Im Schatten der Toten Der Zukunft entgegen
Wie ein Stern in dunkler Nacht Eine Art Familientreffen

Aus der Stadt der Lebenden Toten zu entkommen ist kein leichter Auftrag. Nach Erfüllung dessen, was zu vollbringen sie versprachen, fliehen Yann Sertun und seine Gefährten aus Warunk - ein kleines Mädchen aus der Stadt im Gepäck. Und wer weiß, ob sie überhaupt hätten fliehen können....

Der Zukunft entgegen

Flucht aus der Hölle

Sich in den Schatten der Stadt der Toten zu bewegen, das beherrschte Liskaju schon so lange sie sich erinnern konnte. Aber niemals zuvor hatte sie es getan und war dabei völlig auf sich allein gestellt gewesen. Es hatte immer ein Heim gegeben, zu dem sie zurückkehren konnte... ein kleines Bett, ein paar Arme...
Nichts davon war geblieben- seit dem Mittag nicht einmal mehr ein Haus.
Geika und Latu hatten den Unterschlupf verlassen noch bevor die Sonne aufging. Liskaju hatte sie die halbe Nacht lang beobachtet- immer denjenigen, der geschlafen hatte. Geika musste eine Hexe sein, dessen war sie sicher... denn nur mit einem Zauber konnte sie ihre Gedanken derart verschleiert haben, dass Liskaju sich freiwillig schlafen legte. Wer schlief schon gern... Tatsächlich hatte sie geschlafen... verfolgt von Alpträumen... bis sich ihr Verstand schließlich ins Wachsein zurück kämpfte. Doch dass sie nicht schlief, das hatte sie den beiden Erwachsenen nicht anvertraut- und so kam es dass beide glaubten, das Kind kurz vor Sonnenaufgang zu wecken.
Sie waren aufgebrochen und hatten ihr nur die Kerzen gelassen im dunklen Keller. Lange hatten sie hinab geblickt, die Luke in der Hand, so als rängen sie mit sich selbst. Noch immer schnaubte das Kind bei dem Gedanken daran. So als würde sie ihnen etwas bedeuten. Wobei, ganz so falsch lag das vermutlich nicht... immerhin kannte sie den Weg aus der Stadt... oder sie glaubten es zumindest. Tatsächlich war sie sich gar nicht so sicher, dass sie wirklich bescheid wusste. Diesen Teil ihrer Arbeit hatte die Mutter stets allein versehen. Natürlich waren die Kinder darauf bedacht gewesen, sie zu verfolgen... Nur immerhin... einen Mondschatten zu verfolgen war keine leichte Sache- speziell wenn er nicht verfolgt werden wollte. Liskaju hatte gewartet, bis sie völlig sicher sein konnte, dass Geika und Latu nicht doch umkehren und sie holen würden, dann verbarg sie von den Schätzen ihrer Mutter so viel als möglich in ihrer mehrschichtigen Kleidung und verließ den Keller. Keinen Moment zu früh. Kaum hatte sie sich auf das Dach gehangelt, da sah sie eine Abordnung von Söldnern, die im ersten Tageslicht die Leichen der anderen Kinder abholten. Als sie bemerkten, dass eines fehlte, hielten sie- bis auf einen- sofort auf das Haus zu. Nicht lange, und der Mann würde Alarm geben... und dann wären die Straßen voll von Gardisten. Einem aufmerksamen Beobachter würde früher oder später das Blut auffallen...
Das Mädchen erwog kurz, mit dem Gott der Sterne zu handeln wie es die Mutter oft getan hatte, doch sie zögerte. Was, wenn jedem, der den Göttern diente so ein Ende drohte? Und wenn Phex ihre Mutter geliebt hatte... warum musste sie dann so... Resolut schüttelte Liskaju den Kopf. Ihr blieb jetzt keine Zeit um zu hadern- sie musste verschwinden. Vorsichtig auf allen Vieren krabbelnd bewegte sie sich bis zur Dachkante und spähte hinunter. Glatter Stein. Kein Fenster- keine Wachen. Die befanden sich vor und hinter dem Haus. Mit einem sarkastischen, kaum sichtbaren Lächeln in den Mundwinkeln konzentrierte sie sich einen Moment- und schwang sich dann über den Rand. Der glitschige Schimmel störte sie nur insofern, dass ihre Bewegungen Spuren auf der Wand hinterließen... Aber was blieb schon anderes übrig. Eine Wand hinunter, und an der des gegenüberliegenden Hauses wieder hinauf. An der Dachkante riss sie sich die Hände auf, hielt dennoch nicht inne. Über die Dächer, durch die Gassen... Geübt seit so vielen Jahren. Nur konnte sie nicht sicher sein, welchen Mitteln den Häschern zur Verfügung standen. Wenn sie einen Magier mit hatten... und dieser auf die Idee kam ihr Blut zu benutzen...
Über Umwege erreichte sie das Wirtshaus in dem sie die Gruppe um Geika und Latu wusste und kauerte sich dort neben dem Kamin zusammen. Warm war das Gestein... und durch die vielen Gänge über die Dächer fand sie die verborgene kleine Klappe schnell. Eigentlich nur dazu da um im Notfall das Dach begehen zu können für die Ausbesserung kleinerer Schäden hatte sie diesen Ort bei einem ihrer ersten Streifzüge finden müssen- eine der ersten Aufgaben, die ihre Mutter ihr gestellt hatte. Der Dachboden wurde um diese Jahreszeit auch als Vorratskammer genutzt. Zufrieden ließ sie sich hinab und genehmigte sich eine Mahlzeit- ohne sich wirklich um die Spuren zu scheren, die ihre vom Schimmel verschmierte Kleidung und Schuhe hinterließen. Wenn jemand hier hinauf kam, dann würde sie schnell genug fort sein. Doch wie in den letzten Tagen schon öfter blieb das Glück ihr hold. Nicht nur, dass niemand etwas vom Speicher zu benötigen schien, sie sah sogar genau zum rechten Zeitpunkt aus dem Fenster um den Aufbruch der Fremden zu sehen. Während sie sich beeilte wieder auf das Dach hinaus zu klettern, glitten ihre Gedanken erneut zum Gott der Sterne. Warum war er ihr hold und hatte ihre Mutter verraten? Zornig blickte sie zum bewölkten Himmel.
„Lass mich gefälligst! Ich brauch dein Glück nicht und ich will es nicht! Wenn du wieder gut machen willst, wie du meine Mutter verraten hast, lass dir etwas anderes einfallen!“ zischte sie böse in die Stille der Nacht- und machte sich dann an die Verfolgung Latus. Ganz genau wusste sie nicht, warum sie ihm folgte. Ihr Interesse war geweckt. Dass Yaviro, Geika und Latu nicht aus dieser Gegend kamen- vermutlich sogar aus den freien Landen- das verstand sie mittlerweile. Zu trauen war ihnen dennoch nicht. Und sie suchten die Kaschemme Otterngrube auf. Liskaju traute ihren Augen kaum. Die Stammkneipe ihrer Mutter... Aber wenn dieser Latu ein Diener Phexens war- und das vermutete Liskaju- dann konnte sie ihn vielleicht dazu bekommen, in ihrer Schuld zu stehen. Und dann würde er sie nicht zurück lassen, sobald sie sie außerhalb die Mauern Warunks gebracht hatte. Was dann weiter geschehen sollte, daran wagte sie nicht zu denken- geschweige denn zu hoffen, vielleicht wenigstens einmal im Leben jene Lande zu erreichen, in denen die Namen der Götter laut ausgesprochen werden durften, wie die Mutter ihr erzählt hatte. Nicht dass sie viel Wert auf die Götter legte... oder überhaupt sehr viel von ihnen wusste. Am meisten noch von Phex. „Nur dich mag ich nicht, hörst du? Verräter!“ flüsterte sie heiser, während sie über ein Dach kletterte. „Ich werd mir deinen Diener zunutze machen... du benutzt mich nicht... Feiger Verräter...“
Im nächsten Moment hielt sie sich lautlos fluchend die Hand, denn in einer dunklen Ecke hatte aus einem der Balken ein langer Nagel vor gestanden und war ihr tief durch die Haut gedrungen. Kochend vor Zorn setzte sie schließlich ihren Weg fort, ihren Zorn auf den grauen Gott mühsam zurückhaltend. Sie blieb auf dem Dach, als sie bemerkte, dass Latu, Geika, Yaviro und Oter verfolgt wurden- und war sehr erstaunt und gleichzeitig in ihrem Verdacht bestärkt, als auch Latu dies zu bemerken schien. Dass er in die Schatten tauchte und dem Mann eine Falle stellte fiel ihr erst auf, als sie sich fast selbst verriet. Absichtlich bohrte sie sich die Fingernägel in die verletzte Handfläche. Es würde niederhöllisch schwer werden, diesen Mann hinters Licht zu führen... falls es ihr überhaupt möglich war. Doch letztendlich hing ihr Leben daran. Was blieb schon für eine Wahl? Die Geräusche des Kampfes klangen relativ weit in der totenstillen Stadt. Wussten sie die Gefahr nicht? Warum machten sie solch einen Lärm? Von ihrem Platz aus konnte Liskaju sehen, dass eine Patrouille näher kam. Sie zögerte noch einen Moment. Dort unten waren sie noch immer mit dem offenbar gestellten Verfolger beschäftigt. Kurz rollte das Kind mit den Augen.
„Dafür schuldest du mir was! Sieh nur ganz genau hin! Deine Schuld wird immer größer!“ Und damit ließ sie sich hinab, schwang sich an der nächsten Hauswand hinab und trat auf die Gasse.
„Da kommt eine Patrouille.“
Für einige Sekunden sah sie sich den blank gezogenen Klingen der Waffen gegenüber- und dem misstrauischen Funkeln von vier Augenpaaren- dann verschwand die Welt in dunklem Stoff und dem Geruch eines menschlichen Wesens. Ganz leichter Duft nach Kräutern, so als habe die Frau vor nicht allzu langer Zeit gebadet... Geika drückte sie an sich. „Hör auf!“ fauchte Liskaju leise. „Als nächstes willst du mich noch...“ Zu spät. Die Rothaarige drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Liskaju versteifte sich und brachte ein „Ihh“ heraus- mehr aus Trotz, weil ein Teil von ihr gar nichts dagegen hatte, dass Geika sie küsste... denn dieser Teil von ihr verstand, dass die Frau sich offenbar Sorgen gemacht hatte. Sie nahm es zur Kenntnis- ebenso wie die Tatsache, dass Latu ihr zu nickte und sich dann rasch mit Yaviro verständigte. Geika ließ sie soeben los, als der kräftigere Mann dem offenbaren Verfolger- Liskaju kannte ihn als Spitzel der Stadtwache- ohne viel Aufheben die Kehle durchschnitt. Nicht nur innerlich trat sie mehrere Schritte zurück. Wie befürchtet- sie waren kein bisschen besser als die Leute innerhalb dieser Stadt. Nur jetzt nahmen sie sie mit sich. Den eingeschlagenen Weg kannte sie nicht- sehr wohl aber die Frau, vor der sie nur kurze Zeit später in einem geheimen Kellerraum standen. Myrhiam von Garrel gehörte zu einer der verschiedensten Kontaktleute ihrer Mutter. Dass sie im Widerstand war, dafür hatte das Mädchen nun keinen Zweifel mehr. Aber dass der Widerstand mit den freien Landen in Kontakt war, das erstaunte Liskaju. Tollkühn waren sie ja, alle miteinander. Dass Latu nur kurze Zeit später darauf beharrte, dass sie bei den Widerständlern zurück bleiben sollte, gefiel dem Kind überhaupt nicht. Sie war nicht erpicht darauf in den Molchenberg unter Rhazzazors goldener Pyramide zu kriechen- nicht in jenen Berg, aus dem dieser unsagbare Dämon gekrochen war, der das Land verheert hatte... das Omegatherion. Doch zurück zu bleiben stellte ihr beim bloßen Gedanken schon die Haare auf den Armen auf. Und sie wusste, dass sie ihren Instinken trauen durfte. Wenigstens etwas, das immer verlässlich blieb.
„Dann werdet ihr mich so los... Ihr habt ja doch nicht vor, auf dem Rückweg wieder vorbei zu kommen“, brachte sie ihr altes Argument vor. Die Reaktion in Geikas Gesicht erstaunte sie. Die Frau zeigte fast so etwas wie Zuneigung. Aber an dem Entschluss sie hier warten zu lassen- rüttelte sie nicht. So begannen Stunden des Wartens. Langeweile machte das Mädchen normalerweise schläfrig, doch diesmal... je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurden ihre Beine und Hände. Myrhiam kam schließlich zu ihr, eine Scheibe Brot in der Hand, und einen Streifen Käse.
„Na Krümel, bist du hungrig?“
Liskaju sah ärgerlich zu der Kämpferin auf.
„Krümel?“ Diese musterte die strenge Miene des Kindes und grinste.
„Naja, bist ja noch recht kurz geraten für Dein Alter... wachsen musst Du noch ein Stück.“
„Ach... wie alt schätzt Du mich denn?“ forderte das Kind heraus.
„Du vergisst, dass ich deine Mutter schon eine geraume Weile kannte, Kind. Ich weiß, dass du älter bist als deine Größe glauben macht.“
Langsam erhob sich Liskaju.
„Was lässt dich glauben, ich sei noch ein Kind?“ fragte sie ablehnend. Myrhiam musterte die jungen, verschmutzten Züge vor sich eine Weile, ehe sie wieder leise zu sprechen anhob.
„Tu mir einen Gefallen, Mädchen... vergiss nicht- ganz tief in dir drin- dass du eigentlich noch ein Kind sein solltest. Sonst wirst du früher oder später verlernen, was Lachen ist.“ Liskajus Miene verhärtete sich nun erst recht, doch ehe sie sich kochend vor Zorn eine Antwort zurecht gelegt hatte, war Myrhiam aufgestanden. Brot und Käse ließ sie zurück, und hungrig schlang die Heranwachsende es hinunter. Sie kaute noch auf dem letzten Bissen, als ein Schlag die Geheimtür nach oben aufriss. Licht fiel herein.
„Macht sie nieder!“ erklang eine kalte Stimme. Dieser Klang... Liskaju wusste, niemals im Leben würde sie diese Stimme vergessen. Dieser Mann hatte ihre Mutter verhaftet...
Wie in Zeitlupe sah sie die Männer und Frauen des Widerstandes ihre Waffen ziehen, während sie selbst förmlich an Tisch und Bank zu kleben schien. Die Zeit dehnte sich, alle Geräusche wurden von ihren Ohren plötzlich doppelt so deutlich aufgenommen. Das Zischen von Armbrustbolzen in dem kleinen Raum. Das Geräusch der schweren Stiefel. Der Klang von gekreuzten Klingen. Noch während sie auf das andere Ende des Raumes zu hechtete, prallte von hinten etwas hart auf sie. Durch den Aufschlag auf dem Stein musste sie einen Moment das Bewusstsein verloren haben, denn als sie die Augen öffnete, war ihr Gesicht mit Blut verklebt. Nicht ihr eigenes Blut jedoch, denn sie litt keine Schmerzen wie sie von einer Schwertwunde herrührten. Offenbar hatte man nicht genau nachgesehen und die niedergemachten Widerständler nur in eine Ecke gezogen. Das Kind war nicht sicher ob jemand entkommen war und sie hütete sich davor sich zu bewegen und so vielleicht einen der Männer im Raum aufmerksam zu machen. Aus schmal geöffneten Augenlidern erkannte sie mehrere Paar schwerer Stiefel. Söldner. Sie waren gerade im Versuch, die Tür zu öffnen, die zu den alten Gängen in den Molchenberg führte. Offenbar waren sie nicht mit dem Mechanismus vertraut, und die Falltür nach oben war noch immer geöffnet. Liskaju nutzte den Moment sich einen weiterführenden Überblick zu verschaffen. Sie selbst war mehr oder weniger eingeklemmt unter zwei Körpern. Ihr Kopf schmerzte rasend und ihr Blickfeld wollte immer wieder verschwimmen. Vorerst schloss sie darum die Augen wieder und lauschte. Den Gesprächen nach zu urteilen handelte es sich um die üblichen Söldner, nicht um ranghöhere Gardisten. Obwohl ihr das Gewicht der Körper und die zunehmende Kälte der Gliedmaßen über ihr das Grauen durch den Leib trieb, regte das Mädchen sich nicht. Abrupt schreckte sie wieder auf und schaffte es gerade noch, keine verräterische Bewegung zu machen. Sie ahnte, dass sie kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte- oder schlichtweg eingeschlafen war. Egal was von beidem, die Tür in den Berg war aufgebrochen und nur zum Schein wieder eingesetzt worden- in geöffneter Stellung.
„... die Leichen raus schaffen und das Blut mit Sand abstreuen. Wäre doch schade, wenn unsere Freunde zu früh etwas mitbekommen...“
Für einen Moment flutete Panik durch Liskaju, als zwei der Söldner begannen anzupacken. Der Raum war eng, und offenbar hatte sie die Zahl der Körper über sich überschätzt. Als ihr Glück stellte sich die Leiter nach oben heraus. Für die Männer war es nicht einfach, die schlaffen, zum Teil aber schon versteifenden Körper nach oben zu hieven. Um besser zu sehen holten sie die Lampen dort hin... schließlich, so scherzten sie rau, machten sich Körper ohne Brüche besser im soldlosen Banner... Liskaju glaubte, jeder von ihnen müsse das laute Pochen ihres Herzens hören. Sie fürchtete und hasste sie von ganzem Herzen. Keiner von denen würde ihr mit der geringsten Gnade begegnen. Es war eine Mischung aus Mut und Verzweiflung, die sie dazu brachte, sich in Bewegung zu setzen. Langsam, ganz vorsichtig schob sie sich Finger um Finger unter dem Körper hervor, der sie halb bedeckte. Keiner der Männer sah in ihre Richtung, sie hievten weiter an einer der Leichen. Und dann ging alles schnell. Flink wie ein Eichhörnchen huschte Liskaju auf die Tür zu und hindurch. Der Luftzug ihrer schmächtigen Gestalt reichte aus, um dem Holz ein winziges Knarren zu entlocken.
„Was war da?!“ Dieser Satz brachte ihr Herz beinahe zum Springen. Und so gut als möglich versuchte sie sich zu konzentrieren. Es ging schlechter, wenn die Konzentration wankte. Ihr blieben aber nur wenige Herzschläge Zeit, das ahnte sie. Innerhalb des Ganges gab es keinerlei Versteckmöglichkeiten- zu lang, zu gerade. Rechtzeitig würde sie niemals das andere Ende erreichen. Mit zwei mehr gesprungenen Schritten war sie an der Wand angekommen... und jetzt war es ihr egal, dass sie beschlossen hatte Phex zu hassen... sie dankte ihm in einem stummen und von ganzem Herzen kommenden Stoßgebet als ihre Hände an der glatten Wand auf zauberhafte Weise Haftung fanden- und ebenso die Füße. Es gab keine Ritzen die sicher genug waren... Aber von ihrem Vater besaß sie etwas, das mehr wert war als Gold... Magie. Wie eine kleine dunkle Spinne huschte sie die Wand hinauf und drückte sich an der Decke in eine der Verwerfungen. Keinen Herzschlag zu früh- denn im selben Moment trat einer der Söldner in den Gang, leuchtete.
„Und?“ erklang eine Stimme hinter ihm. Liskaju hielt den Atem an, als er zwei Schritte vor trat und die Fackel hoch über seinen Kopf hielt. Die Hitze sengte ihre Haut durch die Kleidung. Hoffentlich fing diese kein Feuer... hoffentlich hielt er ihre schmutzstarrende Kleidung für einen Teil des Felsens falls er hoch blickte... denn hoch war der Gang nicht. Mit ausgestreckter Hand würde er sie packen können. Die Fackel war keinen halben Schritt von ihren Beinen entfernt. Sein Blick ging auch nach oben... Aber weiter den Gang hinab, nicht direkt über die Tür. Sie erkannte das Zweifeln in seiner Miene- das Zweifeln an dem was er gesehen zu haben glaubte, während die Hitze ihre Beine marterte und ihr Tränen des Schmerzes in die Augen trieb.
„Nichts...“
„Wo du auch Schatten siehst. Ich sage dir doch, es war das Flackern der Lampe, wer sollte hier sein, wir haben sie alle getötet und außer uns war niemand im Raum...“
Brummend zog der Söldner sich wieder zurück- blieb jedoch so stehen, dass er den Gang im Auge würde behalten können. Liskaju wartete, bis sie sicher war, dass sie Schmerzen in ihren Beinen weit genug nachgelassen hatten, dann setzte sie sich in Bewegung. Ganz langsam und vorsichtig. Jedes falsche Geräusch würde in den Gängen lauter widerhallen. Jedes rieselnde Kieselsteinchen. Das Ende des Ganges schien und schien nicht näher zu wachsen.
Obwohl das verzerrte Gerede der Söldner zu ihr drang und sie ahnte, dass sie sich wieder hinter die Tür zurückzogen um die Falle nicht im Voraus zu verraten, durfte sie kein Risiko eingehen. Schweiß trat auf Liskajus Stirn. Sie fühlte, wie ihre Konzentration zu bröckeln begann, und ihr Kopf schmerzte noch immer wie wahnsinnig. Erschöpfung breitete sich durch ihre Arme und Beine aus. Die Kraft die sie seit gut einem Jahr zu nutzen verstand erreichte den Punkt der Erschöpfung. Sie gab sich noch einmal Mühe ihre Konzentration zu bündeln, noch ein Stück... noch etwas weiter... So viel Weg wie möglich schaffen, ehe sie sich mit schierer Körperkraft würde anklammern müssen... und dazu hatte sie nicht im Geringsten ausreichendes Schuhwerk an. Die Kraft versagte ganz unvorhergesehen und überraschte sie völlig. Sie kam nichteinmal dazu noch zu schreien oder zu versuchen sich festzuhalten... da verlor sie den Kontakt zur Decke und fiel... fiel... fiel... in ein paar starker Arme, die ihren Fall lautlos bremsten. In der Dunkelheit erkannte sie Latu. Für einige Sekunden war da ein intensives Gefühl, das ihr Inneres wärmte... ein Empfinden von Zugehörigkeit... eine Gewissheit, dass er da sein würde... Wie ihre Mutter es gewesen war. Dieser Gedanke ernüchterte sie schlagartig wieder und sie zog sich zurück wo sie eben noch versucht gewesen war sich einfach tragen zu lassen, sich an ihn zu lehnen und für einen Moment das Weitere den Größeren zu überlassen. Abrupt legte sie einen Finger über ihre Lippen und wies den Gang hinab.
Latu sah auf das junge Gesicht seines Schützlinges. Das Kind war blutverschmiert und sichtlich am Ende seiner Kräfte. Eine große Beule prangte auf seiner Stirn. Für einen Moment schien es in seinen Armen zusammen zu sinken als er es auffing, schien sich ihm entgegen zu strecken um bei ihm Schutz zu suchen- und dann war es vorbei. Was eben noch wie ein Anflug von kindlicher Schwäche und Unschuld gewirkt hatte, zog sich tief zurück. Er verstand das eindringliche Zeichen des Mädchens auch ohne dass es nötig gewesen wäre. Etwas war geschehen, sonst würde sie nicht so aussehen. Er gab seinen Gefährten ein Zeichen und wortlos zogen sie sich hinter den Durchbruch zurück. Dreißig Schritt würden ihnen eine geflüsterte Unterhaltung ermöglichen ohne dass die Gänge zu weit trugen. Viel lag hinter ihnen in den letzten Stunden. Sie hatten das verfluchte Banner gefunden und trugen es mit sich... Aber gegen was waren sie angetreten. Dämonen. Übergroße Spinnen... Untote. Er schluckte und schob es mit einem Blinzeln zur Seite. Sie waren alle ramponiert und verwundet. Erschöpft. In Ruhe nachdenken konnte man später- nun musste es voran gehen... sie mussten weg.
„Was ist passiert?“ flüsterte Geika leise neben ihm in Richtung des Mädchens, das an der Felswand lehnte, während die Hexe im Schein der Blendlaterne sie rasch untersuchte. Da Geika beruhigt wirkte konnte das Blut nicht von eigenen Verletzungen stammen.
„Ihr könnt nicht dort raus. Söldner. Sie haben die Widerständler getötet. Sie warten auf euch.“
„Und du?“ hakte Latu nach.
„Ich hab mich tot gestellt und den richtigen Moment abgepasst“, erwiderte das Kind knapp. Der Phexgeweihte nickte anerkennend- und fast ein wenig stolz. Wieder entkommen. Die Anlagen stellten sich als immer besser heraus- vermutlich dank fundierter Schulung von frühester Kindheit an- aber welchen guten Fang würde er dort für seinen Herrn machen. Eine kleine Goldgrube.
„Wie kommen wir jetzt hinaus?“ erkundigte sich Oter drängend. „Wo ist der Weg hinaus? Wohin müssen wir?“
„Was ist mit dem anderen Gang, dem der nach links führte und nicht Richtung Molchenberg?“ erklang die Stimme Yaviros. Der Blick Liskajus glitt zu dem Widerständler, dann zu dem anderen Mann.
„Das ist der Weg nach draußen“, behauptete sie keck. Für einen flüchtigen Moment runzelte sich Latus Stirn. Da war ein kurzes Schwanken in der Stimme...
„Wo endet der Weg?“ erkundigte er sich. Das Mädchen musterte ihn, und ihr Ausdruck wirkte plötzlich störrisch.
„Mutter hat mich nie mitgenommen... Also weiß ich es nicht genau. Wenn du so viel fragst, stehen wir noch hier wenn die da drinnen merken, dass ihr offenbar nicht in ihre Falle tappt.“ Während die Miene der beiden anderen Männer sofort Misstrauen zeigte, konnte Latu sich zunehmenden Stolzes auf das Kind kaum noch erwehren. Ja, sie war klug. Und sie pokerte hoch... denn er war fast bereit einen Schatz darauf zu verwetten, dass das Mädchen keine Ahnung hatte, wohin der Gang führte- und ob es überhaupt ein Geheimgang war, der den Fluchtweg aus der Stadt darstellte. Und so wie sie sich ausdrückte... ihr Wortschatz... sie sah schmächtig und schmal aus... und sie wirkte als habe sie sich in ihrem ganzen jungen Leben noch niemals satt essen können... Aber sie war vermutlich älter als er zunächst geschätzt hatte. Vielleicht sogar schon alt genug um Novizin des Grauen zu werden. Auch darauf hatten seine Träume hingewiesen, fiel ihm wieder ein. Im allerersten seiner Träume, als Idra ihr Kind dem Schutz Phexens angewiesen hatte- war sie bereits kein Säugling mehr gewesen, sondern ein Kleinkind. Und so viel hatte sie bereits gelernt- kein Wunder, wenn man in einer Gegend aufwuchs, wo jeder Tag ein Kampf ums Überleben darstellte. Und dass sie kämpfte, sah man. Sie war mindestens genauso am Ende wie sie alle, und als Kind besaß sie auch deutlich weniger Reserven... doch sie lief aus eigener Kraft mit ihnen. Schließlich endete der Gang blind. Regale an den Wänden wiesen Vorräte auf und eine Stiege führte zu einer weiteren Falltür. Yaviro stieg behutsam als Erster hinauf, die Waffe in der Hand. Leise verschwand er durch die Falltür, nachdem er eine Weile gelauscht und dann durch einen Spalt gespäht hatte. Durch das herunter fallende Licht sah Liskaju, wie abgekämpft und zum Teil verwundet die Männer und Geika waren. Auch fiel ihr jetzt die Stange mit dem aufgerollten Tuch auf, dass sie mit sich führten. Das hatten sie also geborgen. Trotz ihrer Kopfschmerzen neugierig trat sie darauf zu- doch Geika legte ihr eine Hand um den Arm und hielt sie zurück.
„Fass es nicht an, Kleines... Du würdest es bereuen. Ich musste es auch am eigenen Leib erfahren.“ Die Worte erklangen mit solchem Ernst, dass Liskaju sie unbesehen glaubte und ihr Vorhaben aufgab. Sie alle wurden durch die Rückkehr des Liebfelders abgelenkt.
„Das hier scheint der Vorratskeller einer kleinen Bauernkate zu sein. In der Stube unterhalten sich vier Leute- eines davon scheint ein Kind zu sein. Ich vermute die Bauernfamilie. Der Blick aus dem Küchenfenster zeigt, dass wir bereits außerhalb der Stadtmauern sind.“ Jetzt erhielt Latu Gewissheit, denn er sah deutlich, wie Erleichterung durch das Kind lief. Mehr noch, er war jetzt sicher, dass sie keine Ahnung gehabt hatte, wie der Weg aus der Stadt überhaupt lag. Noch höherer Einsatz ihrerseits also. Sie hatte es sogar eine Zeit lang geschafft, ihn an der Nase zu führen. So groß war die Erleichterung des Kindes, dass sie in die Knie sackte. Aber dennoch schoss sie ein:
„Hab ich doch gesagt!“ in Oters Richtung. Es war dem Phexgeweihten gleich, dass Geika ihn verwundert ansah, als er leise aufkicherte. Wie sollte sie verstehen, warum dieses rotzfreche Kind Anlass seiner spontanen Heiterkeit war? Der Widerständler ignorierte das Mädchen und begann gemeinsam mit Yaviro zu beratschlagen, wie sie am Geschicktesten die Bauern übertölpeln konnten... und entschlossen sich dann, einfach nach oben zu gehen und zu sehen was geschah. Yann bildete diesmal das Schlusslicht, denn seine Gefährten waren im Kampf deutlich stärker- und irgendjemand musste das Banner bergen. Geika schied aus. Er wusste nicht wieso, aber offensichtlich war ihr Leid widerfahren, als sie das unheilige Artefakt berührt hatte. Liskaju beobachtete mit großen Augen, wie Oter und Yaviro einfach mit den Waffen in der Hand durch die Tür traten- und die Bewohner der Hütte sich zu Boden warfen. Mutter, Vater, Sohn... und ein zahnloser alter Greis, der sie einen Moment anglotzte und dann strahlte.
„Schau Kindchen, Besuch... Bei Travia, seid ihr durstig?“
Alle Blicke glitten zu dem Mann.
„Nein! Der Alte ist nicht bei Sinnen, ihr Herren!“ schrie der Hausherr auf. „Mishkara wollte er sagen, vergebt dem alten Narren! Blut und Seelen für Rhazzazor!“ Er sprang auf und riss den verständnislosen Alten ebenfalls auf die Knie herab.
„Diesmal sei ihm vergeben!“ warf der Kämpfer des Widerstandes hart ein. Derweil beobachtete Liskaju, wie die Erwachsenen Lebensmittel und ein paar wetterfeste Umhänge der Bauern einpackten. Latu ließ einen kleinen Beutel zurückließ, der leise klimperte. Dann folgte das Mädchen den Erwachsenen hinaus. Ruhigen Schrittes und doch möglichst unauffällig bewegten sie sich zwischen den Baracken, die heute zumeist Söldnern Quartier bot. Nur vereinzelt konnten hier noch Bauern ihre Felder bestellen oder Herden ernähren.
Für eine Weile marschierten sie, dann verharrte Liskaju kurz, wandte sich um und warf einen Blick zurück. Stinkend lag das modernde Loch das Warunk war hinter ihnen. Geika bemerkte das Zögern des Kindes als erstes, drehte sich zu ihr um und hielt ihr eine Hand hin. Liskaju musterte die erwachsene Frau ein wenig verwirrt.
„Ich bin kein Kleinkind, ich kann ohne Hand laufen“, brummte sie, ließ den Blick noch einmal schweifen- nur um sich dann von Warunk abzuwenden und festen Schrittes ihren Weg fortzusetzen- der Zukunft entgegen.

Von Ragnhild Nitz

Querverweis zum Weiterlesen:
Andregos Sicht auf die Erlebnisse in den Schwarzen Landen, vor dem Aufbruch und nach der Rückkehr: Bis wir uns wiedersehen (Führt in den Bereich "Geschichten über Andrego")

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