Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Liasanna folgt ihren Vorsätzen und wird Hüterin des Reichssiegels, läßt zwischen dem Entschluß, sich mehr einzumischen bis zu ihrer ersten Handlung wahrlich nicht viel Zeit folgen.
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Neue Ufer

Von dem Phönix, der aus der Asche stieg

Sonne schien hernieder auf den Alkoven im Garten der Eslamidenresidenz zu Punin. Liasanna kannte ihn länger, als irgend jemand hier – die Baronin von Nordhain ausgenommen – vermutet hätte. Vor eine halben Ewigkeit – in einem anderen Leben, soweit es die Halbelfe betraf – hatten sie sich hier mit der Gemahlin des Kronverwesers getroffen, Umbosch, Daria, Nezahed und sie, in konspirativer Stille, die an Brisanz und Gefährlichkeit doch nur ein Abklatsch des Labyrinths war, in dem sie sich nun befand. Sie war sich ziemlich sicher, allein zu sein. Im Schlenderschritt hatte sie die Umgebung des kleinen Alkovens abgeschritten, sich dann darin niedergelassen und noch einer Weile der Stille gelauscht. Nicht, daß es wirklich von Bedeutung gewesen wäre.
Denn es gab nichts allzu ungewöhnliches zu sehen. Das abgeschiedene Plätzchen war ein kleiner Pavillon, aus Metall zu einer kunstvollen Kuppel geschmiedet. Rosenranken und wilder Efeu umgaben das Gestell und ließen es wie ein Gebäude aussehen, ein Gebäude aus warmem Grün und Rot, abgeschottet von der Hektik und den Mühen der Welt. Auf dem blumenübersähten Rasen lag die Halbelfe, die in letzter Zeit so hoch in der Gunst des Kronprinzen stand, ausgestreckt, den Blick gen Firmament. Die schwarzen Haare, offen wie selten, umgaben den Kopf wie eine weitläufige Krone, der Kopf ruhte auf der am Boden liegenden Rechten. Die Strahlen der Morgensonne blinzelten schüchtern durch das dichte Blattwerk und zauberten changierende Muster auf die Haut der Halbelfe, die selbst die viele Zeit an der frischen Luft und im Sattel eines Pferdes nicht zu bräunen gewußt hatte. Liasanna hielt einen Gegenstand in der Linken, eine feine Kette aus kleinen, ineinandergreifenden Gliedern, an dem ein winziges Schmuckstück befestigt war, das wieder und wieder blitzend einen verirrten Sonnenstrahl reflektierte. Sie folgte dem Licht mit den Blicken um schließlich erneut nachdenklich zurück zu dem Kleinod zu blicken. Sie kniff die Augen zusammen, doch der Ausdruck auf ihren Zügen war unmöglich zu lesen. So versunken war sie, daß sie die leisen Schritte beinahe verpaßt hätte. Doch ebenso wie Yann Sertun sich auf Gras niemals so wohlfühlen würde wie auf den vertrauten Dielen eines Hauses, war doch in der Halbelfe noch ein Rest des naturverbundenen Erbes ihrer Ahnen übrig geblieben, und so hörte sie ihn, bevor er sie sah. In einer eiligen Bewegung zog sie an der Kette, so daß der Ring nach oben sprang, fing ihn in den Fingern der Linken und ließ Kette wie Ring eilig in der in ihrem Wams eingenähten Tasche verschwinden, bevor sich der dunkelhaarige Kopf Yann Sertuns um die Ecke schob.
„Zu spät“, stellte er mit breitem Grinsen fest, und Liasanna seufzte und setzte sich auf, Überreste von Gras und Blüten in den schwarzen Haaren. Yann nahm sich einen Augenblick, um darüber nachzudenken, ihr einige Dinge über holde Elfenmaiden mit Blüten im Haar zu sagen, entschied sich aber aus ihm selbst nicht so ganz klaren Gründen dagegen. Vielleicht, weil Liasanna seit der Reise jenseits von Uthars Pforte nicht mehr so angreifbar für solche Scherze schien. Der Blick, der zwischen Verärgerung und Verunsicherung schwankte, und der üblicherweise ihre Antwort auf Bemerkungen dieser Art gewesen war, hatte einem trockenen Schmunzeln, bisweilen sogar einer noch trockeneren Antwort Platz gemacht. Sie taute auf. Langsam, aber sie taute auf.
„Du wirst leichtsinnig“, tadelte er halbherzig, und das provozierte tatsächlich ein weiteres Seufzen.
„Vielleicht hast du recht. Aber du bist nicht hier, um mir das zu sagen.“
„Vielleicht hast du recht“, gab Yann ihre Aussage zurück und ließ sich ebenfalls im Gras nieder, vorsichtig, um das kostbare Wams nicht zu beschmutzen. Er war schon fast unverschämt gut gekleidet in den letzten Tagen. Immerhin hatte das den Vorteil, daß man sein Gesicht vielleicht nicht mehr erkennen würde, wenn er in schmutziges Leinen gewandet war.
„Aha“, machte Liasanna und hob fragend eine Braue. Wenn man bedachte, was sie erfahren hatte, am Abend zuvor, als sie mit dem Grafen von Perricum gemeinsam über dem Auge des Morgens gesessen hatten, war sie erstaunlich ruhig.
„Ihre königliche Hoheit gestattet uns eine Audienz um die erste Stunde nach Mittag. Und Rondrigan hat uns zum Essen einbestellt.“
„Wie zu erwarten war“, kommentierte Liasanna leise. „Ich hätte nicht gedacht, daß ich meinen Dienst am König Almadas damit beginne, ihn anzulügen.“
„Oh, das ist doch keine Lüge“, winkte Yann unbekümmert ab. „Wir nehmen ihm die eine oder andere Sorge ab.“
„Ich bin sicher, das hat der Reichsgroßgeheimrat auch so gesehen.“ Liasanna schmunzelte trocken. In gewisser Weise hatte Yann recht. Sie hatte schnell gelernt, daß die Nähe zu einem Herrscher auch bedeutete, daß man seinen eigenen Platz unter den Raubtieren finden mußte. Und daß, je näher man ihm kam, man umso besser darin sein mußte, Geheimnisse zu wahren – nicht nur die seinen, sondern auch die eigenen vor ihm. In Gareth, zuletzt durch Dexter Nemrod, hatte sie begonnen, zu begreifen, daß das Mittelreich nicht zuletzt auch deshalb lebte, weil es Menschen gab, die taten, was der Herrscher nicht tun wollte oder konnte, und zur Not auch gegen seinen Willen, allein, weil es getan werden mußte.
Sie hätte sich gewünscht, daß es anders sein sollte. Doch sie hatte sich entschlossen, die angenommene Verantwortung zu übernehmen, und wenn der Kronprinz sie lobte und ihr vertraute, weil sie in der einen oder anderen Situation getan hatte, was ein normaler Soldat oder Lehnstreuer nicht getan hatte, dann konnte er sich ja schlecht beschweren, wenn sie weiter dem folgte, was sie für richtig hielt. Zumal der Vorschlag des Grafen von Perricum, das Auge des Morgens zu benutzen, um zu verstehen, was im Reiche vor sich ging, durchaus Verstand hatte, und allein das Wissen, das sie bisher erlangt hatten, gab ihnen bereits recht.
Trotzdem widerstrebte der Gedanke der geradlinigen Liasanna, die dennoch Realistin genug war, um zu erkennen, daß sie keine Wahl hatte.
„Hat er bestimmt“, bestätigte Yann und streckte die Beine bequem aus. „Und wie fühlt man sich so als Siegelwahrerin des Raulsreiches?“ Nun lachte sie wirklich.
„Ich finde es ein wenig beunruhigend, daß es vorher von einem Praioten gehütet wurde. Und daß seine letzten beiden Hüter einen gewaltsamen Tod fanden. Aber ansonsten...“ Sie hob die Schultern. „Ich fühle mich geehrt von dem Vertrauen. Und wenn man es einmal im Tageslicht betrachtet habe ich schon Gefährlicheres in den Händen gehalten.“
„Alle Zwölfe, ja, du hast recht.“ Yann fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar, ließ den Kopf in den Nacken fallen. „Das vergesse ich in regelmäßigen Abständen immer wieder.“ 'Das' waren die Splitter Siebenstreichs, die immer noch im Neunaugensee darauf warteten, daß Yann, Liasanna und Angwi würdige Träger dafür fänden. Noch war die gesetzte Frist nicht vorüber, doch beide bezweifelten sie, daß sie die Gelegenheit haben würden, sich darum zu kümmern. Sie hatten das Versprechen des Schwarzen Drachen nicht vergessen.
„Wir hätten nachsehen sollen, wie es dort steht“, erinnerte sich Liasanna.
„Oder wie es Perdija geht“, fügte Yann hinzu. „Mir fällt es momentan ein wenig schwer, mir die Situation im Norden wirklich vorzustellen.. oder einzuschätzen.“ Liasanna nickte, ihm beipflichtend.
„Umso wichtiger, daß wir uns gen Norden wenden. Wenn man bedenkt, wieviel Zeit wir mit törichtem Geplänkel in Albernia verbracht haben – es kann einem wirklich schwindeln bei dem Gedanken.“
„Es ist zu spät, sich darüber zu ärgern“, wandte Yann ein, doch auch er klang frustrierter, als er es sich seinen Worten nach zugestehen wollte. Sie versanken in Schweigen, jeder in seinen eigenen Gedanken versunken, und wieder stahlen sich Liasannas Finger zu der kleinen Tasche, um das Siegel herauszuholen und wieder und wieder nachdenklich in ihren Händen zu drehen.

„Warum, um alles in der Welt, hackt sie Holz?“
Die Frage der Halbelfe kam plötzlich, vollkommen aus dem Nichts, doch natürlich wußte Yann, daß sie von Rohaja sprach. Und es hätte ihn sehr erstaunt, wenn sie diese Frage nicht wieder und wieder hin und her drehen würde. Auch ihm selbst fiel es schwer, sie zu verbannen.
„Das ist die Frage, nicht wahr?“ bemühte er sich um einen nonchalanten Tonfall. „Ich freue mich darauf, wenn du ihr diese Frage stellst.“ Liasanna biß sich auf die Lippen. Es war ihr durchaus zuzutrauen, eine solche Frage zu stellen – ebenso wie ihr zuzutrauen war, den Grafen von Perricum nach dem Tode Selindian Hals noch mitten in der öffentlichen Audienz anzufauchen. Doch sie war beunruhigt. Rohajas Verhalten ließ sich nur schwer mit der Prinzessin des Raulsreiches vereinbaren, für die sie sie gehalten hatte. Von allen, Emer vielleicht einmal ausgenommen, hätte sie eine Kapitulation am wenigsten von Rohaja erwartet. Sie schüttelte den Kopf um die Gedanken zu vertreiben.
„Ich bin mir nicht sicher, daß ich die Antwort hören will“, sinnierte Liasanna stattdessen und fuhr mit beiden Händen durch die Haare, fand einige Blüten und entfernte sie mit einem geistesabwesenden Stirnrunzeln. „Es ist eine große Erleichterung, zu wissen, daß sie noch lebt. Aber sie zu finden, zu überzeugen und zurückzubringen könnte schwieriger werden, als es sich jetzt anhört. Und nicht nur deshalb, weil sie sich in einem Gebiet befindet, von dem wir erst einmal davon ausgehen sollten, daß es unsicher ist.“ Yann nickte langsam. Er konnte durchaus verstehen, woran sie dachte.
„Du kennst sie besser als ich. Wie wird sie auf all diese Neuigkeiten reagieren?“ Liasanna blies die Backen auf und hob die Schultern in durchaus ernstgemeinter Überforderung.
„Wer weiß. Überschätze das, was ich sehen konnte, nicht. Ich war Wache des Kaiserhauses, und nicht einmal so wie die Panther ständig auf Patrouille um die Kaiserfamilie herum. Ich...“ Sie faltete nachdenklich die Hände in ihrem Schoß.
„Ich denke es ist immer wieder die alte Frage... Kampf oder Flucht? Entweder Sie wird sich zornig der Herausforderung stellen – wobei ich mich schon frage, warum sie es nicht längst tut – oder aufgeben – wobei ich nicht finde, daß es zu ihr passen würde.“ Yann nickte langsam.
„Ich sehe, du siehst es ähnlich wie ich.“
„Dann heißt es wohl hinein ins Vergnügen, oder?“ Yann schmunzelte.
„Du hast wirklich eine seltsame Vorstellung von Vergnügen. Erinnere mich daran, daß ich mich dessen einmal annehme, sobald wir etwas mehr Zeit haben.“ Nun erhielt er dochnoch den eisigen Blick, den er fast schon zuvor erwartet hatte. Und es war beruhigend, daß es Dinge auf der Welt gab, die sich wohl niemals ändern würden.

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