AoE UG Intermezzos Von Fuchs und Greif
Nordlichter Drachenaugen
Auf der Suche nach neuen Erfahrungen verließ Esybilla bald nach ihrer Weihe das heimatliche Liebliche Feld, um sich gen Norden zu wenden. Bei Donnerbach, im Nebelmoor - und in Schwierigkeiten - begegnete sie dem Jäger Lieto, der sich anbot, ihr bei ihrer Reise durch die nördlichen Gefilde behilflich zu sein. Und so findet sich Esybilla nun in Bjaldorn wieder, inmitten des finsteren Nornja, wo schicksalhafte Begegnungen stattfinden. Von hier an berichtet das getreulich über all das, was die Gezeichneten zu den Legenden werden ließen, die sie heute noch sind.

Nordlichter

In dem sich eine seltsame Gemeinschaft findet und ein nicht ganz unbedeutender Stein seine Schatten wirft

2. Hesinde 22 Hal

Drei Wochen ist es jetzt her, seit Lieto mich aus dem Nebelmoor gezogen hat und es scheint, als wäre das Wetter seitdem konstant schlechter geworden. Es ist kalt, sehr viel kälter als ich es bisher auf irgend einer Reise erlebt habe, und es ist eine Kälte, die in die Glieder kriecht trotz des warmen, wollenen Umhanges, den ich mir auf sein Anraten hin in Donnerbach gekauft habe. Meiner braven Stute scheint das Wetter weniger auszumachen als mir, doch um nicht unhöflich zu erscheinen versuche auch ich mein Unbehagen zu verbergen. Trotzdem glaube ich, daß ich mich im gestrengen Lande des Firun wohl niemals recht wohlfühlen werde, und dies liegt nicht daran, daß mir doch in manchem das fehlt, was ich von meiner Heimat gewohnt bin, die Annehmlichkeiten der Zivilisation, und noch mehr, so viel mehr die geistreichen Gespräche. Es ist nicht das erste Mal, dass ich unter primitiven Umständen lebe, man kann den Maraskaner Dschungel oder das Hochland des Regenwaldes wohl nur schwerlich als Zivilisation bezeichnen, doch spüre ich hier neben all dem auch eine seltsame dumpfe Stille, als haben in der Kälte die Menschen auch das Denken verlernt.

Je nun, der Meister mag mich an seltsame Orte fühlen, doch ist es sicherlich auch sein Wille, daß ich ihnen offen und mit Freundlichkeit begegne, denn wer weiß welche Perlen sich unter einer rauhen Oberfläche doch finden möchten. Ich sollte wissen, dass nur das wenigste offen liegt, und vielleicht ist es mit dem Norden tatsächlich wie mit dem Schnee... unter der alles bedeckenden Kühle mögen sich wahre Schätze finden lassen.

Schnee...

Ich kann ein Frösteln nicht unterdrücken wenn ich daran denke. Schnee im Lieblichen Feld ist nicht häufig, nur selten, sehr selten finden sich am Abend einmal einige Flocken. Als Kind habe ich dies stets bedauert, nicht wissend, daß mir das kalte Weiß einmal so zusetzen würde wie es jetzt tut.

Heute sind wir in Bjaldorn angekommen, eine Stadt, von der man mir sagt, es sei die heilige Stadt des Firum. Lieto, der dem gestrengen Herrn des Nordens sehr viel Respekt zollt - eine Tatsache die ich verstehen kann, bedenkt man, daß dieses rauhe, karge Land seine Heimat ist, brachte mich zum Tempel um dort zu beten, und auch ich sandte eine Bitte an den Herrn des Frostes, um meinen Weg weniger beschwerlich zu machen und mir Stärke gegen den nördlichen Winter zu verleihen. Sein gestrenges Gemüt behagt mir nicht besonders, doch ich durchwandere sein Reich, und somit mag er von mir auch den rechten Respekt fordern. Der Tempel an sich war überwältigend ( hier folgt eine recht detailierte Beschreibung des Firuntempels zu Bjaldorn). Dennoch kann ich nicht verhehlen, daß ich froh war, in die Wärme der Gaststätte einzutreten, und jetzt, da ich diese Worte schreibe, fällt mir schwer zu glauben, daß dies erst vor einigen Stunden war, denn mehrere Menschen kreuzten unseren Weg, und so wie es aussieht, wird sich unser Pfad zunächst auch nicht trennen...

Lieto und ich hatten uns gerade an einem Tisch eingerichtet, als eine für diese Gefilde doch recht merkwürdige Gestalt dieselbe Schenke betrat. Gewiß, man sollte glauben, daß in diesem harten, kalten Land die Schwingen Golgaris nur zu oft zu hören sind und man hier dem Herrn des Todes größten Respekt zollt, doch ist es der Süden, sind es Punin und Al'Anfa, die verfluchte schwarze Stadt, die den Kult des Totenherren pflegen, und ein Anhänger des solchen war der Fremde, der die Schenke betrat. In Ermangelung eines freien Tisches ließ er sich bei Lieto und mir nieder, und nach einigen Fragen, die zu meiner großen Erleichterung ans Tageslicht brachten, daß er sich Punin und nicht dem Süden zugehörig fühlt, nahm der Abend einen ruhigen, angenehmen Verlauf. Er war auf dem Weg in den Norden, ebenso wie wir, die wir versuchen, im beginnenden Winter nach Paavi zu gelangen, und Gerüchte über Räuberbanden im Norden ließen uns glauben, daß es besser sei, diesen Weg gemeinsam fortzusetzen. Nun, mir soll es recht sein.

Teilt er auch die Schweigsamkeit seines Ordens, so ist Goran ein interessanter Gefährte, und der Rabenschnabel an seiner Seite beweist mir nur zu deutlich, daß er auch in einer Kampfessituation durchaus von Nutzen sein könnte - mehr als ich zumindest, obwohl das nicht viel heißen mag. Eine Weile lang verlief unser Gespräch in gemütlichen Bahnen - wobei ich gerne zugeben will, daß ich den Löwenanteil davon bestritt, denn natürlich ist auch Goran, ebenso wie Lieto, kein Freund von vielen Worten, doch als sich die Tür ein weiteres Mal öffnete, um zwei weitere Besucher durchzulassen, änderte sich der Ton unseres Gespräches. Zunächst schienen es nur zwei Reisende zu sein, der eine recht ärmlich gekleidet, begleitet von einem großen Hund, der andere an der Grenze dazu, was ich als Verwahrlosung bezeichnen würde - und ich würde es nur deshalb als diesseits der Grenze bezeichnen, weil ich nicht erst seit gestern diese nördlichen Gefilde bereise. Nun, um es kurz zu machen - denn es klingt, als habe Goran beinahe sein Abendgebet beendet und ich will die anderen Schlafenden nicht mit dem Licht meiner �lampe stören - offensichtlich schien der Besitzer des Hundes Goran zu kennen, und gut. Wenn ich sie richtig verstanden habe - denn bisweilen, wenn die Gespräche schnell und leise ablaufen, habe ich noch meine Schwierigkeiten mit dem hiesigen Dialekt, der die Worte sehr viel breiter ineinander zieht als wir im lieblichen Feld, die wir solchen Wert auf akzentuierte Aussprache legen, egal wie schnell unsere Rede auch sein mag - wenn ich sie also richtig verstanden habe, so war der Neuankömmling, dessen Name Iolaos ist, einst mit Gorans Schwester verheiratet, doch es scheint, wenn ich das, was sie nicht sagen, richtig verstehe, daß jene Schwester wohl bereits zu Boron gerufen wurde. Die beiden verließen uns für eine Weile, denn ich verstehe, daß sie einander einiges zu sagen und anzuvertrauen hatten, das für die Ohren zweier Fremder nicht bestimmt war - auch wenn ich zugeben muß, daß mir meine Neugier, die ich als meinen größten Fehler wohl akzeptieren und anerkennen muss, mir den einen oder anderen leichten Stich versetzte. Doch auch Iolaos wird uns begleiten, denn er ist auf der Suche nach Arbeit im Norden, und wie ich bereits sagte, es reist sich leichter zusammen als allein. Vielleicht werde ich durch sie noch etwas mehr Wahrheit in die Vorgänge dessen bringen, was sie hier oben den Orkensturm nennen, etwas, das gleichsam mit Schrecken aber auch - wie ich nicht zweifle - mit einem guten Maß an Ignoranz in meinen eigenen Landen aufgenommen wurde, und ich bin erfahren genug darin, wie sich die Nachrichten im Lieblichen Feld verbreiten, um das Lied zwar anzunehmen, aber nicht davon auszugehen, daß ich mich auf jede Strophe verlassen kann. Es ist stets besser, jene zu fragen, die wahrhaft erlebt haben, denn dort findet sich meist mehr Wahrheit. Was jenen seltsamen Begleiter Iolaos, der ihn doch kaum zu kennen schien, und derselben Volksgruppe wie mein Führer angehört, angeht, so hat auch er sich bereiterklärt, uns zu folgen, aus Gründen, die ich nicht verstehen kann, und bei denen ich die Vermutung habe, daß ich sie wohl auch nicht aus ihm hervorlocken werde. Nun, sei es drum, mag er seine Geheimnisse behalten. Es ist ein schweigsames Völkchen hier im Norden, ich werde mich noch daran gewöhnen müssen. Tatsache ist, daß wir nun zu fünft sind, Iolaos' und Lietos Hunde und den Rabenvogel, der Goran zu folgen scheint, noch nicht mitgerechnet, vier Bewohner des Nordens und mitten darin ich. Bisweilen frage ich mich, was sie von mir halten. Ich glaube sie halten mich für ein verzärteltes Mädchen - nun, sollen sie glauben, was sie wollen, ich werde mich halten, so gut ich kann.

Doch ich fürchte, für heute ist es Zeit zu schließen, denn es scheint, als beginne das Wetter nun doch langsam an meiner Fassung zu nagen, denn ich fühle eine Erkältung kommen. Ich hoffe es wird nicht zu schlimm als daß ich weiterreisen könnte, denn um nichts möchte ich in der Gesellschaft, in der ich mich befinde, und die wohl samt und sonders aus jenen besteht, die sich durch dieses Wetter nicht stören lassen würden, eine Schwäche zeigen.

3. Hesinde 22 Hal

Der Meister der Meister möge mir helfen, was für ein aufregender Tag! Selbst jetzt, da ich diese Worte schreibe, fällt es mir schwer, meine Aufregung zu bezähmen, hat sich doch meine Vermutung als richtig erwiesen, daß dieses Land mehr birgt als nur eine rauhe Schale endloser Wälder unter dichtem Schnee. Der Tag begann verdrießlich, denn immer noch schien eine Erkältung wie drohend über meinem Haupt zu schweben, und als wir schließlich des Mittags in einem kleinen Weiler mit Namen Tanndorf einkehrten, fühlte ich kaum Appetit, die kräftige Suppe zu mir zu nehmen, die die Wirtsleute uns als Mittagsmahl servierten. Erst gegen Abend schien sich mein Zustand wieder zu bessern, als wir einige Schritte abseits des Weges einen Lagerplatz fanden, der Lieto annehmbar schien. Ich habe gelernt, mich in diesen Dingen auf ihn zu verlassen, auch wenn ich ihn bisweilen frage, an welchen Zeichen er einen guten Lagerplatz von einem schlechten unterscheidet, denn noch fehlt mir der Blick für die Details dieser Landschaft. Wer weiß, in welche Situation es Nandus einmal gefallen wird, meinen Verstand zu fordern, und so kann es nur von Nutzen sein, wenn ich so viel als möglich über das Land erfahre, durch das ich reise, denn, auch wenn ich mich wiederhole, so ist doch eine Reise mit geschlossenen Augen als Zeitverschwendung zu werten.

So war ich zumindest in der Lage, grob zu erkennen, daß der Lagerplatz, den er wählte, tatsächlich annehmbar schien, mit den weit ausladenden Tannen, unter deren Zweigen es sich sicherlich auch vor Schneefall geschützt schlafen könnte, denn auch wenn die Felle und �häute meines Nachtlagers einiges an Feuchtigkeit abhalten, so erinnere ich mich doch mit Grausen an unsere erste und bisher einzige Nacht inmitten von fallendem Schnee.

Eine seltsame Sache noch ist auf der Reise hier her passiert... denn ich sprach mit Iolaos, der mich nach der Natur meines Stabes fragte. Ich erklärte ihm freimütig den Sinn und die Herkunft eines Magierstabes, doch schien er damit vertraut, auch wenn er wohl bisher mich nicht als Mitglied des zaubernden Standes erkannt hat. Hat er meine Tätowierung nicht gesehen, frage ich mich. Nun, wie dem auch sei, die Tatsache, daß ich die Gabe habe schien ihn zu beunruhigen, abzustoßen gar. Ich frage mich warum. Nun, es ist wahr, daß es unter uns mehr als nur einen gibt, der die unangenehme Fähigkeit hat, seine Gabe gegen die Menschen zu wenden, doch ist es nicht auch aus diesem Grund, daß es die Contramagica gibt? Er wollte sich dennoch nicht überzeugen lassen von meinen Worten und so ließ ich es gut sein für den Moment. Doch liegt die Mißstimmung zwischen ihm und mir schwer auf unseren Schultern und ich bin nicht glücklich damit, doch es scheint, als müsse ich mich für den Moment damit arrangieren. Lieto und der Fremde, dessen Namen wir immer noch nicht erfahren haben - es scheint als sei er zufrieden in Stille an unserer Seite zu wandern und wiederum frage ich mich, was im Verstand jener Leute wohl vorgehen mag, daß sie so wenig Interesse an einer angenehmen Unterhaltung pflegen. Vielleicht liegt es an der Kälte, daran, dass man bisweilen so sehr frieren mag, daß man fürchtet, durch Reden noch mehr der kostbaren, wenigen Wärme zu verlieren, doch es scheint, als sei ich die einzige, der das Wetter zusetzt. Ich hoffe, man bemerkt es nicht zu deutlich. Doch ich schweife ab, ein weiteres Mal, schließlich scheine ich darin geradezu �ung erhalten zu haben. Lieto und der Fremde also gingen auf die Jagd, bis uns seltsames Metallgeklapper aufhorchen ließ. Man möge glauben, daß ein Soldat in schwerer Rüstung sich durch den Wald bewege, doch fiel es mir schwer, das zu glauben, besonders, da, was auch immer dort draußen war, keine Sehnsucht nach der Wärme der Feuer, die mittlerweile an unserem Lagerplatz brannten, zu verspüren schien. Nichts war zu finden dort, wo die Geräusche herkamen, doch als Lieto schließlich von der Jagd zurückkehrte, stolperte er doch über etwas, das mir zeigte, daß diese Wälder wirklich eine Menge Geheimnisse bieten.

Der Stein war etwa so hoch wie meine Hüfte und über und über mit Schriftzeichen bedeckt, die ich mühsam als das Altzwergische erkannte. Dieser Sprache nicht mächtig konnten mir doch meine Kenntnisse in Rogolan so weit helfen, daß ich einige Worte entziffern konnte.

Hier ruht... Drachenauge... richtige Zeit... Gefahr....

Ich schrieb die gesamte Botschaft ab, um sie zu einem späteren Zeitpunkt analysieren zu können.

(an dieser Stelle befindet sich ein leeres Pergament, das einmal zusammengefaltet, zwischen die Seiten des Tagebuches gelegt ist)

Um mehr über den Stein erfahren zu können, begann ich, ihm mit meinen arkanene Analysemethoden zu Leibe zu rücken, doch ein Odem Arcanum brachte nichts als einen leuchtenden Lichtblitz und das offensichtliche Auslösen eines Schutzmechanismus, das mich für kurze Zeit meiner Sinne beraubte. Ich vermute, daß der Stein gegen Hellsichtmagie im allgemeinen geschützt ist und daß mein Versuch, hinter seine Geheimnisse zu dringen, wohl einen derartigen Schutz ausgelöst hat. Es bleibt zu fragen, ob dieser Mechanismus einmalig funktioniert oder meinen nächsten Versuch auf dieselbe oder gar eine andere Weise unterbinden könnte - und wie man derlei umgehen könnte. Des weiteren stellt sich mir die Frage, warum die Worte auf diesem Stein in altem Zwergisch verfaßt sind, versicherte mir Lieto doch glaubwürdig, das dies hier keinesfalls Zwergengebiet sei. War es das vielleicht einmal und dieses Wissen ist nur im Strudel der Zeit verlorengegangen? Schwäche überfiel mich nach der Attacke durch den unbekannten Schutzmechanismus und meine Gefährten folgten dem Rat des Nivesen, das, was in diesem Wald schlummerte, ungeweckt zu lassen. Der Entschluß macht mich auf eine Art zornig, schließlich mag das Geheimnis, das hier in den Wäldern schläft auch gutes bringen, doch kann ich mich auf der anderen Seite nicht gegen die Befürchtung und das Gefühl wehren, dass wir was immer hier schlief allein durch unsere Anwesenheit bereits aus seinem Schlaf gerissen haben. Vielleicht ist das Geheimnis dieses Steines noch nicht zuende. Lieto versprach mir, morgen vor dem Aufbruch noch einmal zu dem Ort zu gehen, an dem wir eigentlich unser Nachtlager aufschlagen wollten, er liegt etwa eine halbe Wegstunde von hier und sollte so leicht zu erreichen sein. Trotz aller Neugier kann ich den Wunsch der Gefährten verstehen, nicht direkt neben solch einem unbekannten Ding zu nächtigen und respektiere ihn - es muß mir ja nicht gefallen...

(später, eine Eintragung ohne Datum, die Schrift wirkt hastig, fahrig gar)

Der Meister möge mir helfen, was für ein schrecklicher Traum... schon zeit meines Lebens graut mir vor Spinnen. Die Art wie sie sich bewegen, das lautlose voranstellen langer, haariger Beine... allein das schon ist genug, um mir Schauer den Rücken hinunterzujagen. Ich mag ertragen, was ich ertragen muss, um Nandus' Willen zu tun, durch Kälte oder Dschungelfeuchte gehen, so lange er mir nur jene Geißeln erspart. Spinnen... ich HASSE sie! Und dann dieser Traum... seltsam... beunruhigend...

Inseln in einem farbigen Meer, ein Ort voll seltsamem Frieden und unerklärlichem Glück. Eine Welt aus Farben und Licht, aus Lachen und Freundlcihkeit, ein Zuhause, wenn man je eines beschreiben könnte und eine Zuflucht. Als blieben keine weiteren Wünsche übrig driftete ich, ließ mich von meinem Interesse bald hier hin, bald dort hin tragen, erkannte vieles und wußte nichts, bis schließlich ein Licht meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Licht in weiter Ferne, doch seltsam unharmonisch mit dem Rest der Umgebung, als störe etwas die Melodie, nicht bedrohlich, eher... seltsam. Ich driftete näher und näher, bis ich schließlich einen blauen Stein erkennen konnte, unendliche Tiefen in sanftem Leuchten, ein kleines Wunder in sich, als Schatten um mich herum fielen und meine Welt zerbrach. Angst ergriff mich, Angst, die an Panik grenzte, und fast schien es, als würden meine Sinne mir den Dienst versagen als eine grauenvolle, riesige Spinne - ich schaudere jetzt noch, beim bloßen Gedanken daran - sich auf mich zubewegte, zwischen mich und den Stein, und mich schließlich angriff. Nur mühsam wich ich aus, um schließlich all meine Kraft in einem Zauber zu meiner Verteidigung zu sammeln, doch kaum dass die Formel des Ignifaxius meine Lippen verlassen hatte, spürte ich die Kraft meines Zaubers selbst, die Flammen, die um mich züngelten, mich vor Schmerz auseinanderzureißen schienen. Ich spürte meine Sinne mit meinem Leben schwinden und erwachte.

Was soll ich nun davon halten, von diesem merkwürdigen Traum? Es klingt nicht nach den normalen Bildern der Nacht, nicht nach den normalen Illusionen, die der Schlaf mit sich bringt. Birgt dieser Traum eine Antwort auf meine Fragen des Tages? Ich weiß es nicht. Und was ist dieser Widerwillen in mir, mit den anderen zu teilen, was mir dieser Traum brachte? Ist es ein Zeichen des Meisters, vorsichtig zu sein? Ein Zeichen, daß ich Dingen auf der Spur bin, die besser im Verborgenen bleiben? Vielleicht ist es an der Zeit, der Schrift ein wenig mehr zu entlocken.

(später)

Bei Nandus, nichts ist übriggeblieben von dem, was ich notierte! Statt meiner Notizen der Abschrift des alten Steines starrt mich nur ein leeres Pergament an. Was für ein Zauber ist das? Was geht hier vor sich?

(wieder später)

Goran schläft unruhig, wirft sich hin und her wie in Träumen...

Ich frage mich....

(ein weiterer undatierter Eintrag)

Iolaos hält weiterhin Wache, doch ich habe das Gefühl, daß er etwas vor mir verbirgt. Ich frage mich, ob auch sein Schlaf unruhig war. Und ob auch in ihm alles sich dagegen sträubt, über dies seltsame Erlebnis zu sprechen...

(von hier an wechselt das Tagebuch in Schrift von den Kusliker Zeichen zu einer von Esybilla selbst erdachten und zu ihrer Novizenweihe erstellten kryptographischen Schrift)

4. Hesinde 22 Hal

Nur einige schnelle Zeilen während die anderen die Reste des Lagers abbauen. Auf mein Bitten hin kehrte Lieto noch einmal zu dem Stein zurück, doch an der Stelle, an der er ihn zu finden erwartete fand er nichts als ungestörten Waldboden, kein Zeichen vom Spuk des gestrigen Abend. Mit jeder Stunde die verstreicht, wird die Geschichte seltsamer, doch scheint es, als gäbe es nicht nur Fragen, sondern auch Antworten in diesen Wäldern. Setaou, denn so ist der Name des fremden Nivesen, den wir nun letztendlich doch erfuhren, erwachte, aus einem Traum der, wie ich nur vermuten kann, dem unseren recht ähnlich war und fand ein Pergament und einen sanft leuchtenden blauen Stein in seinem Schoß. Unnötig zu sagen, daß der Stein mir recht bekannt vorkam, und, wenn ich die Blicke meiner Mitreisenden richtig deute, nicht nur mir. Doch dieser Tor von einem Nivesen! Er entrollte das Pergament um es zu lesen, und anstatt es mir oder einem der anderen mit zu zeigen erbot er sich des kindischsten und unreifesten Benehmens, das ich bei einem der hier ansässigen Bewohner jemals gesehen habe. Zwar mag es sein, daß sie verschlossener und stiller sind als die Menschen meines Schlages, doch eine solche Idiotie sucht offensichtlich auch hier oben seinesgleichen. Wir hätten mittlerweile doch wahrhaft gewarnt sein sollen, daß alles, was dieses Geheimnis betrifft, nur zu flüchtig ist und sicher nur ist, was sich in unseren Köpfen befindet.

Nun ja... er hielt es für sicherer, den Zettel alleine zu lesen während er wie Staub unter seinen Augen zerfiel. Ich hoffe er hat ein gutes Gedächtnis denn es mag noch das Verderben von uns allen werden, wenn seine Erinnerung versagt. Denn das wenige, was er von dem Inhalt des Schreibens preisgab ist beunruhigend genug. Der Stein nenne sich das Drachenauge, ein Bote des Unglücks, das seinem Besitzer nichts als Gram und Schlechtes bringe. Sein letzter Besitzer, Hagen von Altenthurm starb offensichtlich aufgrund dieses... nun bisher weigere ich mich, es Fluch zu nennen, doch nennen wir es... schlechter Leumund - wie dies geschehen sein soll, darüber schwieg sich entweder die Nachricht oder unser schweigsamer Freund beharrlich aus, allein die Tatsache, daß er einem Freund wohl sein Leben retten wollte, und dabei starb soll genügen, allerdings zieht das für mich noch keine deutliche Verbindung zu dem Stein. Es ist wohl mehr noch dazu zu sagen, als wir bisher wissen, nun gut. Vielleicht werden weitere Tage weitere Erkenntnisse bringen, denn nun können wir uns nicht mehr einfach umdrehen und fortgehen, denn der Stein hat uns gefunden. Der Stein, ja. Die Sage berichtet, daß der Stein einst in drei Teile geteilt wurde, um seine Macht zu schmälern, und die drei Teile an verschiedenen Orten verborgen wurden. Erst in Zeiten großer Gefahr, wenn der Stein wieder gebraucht würde, würde er ein weiteres Mal auftauchen... und nun liegt eines der drei Teile in Setaous Schoß und macht mich wundern. Er gab es mir, um eine Analyse durchzuführen, doch weder der Odem Arcanum noch ein darauf folgender Analys konnten viele Erkenntnisse liefern. Ich erkannte die große Macht des Gegenstandes, größer als alles, was bisher den Weg in meine Hände fand, doch die Repräsentation der magischen Struktur ist mir entweder unbekannt oder in dieser Form gar nicht vorhanden, ich konnte nicht viel ausmachen in dem was ich sah. Sehr alt ist dieser Stein wohl, auch wenn ich nicht genau weiß, was mir das sagt. Mag es sein, daß ich es hier mit drachischer Magie zu tun habe? Oder gar mit einer jener Gestalten, von denen man in heutigen Tagen nur mit einem ehrfürchtigen Flüstern spricht, Gestalten, die selbst die Echsen ein junges Volk nennen würden?

Und warum taucht es jetzt auf, jetzt, hier, inmitten eines wohl strengen Winters, doch fern jeglicher Gefahr, die das rechtfertigen würde? Es scheint, es sei nun unsere Aufgabe, auch die anderen beiden Teile des Steines zu finden, es scheint auch, daß das seltsam flüchtige Pergament hierüber mehr sprach, doch der Tor von einem Nordländer zieht es vor, uns im Unklaren zu lassen, uns, die wir in derselben Sache gefangen sind wie er. Es scheint, als kenne er den anderen Ort, zu dem wir unterwegs sind, oder zumindest gibt er das vor. Was wir machen sollen, falls ihm etwas zustößt, darüber macht er sich wohl keine Gedanken...

Nun gut, Torheit gibt es an vielen Orten, und nicht wenige aus meinem Lande wären nicht überrascht, sie auch hier in solchem Maße zu finden.

Doch es hilft nichts, meinen Zorn an wehrlosem Papier auszulassen und es ist dem, dem ich mein Leben weihte, auch nicht würdig. Geduld, Esybilla, Haltung... Eine Aufgabe vor deinen Füßen, ein Weg zu beschreiten. Zürne nicht, was du nicht ändern kannst...

Ich kann nicht umhin, mich zu fragen, was für eine Gefahr uns bevorsteht, das einen Gegenstand von solcher Macht zum Auftauchen verhilft. Ist das alles größer als wir? Größer als dieses rauhe Fleckchen Erde im Norden?

Querverweis zum Weiterlesen:
Das Ende der Unschuld- Schlaglichter aus dem Vorleben Iolaos' (Führt in den Bereich "Geschichten über Iolaos")
Wie ein Choral der Vergänglichkeit - Die Herkunft Setaous (Führt in den Bereich "Geschichten über Setaou")

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