächer. Sie sah auf, nickte ihm zu. Ihre Tasche mit Verbandmaterial war geöffnet, und trotz der Tatsache, dass sie scheinbar bereits mit ihren von Mada gegebenen Kräften die schlimmsten Blutungen gestillt hatte, legte sie flüchtige aber dennoch saubere Verbände an.
Auch Yann warf einen genaueren Blick auf das Kind. Schmal... vielleicht zwischen acht und zehn... oder etwas älter. Schwer zu schätzen unter einer dicken Schicht an Schmutz und im Zwielicht.
Bewusstlos. Ein kleiner Junge vermutlich.
Es bedurfte keiner wirklichen Absprache mehr. Ihnen allen hatten den ganzen Tag die Schreie der sterbenden, an die Hauswände genagelten Kinder in den Ohren gelegen. Elf waren tot... eines hatte bis hierher überlebt.
"Wie bekommen wir es am besten hier weg?" raunte Perdija leise. Yanns Blick glitt taxierend über das Dach und in Richtung des Flickschneiderhauses.
"Tragen wird mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein... müsste aber durchaus gehen... Schwierig wird nur die Kluft zwischen den beiden Häusern." Perdija überlegte einen Moment.
"Warte, ich hole meinen Stab... Dann können wir fliegen..." Ohne eine wirkliche Antwort Yanns abzuwarten erhob die Hexe sich und machte sich auf den Weg zurück über die Dächer. Nun blieb er allein mit dem Kind zurück und musterte es noch einmal etwas genauer. Schwer das Alter wirklich zu schätzen. Schmal war es und durch die Verletzung sahen die Wangen zusätzlich eingefallen aus. Geschick oder Glück- oder beides- hatten ihm ermöglicht, bis hierher zu entkommen. Einen Moment hielt er inne, dachte an die Träume die ihn vor Wochen ereilt hatten.
So versunken war er in seinen Gedanken, dass ihm beinahe die Rückkehr Perdijas entging. Innerlich schalt er sich selbst.
Hinter Perdija balancierte er mit dem Kind zur Dachkanfte. Die Wolkendecke dämpfte die verräterische Helle des Schnees gerade ausreichend. Dennoch taxierten beide die stillen Häuser und Straßenzüge noch einmal mehr als gründlich, ehe Yann sich hinter der Hexe auf ihren Stab schwang und ihr fest die Arme um die Leibesmitte legte, das bewusstlose Kind zwischen ihren Rücken und seiner Brust geborgen. Das Fenster im Obergeschoß des Flickschneiderhauses hatte er angelehnt, doch als sie abhoben wurde es von innen geöffnet. Offenbar hatten Andrego und Reto es ins Innere des Hauses geschafft und waren dem Verbleib ihrer Gefährten auf den Grund gegangen. Mit eingezogenen Köpfen schossen sie durch die schmale Öffnung, setzten sanft auf dem Boden auf.
"Eines der Kinder fehlte als wir hierher gingen", erklang Andregos Stimme im Dunkel. "Ich sehe, der Verbleib ist geklärt."
"Wie sieht es unten aus?" hakte Yann nach, ohne wirklich auf den Gefährten einzugehen.
"Keine Wachen. Die Hintertür war nicht vernagelt", ertönte Reto von der Tür des Raumes. "Ich weiß, es ist grausam was da draußen geschehen ist... Aber wenn das Kind jenes ist, dass Geika als magisch begabt erkannt hat, dann solltet ihr bedenken, dass meine Gruppe von einem Dämonen in Kindergestalt..."
"Wir haben es nicht vergessen!" fiel Perdija ihm nahezu grob ins Wort.
"Ich schlage vor, Reto und ich sehen uns im unteren Stockwerk um", beschwichtigte Andrego. "Ihr schafft das schon... und Perdija wird gewiß mehr als nur ein Auge auf den Jungen werfen."
Der tobrische Widerständler starrte noch einen Moment in Richtung des Bettes auf dem Perdija ihren Schützling ablegte, dann wandte er sich mit einem "wie ihr meint" ab und verließ von Andrego gefolgt den Raum.
Perdija legte das Kind behutsam ab und vergewisserte sich noch einmal, dass die Verbände korrekt saßen, während Yann sich hinter ihr an die systematische Durchstöberung des Raumes begab. Gerade als er offenbar im Schrank fündig wurde- denn er pfiff leise und anerkennend durch die Zähne- spürte die Hexe, dass der Junge erwachte. Er zeigte eine sachte Bewegung des Körpers und ein Zucken der Mimik- dann lag er wieder still- nur seine Augen glitten eine Winzigkeit auf.
"Du kannst die Augen ganz aufmachen", wandte sie sich mit ruhiger, freundlicher Stimme an ihn. "Du bist in Sicherheit."
Yann hob den Blick. In einem mehr als gut verborgenen Geheimfach war er auf einen kleinen Beutel Mondstaub und ein Perlenarmband gestoßen. Noch während er die schmale Gestalt mit neuem Interesse musterte, sprang diese plötzlich auf und eilte auf das Fenster zu. Nur Perdijas Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass sie es schaffte, den Flüchtenden an den Oberarmen zu ergreifen und festzuhalten. "Ruhig!" preßte sie eindringlich hervor, denn die kleine Gestalt wand sich wie verrückt, schaffte es beinahe ihr zu entschlüpfen. "Wir wollen dir helfen!"
"Lass mich los!" erklang es heiser.
"Nicht weglaufen!"
"Phex zum Gruß", ließ sich Yann vernehmen. Das brachte die Gegenwehr schlagartig zum Erliegen.
Der Kopf des Jungen ruckte zu ihm herum, und selbst im Dunkel erkannte Yann das Misstrauen in den Gesichtszügen.
"Lasst mich los!"
"Versprich nicht wegzulaufen!" verlangte Perdija.
"Nein."
"Wie heißt du?" fragte Yann. Für einen langen Moment starrte der Junge ihn an, ehe er erwiderte:
"Wulf."
"Schön, Wulf. Hätten wir dich auf dem Dach verbunden und hierher gebracht wenn wir dir ein Leid wollten?!" erwiderte Yann ruhig und eindringlich. Wieder starrten ihn die Augen misstrauisch an.
"Was wollt ihr von mir?"
"Dir Hilfe anbieten", erklang Perdija leise und ließ ihn los. Sofort trat er von ihr zurück, einige Schritte auf das Fenster zu... Aber er rannte nicht erneut fort. Misstrauisch taxierte sein Blick die beiden Erwachsenen.
"Ihr seid nicht von hier. Niemand hilft hier", stellte er fest. "Also, wer seid ihr?!"
"Mein Name ist Latu", stellte Yann sich vor. "Und das ist Geika. Ich war am gestrigen Abend schon einmal hier... Bei deiner Mutter." Es war ein Schuß ins Blaue, mehr getragen von einer Eingebung die Yann nicht mehr los ließ, seitdem er das Perlenarmband im Schrank gefunden hatte. Er hatte von einer Gestalt geträumt mit der er Karten spielte. Ein Handgelenk war von zwei Perlenarmbändern umschlossen gewesen... Blaue Perlen, durchzogen von kleinen, glitzernden Punkten, so als seien Sterne oder winzige Diamanten im Stein eingeschlossen. Seine Intuition sagte ihm, dass bei Licht besehen dieses Armband so aussehen würde... Und es war so schmal, dass es nur um das Handgelenk eines Kindes gehören konnte. Dann noch jener Traum, in dem ihm die Geweihte erschienen war... Nein, diese Begegnung war kein Zufall. Die Miene des Kindes zuckte kurz- verräterisch genug. Volltreffer.
"Was wollt ihr?" wiederholte er erneut.
"Wer von euch war der Verräter?" fragte Perdija, sah dabei das Kind eindringlich an. Es war ihr ein Leichtes, in die Gedankengänge des Kindes Einsicht zu nehmen, auch wenn sie erstaunt war von dem Widerstand, den der junge Geist ihr unbewusst entgegen setzte. Dennoch schien Wulf nichts zu bemerken. Sie spürte die Angst und das Misstrauen des Kindes... Aber auch Verwirrung und Erschrecken. Welcher Verräter?' fragte es sich. Trau ihnen nicht. Trau niemandem. Niemand spricht hier den Namen der Götter. Eine Falle. Trau nicht, sagt nichts, flieh sobald du kannst.' Diese konkreten Gedanken und noch einige unscharfe Sinneseindrücke hagelten auf Perdijas forschenden Geist ein, ehe der kurze Einblick in die Gedankenwelt des Kindes abriß. Genug um ihr zu zeigen, dass es ahnungslos war- und genug für sie um zu enthüllen, dass sie keinen Jungen vor sich hatte. Zu oft hatte sie das in all den Jahren gemacht um zu durchschauen, dass dies die Gedankenwelt eines Mädchens war.
"Weiß ich nicht", erwiderte sie schmale Gestalt ablehnend.
"Weißt du, wohin man deine Mutter gebracht hat?" erkundigte sich Yann. Er erhielt keine Antwort, lediglich der Blick der Augen des Kindes legte sich wieder unerbittlich auf ihn. Fleisch gewordenes Misstrauen. "Wir haben deine Mutter aufgesucht, weil wir ihre Hilfe brauchten... dabei aus der Stadt zu kommen. Wir haben gehört, dass sie das ermöglichen konnte..."
Wieder keine Antwort. Ein kluges Kind... es wurde interessanter mit jedem Moment.
"Es ist schlau, dass du schweigst", fuhr Yann freundlich fort.
"Was wollt ihr?" fragte Wulf nun zum wiederholten Male.
"Wir können dir helfen", bot Perdija an. "Wir können dich mitnehmen."
"Wohin?"
"Fort von hier... fort aus der Stadt... fort aus diesem Land. Falls wir einen Weg finden."
Die ruhelos wandernden jungen Augen wurden plötzlich des Armbandes gewahr, das Yann noch immer hielt.
"Gib das sofort her, das ist meins..."
"Was gibst du mir dafür?" hakte er mit einem deutlichen Schmunzeln nach.
"Keinen Tritt in den Hintern!" fauchte die kleine Gestalt. Das Schmunzeln in Yanns Gesicht verbreiterte sich noch ein wenig.
"Das ist kein akzeptabler Preis."
"Möchtest du nicht fort von hier?" erkundigte sich Perdija. Die Miene des Kindes zitterte für einen Moment deutlich, dann hatte es sich wieder in der Gewalt.
"Na also", entgegnete Yann ruhig. "Wir müssen nur einen Weg finden. Weißt du, ob Deine Mutter eine Karte hatte? Oder ob es Geheimgänge gibt?"
Wieder starrte es ihn eine Weile an, so als versuche es die ganze Situation abzuschätzen.
"Ich kenne den Weg aus der Stadt", erklang es dann widerwillig. Eine Braue des Phexgeweihten hob sich, und mit einem Zwinkern warf er dem Kind das geforderte Armband zu. Geschickt fing Wulf es auf und streifte es über. Dabei fiel das zweite Armband auf. Die zweite Braue Yanns zog sich ebenfalls in die Höhe.
"Ich kenne diese Armbänder." Wieder prallte Wulf einige Schritte zurück.
"Woher?" erklang es sofort misstrauisch.
"Ich habe von ihnen geträumt", warf der Phexgeweihte ein.
"Ja, sicher!" schnaubte das Kind. Es glaubte ihm kein Wort. Auch das war klug- überlebenswichtig in einer Gegend wie dieser. Yann erwiderte nichts. Für gewisse Dinge war es noch viel zu früh.
"Ich hoffe, du kannst uns weit genug vertrauen um mit uns zu kommen", erwiderte er ruhig. "Wir nehmen dich mit, wenn wir Warunk verlassen."
Nur ein Schulterzucken war die Antwort, und so nickte Yann Perdija zu.
"Komm, wir sollten nach unten und nach unseren Gefährten sehen."
Falls diese Aussage Wulfs Misstrauen noch weiter schürte, so wurde dies nicht offensichtlich. Beide wandten sich der Tür zu... und nach einem Zögern von einigen endlos langen Herzschlägen folgte Wulf ihnen. Perdija nickte innerlich. Natürlich war für ein Kind alles besser erträglich so lange es nicht allein war. Unmerklich nickte sie Yann zu, der ein Zwinkern zurück gab.

Als sie bei Andrego und Reto anlangten, hatten die einen offensichtlichen Kellerraum aufgetan. Beide sahen auf, als sie das Kind auf den Beinen erblickten.
"Das ist Wulf", stellte Perdija vor. "Er kommt mit uns mit." Retos Stirn legte sich in tiefe Falten.
"Ihr wollt ein Kind mitnehmen?"
"Das bedingt sich quasi von selbst", warf Yann ein, während er durch die versteckte Kellerluke nach unten spähte. "Wulf kennt den Weg auf dem Idra die Flüchtlinge aus der Stadt geschleust hat." Reto wandte sich dem Kind zu, trat näher.
"Auf welchem Weg?"
Wulf hob den Blick und musterte den neuen Mann. Seine Züge waren hart und vom Wetter gegerbt.
"Das sage ich nicht", erwiderte sie mit fester Stimme. Dasselbe Misstrauen das sie gegenüber den Fremden spürte, zeigte sich nun im Gesicht Retos.
"Ach... warum nicht?"
"Dann habt ihr keinen Grund mehr, mich mitzunehmen."
"Wir nehmen dich mit", wiederholte Perdija eindringlich.
"Ich glaube dir kein Wort", entgegnete Wulf, sah der Frau dabei in die Augen. Bedauern breitete sich in Perdija aus. Sie hatte in Tranysilien Kinder gesehen... Und sie hatten nach bereits zwei Tagen in der Warunkei so viel erlebt, dass es an ihrem Herzen riss. Aber diese Härte, dieses vollkommen offene Misstrauen seitens eines Kindes... bar jeglicher Illusionen... bar jeglichen Glaubens an das Gute im Gegenüber...
"Muss man Schwimmen? Oder geht es durch einen Geheimgang hier im Haus?" hakte Reto weiter nach. Wulfs Miene zeigte beinahe so etwas wie Spott, als sie die Arme vor der Brust verschränkte und zu dem Mann aufsah. Der wandte sich an die übrigen Erwachsenen.
"Ihr wollt ein Kind mitnehmen. Wie stellt ihr euch das vor? Man wird ihn suchen. Warum geht ihr nicht gleich zur Wache und liefert euch aus?"
"Wir müssen ihn natürlich verstecken, bis wir unseren Auftrag erledigt haben."
"Und wo?"
"Am besten unten im Keller des Hauses..." Wulfs Blick glitt zwischen der Frau und dem tobrischen Mann hin und her, jedes Wort verfolgend.

Yann ließ sich unterdessen die kleine Laterne von Andrego reichen und stieg über die Leiter in den Kellerraum hinunter. Erst als er am Boden anlangte entzündete er das kleine Licht. Ein kleiner Raum, an dem das bemerkenswerteste eine angezogene Strohpuppe in der Mitte des Raumes war. Ein Schmunzeln spiegelte sich in seinen Mundwinkeln wieder. Als er nachsah fand er tatsächlich viele kleine Glöckchen an allen möglichen Stellen angebracht. Eine Übungspuppe für die Diebesausbildung. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und schob seine Hand in die Innenseite des Mantels. Viele kleine Glöckchen- und natürlich gab nicht eines von ihnen einen Ton von sich. Fast meinte er ein amüsiertes Lachen im Hintergrund seiner Gedanken zu vernehmen, zog seelenruhig seine Hand zurück und sah sich rasch im Rest des Raumes um. Eine Truhe enthielt verschiedenste Verkleidungen für alle Gelegenheiten. Vom Wappenrock der Drachengardisten über einfache Bauernkleidung bis zur Robe eines Nekromanten. Eine schmale Schatulle in der gegenüberliegenden Raumecke beinhaltete einige Münzen und schlichte Schmuckstücke. Edles Metall aber wenig auffallend gearbeitet.
Er wandte sich ab und erklomm wieder die Leiter nach oben. Perdija erklärte Wulf gerade, dass es für ihn das Beste sein würde, sich hier im Haus zu verbergen.
"Wir besorgen dir Essen und du versteckst dich. Hier wird man dich nicht vermuten. Und wir holen dich, wenn wir unseren Auftrag erledigt haben."
"Ihr kommt ohnehin nicht wieder", unterstellte Wulf desillusioniert.
"Doch, das werden wir!" widersprach die Hexe leise aber bestimmt.
"Ich will nicht in diesem Haus bleiben..."
"Aber im Gasthaus fällst du zu sehr auf... Wir sind nicht weit fort..."
Kaum merklich zuckte die kleine Gestalt die Schultern.
"Hab ich denn eine Wahl...?"
"Versteck dich im Keller. Wir bringen dir Sachen..."
"Wo sind deine Eltern?" erkundigte Andrego sich behutsam. "Sind sie tot?"
"Ich weiß nicht." Die Miene des Kindes zeigte plötzlich Verzagtheit. "Ihr sagt, dass ihr mir helfen wollt, aber trotzdem muss ich hier bleiben... und ihr geht weg. Ihr kommt ja doch nicht wieder..."
Perdija hielt inne, musterte die Miene genauer. Das Kind sah sie lange an, ehe es den Blick senkte.
"Du weißt doch, was heute nacht passiert", flüsterte es leise. Yann fühlte plötzlich, wie Eiseskälte nach seinem Herz griff. Natürlich... sie hatten es gehört. Heute nacht... erwartete Idra ihr Urteil'...
"Wir holen nur ein paar Sachen... ich bleibe mit dir hier", erwiderte die Hexe in einem Tonfall, der bei ihren Gefährten klar werden ließ, dass sie um dieses Thema keine Diskussion zulassen würde. Yann nickte.
"Ich bleibe ebenfalls." Wulf musterte beide noch einen Moment, und wandte sich dann abrupt ab, stieg ebenfalls in den Keller hinab. Reto sah dem Kind nach, während Yann mit einem Nicken zu Perdija nach oben verschwand- um die notwendigsten Sachen zu holen.
"Wie stellt ihr euch das vor?" fragte Reto reserviert. Auch Andregos Stirn war zerfurcht. Mitgefühl für die junge Seele rang mit der Verantwortung des Auftrages zum Wohl des Mittelreiches.
"Das ist gefährlich." Perdija musterte den Liebfelder.
"Du hast doch auch Kinder... Die Kleine ist ganz allein. Ihre Mutter steht heute nacht vor Rhazzazor- und wenn die Aussagen zutreffen, werden wir es alle mitbekommen. Nenn mich leichtsinnig, aber ich lasse sie unter keinen Umständen allein in einem dunklen Keller sitzen. Ich bleibe." Ein schmales Lächeln zeigte sich in den Mundwinkeln des Mannes.
"Ich weiß, Geika. Ich bin nicht herzlos. Aber gebt gut auf euch acht... haltet Wache... Ich will, dass wir alle sicher in die Heimat zurückkehren..." Perdija rief sich innerlich zur Ruhe und erwiderte den Blick Andregos deutlich weniger aufgebracht. Kurz berührte sie ihn am Arm, eine Geste der Verzeihung und des Dankes zugleich. Noch ein flüchtiges Lächeln, dann wandte auch sie sich dem Keller zu. Andrego blickte ihr nach, und schlug das Symbol Nandus' in die Dunkelheit.
"Mögen die Himmlischen über uns wachen", murmelte er leise, ehe er Reto zunickte und sich mit dem tobrischen Widerständler in Richtung des Hinterausganges aufmachte.

Perdija blickte kurz auf Yann und Wulf herab, die sich auf den provisorisch eingerichteten Schlaflagern niederließen, jeder eine dicke Scheibe Brot und ein Stück Hartkäse in der Hand. Nicht das üppigste Mahl... Aber es würde den Bauch füllen. Und das Kind aß mit einem Appetit, als habe es das zarteste Reh vor sich. Heranwachsende... immer hungrig. Wehmütig dachte Perdija an ihre Kinder als sie die Falltür hinter sich schloß und ihre Wache antrat. Still... im Dunkel des Hauses. Nicht wirklich müde, aber dennoch erschöpft- besonders seelisch. Wie musste es erst dem kleinen Mädchen gehen, das in dieser grausamen Gegend aufgewachsen war- und das nun ohne irgend jemanden dastand, dem es vertraute? Nur wie sollten sie jemals das Vertrauen eines Menschen gewinnen, der vor allem eines gelernt hatte: Dass man nichts und niemandem trauen durfte? Plötzlich schien sich über das Bild der leeren Straße vor dem Fenster des Flickschneiderhauses ein zweites zu schieben.
Eisige Kälte schüttelt Perdija. Der Boden unter ihren Füßen hatte die Farbe von Gold. Vor ihr stand, von Schergen in dunklen Roben gehalten eine nackte, geschundene Frau. Schwarzrötlichgelocktes Haar wehte in unfühlbarem Wind.
"Schuldig der Götzenbuhlerei", dröhnt eine Stimme im Kopf der Hexe, so dumpf, so fremd und so verdorben, dass es körperlichen Schmerz verursachte. Ein Pochen, das ihren Schädel zu sprengen drohte, sollte es zu lange anhalten, dessen war sie gewiß. Ihre Zähne schmerzten, und sie fühlte wie ihre Nase zu bluten begann.
Mühsam hob die Frau den Kopf. Sie littt Schmerzen, ihr Gesicht zeigte eine Maske der Furcht. Aber ihre Augen waren klar.
"Was du Götzen nennst, wird eines Tages über dich siegen. Du magst mich töten, aber andere werden nach mir kommen. Deine Zeit kommt!"
Bei ihren Worten schwelte nagender Zorn im Innern der Träumenden auf- so alt wie die Welt erschien er. Haß auf alles Lebende- da IHM selbst Leben verwehrt war. Haß auf alles, was noch eigene Lebenskraft in sich trägt. Mochte die Stimme der Frau brüchig sein, wie konnte sie es wagen zu trotzen? Der Blick des unheiligen Wesens durch das Perdija die Bilder sah, ging auf sie hinab, und erneut ertönte diese grauenvolle Stimme, nichts verratend von Zorn.
"Du wirst sehen, dass das nicht der Fall ist. Du wirst dabeisein wenn wir triumphieren und dein Kaiserreich zertreten am Boden liegt."
"Rhazzazor!" rief die Frau aus- in einem letzten Anflug von Stärke, und Mondlicht schien um sie zu spielen und ihre geschundene Gestalt schön zu zeichnen. "Apostata Deorum, Damnatus sit ab originem in eterniam!" (Verräter an den Göttern, sei verdammt vom Ursprung bis zum Ende aller Zeiten!)
Dann... Perdijas Verstand weigerte sich, alle Details aufzunehmen. Irgendwann als man ihr die Nägel ausriß und begann ihr bei lebendigem Leibe das Fleisch vom Körper zu ziehen, schien sich roter Nebel über ihren Blick zu legen. Tiefe Genugtuung, beinahe so etwas wie Lust erfüllte das Innere der Hexe. Triumph. Ein Feind war geschlagen, ein lächerlicher Wurm zertreten. Ein schwarzer Vogel mit rotem Schnabel glitt heran. Einem Nebelschleier gleich streifte er die geschundene Priesterin, die in sich zusammen sackte. Nirraven... der höchste Diener Targurnitoths... Nirraven der Seelenräuber... Die Frau schrie und schrie, zuletzt wimmerte sie nur noch... Aber Perdija wusste nicht, hatte sie ihr Leben längst ausgehaucht, oder klammerte sie sich noch daran? Und dann... nagende Übelkeit durchfuhr die Hexe als die Vision sie entlieļß. Markerschütternde Schreie drangen aus der Stadt- und aus dem Keller. Perdija fuhr auf dem Absatz herum und stürzte auf die Falltür zu.

Eine dünne Schicht Schnee bedeckte tote Felder wie mit einem Leichentuch. Es war dasselbe Bild, das sich Yann bei Tag geboten hatte als er durch die Landschaft Warunks gestreift war. Von seinen Gefährten jedoch- keine Spur. Vor sich gewahrte er eine Frau. Schlank, mit freundlichen, ebenmäßigen Gesichtszügen. Eine schöne Frau, aber eine die in der großen Masse erst auf den zweiten oder dritten Blick aufgefallen wäre... Erst der Blick in ihre Augen verriet ihre wirkliche Schönheit und bannte ihn für einen geschlagenen Moment. So ein warmer, humorvoller Blick. Ein klein wenig herausfordernd vielleicht, ein wenig mockierend... aber über allem dennoch wohlwollend.
Sie war in ein eigenartiges Kleid gehüllt: In Silber hoben sich auf dunklem Tuch kleine Sterne ab... in unterschiedlichem Abstand aufgestickt, fast als wolle das Kleid den Sternenhimmel nachahmen. Je länger er hinsah, desto mehr schienen die Sterne zu schimmern. Dann fiel ihm das Glücksamulett auf, das an einer Kette an ihrem Hals hing. Es wirkte wie eines von jenen, die man zu hunderten in einem Phextempel erwerben konnte... nur dass dieses hier aus reinem Silber war. Ihr Blick ruhte auf Yann während er sie musterte, und sie schmunzelte amüsiert, strich über ein kleines Bündel in ihrem Arm.
Und dann... griff Kälte nach Yanns Herzen. Abrupt fuhr die Frau vor ihm zusammen und tiefe Angst war alles was ihr Blick und ihre Haltung noch ausdrückten. Beiläufig setzte sie das Bündel zu Boden und trat ein paar Schritte von ihm fort. Boronbleich schimmerte ihre Haut und Blut stürzte ihr aus der Nase, ehe sie sich plötzlich zusammen krümmte, während ihre Haut sich von ihrem Körper zu schälen begann.
Abrupt gewahrten Yanns Ohre auch Schreie, die in seinen Ohren gellten- die Agonie eines Menschen der zu Tode gemartert wird.
Untätig zum Zusehen verbannt sah er ihre Qualen und spürte aus weiter Ferne die Genugtuung eines Wesens das so fremd und so verdorben war, dass sich ihm der Magen umdrehte. Und dieses Wesen- triumphiert über den geschlagenen Feind...
Dann schien ein Windstoß den Geweihten des Phex zu streifen und die Schmerzensschreie blieben hinter ihm zurück während sein Blick auf das kleine Bündel fiel. Es bewegte sich. Ein kleines Wesen kämpfte sich mühsam daraus hervor, tat ein paar Schritte- ein vor Kälte am ganzen Körper zitterndes Fuchsjunges. Reflexartig trat er auf es zu um es aufzuheben, damit es nicht erfrieren musste- so mutterseelenallein... Und dann riss ihn ein qualvolles Schreien in die Gegenwart zurück. Im Licht der Kerzen, die den Keller erleuchteten, sah er Wulf auf ihrem Schlaflager. Die Augen des Kindes waren so weit aufgerissen, das sie hervortraten, und Blut rann aus seiner Nase. Es schrie, wie seine Mutter geschrien hatte. Ohne sich um das Blut zu scheren, das aus seiner eigenen Nase rann, oder um die Schmerzen seines Körpers kostete es Yann nur das Ausstrecken eines Armes um das Kind am Kragen zu packen und an sich zu ziehen. Unnachgiebig, denn Wulf wehrte sich instinktiv. Mit sanfter, unnachgiebiger Gewalt barg Yann das Kind in seinen Armen und hielt es einfach fest, die Schreie der kleinen Kreatur mit seinem Körper dämpfend. Er gewahrte Perdija nur nebenbei und reagierte nicht auf ihre Anwesenheit. Er hielt Wulf einfach nur fest, auch als sie nach ihm schlug und ihm in den Arm biß.
Es dauerte jedoch nicht lange, ehe der schmächtige Körper in seinen Armen still wurde. Mit derselben Ruhe mit der er nach seinem Erwachen das Mädchen ergriffen hatte, hielt er den verkrampften kleinen Körper weiter an sich geborgen. Perdija kam zu ihnen, setzte sich wortlos und streichelte über das verzauste Haar des Kindes, zärtlich und behutsam. Erst nach einer Weile ließ die verspannte Haltung nach, die kleinen Hände verkrampften sich in Yanns Kleidung und hilfloses, wildes Schluchzen durchbrach die Stille. Unmerklich schaukelte er es ein wenig, während der Schmerz des Kindes seinen eigenen körperlichen Schmerz widerspiegelte und ebenso jene Verzweiflung, die ihn erfüllte. Konnte man überhaupt irgendwie hoffen, dass die Seele der Geweihten gerettet worden war? Im letzten Moment? Wäre Rhazzazor dann so überaus zufrieden gewesen? Wusste das Kind genug von göttlicher Lehre um das bereits zu realisieren? Sein Blick suchte den Perdijas und spiegelte eine nicht unerhebliche Trauer... hilflosen Zorn... und das bittere, kalte Verlangen nach Rache. Die Hexe nickte wortlos. Sie empfand ähnlich. Aber dann glitt Yanns Blick zu dem Mädchen zurück, das er noch immer festhielt. Ein Leben verloren... eine Seele verloren. Aber die Chance, eine zu gewinnen. Es war noch nicht zu ermessen, welchen Schaden die Seele des Kindes bereits genommen hatte, allein durch die Gegend in der es aufgewachsen war... Aber so es eine Chance gab- wer sonst eignete sich besser dafür, eine Seele klammheimlich seinen Schätzen hinzu zu fügen als Phex? Und die Anlagen waren vorhanden... gewiß sogar geschult, wenn man die ganze Art des Kindes betrachtete- und das Leben das die Mutter geführt hatte.

Liskaju fühlte sich, als würde ihr niemals wieder warm werden. Die Bilder dessen was mit ihrer Mutter geschehen war, tanzten vor ihren Augen. Ihre Arme und Beine schmerzten. Aber mehr als alles andere wusste sie, dass sie jetzt völlig allein war. Die Geschichten ihrer Mutter über die Götter hatten immer so schön geklungen... aber sie waren so unwirklich. So wenig glaubhaft. Wenn es Phex wirklich gab... warum hatte er seiner Dienerin dann nicht geholfen? Wenn es die anderen Götter gab... warum ließen sie zu, dass es einen Teil auf ihrer Geliebten Schöpfung gab, der so war wie Warunk? Liskaju wusste, als sie noch ein Kind war hatte die Welt hier anders ausgesehen. Und sie konnte sich noch an die Zeit vor Borbarad... vor Rhazzazor erinnern.
Die Welt war ein kalter, grausamer Ort... und nur derjenige der unauffällig und vor allem geschickt war... der lebte lange genug... ja, lange genug für was eigentlich? Ihre Mutter war immer da gewesen... und nun?
Sie hasste die Wärme, die Yanns unumstößliche Gegenwart in sie zwang. Er war stärker als sie... und so lange er es wollte, würde sie diesen Griff nicht sprengen können- nicht ohne dass sie dazu das kleine, in ihrer Kleidung verborgene Messer ziehen und ihm in den Leib rammen musste. Und dazu hatte er ihr bislang keinen Anlaļæ½gegeben. Und so sehr sie es hasste, dass er sie so fest hielt... so sehr liebte sie es.
Die Bilder und Schreie ihrer Mutter... erfüllten ihren Kopf mit einem Sirren und Pochen, das schlimmer war als körperlicher Schmerz. Wann hatte sie das letzte Mal geweint? Sie konnte sich nicht erinnern. Auf der anderen Seite... wann hatte sie zuletzt gelacht? Oder hatte sie überhaupt schon gelacht? Wie hatte ihre Mutter immer gesagt: 'Kind, mir scheint in deinem hübschen Gesicht ist der größte Schatz dein Lachen... darum hat Phex es gestohlen. Sieh nur zu, dass du es dir bald zurück holst...'
Liskajus Schluchzer steigerten sich noch. Alles gelogen... Von wegen 'Die Götter schützen uns... Aber wir müssen auch unseren Teil dazu beitragen'.
Sie hasste es, dass dieser Fremde Latu sie wog als sei sie ein kleines Baby... dass die Hände Geikas ihre Haare und ihren Rücken streichelten und so warm waren. Sie hasste das Gefühl, das sie in ihr auslösten. Diese Sehnsucht. Diese Schwäche. Dieses Gefühl, dass Perdijas Hände und die Wärme von Yanns schlichter Gegenwart die letzte Konstante einer zerbrechenden Welt darstellten. Dass alles vorbei sein würde, wenn sie sie losließen... Sie durfte ihnen nicht trauen, sie durfte nicht schwach sein. Natürlich würden sie verschwinden... sobald sie ihnen den Weg aus der Stadt verraten hatte... sobald sie feststellten, dass ein Kind nicht so weit laufen konnte wie ein Erwachsener... nicht so gut Hunger ertrug... Sie durfte ihnen nicht vertrauen. Niemals. Nicht einen Herzschlag lang. Sie durfte die Wärme der beiden nicht in ihr Herz lassen... sonst würden sie ihr dort etwas stehlen, das sie niemals wieder erlangen würde. Liskaju wusste nicht was... Aber sie ahnte, dass sie es zum Überleben brauchte. Sie war gefährlich geschwächt. Ihre Wunden waren nur unzulänglich geheilt und schmerzten unter den Verbänden. Sie hatte nicht viel geschlafen und was immer die beiden vor hatten- oder bereits taten... Es war gefährlich für sie. Längst hatte sie nicht mehr die Kraft oder auch nur den Willen aufzubegehren. Ohne dass sie es wollte, sank ihr Kopf gegen Yanns Brust und das Weinen ließ nach. Nichts war gut... Aber der wahnsinnige Schmerz und das Gefühl dass ihr Kopf so voll war dass er platzen musste, machten einer nahezu angenehmen Leere Platz. Plötzlich beugte Perdija sich ein Stück vor und tippte Liskaju sanft gegen die Stirn.
"Was du jetzt am dringendsten brauchst... ist Schlaf."
Tief in Liskajus Innerem schrie eine Stimme warnend auf. Nicht schlafen... nicht zurückkehren in das Reich der Alpträume. Der Schlaf war ein Feind... Aber Geikas Vorschlag war unüberwindbar. Liskaju ahnte, dass die Frau sie soeben mit etwas betrogen hatte. Daher die geheilten Wunden... die Frau war eine Zauberin... oder etwas in dieser Art. Sie war nicht wachsam genug gewesen... Und nun ereilte die Strafe sie. In Liskajus Innerem verschloß sich etwas gegen die Wärme, die begonnen hatte sich in ihr auszubreiten. Nein, sie würde ihnen nicht trauen. Niemals. Sie würde so tun. Sie würde nicht diejenige sein, die benutzt wurde... sie würde den Spieß umdrehen. Sollten sie glauben ein Kind vor sich zu haben... Und zu spät begreifen, dass sie lange schon kein Kind mehr war. Am Ende... würde sie ihnen ein Schnippchen schlagen. Sie ließ zu, dass Yann sie wieder ablegte und dass Geika eine Decke über sie breitete. Schlafen... Ja das brauchte sie jetzt wirklich. Ihr Körper. Sie musste schlafen- Geika wollte es so und sie konnte sich nicht widersetzen. Es war auch nicht unvernünftig was sie vorschlug. Ja, vielleicht war eine kleine Atempause wirklich gut. Dann erlag sie wenigstens nicht den trügerischen Lügen dieser zwei Verschwörer...
Im letzten Moment bevor der Schlaf ihr die Besinnung raubte, spürte sie, wie eine Hand ihr über die Wange strich. Behutsam. Liebevoll. Ihre Mutter bestimmt...
Eine leise Stimme flüsterte:
"Kleines Füchschen... alles wird gut..."
Und mit diesem Gedanken... schlief sie ein.

Perdija lächelte, als Yann dem schlafenden Mädchen über die Wange streichelte und ihr etwas zuflüsterte. Sie ahnte, dass das Band zwischen Meister und Lehrling längst gewoben war... irgendwann innerhalb der letzten Stunden... oder bereits zuvor? Von Träumen hatte Yann gesprochen... Perdija dachte erneut kurz wehmütig an ihre eigenen Kinder... und an den teuren Vertrauten Flappi, der ihr beinahe ebenso schmerzlich fehlte wie ihre Familie. Familie...
Ihr Blick kreuzte sich erneut mit dem Yanns.
"Egal wie... Wir werden sie hier raus bringen", stellte er ruhig fest- und sprach keinen Wunsch aus... sondern beinahe etwas wie einen Befehl. Perdija nickte.
"Das werden wir, mein Freund."
"Bei Phex..."

Von Ragnhild Nitz

Querverweis zum Weiterlesen:
Andregos Sicht auf die Erlebnisse in den Schwarzen Landen, vor dem Aufbruch und nach der Rückkehr: Bis wir uns wiedersehen (Führt in den Bereich "Geschichten über Andrego")

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