Im Schatten der Toten Der Zukunft entgegen
Wie ein Stern in dunkler Nacht Eine Art Familientreffen

Es gibt nur wenig, das Liskaju über die Zwölfe weiß, doch ihr Leben ist längst von ihnen bestimmt. Und so fällt es Yann zu, sie behutsam auf den Weg der Götter zu führen. Voller Zärtlichkeit sendet er der jungen Seele die Gnade seines Herrn.

Stern in dunkler Nacht

Der Kuß des Fuchses

Liskaju folgte Yann auf leisen Sohlen durch die Gänge des Hortes Drachenblick- bis in die große Halle. Während sie gingen, musterte das Mädchen den Mann fast argwöhnisch. Sie hatte ihm die Hand gegeben und so etwas wie einen Handel mit ihm geschlossen. Mit ihm... und mit Phex. Ganz sicher war sie noch nicht, ob das der richtige Weg für sie sein konnte, denn ein Teil von ihr war noch immer wütend und enttäuscht. Schließlich hatte Phex ihre Mutter im Stich gelassen... Aber der Handel war nun einmal geschlossen und band sie. Liskaju fuhr leicht zusammen als Yann sich zu ihr umwandte.
„Bevor wir anfangen können“, sagte er, „musst du zwölf Symbole besorgen. Eines stellvertretend für jeden der alveranischen Herren.“
Liskajus Mut sank. Sie wusste kaum mehr von dem meisten der Zwölfe als ihren Namen und das wofür sie hauptsächlich standen- mit Ausnahme Phexens.
„Ich... weiß nicht... was für sie steht“, gab sie widerstrebend zu. „Ich...“ Sie brach ab, als sie Yanns Lächeln sah und entspannte sich vorsichtig. Zurückhaltend setzte sie sich neben ihn. Mit ruhiger Stimme begann der Mondschatten ihr noch einmal, der Reihe nach die Götter zu nennen... ihren jeweiligen Hauptaspekt- und was sie als Opfergaben bevorzugten, welche Dinge und Gegenstände ihnen heilig waren. Natürlich war es nicht einfach, in einem Sanktuarium der Hesinde passende Dinge zu finden, aber Yann war zufrieden mit dem was sein Schützling nach und nach so zusammentrug. Ihm war wichtig, dass sie das Grundprinzip verstanden hatte- und dass letztendlich für sie jedes dieser Dinge stellvertretend für einen der Götter sein würde. Als letztes schließlich, war das Symbol Phexens an der Reihe. Beinahe ein wenig forsch deutete Liskaju auf das Glücksamulett des Phexgeweihten.
„Können wir das benutzen?“ erkundigte sie sich. Mit einem deutlichen Lächeln nahm er es ab und legte es zu den anderen Gegenständen. ‚Wir‘ sagte sie. So sehr ein Teil ihres Verstandes sich noch wehrte und das Kind in einen Zwiespalt trieb... so sehr gehörte doch gleichfalls ihr Herz längst schon Phex. Ruhig wies er das Kind an, die Gegenstände in einem Kreis anzuordnen und während sie der Aufforderung nachkam, atmete er zweimal tief durch und sammelte sich. Liskaju sah auf, als Yann auf den Kreis zu trat- und hinein. Eine unmerkliche Veränderung war mit ihm vor sich gegangen. Zum ersten Mal wirkte er wie ein Priester auf sie als er sich zu ihr umwandte. Seine Haltung schien fast erhaben, irgendwie größer. Ein Hauch von Ehrfurcht streifte sie.
„Diesen Kreis musst du freiwillig betreten“, erklang seine Stimme. Ernst. Bedeutsam. Liskaju zögerte, während sie den Blick des Mondschatten auf sich ruhen spürte. War dies das richtige? Stunden zuvor hatte sie sich noch geweigert... war entschlossen gewesen den Priestern nicht nachzugeben- und vor allem niemals Phex zu vergeben. Ja, sie war noch immer wütend auf ihn. Aber das Gespräch mit Yann... hatte etwas verändert. Vielleicht würde es gar kein Hindernis sein, dass sie wütend auf Phex war. Vielleicht war die Tatsache dass sie nun hier stand, mit Yann, der Versuch Phexens ihr einen Platz zurück zu geben, den er ihr genommen hatte. Eine Weile noch starrte sie nachdenklich auf die ungezogene Kreislinie vor sich, dann atmete sie tief durch, traf ihre Entscheidung und folgte Yann. Bedeutsam wies er sie nacheinander auf jedes einzelne der Symbole hin und forderte sie auf, zu dem jeweiligen Gott zu beten... ihn zu bitten milde auf sie zu blicken, zu versprechen ihn und seine Gebote zu achten. Ein wenig unsicher folgte sie der Aufforderung- und stellte fest, dass es nicht schwierig war. Die Götter um Milde zu bitten konnte nicht verkehrt sein- und sie, ihr Tun und ihre Gebote zu achten erst recht nicht. Sorgsam achtete sie darauf, nicht zu versprechen ihre Gebote jederzeit zu befolgen... und nahm sehr wohl das Schmunzeln des Mondschatten an ihrer Seite wahr. Als sie die Worte sprach- anfangs zurückhaltend und gehemmt, stellte sie fest, dass sie dennoch direkt aus ihrem Herzen kamen... und als sie zu Praios sprach wusste sie, dass ihre Worte ehrlich waren. Ja... mit dem was sie hier in den letzten Tagen gespürt hatte... hier in diesem Sanktuarium... es versprach Trost sich im Schutz höherer Wesen zu wissen. Zuletzt wandte sich Yann dem Glücksamulett zu. Diesmal musste er nicht darauf deuten, Liskaju sprach von selbst.
„Da bin ich wieder... Ich wollte dir danken... und mich deinem Schutz anempfehlen. Blicke milde auf mich, denn ich kenne und achte deine Gebote...“
‚… und außerdem schuldest du mir etwas!’ fügte sie trotzig in Gedanken an. Yanns Blick ruhte auf dem Kind. Sie sprach nicht zum ersten Mal mit Phex, das sah er... und erstaunt und erfreut stellte er fest, dass ein leises Lachen aus den Schatten der Höhle zu erklingen schien- und mehr noch: Liskaju schien es ebenfalls zu hören, denn sie zuckte leicht zusammen und sah sich um. Ohne zu zeigen dass etwas besonderes geschehen war, kniete Yann sich mit Blick auf das Glücksamulett nieder- und ließ seinen Blick auf Liskaju ruhen bis sie es ihm gleich tat. Er schloss die Augen und empfahl mit ruhigen Worten dieses Kind den Zwölfen an- und in aller erster Linie natürlich heimlich seinem Herren. Während er die Worte formte spürte Yann, wie das Angebot geprüft wurde, hob die Lider und ließ seinen Blick erneut auf Liskaju ruhen ohne sein Gebet zu unterbrechen. Im Licht der Kerzen die sie entzündet hatten sah sie zu ihm auf, und ihre Augen erinnerten ihn nicht zum ersten Mal an die eines Fuchses und dann... Wärme durchströmte den Phexgeweihten als er die Nähe seines Gottes wahrnahm und er für einen Moment ganz deutlich die Liebe der Zwölfe zu den Sterblichen fühlen konnte. Das Angebot war akzeptiert worden. Er sah, wie sich Liskajus Augen weiteten, als auch das Kind das spürte, was der Volksmund Entrückung nannte, und was doch nicht im entferntesten diesem überderischen Gefühl gerecht wurde. Das Licht glomm ein wenig heller und Yann nahm wahr, dass an der Decke über ihnen Sterne aufzuschimmern schienen.
‚Der Handel gilt‘, schien eine Stimme in seinem Inneren zu flüstern. Dann ließ Yann für einen Moment seine Augen wieder zu fallen und gab sich der Nähe seines Gottes hin. Dennoch spürte er, dass sich ein schmaler Körper an ihn lehnte und ließ einen seiner Arme um Liskajus Schultern gleiten.
„Willkommen in der Familie, Liskaju.“
Als er das sagte, wich alle Anspannung aus der schmalen Gestalt. Liskaju ließ den Kopf auf ihre Brust sinken... und weinte. Mit leisem Bedauern konzentrierte er sich ein wenig mehr auf das was unmittelbar um ihn herum geschah, nahm das Mädchen in seinen Arm. Es gab so viele Wunden zu heilen in dieser jungen Seele... aber er war auf dem richtigen Weg.

Von Ragnhild Nitz

Querverweis zum Weiterlesen:
Andregos Sicht auf die Erlebnisse in den Schwarzen Landen, vor dem Aufbruch und nach der Rückkehr: Bis wir uns wiedersehen (Führt in den Bereich "Geschichten über Andrego")

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