Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Liasanna schwört dem Kronprinz die Treue, auf geheimen Pfaden reisen sie in seinem Auftrag durch das kriegsverheerte Albernia und planen Reichsverrat. Zumindest halb erfolgreich kehren sie nach Punin zurück, um dem Kronprinzen Bericht zu erstatten, doch ein weiteres Mal, wie so oft, sind sie zu spät. Und es scheint, als habe dieser letzte Verlust schließlich Liasanna den entscheidenden Schritt zu weit getrieben
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Niemals die Eure

Anstatt eines Grundes stehe mein Wille

Und so ging der Kronprinz zu Boden, ohne ein Laut, ohne ein Anzeichen von Schmerz oder Furcht, still, in dem Schweigen des Herrn der Stille, dem sein kurzes Leben ebenso wie sein Tode geweiht schien. Angwi stürzte auf ihn zu, stürzte an seine Seite, doch jede Faser ihrer Haltung verriet, was keiner von ihnen glauben wollte, und wie so oft benötigte die Golgaritin keine Worte, nicht einmal Gesten, um zu sagen, was geschehen war. Selindian Hal, Kronprinz des Raulschen Reiches, letzter legitimer Erbe des Kaiserthrones aus dem Hause Gareth, war auf den Schwingen des Raben hinfortgeflogen.

Und die Welt zerbrach, zerfiel in schwarze Scherben aus scharfem Glas, und das Bild verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen.

Wimpernschläge, winzige Wimpernschläge nur war alles still, ein Wimpernschlag der Ewigkeit, der sich ausdehnte, als böte er ein ganzes Zeitalter in seinem kurzen Atemzug.

Warum? Was haben wir getan? Was haben wir falsch gemacht? Welchen von euch, welchen von euch Zwölfen und euren Kindern, habe ich so beleidigt, dass ihr mir das antut? Gewiss bin ich Elfe genug, gewiss bin ich nur teilweise euer Geschöpf. Doch ich habe mich euren Gesetzen gebeugt, nicht immer willig, doch ich habe es getan, und wie viel habt ihr mir in ihrem Namen schon angetan. Ist es nicht langsam genug?

Sie konnte nicht einmal weinen, geschweige denn sprechen, geschweige denn, jenem Vorsatz gemäß zu handeln, den sie scheinbar vor einem halben Jahrhundert gefasst hatte, nicht mehr Spielball zu sein, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Nicht mehr Fußstapfen zu folgen, sondern selbst Spuren auf unberührter Fläche zu hinterlassen. Doch wie konnte man dies tun, wenn der Boden hinfortbrach?

Ich habe stets an meine eigene Stärke geglaubt. Stets geglaubt, dass mein Arm, mein Wille, einen Unterschied macht. Nicht das höchste Gottvertrauen, richtig. Doch wie kann ich auf etwas Jenseitiges vertrauen, wenn mir beim Gedanken an meine eigene Stärke schon angst und bange wird? Die erste Lektion der Träumenden. Wir erhalten, was wir geben. Uns widerfährt, was in uns selbst sich befindet. Was bin ich für eine Kreatur, in solcher Rolle gefangen zu seinů?

Atmete sie noch? Atmete sie überhaupt? War es notwendig? Ein weiterer Wimpernschlag bedeckte Augen, die trocken waren, weit jenseits jeder Träne. Jede Faser ihres Körpers war angespannt, schmerzlich angespannt.

Was wollt ihr mir noch nehmen? Was bleibt mir noch?
Ich bin nicht wie Angwi, ich bin nicht wie Yann. Ich kann aus dem Brunnen, der sie aufrichtet, keine Kraft schöpfen, und der, der mich aufrichten würde, verleiht für diese Dinge keine Stärke. Ich bin Mondenkind, Madatochter, Liasanna Mondenpfad, und ihren Spuren wollte ich folgen! Es kam nicht so, und ich habe es angenommen. Doch ihr könnt nicht nur nehmen, nehmen, nehmen! Ich bin nicht in die Knechtschaft zu euch hineingeboren! Ich habe sie gewählt, ich habe mich freiwillig euch gebeugt und eine Zeitlang habe ich es gern getan. Aber was wollt ihr noch von mir? Wie viele Schläge wollt ihr mir noch erteilen, mir, die ich mich freiwillig unter dieses Joch begeben habe? Wollt ihr warten, bis meine Kraft aufgebraucht ist und sehen, was dann geschieht?
Dann hört gut zu. Der Augenblick ist da. Ich kann nicht mehr.

Als habe jemand mit Satinav getändelt erschienen die Bewegungen des Raumes langsam, unendlich langsam gegenüber ihren rasenden Gedanken, dem ersten wirklich aus vollem Herzen gesprochenen Gebet, das Liasanna jemals ausgesprochen hatte. Sie bemerkte kaum, wie sich Alara Paligan auf ihrer Liege aufrichte, wie der Graf von Perricum nach vorne stürzte. Das, was sie beutelte, war viel näher.

Ich war sieben, als ich meinen Glauben an die Güte der Welt verlor. Heute weiß ich, dass es vielleicht auf eine gewisse Art eine Gnade war, die mir den Schmerz ersparte, zu sehen, wie wenig ich war, was ich damals glaubte zu sein, wie wenig ich die Elfe war, für die ich mich hielt. Das menschliche Blut war, und ist stark in mir. Vielleicht wäre dieser Schmerz noch größer gewesen als der, den ich erfuhr, doch ich verlor den Glauben an Güte bevor ich euch fand.
Thisdan sprach davon, dass jede kunstvolle Waffe, jedes Schmuckstück, erst im Feuer geschmolzen, in aller Form, die es besaß, gebrochen werden muß, auf dass etwas neues, etwas wundervolles entstehe. Er sagte es um mich zu trösten, doch es macht mich zornig. Ist es das, was ihr wollt? Wollt ihr mich schmieden, nach eurem Willen?
Wer fragt das Eisen, ob es ein Schwert werden möchte?
Und wer gibt euch das Recht, mich umzuschmieden, wieder und wieder, von der Elfin, zur Händlertochter, zur Soldatin, zur Mittlerin zwischen Elf und Mensch, zur Kommandantin, und jetztů? Was soll ich sein in euren Augen? Wie viele Rollen wollt ihr mir noch aufzwingen, wie viele Pfade muß ich noch beschreiten, bis ich endlich, endlich ich selbst sein darf?
Ich selbst?
Ich gratuliere euch, auch das habt ihr geschafft. Zwischen eurem Wünschen und Wollen, zwischen Feuer und Funken, in eurer Esse, weiß ich nicht einmal mehr, wer ich selbst bin.

Nun spürte sie doch die Tränen, prickelnd wie eine zarte, unglaublich spitze Nadelstiche hinter ihrem Blick, doch nicht kühl, wie Wasser sein sollte, sondern brennend, brennend als blickte sie ins Feuer, in ein Jahr des Feuers, ein Leben des Feuers, als würde sie geschmolzen um neu geschmiedet zu werden.

Ich war kaum eine Woche bei meinem Vater, da nannte er mich das erste Mal einen Trotzkopf. Er ist kaum besser, doch dieses Wort bestimmte jeden Tag meiner Kindheit und er hat recht. Ihr habt mir genommen, was mir wichtig war, genommen, wen ich liebte, wem ich vertraute, wen ich schützen wollte mit meinem Leben, habt mir Heimat, Leben, Vertrauen genommen wieder und wieder, habt mich in Feuer und Asche gestürzt und wieder und wieder bin ich aufgestanden. Warum? Ich bin nicht wie Mutter Galahan, die glaubt, dass am Ende ihrer, am Ende aller Tage es letztendlich gut sein wird. Ich bin nicht wie Yann, der, wenn er auf seine eigene Stärke vertraut, immer noch den Fuchs sieht. Ich schöpfe meine Kraft nicht aus Gottvertrauen.
Wenn nichts mehr bleibt, wenn alles zuende geht, dann blieb und bleibt mir mein Trotz. Jene eine Sache, die mich niemals verließ, die mich aufrechterhält, wenn alles auseinander bricht. Die eine Sache, die ihr nicht werdet schmelzen können, nicht aufbrechen, nicht für euch und eure Pläne missbrauchen und verdrehen, bis ich mich selbst darin nicht erkenne. Ihr könnt versuchen, aus mir zu machen, was ihr wollt, doch meine letzte Entscheidung ist meine eigene. Ob ich gehe oder nicht, ob ich springe oder nicht, und ich werde sie mir nicht nehmen lassen. Und ich werde euch nicht jene letzte Bastion geben, denn ihr habt mich verlassen, wo sie es nicht tat.
Aber ich werde euch nicht zugestehen, dass ihr mich besiegt habt. Trotz allem, und auch in Finsternis, ich stehe noch, weil es mein Wunsch ist.
Also schmiedet mich, wenn es euer Wille ist. Ich werde euch, nein, den Worten derer trauen, denen ich traue, dass nicht jeder meiner Schritte vergebens ist. Ich tue was ihr wollt. Aber ich fordere meinen Platz. Ich will nicht länger eine Fahne im Sturm sein, und wenn ihr mir schon alles nehmt, so gebt mir auch etwas!
Seid ihr zufrieden damit? Bitte. Schmiedet mich. Tut, was ihr wollt, ich folge euren Pfaden. Ich weiß, dass ich nicht nobel bin und keines dieser Worte das ist, was ihr hören wollt. Aber es ist mir gleich. Ich bin trotzig, und ich werde nicht aufgeben, weder mich, noch euch, noch den Weg, auf dem ich jetzt schon zu weit bin. Es bringt nichts, einen Fluß halb zu durchschwimmen und ich weigere mich, zu ertrinken. Das ist meine Entscheidung, das ist meine Wahl. Ihr könnt nicht alles mit mir machen.
Ich ertrage eure Launen.
Ertragt ihr meinen Trotz.

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