Wie ein Choral der Vergänglichkeit

Was muß geschehen, damit ein Hüter das verläßt, was er zu schützen schwor?
Was muß geschehen, damit jene, die die Stille lieben wie nichts sonst, sich aufmachen um unter den Menschen zu sein?
Was Muß geschehen, damit ein Druide, dessen Weg so klar vorgezeichnet schien, sich erbietet, Sumu das größte Geschenk zu erbieten, das er zu geben imstande ist - sein Leben, seinen Verstand, sein Selbst - und dabei doch das zu verleugnen, was er stets bisher getan hat?
Welche seltsamen Schritte brachten Setaou auf jenen Pfad, der unweigerlich vor die Trollpforte führte?

Wie ein Choral der Vergänglichkeit

Weil nichts mehr ist, wie es war...

Lange bevor die ersten güldenländischen Siedler über das Meer nach Aventurien kamen beherrschten die Elfen das Land. Ein altes Lied einer auelfischen Sippe an den Ufern des Oblomon berichtet von Dagal dem Wahnsinnigen. Der elfische Barde vermochte mit seiner Harfe über die zwölf Winde zu gebieten und seine Musik wurde über das ganze Land getragen. Sie erklang allem Leben.
Doch Dagals Harmonien waren nicht vollkommen, den dreizehnten Wind vermochte die Harfe nicht zu beherrschen. So durchdrang er Dagals Melodien und verkehrte Ruhe in Sturm, Klänge in Stille, Musik in Tod. Dagal kämpfte. Am Ende tat er den letzten Schritt und verging ohne nicht zu sein. Die zwölf Winde aber fesselten ihren Bruder an Dagals Thron wo noch heute das Toben und Zerren der zwölf Ketten aus Sturm um die Bergspitze wütet.
Das Zeitalter der Elfen ist vorbei. In den Hütten am Oblomon kennen nur noch die Ältesten das Lied von Dagal. Selbst die Boronpriester, deren Kloster seit zweihundert Jahren am Rabenpass steht wissen nichts über das Tosen das sie Tag und Nacht um den Gipfel der Sturmspitze toben hören. Kein Mensch (und auch kein anderes sterbliche Wesen) hat je seinen Fuss auf diesen höchsten Punkt der Gelben Sichel gesetzt. Auch die einsame Gestalt, die alleine einen steilen Pfad an der Nordseite des Berges erklimmt, würde niemals oben angelangen. Aber das ist auch nicht ihr Ziel. Als der Mann einen klaren Bergsee erreicht, kniet er am Rande des Wassers nieder und legt seinen Wanderstock neben sich auf den Fels.

Der Ort sieht noch genauso aus, als er ihn vor neun Jahren das letzte Mal aufgesucht hat. Er kann sich genau erinnern. Damals war er nicht allein. Der Mann an seiner Seite war alt und außer Atem als sie den See erreichten. Eine ganze Stunde betrachteten beide das gekräuselte Wasser vor sich. Dann erhob der Alte seine Hand und streckte den Finger zu dem Gipfel hinauf.
"Setaou, der Grat auf der Westseite führt zu einer Klippe. Dahinter liegt der Eingang zu einer Höhle. Niemand darf jemals in diese Höhle gelangen."
Setaou nickte.
Sein Ziehvater nahm die Kette mit der knöchernen Pfeife von seinem Hals und reichte sie ihm entgegen. "Du bist jetzt für Strupp verantwortlich."
Setaou rührte sich nicht.
"Sumus Atem geht langsamer, also leben auch ihre Kinder immer kürzer. Die Zeit, die Ymra uns gegeben hat, lä&azlig;t sich nicht aufhalten." Er legte Setaou die Pfeife in die Hand.
Das war das letzte Mal, dass Setaou seinen Lehrmeister gesehen hat.

Setaous Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf am Neunaugensee. Seit Mittag haben sich die Wolken immer dichter über den See zusammengezogen und die bunten Blätter werden bereits über die Wege geweht. Die Männer sind damit beschäftigt die letzten Fenster zuzunageln und die Schweine und Gänse in die Staelle zu treiben. Setaou hat sich hinter dem gro&azlig;en Bauernhaus versteckt. Ein solcher Sturm bedeutet Unglück. Seine Mutter wird nicht vor nächster Woche aus dem Nebelmoor zurückkommen in dem sie mit anderen Männern und Frauen Torf sticht. In dieser Zeit wohnt Setaou in der Scheune von Harika und Waldemar, die dafür jeden Monat ein Silberstück bekommen. Im Tsa wird er sechs Jahre alt und muss dann nicht mehr zurück im Dorf bleiben. Hier muss er jeden Tag den Spott und die Schläge der anderen Kindern über sich ergehen lassen und auch die Erwachsenen sagen er bringe Unglück und solle lieber mit seiner Mutter weg. Ein lauter Knall reist Setaou aus seinen Gedanken. Der Fensterladen neben ihm wurde von einer Windbö aufgerissen. Durch das Fenster sind Schreie zu hören. Setaou schiebt den Kopf vor das Fenster. Auf dem Bett liegt Ebekka, die von ihrem Mann Haldor und der Wirtsfrau gehalten wird. Eine alte Frau, die Setaou noch nie gesehen hat, steht am Fuss des Bettes und hält ein lebloses Kind in den Händen. Setaou dreht sich um und rennt in den Regen hinaus als er hinter sich die wütenden Flüche von Haldor hört.

Seit Einbruch der Dunkelheit haben die Dorfbewohner sich in ihren Häusern verbarikadiert. Der Sturm treibt die Gischt des Sees durch jede offene Ritze. Setaou hat nicht gewagt nach seinem abendlichen Stück Brot und der Suppe zu fragen denn Harika und Waldemar haben ihn schon mit finsterer Mine empfangen. Durch die Holzwand hört Setaou die beiden streiten. Er wälzt sich auf die andere Seite seines Strohlagers.
Eine flüsternde Stimme hallt durch die Scheune. "Setaou" ruft die blasse Gestalt am anderen Ende der Scheune. Als Setaou die Gestalt seiner Mutter erkennt, will er aufstehen und hinlaufen. Doch ein Windstoss faehrt durch den Raum als die Türen aufgerissen werden und wirft ihn zu Boden. Um ihn herum fliegen Fackeln durch die Luft und Flammen schlagen durch das Stroh. Setaou will zu seiner Mutter aber einer der Holzbalken bricht und versperrt mit einem Inferno aus Funken und Asche den Weg. Der Rauch nimmt ihm den Atem und die Hitze treibt den letzten Tropfen Schweiss aus seinem Körper als er sich schutzsuchend zu Boden wirft.
Im nächsten Augenblick verstummt alles. Setaou nimmt nur noch Dunkelheit, das Heulen des Windes und die knarrenden Waende war. Der gleiche Traum verfolgt ihn schon seit drei Nächten. Aus dem Zimmer nebenan ist immer noch ein Streit zu hören aber diesmal sind es nicht nur Harika und Waldemars Stimmen. Nach einer Weile steht Setaou auf und lauscht an der Tuer. "... seine Hexenmutter buhlt mit den Moorleichen und zahlt mit den Seelen unserer Kinder." "Hör doch den Sturm, Efferd selbst will den Jungen holen und du versteckst ihn hier." Schritte nähern sich der Tür. Setaou rennt zu der Schlafstelle als das Licht der Fackeln durch die Tuer fällt. Eine hervorstehende Bodenlatte bringt ihn jäh zu Fall. Setaou zittert als die Schatten der Bauern durch die Tuer treten und sie hinter sich schließen. Nur zögernd kommen die Gestalten auf ihn zu, einer hält ein Amulett vor sich. Setaous Augen blicken in die Flammen der Fackeln. Ein Funkenregen fliegt wie ein sterbender Schwarm Glühwürmchen zu Boden. Langgezogene Schreie erklingen als das Feuer wie leuchtendes Wasser rasend schnell über den Boden kriecht. Setaou rennt auf das Tor zu, das in die Nacht hinein aufspringt. Wasser und Sand schlägt ihm ins Gesicht und eine Ewigkeit später umfängt ihn gnädige Dunkelheit. Zwei Tage später fanden drei Reiter das fiebernde Kind am Rande des Nebelmoors und nahmen es mit nach Donnerbach. Dort wurde Setaou in die Akademie der Heilung gebracht. Ein kräuterkundiger Einsiedler aus dem Norden war gerade dabei seine Ware gegen Kerzen und Stoffe zu tauschen und mit dem ein oder anderen befreundeten Magier zu sprechen. Während Setaou sich langsam erholte, saß der Fremde oft an dem Krankenbett. Nach einem Monat verlies Setaou mit dem Einsiedler Doniach die Stadt, um seine Mutter zu suchen. Doniach wusste bereits, dass Setaous Mutter bei dem Unwetter im Nebelmoor ums Leben gekommen ist. Aber er hatte seine eigenen Pläne mit dem Jungen. Setaou und Doniach erreichten einige Tage spaeter die Überreste des Lagers der Torfstecher. Doniach zündete in der Daemmerung ein Feuer an und sagte Setaou er soll hier warten. Als er am nächsten Morgen wiederkam folgte Setaou ihm in Richtung Norden. Sie überquerten die Salamandersteine und die Grüne Ebene, bis sie den Rabenpass erreichten. In den kargen Waeldern des Gebirges befand sich das Domizil von Doniach. Setaou wurde sein Schüler. Er lernte, in den Bergen zu überleben und die Sprache der Nivesen die über den Pass zogen zu sprechen. Doniach zeigte ihm, wie man die Kräfte der Heilkräuter erkennt und nutzt. Er sprach viel über ferne Laender und erzählte Setaou, dass das Gebirge in dem sie lebten eine schlafende Gigantin war, die zusammen mit ihren beiden Schwestern und den Göttern gegen den Namenlosen kaempften. Die Giganten sind die Kinder Sumus, dem Leib, der im Kampf mit Los bei der Schöpfung stürzte und von dem alles Leben kommt. Setaou lernte schnell und selbst sein Lehrer war oft überascht, wenn er sich noch an kleine Details vergangener Lektionen erinnern konnte. Nach einem Jahr war sich Doniach sicher, dass Setaou bereit dafür sei, die Kräfte Sumus kennenzulernen. So vergingen die Jahre. Setaou lernte die Elfen kennen, die auf weissen Pferden durch die Grüne Ebene ziehen, aber auch die Goblins auf ihren Wildschweinen, die sich nur mit Machtdemonstrationen zu Handel und Gespraechen bewegen ließen. Nach ein paar Jahren entstand inmitten der Ebene eine neue Siedlung um einen grossen Tempel der Travia. Die Bauern benahmen sich Setaou gegenüber wie er es gewohnt war. Die meisten mieden ihn oder wollen ihm sogar an den Kragen. Nur die Traviageweihten, die Heilkräuter eintauschten, waren freundlicher und erzählten Setaou oft von der Welt südlich der Salamandersteine, von Kaisern und Königen, von Städten hundertmal so gross wie Donnerbach und natürlich von den Zwölfgöttern, die Doniach nur hin und wieder mal erwähnte neben all den Riesen, Drachen und Giganten, den elemetaren Gewalten und ihren Widersachern den Dämonen. Doniach bekam nur wenig Besuch und verließ auch selbst selten seine Hütte. Neben den Mönchen waren es vor allem die Schamanen der Nivesen mit denen Doniach sich traf, um über die Vergangenheit und die Zukunft zu sprechen. Einmal im Jahr reisten sie nach Donnerbach, vor allem um die Akademie zu besuchen. Eines Tages lief den beiden ein Hund über den Weg. Doniach nahm sich seiner an und nannte ihn Strupp. Bald gehorchte der Hund und wurde ein nützlicher Begleiter, der mit wedelndem Schwanz hergelaufen kam, wenn Doniach auf seiner beinernen Pfeife pfiff. Auch Strupp ist vor einigen Jahren gestorben. Setaou blickt zu dem Gipfel hinauf. Ein nächtliches Erdbeben hat den Berg erschüttert und zahlreiche Steinschläge und Lawinen gingen zu Tal. Die Klippe hinter der die Höhle liegen sollte war nicht mehr zu sehen. Stattdessen türmten sich Eis und Schneemassen, die von dem darüberliegenden Gletscher abgebrochen sind, an der zerklüfteten Bergflanke. Nur ein Dummkopf konnte so ein Zeichen übersehen. Seit Monaten schon verlassen immer wieder Elfen die Wälder, da "der letzte Sommer" wie sie sagen, angebrochen ist. Selbst aus dem ewigen Eis sind schon zwei Jäger des Firnvolkes ueber den Rabenpass geschritten. Setaou wusste nicht viel über die wahren Geheimnisse des Berges und der Höhle. Sein Ziehvater sagte immer, wenn es an der Zeit sei, müsse er selbst erkennen was zu tun ist. Weisheit kann man nicht lehren, der Schüler muss die Wege selber suchen, die zur Erkenntnis führen. Nur dann kann er die Verantwortung erkennen, die jedes Wissen mit sich bringt. Seit Wochen überlegt Setaou, ob er das Tal verlassen sollte, um bei den Weisen der Elfen oder den Schamanen der Nivesen um Rat zu fragen. Vielleicht wussten auch die Magier in Donnerbach einen Rat. Der Gletscherbruch war das letzte Zeichen, auf das er gewartet hatte. Er würde einen Diener des Sturms und des Eises rufen und sie bitten jeden der sich der Hoehle nähert, mit Eis und Sturm vom Berg zu stürzen. Setaou beschloß, sich nach Süden zu wenden. Dort sollte es in den Ländern der Könige und Kaiser noch mehr Diener Sumus wie ihn geben. Von ihnen erhoffte er sich am meisten Hilfe, wußten doch auch sie über viele Geheimnisse, die andere Menschen, ja selbst die Magier in ihren Studierstuben laengst vergessen haben.

Von Eric

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