Im Schatten der Toten Der Zukunft entgegen
Wie ein Stern in dunkler Nacht Eine Art Familientreffen

Yann erlegt es sich selbst auf, Liskaju zur Phexgeweihten auszubilden, und erst viele Jahre später begegnet er, nun mit seiner Schülerin an der Seite, seiner Schwester Jalani ein weiteres Mal.

Eine Art Familientreffen

... oder was man so Familie nennt...

‚So ein schöner Sommer’, war der erste Gedanke Jalanis, als ein Sonnenstrahl ihre Nase kitzelte und aus dem Schlaf weckte. Mit einem leisen Gähnen schlug sie die Augen auf, streckte sich genüsslich. Nahnuk schlief noch, und sie betrachtete die friedlichen Gesichtszüge des Kleinkindes. Ihr Sohn war der Sonnenschein ihrer Tage, und mit jedem Schritt die seine Welt größer wurde, schienen sich auch ihr völlig neue Wege auf zu tun. Nach dem letzten Besuch bei ihrem Bruder Enan Tuljow ein Jahr zuvor hatte sie beschlossen, den Jungen nicht länger bei seiner Amme zu lassen, sondern ihn von nun an mit auf ihre Reisen zu nehmen. Die Sonne hatte eben erst den Horizont überschritten, und in dem kleinen Lager rührte sich noch nicht viel. Darian, der schweigsame Kämpfer saß am Feuer, den Mantel um die Schultern gelegt, als sie unter dem Wagen hervor krabbelte, der ihr heute Nacht ein Dach über den Kopf gewesen war. Seine Wache war die letzte gewesen, irgendwann in der Nacht hatte er sich wohl unter der Decke an ihrer Seite hervor gestohlen ohne sie oder den Jungen zu wecken. Leichtfüßig erhob sie sich, trat hinter ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals und küsste seine Wange.
„Warum legst du dich nicht hin? Bis unsere Reisegefährten aufstehen und die Pferde angeschirrt haben, findest du bestimmt noch zwei Stunden Ruhe. Ich gebe so lange Acht.“
Er lächelte kaum erkennbar, schüttelte stumm den Kopf. Natürlich würde er sich nicht ablösen lassen. Das hatte er schließlich in dem Monat, den sie nun gemeinsam reisten noch nie getan. So setzte sie sich schließlich zu Darian, der einen Arm leicht um ihre Hüften schlang. Bei seinem nach außen hin so ruhigen Wesen erstaunte es sie immer wieder, wenn er seine andere Seite zeigte. Leidenschaftlich im Kampf war er. Und ein leidenschaftlicher Mann auch in Rahjas Armen. Aber dennoch überaus diskret.

Langsam wurde es heller und auch merklich wärmer. Die Vögel unterbrachen ihr frühmorgendliches Konzert und auch unter den anderen Wagen regte sich nun etwas. Bei den momentanen Temperaturen war es zu stickig um im Inneren zu schlafen- zumal sie voll beladen in Richtung Angbar zogen, das innerhalb eines Tages in Sichtweite kommen sollte.
Aus dem Augenwinkel sah sie Linnert, den Anführer ihrer kleinen Reisegesellschaft auf sie beide zu kommen. Der Garether Handelsmann verstand es geschickt seinen Zug zu halten und seine Leute auf sich einzuschwören. Dafür dass sie ihn erst einen Monat kannte, hatte er rasch Jalanis Respekt gewonnen. Schlau und gerissen wie ein Fuchs war der Mann, aber zugleich herzlich und seinen Gefolgsmännern gegenüber gerecht, der von ihm gezahlte Lohn angemessen… und machte er gute Geschäfte, gab es Sonderzahlungen.
Eine leichte Rauchfahne bei ihrem größten Wagen verriet, dass die Albernierin Brea ihr Kochfeuer entzündet hatte, um ihnen allen ein frühes Mahl zu bereiten.
„Es ist in Ordnung, Darian. Ruh dich noch aus, wir sind wach.“ Mit leichter Belustigung bemerkte Jalani, dass das Wort Linnerts den Krieger sehr wohl dazu veranlasste, sich zu erheben und auf den Wagen zuhielt, unter dem sie übernachtet hatten.
„Dein Bengel nimmt Reisaus“, ließ sich seine Stimme über die Schulter vernehmen. Mit einem leichten Fluch sprang die Geweihte des Aves auf und an ihm vorbei. Natürlich. Er war für das Kämpfen da. Für die Wache. Sie für den Jungen. Nicht dass er ihn nicht mochte, sonst hätte sie das Lager nicht mit ihm geteilt. Er hatte ihm zum Beispiel ein paar Tiere aus Holz zum Spielen geschnitzt. Aber ihn hüten… Nahnuk hatte das Lager bereits verlassen, marschierte auf seinen tapsigen Beinen voran. Nur wenige Schritte, dann hatte sie ihn eingeholt, schnappte ihn sich und warf ihn hoch in die Luft.
„He, du kleiner Tunichtgut, wie oft muss ich dir noch sagen: Lauf nicht immer weg!“ Der Zweieinhalbjährige lachte fröhlich, als sie ihn auffing.
„Mettling!“ rief er aus, zeigte auf die Wiese vor ihnen. Zwischen einigen Blüten schaukelten Schmetterlinge hin und her. „Mettling, Bume!“
Amüsiert strich sie über sein rotblond schimmerndes Haar.
„Sehr hübsch. Aber heute kommst du doch wieder an die Leine.“
„Lei!“ jammerte er mitleiderregend in seinem Kauderwelsch. Wieder lachte seine Mutter auf, trug ihn zum Lager zurück und streifte ihm das lederne Geschirr über. Im Rücken verschlossen, damit er nicht heran reichte, und mit einem langen Riemen gesichert konnte er sich nicht mehr als einige Schritt von dem Ort entfernen, an dem sie ihn anband. Seitdem er lief, gab es sonst den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als ihn immer wieder einzufangen. Manches Mal tat sie genau das: Ihm folgen und dabei zusehen, wie er neue Dinge entdeckte. Eingreifen, wenn es gefährlich wurde. Ansonsten einfach nur genießen.
Mit Nahnuk trat sie zu Brea um ihr zur Hand zu gehen. Für zahn Personen zu kochen war nicht immer eine dankbare Aufgabe. Die Albernierin lächelte ihr zu.
„Ist der Schlingel wieder auf Entdeckungsreise gewesen?“ erkundigte sie sich, als seine Mutter den Jungen an einem der Wagenräder anband. Jalani grinste vielsagend, löste die Frau beim Rühren der Grütze ab.
„Gib nur gut auf ihn Acht. Seit wir von Gratenfels aufgebrochen sind, ist ungewöhnlich wenig geschehen. Etwas Schlimmes könnte geschehen. Kein Rad- oder Achsenbruch. Nur wenige Orks. Niemand wurde krank. Und wir fanden immer gute Rastplätze. Ich sage dir, Namija, so wie ich hier stehe: Heute wird noch etwas passieren.“ Jalani hob leicht die Schultern.
„Vielleicht ist es auch einfach so, dass die Götter mit uns sind.“
„Selbst wenn, so viel Glück…“
Während sie ihrer aller Frühstück rührte, verwünschte Jalani sich dafür, ausgerechnet an diesem Morgen ihrer Köchin zu helfen. Je schöner der Tag, und je reibungsloser vor allem, um so eher sah die abergläubische Frau schwarz. Und geschah dann etwas, triumphierte sie vermutlich. Nicht dass die wandernde Bardin es für möglich hielt, dass noch eine Achse brechen und einen von ihnen erschlagen würde. Diese Reise war ganz einfach von Aves gesegnet- durch ihr heimliches Wirken. Es jedoch auszusprechen würde mehr Fragen aufwerfen als beantworten, und so lauschte sie Breas leisem Lamentieren- schließlich folgte sie dem Stillen Pfad ihres Herren. Ihr Zweig der Kirche sah Aves unter anderem als Weber der Schicksalsfäden an und zog es darum vor, inoffiziell zu wirken. Ähnlich wie die Diener Phexens.
Jalani ergriff die erste Gelegenheit, sich mit ihrem Sohn abzusetzen ohne dass es unhöflich wirkte. So konnte sie die Mahlzeit auch mit Darian gemeinsam einnehmen. In Angbar würden die gemeinsamen Wege sich trennen, und fehlen würde der ernste, schweigsame Mann ihr. Seine Nähe und sein Wesen hatten über die gemeinsame Zeit der Reise hin ein Gefühl der Geborgenheit geweckt. Und er mochte ihren Gesang. Gut, es gab kaum jemanden, der ihren Gesang nicht mochte. Sogar Nahnuk war dann ganz still.
Sie betrachtete die großen blauen Augen des Jungen.
„Wenn ich einfach immer sänge, ob du dann vielleicht nicht dauernd fort laufen würdest?“
„Haaaaa!“
Die Bardin warf ihren Sohn erneut hoch in die Luft und wirbelte ihn danach im Kreis, bis er vor Lachen Schluckauf bekam. Dann erst hielt sie inne und sann darüber nach, ob der Schelm, mit dem sie ein Jahr zuvor gereist war, vielleicht doch mehr abgefärbt hatte als sie dachte. Auf jeden Fall war die Zeit bei den Gauklern eine ähnlich fröhliche gewesen, wie dieser Sommermorgen. Und lieber war sie ein wenig unsteter geworden, offenherziger, als dass die Erinnerungen an ihre Zeit in den schwarzen Landen sie erneut schwermütig machte
„Tug hätte dir eine Menge Unsinn beigebracht, wenn du alt genug wärst um ihn zu begreifen.“
„Un-si!“ gab Nahnuk begeistert von sich.
„Ja, genau. So etwas merkst du dir natürlich. Aber mit deinen zweieinhalb Jahren vernünftig sprechen anzufangen… Warum? Deine Mutter versteht dich ja. Ich weiß manchmal nicht, bist du nur zu träge um ganze Sätze zu benutzen, oder zu raffiniert.
Oder beides…“

Angbar erreichten sie am Abend des selben Tages, und die Gruppe sich verabschiedete sich herzlich- im Versprechen sich am morgigen Abend nach Erledigung ihrer Geschäfte noch gemeinsam in einem Wirtshaus zu treffen um wenigstens einen Teil des verdienten Geldes oder Soldes gemeinsam zu verfeiern. Und mit Darian würde sie ohnehin noch für die Dauer des Aufenthaltes in der Stadt gemeinsam das Zimmer teilen. So war sie nun frei, ihren Bruder zu besuchen. Mit ihrem Sohn auf dem Arm, lenkte sie ihre Schritte jedoch zunächst einem anderen Ort zu, um für jenes Familienmitglied zu beten, das sie nun schon Jahre nicht mehr gesehen oder von ihm gehört hatte… und um den sie sich sorgte. Düstere Träume suchten sie bisweilen heim.
Wo sich der geheime Tempel des Phex befand wusste sie noch sehr gut, war dieser doch als seltene Ausnahme kein wandernder Tempel, und so trat sie auf leisen Sohlen ein.
Ein Mann kniete vor der Statue des Fuchses, ein schlaksiger Jüngling an seiner Seite. Von beiden war kein Laut zu hören. Ein kurzer Blick, dann gewöhnten Jalanis Augen sich an das Halbdunkel und sie konnte den Aves-Schrein ausmachen. Ruhigen Schrittes trat sie darauf zu, setzte Nahnuk ab, als dieser strampelte. Besser ihn an seinem Geschirr halten und so wenigstens halb konzentriert beten können, als dass er seinen Unmut mit lautem Schreien kundtat. Leise Laute von ihrem Sohn kündeten, dass er liebend gerne hier herum stromern würde- wie an jedem neuen Ort. So lange er nicht lauter wurde, bestand eigentlich nicht die Chance, dass er die beiden anderen betenden störte. Also schloss sie selbst die Augen, versenkte sich in die Zwiesprache mit ihrem Gott.
Dass ihr seine Leine- dank seines gleichmäßigen Ziehens- durch die Hand glitt, spürte sie erst zu spät, und mit hellem Jauchzen stürzte der Junge vorwärts. Noch nie zuvor war er ihr entglitten während eines Gebetes.
Er rannte quietschend auf die beiden anderen Besucher des Tempels zu. Jalani sprang auf und eilte ihm nach.
„Nahnuk, du ungezogener Tunichtgut!“ rief sie aus, nun selbst nicht mehr leise. Der betende Mann vor ihr war deutlich genug zusammen gezuckt und warf unauffällig einen Blick über die Schulter. Jalani stoppte so abrupt ab, dass sie stolperte. Ihr Bruder- Nahnuk. Nach dem sie ihren Sohn benannt hatte. Für den sie hatte beten wollen. Wilde Freude flammte in ihrem Herzen auf, und für den Moment war es ihr egal, ob ihr Sohn im Tempel Schabernack anstellte. So lange sie sein Jauchzen noch hörte, war er nicht weit. Für Sekunden schwankte der Blick des Mannes vor ihr, der sich bemüht langsam umdrehte, zwischen Erschrecken und Fassungslosigkeit, dann las sie auch in seinem Gesicht tiefe Freude… für einen Moment jedenfalls, denn dann wandte auch der Jüngling an seiner Seite sich um, und die Miene des Phexgeweihten zeigte lediglich noch eine abgeschwächte Version seiner tatsächlichen Gefühle.
Jalani drängte ihren eigenen Überschwang zurück, obschon ihr Gesicht dennoch vor Glück strahlte. Langsam trat sie auf ihn zu.
„Es ist Jahre her!“ Ihre Stimme hüpfte vor all der unterdrückten Wiedersehensfreude, und impulsiv trat sie vor, ergriff seine Hände. „Ich habe zu den Göttern gebetet, dass es dir gut geht, alter Streuner! Und ich habe Phex verflixt viel geboten dafür, dass er mir das Glück schenkt, dir noch einmal über den Weg zu laufen!“ Yann spürte Bewegung halb hinter sich und wusste, dass Liskaju sich ebenfalls erhoben hatte. Er konnte ihre Neugier förmlich riechen. Er sah seiner Schwester kurz eindringlich in die Augen, dann wandte er sich mit einem leichten Lächeln ab.
„Liskaju, darf ich vorstellen: Die Bardin Namija, mit der ich früher gemeinsam Abenteuer bestanden habe. Namija… das ist Liskaju.“
Jalani wandte sich der schlaksigen Gestalt zu.
„Sowas, auf den ersten Blick hatte ich dich für einen Jungen gehalten…“ sagte sie verwundert, hielt dem Mädchen dann mit einem herzlichen Lächeln die Hand hin. „Die Zwölfe zum Gruße.“
„Die Zwölfe zum Gruße, Namija…“ Höflich deutete Liskaju eine Verbeugung an. „Ich habe von euch gehört. Es ist mir eine Ehre.“
„Haahaaaaaaaaa!“ erklang es laut, und Jalani fuhr herum. Nahnuk war auf die Phexstatue geklettert und warf die Arme hoch wie ein tollkühner Reitersmann.
„Entschuldigt mich kurz…“ Die Bardin zwinkerte Yann zu, schlüpfte um die beiden anderen herum und pflückte ihren Sohn vom Rücken der Statue, hielt ihn vor sich in die Luft. „Nahnuk, du kleiner Irrwisch! Dir hat doch ein Schelm deine Flausen in den Kopf gesetzt! Du bist schwerer zu hüten als ein Sack voller Flöhe!“
Der Junge lachte, zeigte auf die Statue hinter sich.
„Phe!“
„Kluges Kind!“ lobte Jalani, setzte ihn sich auf die Hüfte und wandte sich wieder zu Yann und seinem Schützling um, die sie beide mit wachen Augen beobachteten. „Es tut mir leid, der Kleine ist kaum zu halten seitdem er läuft. Ich glaube, ich bringe ihn zurück in unser Gasthaus. Die „Zwergenschänke“, falls ihr Lust habt, morgen abend meinen Auftritt zu hören. Und ich würde gerne erfahren, wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist, mein Freund“, sagte sie mit einem warmen Blick in Yanns Richtung. „Ich habe selbst auch einige interessante Geschichten zu teilen. Also, kommt in die Schänke, ich denke für meine persönlichen Gäste dürfte das Essen als Dank für meine Darbietung kostenlos sein.“
„Das klingt gut“, erwiderte Yann mit einem Grinsen. „Das nehmen wir gerne an.“

Es war bereits seit Stunden dunkel draußen als es am Fenster klopfte, was Jalani deutlich erkennbar zum Schmunzeln brachte. Sie erhob sich um ihrem Bruder Einlass zu gewähren.
„Du kommst spät… Ich hatte früher mit dir gerechnet“, begrüßte sie ihn grinsend. Yann schwang sich elegant in den Raum, schloss lautlos das Fenster hinter sich.
„Oh du weißt doch: je später der Abend, desto schöner die Gäste...“ erwiderte er abwinkend. Das entlockte ihr ein Lachen. Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit zu einem weichen Teppich, der neben dem Bett- wo Nahnuk schlief- die bequemste Sitzgelegenheit bot. Doch ehe er sich setzen konnte, wirbelte sie plötzlich herum und fiel ihm um den Hals.
„Oh großer Bruder… ich bin so glücklich dass es dir gut geht!“ erklang es, durch den Stoff seiner Kleidung ein wenig gedämpft. Langsam schloss er seine Arme um den schmalen Körper seiner Schwester und zog sie für einen Moment so fest an sich, dass jeder den sich beschleunigenden Herzschlag des anderen fühlen konnte. Worte waren nicht notwendig. Die Art und Weise wie sie einander begegnet, die Abenteuer die sie bestanden hatten… wie sie schließlich erkannten, dass sie eine Familie waren, längst als sie schon entdeckt hatten, dass sie einander schätzten. Die Tatsache, dass sie beide Phex nahe waren. Es gab so viele Unterschiede… und dennoch auch so viele Gemeinsamkeiten.
„Jalani…“ Nur ein einziges Wort, und dennoch sagte es alles aus. Dass er sich freute. Dass er sich gesorgt hatte. Dass er sie in seinem Herzen trug. Für eine Weile rührten sie sich nicht, dann lösten sie sich langsam, nahmen Abstand. Beider Augen schimmerten ein wenig verräterisch, und sie grinsten einander wissend an, ehe sie sich auf dem Teppich niederließen.
„Yann… es gibt so viel zu erzählen, ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll!“ lachte sie leise. Für sie war er Yann, nicht mehr Nahnuk. An den Jungen Nahnuk konnte sie sich kaum erinnern… und als Yann hatte sie ihn erneut kennen gelernt.
„Du bist auch völlig sicher, dass du mir etwas erzählen willst?“ warnte er sie neckend. Jalani drohte ihm scherzhaft mit dem Finger, ehe sie ihn unvermittelt ernst ansah.
„Du bist meine Familie. Wenn ich jemandem vertraue, dann dir und Enan. Auch wenn ich nicht wirklich viel über dich weiß.“
Er musterte sie eingehend.
„Betrübt dich das?“ erkundigte er sich behutsam. Jalani winkte ab.
„Unsinn. Ich muss nicht wissen, welche Rollen du alle spielst, welche Aliase du benutzt und was du alles anstellst. Dein Weg folgt Phex, so wie meiner Aves. Du bist mein Bruder und dir gehört ein ganz besonderer Platz in meinem Herzen. Wenn ich dich sehe, dann ist es voller Freude. Mehr muss ich gar nicht wissen, denn bislang hast du mir- Mondschatten hin oder her- keinen Grund gegeben dir nicht zu trauen. Und ich hätte natürlich absolut nichts dagegen, einmal wieder gemeinsam mit dir die Straße zu teilen. Wir müssen ja nicht unbedingt wieder den Aarenstein stehlen…“ Beide feixten angesichts der Erinnerung, hingen ein wenig den gemeinsamen Erinnerungen nach.
„Du warst in den schwarzen Landen?“ fragte er schließlich, nachdem eine Weile Schweigen geherrscht hatte. Jalani nickte, lehnte sich gegen die Wand und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Vor etwas mehr als vier Jahren. Ich dachte mir, eine Karte könne der KGIA oder den Kräften Weisstobriens hilfreich sein. Und Barden haben die Grenzen immer wieder unbehelligt überschritten. Ich habe mir ein paar sehr zotige Lieder angeeignet, und eine Identität die dorthin passte. Und dann habe ich sie bereist. Transysilien. Xeraanien. Die Warunkei. Aber die Träume haben mich schließlich rasch wieder vertrieben.“ Sie schauderte leise, fühlte wie sich seine Hand auf ihre legte und hakte ihre Finger lose in seine.
„Träume?“
„Ich habe dich gesehen. In den Kerkern Yol Gurmaks. Und Augen. Hunderte, tausende von fliegenden Augen. Wie ich in Transysilien ab und an welche sah. Manches Mal glaubte ich den Verstand zu verlieren, aber schließlich war meine Arbeit wichtig. Aber nach Yol Gurmak hinein traute ich mich nicht und fühlte mich als habe ich dich verraten- so sehr ich mir auch einzureden vermochte, dass du viel zu klug bist um dich erwischen zu lassen. Dann sah ich wieder dich… gefangen in der goldenen Pyramide und eilte- voller Schuldgefühle und heillos verwirrt- nach Warunk. Unterwegs hatte ich weitere Traumgesichte, in denen eine Frau zu Tode gefoltert wurde, und als ich dann Warunk erreichte und dort Unterschlupf suchte um nach dir Ausschau zu halten, war sie doch am Leben. Ich warnte sie, dass ich ihren Tod sah, aber sie lächelte nur. Sie war sehr interessiert an meinen Träumen und half mir bei meiner Suche. Als wir keine Spur von dir fanden kamen wir zu dem Schluss, dass ich wie bei ihr eine Zukunftsvision hatte, und sie schwor mir auf Phex, bei deinem Auftauchen in Warunk ein Auge auf dich zu haben und dich zu warnen. Dafür nahm ich eine kleine Gruppe Flüchtlinge mit, die sie zusammenstellte. Bis auf einen waren es alle Kinder. Ich beschrieb dich so genau wie möglich und zeichnete ein Bild von dir. Länger konnte ich nicht bleiben, die Alpträume waren…“ Sie schauderte. „Seither habe ich in jedem Phex- und Rahjaschrein, in jedem Tempel gebetet, dass es dir gut geht und ich dich wieder sehe.“ Sie schluckte kurz. „Ich hatte vor, zurückzukehren und ihr erneut mit den Flüchtlingen zu helfen. Aber dann… kam meine Schwangerschaft dazwischen. Und meine Entführung nach Glorana.“
„Entführung?“ fragte er in besorgtem Tonfall.
„Nahnuks Vater… reiste mit seinen Hetleuten fort, um niemals wieder zu kehren. Er setzte die Segel gen Güldenland, und wir waren uns beide klar, dass es eine Reise ohne Wiederkehr ist. Um die neuen Ufer habe ich ihn beneidet, aber ich sorgte mich um deinen Verbleib und blieb darum zurück. Als mir kurz nach seinem Aufbruch klar wurde, dass Rahjas Segen Früchte tragen würde war ich untröstlich ihm das nicht mehr sagen zu können, und wanderte eine Weile völlig ziellos. Ein falscher Zugvogel übertölpelte mich in einem Tempel des Aves. Für eine Weile war ich gefangen in einem nervenzermürbenden Alptraum und als ich wieder zu mir kam, fehlten mir Monate an Erinnerungen und ich lag mit dickem, runden Bäuchlein gefangen in den Tiefen Gloranas. Über all die Zeit hatte jemand von meinem Blut genommen…“ Sie streifte die Ärmel hoch und zeigte ihm die noch leicht zu sehenden Narben von Schnitten, versuchte den eindringlich musternden, zutiefst bestürzt und besorgten Ausdruck seiner blauen Augen zu übersehen. „Mit mir gefangen war ein Diener des Angrosch, und zusammen mit seinen Gefährten gelang und die Flucht… Ein Magus der rechten Hand. Ein Halbelf. Ein Abenteurer. Und eine Moha. Eine lustige und erfahrene Gruppe. Ich begleitete sie- oder sie mich, wie man es will- in Sicherheit. Väterchen Umrax war mir eine Stütze, denn ich war sehr in Sorge, ob mein Sohn Schaden genommen hat… denn mein Blut- und das des Angroschim- wurden für ein finsteres Ritual benutzt. Du kannst mir glauben… ich habe freiwillig die Schule der Austreibung und sogar die Stadt des Lichtes aufgesucht um mich und meinen Sohn überprüfen zu lassen. Aber die Zwölfe waren mit mir. Sowohl meine Seele als auch die meines Kindes blieben unbefleckt.“ Sie spürte, wie ihr Bruder aufatmete und schenkte ihm ein schmales Lächeln. „Es war natürlich nicht angenehm, dass ich mir so Mitwisser um meine Weihe schuf. Aber es gibt Dinge, die wichtiger sind.“ Yann nickte bestätigend, und ruhig fuhr seine Schwester fort. „Gerade damals habe ich dich vermisst. Aber Enan konnte ich das nicht erzählen. Er weiß nichts von meiner Weihe. Und dir einen Brief zu hinterlegen… Briefe können gestohlen werden. Ich betete einfach noch inbrünstiger um ein Wiedersehen, ließ Nahnuk bei Enan und suchte dich landauf, landab. Zu dieser Zeit war ich sehr schwermütig, du hättest mich kaum wieder erkannt. Dann wurde ich- mehr oder weniger- von einer Gruppe Zahori überrollt. In ihrer Gesellschaft lebte ein Schelmenkind. Tug.“ Sie lachte leise. „Er brauchte genau zwei Wochen, und mein Herz war leicht wie lange nicht mehr. Rahja band Tug und mich ein halbes Jahr aneinander, und die Zahori nahmen mich gerne auf. Seitdem bin ich wohl ein wenig unsteter geworden.“ Sie lächelte versonnen. „Nach diesem halben Jahr blieb ich eine Weile bei Enan, ehe ich noch einmal Gelegenheit bekam mit Väterchen Umrax, Fernando, Rahjan und Cante Tinza zu ziehen. Savertin- der Abenteurer- war leider nicht dabei. Gemeinsam konnten wir eine unbedeutende Rolle beim Umzug des Stoerrebrandtschen Handelshauses spielen- du hast sicher davon gehört.“
Yann lächelte.
„Das in der Tat, aber dein Name kam nicht an meine Ohren.“
„Ich sage dir, das wäre eine Unternehmung nach deinem Geschmack gewesen…“ Erwiderte sie mit einem Kichern. „Ein wahrhaft phexgefälliges Meisterstück. Als sich unsere Wege erneut trennten, trieb mich die Sehnsucht zu meinem Kind. Jetzt bin ich eine Weile damit zufrieden gewesen Handelszüge zu begleiten, neue Lieder zu schreiben und Kunde zu bringen, damit die Bardin Namija einmal wieder von sich hören lässt, denn so kann ich auch meinen Sohn mitnehmen. Und jetzt bin ich hier.“ Sie grinste und fügte an: „Du bist dran. Was hast du erlebt?“
Yann feixte frech.
„So dies und das…“ Als Jalanis Gesicht in gespieltem Zorn aufblitzte, lachte er. Ihr konnte er einen Teil anvertrauen.
„Ich war tatsächlich auch in den schwarzen Landen. Und mir träumte von deinem Tod durch Folter. In Mendena.“ Bedeutsam sah er sie an. Ihre Brauen hoben sich als sie seinen Blick erwiderte.
„Tatsächlich hat mich in Mendena beinahe jemand gefangen…“
„Jedenfalls wusste ich, dass du Schwarztobrien bereist hattest, denn ich entzifferte die Signatur mit der du alle deine Karten kennzeichnest. Sehr raffiniert gewählt.“
„Danke, aus deinem Mund ist das ein echtes Lob.“
Yann grinste.
„Darf ich nun erzählen, oder nicht?“ Er fuhr fort, als sie entschuldigend lächelte. „Ich war ebenfalls in Warunk. Und wir scheinen ein und derselben Frau begegnet zu sein. Nur mit dem Unterschied, dass wir ihren Tod bezeugten. Sie starb… durch Folter. Vor dem schwarzen Drachen.“
„Und wie bist du zu deinem Grauling gekommen?“
Yann sah seine Schwester scharf an, und diese lachte.
„Oh, der Gedanke liegt doch nahe, das war nicht wirklich schwer zu raten…“
„Man könnte sagen, Phex hat mich zu ihr geführt, auf fast mysteriöse Art und Weise…“ Er sah seine Schwester mit einem leisen Lächeln an, und sie nickte.
„Schon gut, es ist nicht wichtig.“
Jetzt war es an ihm entschuldigend zu lächeln, aber Jalani winkte unbetrübt ab.
„Sie ist schon länger bei dir?“
„Beinahe drei Jahre.“
Die Geweihte des Aves seufzte sacht.
„Vielleicht sollte ich mir auch einmal einen Novizen suchen. Aber bislang hat das Schicksal mir noch niemanden ausgedeutet. Wer weiß, vielleicht mein Sohn, zu gegebener Zeit.“ Sie wies auf den schlafenden Jungen. Yann lächelte.
„Wieso hast du ihn Nahnuk genannt?“ fragte er neckend.
„Oh, nach meinem Lieblingsbruder… dem ich mich sehr verbunden fühle“, erwiderte Jalani offenherzig- und sah Yann liebevoll an, obwohl sich ihre Wangen röteten. Sein Grinsen wurde ein wenig gemein als er sie neckte:
„So verbunden kannst du dich nicht fühlen, so altmodisch und traviagefällig wie du zu sein scheinst…“ Jalani kicherte, ließ sich nicht aus der Reserve locken.
„Du hast KEINE Ahnung. Ich werde dir auch nicht auf die Nase binden, in wie vielen Städten schmachtende Männer darauf warten, dass eine gewisse kleine Bardin wieder einmal in die Stadt kommt. Wozu sollte ich Rahjas Freuden von mir weisen? Es blieb nicht aus, dass es irgendwann Früchte trägt. Ich bin erstaunt, dass es bislang nur einmal geschah. Aves und seine alveranischen Eltern Rahja und Phex. Nach ihnen ist mein Leben ausgerichtet. Nach wie vor.“
Er lachte mit ihr gemeinsam und fuhr ihr neckend über das Haar.
„Und wenn es dir reicht, dann gibst du Nahnuk bei Enan ab? Na der wird sich bedanken…“
Jalani lächelte.
„Tatsächlich hat er sich gefreut. Er ist übrigens seit einem Jahr Großvater. Schon seltsam… irgendwie ist er völlig aus der Art geschlagen.“
Yann grinste.
„Jede Familie braucht ein schwarzes Schaf.“
Die beiden phexgefälligen Geschwister sahen einander an und lachten vergnügt darüber, dass sie beide ihren traviagefälligen, sesshaften und anständig- bürgerlichen Bruder beide gleich sahen. Sogar ihre Eltern waren Phex treu gewesen als einfache, ziehende Händler. Für einige Momente herrschte diebisches Vergnügen angesichts des gutmütigen Herziehens über Enan. Dann war es Jalani, die wiederum auf Liskaju zu sprechen kam.
„War es sehr anstrengend, jemanden immer bei sich zu haben?“
„Am Anfang war es nicht einfach mit dem Mädchen. Sie war voller Stur… Stolz… Jähzornig. Voller Angst und Misstrauen. Aber wir haben uns zusammen gerauft. In letzter Zeit ist es wieder ein wenig schwieriger geworden. Manchmal verstehe ich ihre Gedankengänge einfach nicht.“
Jalani lachte auf.
„Natürlich. Sie wird größer. Und du hast beinahe einen Jungen aus ihr gemacht. Jetzt wird sie aber, ob sie will oder nicht zur Frau.“
Perplex ob dieser Aussage über seinen Grauling, den Jalani nur wenige Momente im Phextempel gesehen hatte, starrte der Mondschatten seine Schwester an.
„Wie bitte?“
„Wie alt ist das Mädchen?“ erkundigte sie sich anstelle einer Antwort.
„Erst nahezu fünfzehn.“
„Und… hat sie weiblichen Einfluss in ihrem Leben? Hat ihr jemand… ihre körperlichen Veränderungen begreiflich gemacht?“ Yann sah seine Schwester ein wenig aus dem Konzept gebracht an.
„Welche körperlichen…“ Er hielt inne. Liskaju war in letzter Zeit in die Höhe geschossen. Sie würde keine Riesin werden, hatte nun aber beinahe Augenhöhe mit ihm. Und ihre Figur wurde langsam weiblicher- sah man es ihr ob ihrer Schlaksigkeit in ihren Jungenkleidern auch noch nicht an. Er räusperte sich, fuhr fort: „Bei mir war so etwas nie nötig. Man begreift doch von alleine, was geschieht, wenn man älter wird.“
„Wurdest du von einem Mann ausgebildet?“ erkundigte Jalani sich sanft.
„Ja, aber…“ Er hielt inne, dachte nach. „Ich sehe deinen Punkt. Bestimmte Dinge konnte ich einfach nachleben und so lernen.“ Nachdenklich verschränkte er die Arme vor der Brust.
„Ehe ich es vergesse- weiß sie eigentlich, dass du und ich eine Familie sind?“ hakte die Geweihte des Aves ein wenig zusammenhanglos nach.
„Natürlich nicht.“
„Gut. Dann belassen wir es bei alten Freunden, die einen bescheidenen Anteil an der Bekämpfung der roten Seuche im lieblichen Feld hatten?“
„Ja.“
Jalani nickte, kehrte dann zum Thema zurück.
„Hat dein Schützling eigentlich schon… einen Rahjatempel besucht?“ erkundigte die Bardin sich ruhig.
„Einmal, als sie jünger war. Zu jung, um bestimmte zwischenmenschliche Dinge zu lernen, ehe du fragst. Seitdem… gab es viel zu lernen. Aber es stimmt. Ihre weibliche Seite ist… wenig gefördert. Selbst wenn sie gelegentlich ein Kleid trägt. Sie bewegt sich darin beinahe unbeholfen. Ich habe schon länger nachgedacht, was ich dagegen tun kann.“
„Hast du niemals daran gedacht, sie für eine Zeit zu einem weiblichen Mondschatten zu schicken?“
„Hm…“ Yann seufzte. „Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, sie auf die eigenen Füße zu stellen. Nur ist sie in meinen Augen zu jung und ungefestigt für die Weihe…“
„Jedes Küken wird flügge. Aber selbst wenn es fliegt, dann braucht es die Eltern noch. Wie soll es sonst lernen die dicksten Würmer zu picken?“ Erwiderte Jalani sinnbildlich.
„Schwester, versuchst du mir etwas zu sagen?“ hakte Yann schmunzelnd nach. Sie beugte sich vor.
„Wer von uns ist denn derjenige, der Rätsel liebt? Finde es doch heraus…“

Das Gasthaus war beinahe zum Bersten voll als Jalani die kleine provisorisch errichtete Bühne betrat. Durchziehende Spielmannsleute hatten bereits für gute Stimmung gesorgt, aber von einer echten Bardin erhoffte man sich Neues. Kunde von fernen Ländern. Vielleicht Neuigkeiten aus der Politik. Mit sanftmütigem Gesichtsausdruck ließ die zarte Frau sich auf einem Schemel nieder, die Laute auf ein Knie gestützt. Ein dunkelblaues Kleid das an den Ärmelsäumen mit türkis-gelben Mustern bestickt war umschmeichelte ihre Gestalt.
„An so einem schönen Sommerabend will ich euch keine ernste Kunde bringen, sondern vielmehr singen von den südlichen Landen. Ich bringe euch ein Lied aus den Weiten jenseits der großen Khom…“ eröffnete sie mit schwingender Stimme, schlug dann in die Seiten und begann ihren schwungvollen Vortrag in der harten und doch fließenden Zunge der Tulamiden. Mochten die Menschen das Lied nicht verstehen, so ging der eindringliche Rhythmus dennoch in ihr Blut. Kaum erkennbar schmolz das Stück dahin, dann ein leicht veränderter Ton, ein Wechsel im Rhythmus… die Sprache schien sich von selbst zu verändern, und ehe die Zuschauer es recht begriffen sang Jalani in fröhlichen Worten der garethischen Zunge einen Tanzreigen. Ein kaum merkliches Nicken in Richtung des Bühnenrandes und die Spielleute setzten mit ein. Die Bardin lächelte vergnüglich als sie Yann tanzen sah. Für Sekunden suchten ihre Augen Liskaju, dann sah sie das Mädchen im dichten Gewühl. Ob sie lange Finger machte? Eine Idee reifte in der Sängerin und mit leichtfüßigen Schritten entfernte sie sich ein wenig von den Spielleuten, und wie abgesprochen gehörte die nächste Melodie ihrer Laute allein. Mit einem frechen Grinsen tat sie einen Sprung und schlug ein wiederum völlig anderes Stück an. So wie es ein reisender Bänkelsänger singen mochte:
„Wenn über der Kaiserstadt dämmert die Nacht,
und es endet Herrn Praios strahlende Wacht,
So hebet an der Schatten-Reigen,
in dem wir uns zum Tanz woll’n neigen.
Vom Himmel lacht der Mond hernieder,
und aus den Schatten hallt es wider.
Ob Hure, Dieb; ob Bettler, Lahmer, Blinder
es ziehen aus des Fuchses Kinder.
Und versucht die Garde die Straßen zu sichern,
so hört man doch leise den Listigen kichern.
Wer ist geschickt und rasch im Vorteil erhaschen
oder reckt gern die Finger nach fremder Leut Taschen,
der sei geladen hinaus in die Nacht-
der Fuchs möge urteilen wie gut er sich macht.
Zuletzt dem Herrn Praios im strahlend’ Gewand
sei ein fröhliches Zwinkern gesandt.
Die Schatten- Herr- danken euch euer Licht
Denn ohn euer Strahlen gäb es sie nicht.
So haltet das Licht des Herrn niemals für schlecht,
so lange es anderen leuchtet, sei uns das recht.“
Herzliches Lachen antwortete der Bardin, die sich schwungvoll verneigte.
„Woher bringt ihr uns dieses Lied, schöne Namija?!“ rief eine Stimme. Sie lachte, stützte kokett eine Hand in die Hüfte.
„Ich habe es soeben ersonnen!“
„Unserem Pfaffen gefällt es nicht so recht!“ Erklang es aus einer Ecke, wo ein gut genährter Kaufmann neben einer finster blickenden Gestalt in Weiß saß. Namija ließ sich durch die Tatsache dass ein Geweihter des Sonnengottes anwesend war nicht aus der Ruhe bringen, sondern deutete elegant einen Knicks an.
„In diesem Fall, euer Gnaden, will ich als nächstes ein Liedlein darüber ersinnen, wie euer Herr dem Gesindel ein Schnippchen schlug. Aber ihr wollt uns verzeihen, dass wir uns heute abend dem Gaukelspiel hingeben… Das Stück für die Sache eures Herrn werde ich dann bei Tage zum Besten geben.“ Mit einer weiteren koketten Verbeugung wandte Jalani sich wieder ihrem Publikum zu.
„Nun, da ich euch ein neues Lied gebracht habe und euch ein wenig mit Schabernack unterhielt, nehme ich Wünsche entgegen. In der Zwischenzeit werden die Spielmannsleut Schelmenklang zum Tanze aufspielen.“ Ehe sie sich zurückziehen konnte, wurde wieder eine Stimme laut:
„Werte Namija, darf man euch auf einen Wein laden?“
Sie lachte.
„Händler Linnert, so förmlich? Reisten wir nicht gerade einen Monat gemeinsam durch Albernia? Doch bei Phex, so ihr euch in Großzügigkeit ergehen wollt werde ich nicht ablehnen!“
Während die Spielleute bereits einen Tanz anstimmten trat Jalani an den Rand der Bühne, ihre Laute umgehängt. Mehrere Hände reckten sich ihr entgegen, und mit geschmeicheltem Lächeln ließ sie sich helfen, eilte zum Tisch ihrer ehemaligen Reisegefährten um die Einladung anzunehmen. Erst danach- mehrere weitere Einladungen auf später vertröstend- fand sie Zeit jenen Tisch aufzusuchen, den der Wirt ihr und ihren Gästen reserviert hatte. Lachend ließ sie sich zu Yann sinken.
„Wie hat euch mein kleines Spottlied gefallen?“
Während ihr Bruder nur grinste, lachte Liskaju hell auf.
„Das war einfach phänomenal! Und wie der alte Praiospriester dreinblickte. Die Leute waren schockiert, man konnte die Stille beinahe greifen.“
Jalani winkte ab.
„Oh, seine Gnaden Praiowin hätten ja auch nicht anders drein blicken können. Aber ich kenne ihn schon eine Weile. Er besitzt durchaus Humor. Er kann es nur nicht haben, wenn direkt neben ihm etwas gestohlen wird. Dafür besitzt er auch ein eindeutiges Gespür.“
Liskaju zog die Brauen hoch und sah die Bardin unschuldig an.
„Ihr meint, es könnte jemand so dreist und auch noch so dumm sein?“ fragte sie staunend. Jalani grinste breit.
„Oh, man weiß nie…“
„Aber mutig war es. Wenn Ritter des Bannstrahl anwesend wären…“
Die Bardin lachte leise.
„Wenn das Wörtlein wenn nicht wär…“
„...wär Stoerrebrandt kein Millionär…“ vervollständigte Yann.
Alle drei kicherten leise, und für eine Weile herrschte Schweigen, in dem sie sich ihrem Essen widmeten. Jalani, die nur etwas leichtes zu sich nahm, kehrte danach noch einmal für zwei Stunden auf die Bühne zurück und verließ sie unter lautem Applaus wieder. Münzen regneten in ihre dargebotene Schale, während die Kneipe sich allmählich ein wenig leerte. Die Bardin freute sich, dass Yann mit seinem Schützling noch immer zugegen war, als sie mit ausgedörrter Kehle an ihren Tisch zurückkehrte.
Ein Wein wartete bereits auf sie. Mit einem dankbaren Seufzen ließ sie sich auf den Stuhl sinken und leerte das Glas halb.
„Wie lange werdet ihr in der Stadt bleiben?“ wandte sie sich schließlich an Yann.
„Oh, ein paar Tage“, erwiderte er unbestimmt. „Bestimmt wirst du auch nicht ewig verweilen?“
„Mit Sicherheit nicht. Aber ich habe auch noch keine neue Reisegruppe aufgetan, die mich interessiert…“
„Ihr wählt euren Weg nach interessanten Gefährten aus?“ erkundigte Liskaju sich neugierig. Jalani wog unbestimmt den Kopf.
„Ich gehe, wohin das Schicksal mich treibt. Aber zumeist begleite ich größere Gruppen. Dort ist es am ungefährlichsten für meinen kleinen Sohn und mich.“
„Kluges Mädchen…“ murmelte Yann mit einem Augenzwinkern. Die stille Wanderin warf noch einen Blick auf ihn und seinen Schützling, dann erhob sie sich elegant.
„Ich wünsche euch noch eine phexgesegnete Nacht, aber ich habe einen anderen Freund heute sehr vernachlässigt, und unsere Wege werden sich in wenigen Tagen trennen. Wo kann ich euch finden?“
„Keine Sorge, wir finden dich“, erwiderte Yann unbestimmt. Jalani zwinkerte ihm zu, klopfte auf den Tisch.
„Ich würde euch noch einen Wein ausgeben, aber da Liskaju sich ja aus meiner Schale bedient hat, würde ich sagen… sie bezahlt. Ich wünsche borongesegneten Schlaf…“ Damit wandte sie sich ab, strich ihren verbliebenen Lohn beiläufig in einen Beutel und trat zu einem Mann, der bislang ein einsam am Tisch des Händlers Linnert zurückgebliebener Gast war, begrüßte ihn mit einem innigen Kuss und folgte ihm nur wenig später hinaus. Liskaju sah ihr nach, eine Braue leicht empor gezogen.
„Sie war aufmerksam genug es zu sehen. Beeindruckend…“
„Sie ist eine alte Freundin. Sie hat sich das ein oder andere zeigen lassen“, erwiderte Yann grinsend. „Also… Du hast dich erwischen lassen… Strafe muss sein.“
„He, das ist lange nicht mehr passiert…“ empörte sie sich leise.
„Dafür jetzt aber bei einer so einfachen Aufgabe. Um so beschämender für dich…“ stichelte er. Liskaju schnaubte, widersprach aber nicht. Und nachdem sie ihm tatsächlich einen Wein ausgegeben hatte, traten beide hinaus in die Nacht.

Die Aufmerksamkeit der Bardin wurde dadurch geweckt, dass sie ihr eigenes Lied aus einem Hinterhof hörte. Auf leisen Sohlen um die Ecke huschend, erkannte sie Yanns Schützling, der einem Hund Leckerchen zuwarf und mit baumelnden Beinen auf einem Weinfass saß. Ein einfaches Gasthaus. Ein paar Straßenkinder hörten kichernd zu.
„… so lange es anderen leuchtet, sei uns das recht…“ kam das Mädchen gerade grinsend zum Ende. Als die Straßenkinder applaudierten, deutete sie eine spöttische Verbeugung an, sah dann auf und erkannte Jalani. Für einen Moment waren ihre Gesichtszüge überrascht, dann hatte der Grauling sich wieder im Griff. Die Bardin trat näher.
„Du hast ein Ohr für Musik- schließlich hast du das Lied nur einmal gehört. Und zumindest der Teil, dem ich gerade lauschen konnte, war fehlerfrei.“
Liskaju hob die Schultern.
„Oh, wenn dir ein Lied gefällt, dann merkst du es dir eben“, erwiderte sie unbestimmt. Jalani kam noch näher und lehnte sich an ein anderes Fass.
„Deine Singstimme ist schön. Wenn du sie ein wenig übtest, dann wäre es möglich, dass du einmal eine passable Bänkelsängerin würdest…“
Das Kompliment brachte das Mädchen ein wenig aus der Fassung- so weit zumindest dass sich ihre Wangen röteten.
„Meinst du?“ fragte sie leise.
„Sonst würde ich es nicht sagen“, erwiderte die Bardin sanft. „Komm mit mir. Wir wollen meinen Sohn holen und uns eine ruhige Ecke am Rande der Stadt suchen, wo er spielen kann. Ich werde dir ein paar Lieder beibringen.“ Mit der Begeisterung, mit der das Mädchen von ihrem Sitzplatz herab sprang, hatte die Bardin nicht gerechnet. Aha- jemand also der das Singen nicht nur lernen konnte, sondern es sogar mochte. Sie seufzte lautlos. Warum nur war ihr noch kein solcher Schüler für ihren eigenen Weg begegnet? Sie musterte das Mädchen eingehender. Vielleicht konnte das hier ein Versuch sein? Immerhin gab es Defizite, wie Yann bemerkt hatte… und ausgerechnet jetzt war sie zur Stelle. Was, wenn Aves sie bewusst auf diesen Weg geführt hatte? Während sie noch darüber grübelte, holten sie Nahnuk ab und ihre Laute gleich dazu. Die anfängliche Scheu Liskajus legte sich rasch, und ihre warme, ein wenig dunklere Stimmlage als die Jalanis sowie ihr gutes Merkvermögen erfreute die Bardin. Bald sangen sie gemeinsam, und als sich das erschöpft hatte, fanden sie sich rasch in einem Gespräch wieder. Die Fragen des Graulings kamen verdeckt, taktisch klug… Die stille Wanderin war erfreut und schalt sich auf der Hut zu sein. Ganz deutlich: Das Mädchen war neugierig und wollte herausfinden, welcher Art ihre und Yanns Beziehung exakt war. Dennoch war es angenehm sich mit einem jungen Menschen zu unterhalten, der Interesse für ihre eigene Kunst besaß. Als sie sich schließlich erhoben, lächelte die Bardin zufrieden.
„Vielleicht solltest du Yann fragen, ob ihr mit mir in Richtung Punin reisen möchtet, dann kann ich dir unterwegs das ein oder andere zeigen.“ Sie musterte das Mädchen eingehend. „Unter anderem auch, wie sich eine Frau verhält…“ Der Grauling zuckte zunächst zurück und schien eine wütende Antwort auf der Zunge zu haben, schluckte sie dann jedoch herunter, und musterte Jalani eingehend mit ihren bernsteinfarbenen Augen. Diese lächelte gutmütig. „Das sollte keine Beleidigung sein. Aber für eine beinahe erwachsene Frau bist du sehr jungenhaft. Kein Wunder, wenn du in Begleitung eines Mannes reist und von ihm lernst. Aber wenn du künftig bestehen willst, dann solltest du verstehen, wie sich eine Frau verhält. Du solltest lernen die Waffen einer Frau zu nutzen.“ Die Bardin beugte sich näher und raunte Liskaju zu. „Es kann dir nur zum Vorteil gereichen.“
In den Augen des Mädchens erschien ein seltsames Funkeln.
„Es gibt Dinge, die kann ich ihn nicht fragen…“ brachte sie plötzlich heraus. „Über… über…“
„Männer?“ fragte Jalani leise. „Oder deinen eigenen Körper? Über gewisse… Gefühle?“
Entwaffnet sah das Mädchen sie an, nickte dann zaghaft.
„Vielleicht war es tatsächlich Schicksal, dass sich unsere Wege kreuzen“, erwiderte die stille Wanderin nachdenklich. „Du sollst wissen, Liskaju, dass ich weiß, welchem Pfad Yann folgt.“
„Und… ist er der deine?“ kam es sofort zurück.
„Ich bin kein Geweihter des Fuchses, falls deine Frage darauf abzielt. Aber in meinem Leben bestimmen vor allem drei der Alveranischen Herren.“
„Rahja, Phex und Aves“, stellte das Mädchen fest. Grinsend hob Jalani einen Arm.
„Ich sehe, du hast du Tätowierung gesehen. Ja, diese drei sind es in der Tat. Aber genug für nun. Frage Yann.“
„Das muss ich nicht. Wir reisen gen Gareth.“
„Und ich muss heute weiter nach Punin. Ich kann auch keinen Umweg machen. Nach Gareth führt mein Weg frühestens danach.“ Das Mädchen seufzte leise, sah dann langsam auf.
„Ich habe von Yann beinahe alles gelernt. Aber er kann mir nicht zeigen eine Frau zu sein. Und er kann mich das Singen nicht lehren. Ich werde von jetzt an eine Weile mit dir reisen. Ich muss nur mit ihm ausmachen, wo wir uns wieder treffen. Wie lange hältst du für gut?“
Jalani lachte auf.
„Frage ihn zunächst. Wenn er dich meiner Obhut anvertrauen möchte, dann sollte das Viertel eines Jahres genug sein um dir so viel zu zeigen, dass du danach selbst fortfahren kannst.“ Liskaju nickte, erhob sich dann und eilte grußlos davon. Jalani blickte ihr nach und lachte leise.
„Oh Yann, ich fürchte eine Überraschung erwartet dich. Dein Grauling ist vielleicht flügger als du dachtest, wenn sie schon so rasch darüber nachdenkt, ihren Weg von deinem zu trennen. Gib sie mir mit, und gib mir drei Monate… du wirst sie nicht wieder erkennen…“

Von Ragnhild Nitz

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