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Zeitenscheide

In dem Rätsel gelöst und Hoffnungen verloren werden

30. Ingerimm 22 Hal

Die Welt verliert ihre Farben. Als sei alles Grün einem Grau gewichen.

Nun kann es keiner von uns mehr leugnen. Die Tiere fliehen die Gegend um Dragenfeld. Vielleicht sind sie klüger als wir, aber diesmal rät nicht einmal der vorsichtige Setaou, dieses Geheimnis ungeöffnet zu lassen. Die Dinge, die hier geschehen, sind viel zu groß.

Gegen Mittag weigerten sich unsere Packtiere, weiterzugehen, und auch wir konnten die drückende, unnatürliche Stimmung längst spüren. Keiner von uns sprach dagegen, als wir einige Vorräte umluden auf unsere Reittiere und die Packpferde einfach zurückließen.

Es hat keinen Sinn sie zu zwingen. Es kostet zuviel Kraft... und davon hat keiner von uns zu viel im Moment.

Natürlich gehen die Träume weiter... immer weiter. Selbst Gorans Segen scheint nicht zu helfen...

Süße Götter schenkt mir Schlaf...

Eintrag ohne Datum

Auch unsere Reittiere sind nicht mehr bei uns. Ich weiß nicht mehr, ist es Tag, ist es Nacht? Ich verliere die Kontrolle über die Reihe der Tage, die sich wie Perlen nahtlos aufreihen sollten...

Habe ich einen vergessen?

Wie lange ist mein letzter Eintrag her?

Wenn Sekunden wie Stunden scheinen, ist das kaum möglich zu sehen.

Wenn es noch irgend einen Zweifel an der groben Unnatürlichkeit des Geschehens geben mag - nun ist er ausgeräumt.

Unsere Nahrungsmittel verderben

Das Wasser schmeckt schal

Wir müssen verbrauchen, was wir können, wenn wir weitergehen, denn wir werden die Kraft brauchen. An Schlaf oder Ruhe ist nicht zu denken. Wir müssen weiter. Weiter....

Eintrag ohne Datum

Satinav, welch Schrecken vor meinen Augen!

Wir haben die letzten Dragenfelder gefunden, jene, die noch lange genug aushielten, um am Leben zu sein. Welch grausames Bild! Ein Lager voller Greise, erwachsene Menschen von vielleicht fünfundzwanzig, die greinend wie Säuglinge am Boden liegen!

Wir fanden Antworten und neue Fragen, immer wieder neue Fragen...

Es scheint als habe Schwester Laniare, die Tsageweihte des Ortes, sich in den letzten Monaten neuen Künsten zugewandt. Der Erntesegen schien kein Erntesegen gewesen zu sein, und alles, von der Kartoffelernte bis zu den Neugeburten im Dorfe schien schal, verdorben, nicht richtig, so als sei die falsche Macht am Werke.

Mir gehen die Worte des Dorfältesten nicht aus dem Kopf, des Dorfältesten, eines Mannes, seinen eigenen Worten nach zweiunddreißig, eines Mannes, der aussieht als zählte er über achtzig Sommer.

Das war kein Bosperano, was sie dort gesprochen hat.

Was dann?

Laniare, Laniare, welchen dunklen Künsten bist du verfallen? Hier werden wir keine Antworten erhalten. Hier werden wir sterben.

Wir rieten den Dragenfeldern weiterzuziehen, solange sie noch können. Solange sie noch am Leben sind...

Mein eigenes Haar reicht mir bis zum Ellenbogen, obwohl es gestern noch kaum meine Schultern erreichte. Ich habe aufgegeben es zu schnüren, so wie die anderen wohl aufgaben, sich zu rasieren.

Ich sehe erste Strähnen von Grau in Iolaos' Haar und frage mich ob meines ähnlich ist.

Ist es nicht erschreckend, daß es mir eigentlich egal ist...?

Eintrag ohne Datum, die Schrift ist verwischt und zitternd

Ein neuer Herr auf Burg Dragentodt... natürlcih ist es seine Schuld... wie konnte ich so sträflich die ganze Zeit über diese Worte immer wieder zurückschieben. Ich habe daran gedacht, oh, gewiß, doch ich habe den Gedanken aufgeschoben, bis wir hier sein würden, törichtes Mädchen das ich bin...

Nandus... warum schlägst du deine Dienerin mit solcher Blindheit...?

Selbst jene Gruppe von Goblins, der wir begegneten, bekämpft ihn, was oder wer auch immer er ist...

Ich weiß nicht ob ich lange genug leben werde um herauszufinden was geschieht....

Die Seiten des Buches werden brüchig und spröde, trotz der Segen, die ich darauf spreche, um sie zu schonen...

Gebe Nandus, daß wenigstens dieses Zeugnis Satinavs Hörner überdauert...

Nun möge uns noch helfen, wer will...

Ihr Zwölfe mit all euren himmlischen Kindern, ihr Zwölfe mit all euren Dienern und Worten... laßt uns nicht im Stich...

Eintrag ohne Datum

Der ewigjungen Göttin sei Lob, Preis und Ehr in der Stunde der Verzweiflung. Ihr Atem hält uns am Leben in dieser Stunde, auch wenn ich weiß, daß es nur ein Frieden auf Zeit ist.

Auf Zeit... hah!

Welch unglaubliches Wortspiel!

Nun, da sich mein Verstand wieder beginnt, seiner Funktion zu erinnern, werde ich auch wieder versuchen, die getreuliche Rolle des Chronisten zu übernehmen, auch wenn ich meine Zweifel habe, daß jemand diese Worte lesen wird, die geschrieben wurden am Abgrund der Zeit...

Doch ich will am Anfang beginnen, so ich mich seiner erinnere auch versuchen, jene Lücken aufzufüllen, die meine vorherigen Eintragungen rissen.

Nachdem wir, unserer Tiere beraubt, die wohl, klüger als wir, sich einen sichereren Ort zum Bleiben suchten, reisten wir stur weiter auf Dragenfeld zu, auch wenn jeder Schritt uns in eine Umgebung führte, die grauer wirkte, verdorbener, und - ich vermag es nicht anders zu sagen - älter. Es mag am Abend des ersten oder zweiten Tages gewesen sein - ich erinnere mich nur schemenhaft - als wir das Lager der Dragenfelder fanden, eine Ansammlung kümmerlicher Zelte inmitten von Wildnis. Was auch immer für ein Fluch sie befallen hat, er ist schrecklich anzusehen. Sie selbst geben der jungen Göttin die Schuld, die sie dafür straft, daß sie eine ihrer Geweihten verbrannten, aber das hielt ich damals schon, benebelt wie ich war, nicht für wahrscheinlich und jetzt erst recht nicht. Sie alterten weit vor ihrer Zeit und weit schneller als gewöhnlich, und dies hört sich nicht unbedingt nach Tsa an. Nein, dies alles sieht eher nach einer üblen Berührung durch den Wächter der Zeit aus.

Zum ersten Mal tauchte also Satinav in unseren Vermutungen über dieses Unheil auf.

Wir erfuhren, daß die Tsageweihte Schwester Laniare sich und ihre Riten offensichtlich im Verlauf des letzten Jahres geändert hatte. Der Frühjahrssegen in diesem Jahr war wohl mit nichts zu vergleichen, das einer von ihnen jemals gesehen hatte, und offensichtlich war sie auch von Bosperano zu einer anderen Sprache übergewechselt um ihre Riten zu vollziehen.

Das mag unsereins noch gut anstehen, die wir einem Herrn dienen, der es schätzt, wenn seine Diener viele Zungen kennen, doch eine Dienerin der Jungen Göttin....

Schon damals ließ es mich wundern - und schaudern.

Doch uns blieb nicht viel übrig als den Dörflern zu raten, einfach weiterzugehen, so wie auch wir einfach weitergehen würden, nur in die entgegengesetzte Richtung... auf das Unheil zu. Etwa zu demselben Zeitpunkt bemerkten wir, daß auch wir von diesem Fluch nicht unberührt blieben. Wenn es jemals einen Zeitpunkt gegeben hätte, der wohl adequat gewesen wäre um meinen Wunsch zu verfluchen, allem stets auf den Grund zu gehen, so währe es wohl dieser gewesen, doch selbst jetzt, da ich meines eigenen Todes so gut wie gewiß bin, bereue ich nichts.

Wir wanderten weiter auf das verlorene Dragenfeld zu.

Einige Zeit später.. ich habe längst das Gefühl für das unsichere Verstreichen der Zeit verloren - begegneten wir eine Rotte Goblins auf der Jagd. Auch sie waren alt, alle von ihnen, doch es war uns möglich, sich mit ihnen zu verständigen. Setaou entpuppte ein weiteres mal verborgene Talente, indem er zeigte, daß er ihre Sprache verstand - wahrhaft nandusgefällig, wäre unsere Zeit nicht so kurz bemessen würde ich mir die Sprache mit sicherheit von ihm lehren lassen - und so erfuhren wir, daß der neue Herr der Burg wohl der Ursprung der Untoten war, die diese Gegend offensichtlcih unsicher machten, und die der Goblinstamm jagte. Mißtrauen schlug uns aus ihren Reihen entgegen, man verdächtigte uns der Paktiererei mit dem Burgherren, und die Schamanin der Goblins gab sich erst zufrieden, als Lieto sich bereiterklärte, sie in seine Gedanken blicken zu lassen...

Ein seltsames Völkchen...

Weiter ging also unsere Reise auf Dragenfeld zu, und welch Graus als wir es letztendlcih erblickten! Längst sind die Häuser verfallen als wären sie hunderte von Jahren alt, die Straßen liegen unter dichtem Staum, Wüstenei und Einöde rings um uns! Es war wohl der betrüblichste und erschreckendste Anblick meines ganzen Lebens, auch kaum davon gemildert, daß der Tempel der Jungen Göttin der Zerstörung bisher widerstand, und sich geradezu als unsere Zuflucht anbot...

Wir stolperten darauf zu, am Ende unserer Kräfte, als ich eine Entdeckung machte, von der ich selbst hoffe, aber nicht glaube, daß sie eine Sinnestäuschung war.

Schon lange schien unsere Umgebung... seltsame Geister und Spiele mit uns zu treiben, und so erblickte ich in einer Wand ein Antlitz, das ich schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Es dauerte eine Zeitlang bis ich das steinerne Bild des schreienden Mannes mit den glatten, wohlgepflegten Zügen in der Bibliothek eines Magiers in Verbindung bringen konnte, der inmitten der gorischen Wüste seinen Sitz genommen und dort einiges Unheil gestiftet hatte. Ein Bild, lebensgroß, das zeigte, was dieser Magier mehr als alles andere verehrte.

Tharsonius von Bethana

besser bekannt als Borbarad.....

Süßer Nandus, bitte lass mich nicht ein weiteres Mal Zeuge eines Versuches werden, den Dämonenmeister in die diesseitige Welt zu entlassen. Und süßer Nandus, laß nicht zu daß dies jemals geschieht!!

Doch ich lese in den Aufzeichnungen Schwester Laniares und kann mich nicht entziehen, was sie da berichtet.

Ich will unseren Entdeckungen im Tempel der Tsa nicht chronologisch folgen sondern vielmehr berichten, was wir über die letzten Monate ihres Lebens in Erfahrung bringen konnten.

Offensichtlich befand sich Laniare in einer Glaubenskrise, als ein Mann der sich Hamed ben Seishaban nannte und vorgab, aus Kunchom zu stammen, darum bat, die alte Festung oberhalb des Ortes beziehen und schließlich auch auf eigene Kosten instandsetzen zu dürfen. Offensichtlich entspann sich ein Disput zwischen Laniare und Hamed, der viele Gebiete des Lebens berührte, die Wissenschaft im allgemeinen, und schließlich auch die Theologie. Es scheint, als habe Laniare von ihrer Glaubenskrise berichtet, und als habe Hamed bein Seishaban sie langsam auf Pfade geführt, die kein wahrer Gläubiger der Zwölfe wohl betreten sollte.

Das Liber Zhamorricam und die anderen Bücher, die wir in Laniares Besitz fanden, zeigen nur zu deutlich, daß sie, wohl mit Führung und Anleitung des Herrn ben Seishaban, herangeführt wurde an einige Thesen, die ich beileibe nicht zum ersten Mal höre, wohl aber für gefährliche Ketzerei halte - die Verbindung der Göttin Tsa sowie einiger anderer Zwölfe mit Echsengötzen, namentlich unter anderem Zssah. Gewiß, eine gewisse Namensverwandtschaft liegt nahe, doch das allein läßt noch keinen Raum für einen derartig unsinnigen Irrglauben. Rankorium Muntagionos, Arcomagus zu Festum und um seines Wissens um die Achaz willen geschätzter Magister, der der Initiatior zweier meiner Maraskanreisen war, vertritt ähnliche Irrlehren, doch nahmen sie, soweit cih das sehen kann, in seiner Gegenwart niemals derartig gefährliche Ausmaße an wie hier.

Doch kehren wir zurück in die Gegenwart, oder besser, in den frühen Beginn dieses Frühlings, wo Hamed ben Seishaban Schwester Laniare überredete, statt des üblichen Frühjahrsrituales der Tsa dieses Mal ein anderes durchzuführen, Zssah und Ssad'Nav gewidmet. Zwar hegte die gute Schwester wohl Zweifel, ließ sich aber letztendlich doch überreden.

Mit verheerenden Ausmaßen.

Die Resultate sehen wir überall um uns herum.

Offensichtlich sah Laniare die Resultate auch, und früher als die Bewohner des Dorfes. Es scheint, als erkannte sie ihren Frevel, als tue sie Buße für das, was sie getan habe... genau wie die Vision Mutter Linais verkündete.

Doch die Dorfbewohner sahen in ihr die Wurzel allen Übels. Dies war schließlich ihr Tod.

Und seitdem ist dieser Landstrich verflucht von Satinav, die Zeit folgt keinen geregelten Bahnen mehr...

Es scheint als sei dies Hamed ben Seishabans Wille gewesen.

Eine Anrufung Ssad'Navs mit karmaler Wirkung... um Ssad'Navs Willen zu tun...

Derlei habe ich schon einmal gehört...

Ssad'Navs Wille... Nandus, hilf mir mich zu....

Ihr Zwölfe!

an dieser Stelle befindet sich ein Tintenklecks, als hätte Esybilla die Feder mit einem Male fallengelassen

Diese Schrift.. .diese Schrift in der Anmerkungen auf den Rand der Bücher geschmiert sind. Nicht alles ist die Schrift von Laniare, nicht alles deckt sich mit den zierlichen Buchstaben in ihrem Tagebuch... Süßer Nandus, sag daß ich mich irre, doch derart charakteristisches Schreibgut ist nicht so leicht zu verdrängen.

Ich weiß wer zuletzt von Ssad'Navs Willen sprach, ich erinnere mcih. Und ein Teil von mir fürchtet, daß Hamed ben Seishaban in Wirklichkeit der Mann ist, dessen kühle Rationalität mich bisweilen noch in meinen Träumen verflucht...

Liscom von Fasar...

Aber er ist tot

Er sah Borbarad, den Dämonenmeister, als Sohn des echsischen Gottes Ssad'Nav und somit als Gottheit selbst, der es galt, neue Bedeutung zu verschaffen.

Denke ich zu weit? Bin ich hysterisch? Er ist tot, Esybilla, er ist tot! Es ist die Umgebung, die dich in Panik verfallen lässt!

Mögest du mir verzeihen, Leser, falls es dich jemals geben sollte die letzten Zeilen einer unseligen Geweihten des Einhorngottes zu lesen, die weiß, daß sie in ihren Tod marschiert.

Nandus, gib mir die Kraft bis auf den Grund dieses Brunnens zu gelangen...

Wir haben uns gesammelt und ausgeschlafen, und nun sind wir so bereit wie wir es wohl jemals werden werden, uns auf den Weg zur Burg zu machen. Das Tagebuch werde ich hierlassen, möge es Zeugnis dessen sein, was wir erlebten, sollte jemand es hier jemals finden.

Mögen die Zwölfe und ihre himmlischen Kinder unserer Seelen gnädig sein.

Im Rahja des 1015. Jahres nach dem Fall des Vielhunderttürmigen Bosparan

Esybilla Stragazza di Montana
Geweihte des Nandus

Querverweis zum Weiterlesen:
Das Ende der Unschuld- Schlaglichter aus dem Vorleben Iolaos' (Führt in den Bereich "Geschichten über Iolaos")
Wie ein Choral der Vergänglichkeit - Die Herkunft Setaous (Führt in den Bereich "Geschichten über Setaou")

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