Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Zurück von der Reise, muß Liasanna entscheiden, wie sie sieht, was sie jenseits von Uthars Pforte erlebte, und kommt zu überraschenden Schlüssen.
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Eine längst fällige Antwort

Von bröckelnden Mauern

Ein Zimmer voller Schweigen bildete die Grenzen ihrer Welt.
Die vertraute, und doch verwirrende Schwere, die sie befangen hatte, nun, daß sie wieder in der Lage war, ihre Glieder zu spüren, nun, da sie nicht mehr Gedanke, sondern auch Substanz war, schien die Stille tröstend, notwendig gar, um die beiden widersprüchlichen Teile ihres Selbst langsam, behutsam wieder aneinander zu gewöhnen. Liasanna saß auf dem Boden, die Knie angewinkelt, die Handgelenke darauf gelegt und hielt die Augen geschlossen, spürte der Kühle der Wand in ihrem Rücken nach, bewegte behutsam Finger, Zehen, Lippen, zelebrierte jeden Atemzug und gewann langsam das Gefühl für ihren Körper zurück, für den sie nicht wenige beneidet hatten, die traumwandlerische Sicherheit, mit der ihre Glieder umsetzten, was der Geist von ihnen verlangte. Für Liasanna waren Gedanken und Bewegungen nie weit voneinander entfernt gewesen.
Sie konnte die leisen Atemzüge der beiden anderen hören, die das Zimmer mit ihr teilten. Mutter Galahan lag auf einer Liege, berührt und umhüllt on den Ereignissen, der Fürsorge und Gnade ihres Gottes, die am eigenen Leib zu spüren ihr vergönnt gewesen war.
Yann Sertun saß ihr gegenüber, und Liasanna mußte die Augen nicht öffnen, um zu wissen, daß auch er seinen eigenen Gedanken nachhing. Alle hatten sie unterschiedliche Dinge gesehen hinter Uthars Pforte, und wenn Liasannas Erfahrungen irgend ein Maßstab waren, so hatten sie alle genug, das sie mit sich und der Stille ausmachen mußten, bevor sie die Hallen des Schweigens verlassen und sich der Welt stellen würden. Keiner von ihnen verspürte besonders große Lust, dem Grafen von Perricum oder dem Kronprinzen zu erklären, was genau sie geistergleich ins Tal der Kaiser geführt hatte, oder welchen seltsamen Umständen es geschuldet war, daß Liasanna in den frühen Morgenstunden einer Erscheinung gleich in den Gemächern Rondrigans auftauchte, um ihn zu dem wiedererwachenden Prinzen zu schicken.
Liasanna kniff kurz die Augen zusammen, versuchte, die Gedanken zu vertreiben, sich auf das zu konzentrieren, was hinter ihr lag, statt schon in die Zukunft zu blicken.
Die Reise in das Totenreich hatte auch für sie Bedeutung erlangt, derer sie sich nicht entziehen konnte. Sie war nicht sicher, daß sie erwartet hatte, zurückzukehren. Ihre letzten Worte an die Götter waren geprägt gewesen von Bitterkeit und Zorn, von kaltem Trotz und abgrundtiefer Verzweiflung. Sie reihten sich nahtlos ein in die vielen anderen Beleidigungen, die sie den Zwölfen ins Gesicht geschleudert hatte, im Zorn auf ihr eigenes Schicksal. Doch ein Teil von ihr wußte, daß diese Vorwürfe ungerecht waren. Sie wußte es seit langem, und doch hatte sich etwas geändert in diesen Stunden oder Tagen, in denen sie ganz Borons Gnade ausgeliefert und dennoch auf ihren eigenen Pfaden unterwegs gewesen war.
Sie war zurückgekehrt, und nicht nur das. Hinter Uthars Pforte waren Worte gesprochen worden, wie sie sie auf Dere niemals empfangen hätte, und nicht einmal sie, nicht einmal ihr vielgelobter, vielgespotteter Trotz und Stolz konnte vollständig ignorieren, was Reichsbehüter und Kindheitsfreundin ihr auf den Heimweg mitzugeben suchten.
Sie lauschte, und spürte den Worten nach. Die Stille verbot sich jede Flucht, und mit dem Rest jener seltsamen Losgelöstheit, die Marbos Blut ihr verliehen hatte, begann Liasanna, sich selbst zu sehen.
Mit geschlossenen Lidern blickte sie durch die Augen jener, die sie umgaben, durch Yanns, durch die des Kronprinzen, durch Milas, durch Thisdans. Und sie begann, zu sehen.
Sie war längst keine unabhängige Wanderin mehr. Und sie war längst nicht mehr nur Emer verbunden. Sie hatte bittere Tränen über den vermutlichen Tod Rohajas vergossen und hatte Götter und die Welt beleidigt in ihrem Zorn über Selindian Hals plötzlichem Dahinscheiden. Sie hatte vor Wut gebrodelt über Jast Gorsams Blindheit für die wahrhaftigen Gefahren, denen das Reich sich entgegenstellen mußte und gemeinsam mit einigen, wenigen Verschwörern Reichsverrat geplant.
Sie hatte gebebt, als sie Invher ni Bennais Worte hörte, begriffen, daß selbst ihr Angebot nicht hieß, daß Albernia wahrhaftig zurückkehren würde unter die Garether Kaiserkrone, dem Namen nach wohl, doch faktisch nicht. Sie hatte sich zerrissen für eine Stadt, von der sie stets behauptet hatte, sie erschiene ihr mehr wie ein Moloch, ein vielhundertköpfiges Ungeheuer, in dem sie nicht atmen könne.
Sie war weiter gegangen als auch nur irgend jemand verlangen konnte, um den Kronprinzen zu retten, um, in Jahresfrist, Gareth zu retten.
Sie hatte sich mit dem Kopfe zuerst in jede Gefahr gestürzt, bereitwillig, ohne zu zögern. Und eine kleine, zynische Stimme merkte an, daß sie keine Wahl gehabt hatte. Doch in diesem Augenblick der Stille begriff Liasanna, daß das nicht richtig gewesen war.
Denn sie hätte die Wahl gehabt, nicht zum Reichskongreß zu gehen. Niemand hatte sie gezwungen, und ebenso hätte sie es halten können wie Nezahed, und sich an der Statue Kaiser Rauls vor einem Schwur drücken können. Doch sie hatte ihr Schwert gezogen und es dem Prinzen zu Füßen gelegt.
Dazu hatten weder die Umstände noch eine direkte Gefahr sie gezwungen.
Sie mußte der Tatsache ins Gesicht sehen.
Sie war Ritterin des Reiches geworden.

Un wieder war die altbekannte Furcht da, wie eine schwarze Katze, die sich auf Samtpfoten anschlich in der Düsternis der Hallen des Schweigens. Furcht, Panik, jenes Gefühl, das sie in den Augen eines scheuenden Pferdes sah, und das sie nur allzu gut nachvollziehen konnte. Jene Angst, die sie selbst im Angesicht des Reichsbehüters, selbst hinter Uthars Pforte selbst noch ergriffen hatte, als sei sie wie eine fundamentale Wahrheit in ihr Wesen, in ihr ganzes Selbst gebrannt.
Aber warum...?
Liasanna begriff, daß sie niemals wirklich angekommen war in dieser Welt. Wie eine letzte Sicherheit klammerte sie sich daran, nirgends dazuzugehören, überall die Fremde sein zu müssen und keine wahrhaftige Heimat zu kennen. Wie das Kind, das sich weigerte, sich im Hause seines Vaters einzuleben, weil dies gleichbedeutend gewesen wäre mit dem Eingeständnis, daß die zauberhafte, magische, leichte Zeit im Kreise der Sippe ihrer Mutter endgültig vergangen war. Doch diese Ruhelosigkeit war hausgemacht.
Doch Liasanna war sich nicht sicher, ob sie sie noch einmal hinter sich lassen konnte.
Sie war sehr bitter gewesen, ein Zynismus, der sie selbst in den relativ glücklichen Garether Jahren niemals ganz verlassen hatte. Fast so, als wage sie es nicht, glücklich zu sein. Fast so, als wage sie es nicht, ihre eigene Bedeutung zu erkennen, weil dies mit der Erkenntnis verbunden gewesen wäre, daß sie ein Teil der Entourage geworden war, die das Kaiserhaus zu dem machte, was es war.
Und sie hatte Vertrauen erfahren, so großes Vertrauen. Der Kronprinz, der sein Leben in ihre Hände legte. Vier Reitersoldaten, die ihr in die Schlacht gefolgt waren, wieder und wieder, sich nur auf ihre Taktiken, ihre Ideen, ihre schnellen Entscheidungen verließen. Die Königin Garethiens, die sie offensichtlich genug wertschätzte, um ihr einen Hauch an Unsicherheit zu zeigen. Der Rabe von Punin, der sie, die Halbelfe ohne Bezug zu den Zwölfen, an einem der heiligsten Rituale der Kirche des Boron teilhaben ließ, ohne Sorge, daß dieses sakrale Vertrauen in sie falsch gesetzt sein könnte. Vielleicht war es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Vielleicht war es an der Zeit, ebenfalls zu vertrauen. Wenn schon nicht einer Person, dann wenigstens der Welt.
Aufzuhören, nach halbherzigen Entschuldigungen zu suchen, sondern stattdessen auch für sich selbst zuzugeben, was schon so lange Faktum war.
Es war wie die Antwort auf die Frage, nein, die Forderungen, die sie den Göttern vor so wenigen Tagen zornig entgegengeschleudert hatte, erschüttert vom Anblick des sterbenden Kronprinzen.
Die Worte des Reichsbehüters klangen wie ein Versprechen, aber auch wie ein Auftrag.
Wenn es Heimat ist, die du suchst, dann kämpfe für Gareths Reich...
Es war nicht, was sie erwartet hatte. Es war nicht die Sorte Heimat, die sie sich gewünscht hätte. Doch, um ehrlich zu sein, wußte sie nicht einmal, wonach sie sich sehnte. So sicher, daß all das, was die Welt ihr geben konnte, nicht das war, was sie sich wünschte, hatte sie nicht einmal versucht, sich zuhause zu fühlen.
Sie zog die Brauen zusammen und öffnete die Augen, ohne wirklich Yann Sertun zu sehen, der ihr genau gegenüber saß. Die einzige Lösung aus der Sackgasse war es, einfach zu versuchen, sich daheim zu fühlen. Jenen halben Schritt, den sie stets versucht hatte, beiseite zu stehen, auch noch zu gehen, um zu sehen, wo es sie hinführen würde.
Um Teil von etwas zu werden, mußte man versuchen, Teil von etwas zu sein.
Liasanna nickte langsam und brach die Stille mit einem Flüstern.
„Ich habe verstanden.“

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