Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Die Schlacht geschlagen, dieStadt zerstört, Emer tot, das Land im Chaos. Galotta ist besiegt, Rhazzazor in die Flucht geschlagen, doch wahrlich schrecklich sind die Zeiten. Liasanna und ihre Gefährten wissen sich nicht anders zu helfen, als an irgend einem Ort anzufangen und versuchen, das Chaos in Gareth ein wenig zu lichten. Doch schon bald müssen sie feststellen, daß die schlimmsten Wunden vielleicht nicht die sichtbaren sind.
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Die Schuld des Marschalls

Die schlimmsten Vorwürfe werden nicht von anderen gestellt

Lichter über Gareth....
Kaum vermochte sie zu glauben, daß es erst zwei Nächte her war, seit sie das letzte Mal so wie jetzt auf einem Dach gestanden und sorgenvoll auf die erleuchtete Stadt zu ihren Füßen geblickt hatte.
Der Wind hatte gedreht und auch der Geschmack, den er mit sich brachte, war ebenso wie der Anblick ein anderer geworden.
Gareth brannte. Nicht die Lichter in den Fenstern schlaflos sorgenvoller Bürger erleuchteten die Stadt, sondern die unzähligen Feuer an zahllosen Stellen der Stadt. Die Luft ging schwanger in Rauch und Asche, und Liasanna begriff endgültig, daß der Preis zu hoch gewesen war.
Was dort oben geschehen war, auf der Feste Galottas, vermochte sie nicht zu begreifen, welcher ihrer Schritte zu dem beinahe an sich schon unglaublichen Wunder geführt hatte, das sie hier noch auf dem Dach der Alten Residenz stehen ließ, während hinter ihr die zerbrochenen Reste von Galottas Dämonenfeste Neu-Gareth übersähten wie ein Geschwür.
Doch wie bitter hatten sie dafür bezahlt...
Der erste, härteste und offensichtlichste Preis... die Regentin. Emer.
Rhazzazor hatte sie geholt, in jenem Duell, das sie gefordert und er gewonnen hatte. Und sie hatte ein weiteres Mal versagt.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie in den Himmel, ob zu der Träumenden oder einem der Himmlischen der Menschen, ob zu sich selbst oder in der irrationalen Hoffnung, einen ihrer Schutzbefohlenen jenseits dieser Sphäre zu erreichen.
Doch die rauchschwangere Luft nahm ihre Botschaft auf und zerriß sie ungehört.
Sie wünschte, sie wäre nicht hiergeblieben. Die Alte Residenz war ein Ort voller alter Erinnerungen, auch wenn sie hier nur einen Bruchteil ihrer Zeit verbracht hatte. Jede Ecke des Palastes trug den Nachhall einer Begebenheit, eines Gesprächs, eines Einsatzes, einer Stimme, die längst verklungen war. Hier hatte sie ihren Eid geschworen, und hierhin hatte sie jene eingeladen, die sie in Übereinstimmung mit der Regentin und dem Marschall der Panthergarde in ihre Truppe berufen hatte. Hier war sie, wenn auch nicht in so starkem Maße wie drüben im neuen Palast, in ihre Rolle hineingewachsen, aus der freiheitsliebenden Halbelfe war die Panthergardistin geworden. Sie hatte gelernt zu gehorchen und zu befehlen, und hatte jene wilde Intuition des Augenblicks bestätigt gesehen, die sie überhaupt hierher gebracht hatte - daß Regentin Emer ein Mensch war, an dessen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sie glauben konnte – daß sie ein Mensch war, in dessen Diensten zu sein ein leichtes Joch war.
Nun, da sie fort ist, was hält mich noch hier?
Die anderen waren ausgeschwärmt, zu verschiedensten Orten, an Tempel, öffentliche Plätze, auf der verzweifelten Suche nach irgend jemandem, der überlebt hatte, irgend jemandem, der bereit war, das Joch der Verantwortung auf sich zu nehmen, Stadt und Land wieder aufzubauen.
Sie hatten die Stadt in Chaos vorgefunden und sich nicht anders zu helfen gewußt. Und während Mutter Galahan sich zu den Boronis wandte, Nezahet, der Gefährte aus alten Zeiten, den sie nach so langer Zeit wiedergetroffen hatte, zu den Magiern eilte, Perdija gemeinsam mit einigen Kräuterfrauen auf der Suche nach Heilmitteln war und Yann Sertun seinen eigenen Pfaden folgte, oblag es ihr, die Stellung zu halten.
Im stillen verwaisten Palast kam ihr diese Aufgabe beinahe gespenstisch vor. Allein vier Bedienstete waren geblieben, vier Bedienstete und sie, der Leutnant der Garde ohne Schutzbefohlenem.
Doch beinahe als letztes hatte Emer Gareth seinen Bürgern anempfohlen.Und nur zu deutlich erinnerte sie sich an die Worte, mit der die Regentin sie mehr als einmal verabschiedet hatte, wenn sie ausritt, um ihren Willen zu tun.
„Wählt Eure Mittel selbst, Ihr wißt, ich traue Euch.“
Tief in ihrem Herzen wußte sie, daß sie sich nicht umdrehen konnte.
Es war zum Verzweifeln, das Chaos so groß, daß sie nicht einmal wußte, wo sie anfangen sollte. Und doch hatten sie den ersten Schritt getan und würden weitere tun. Auch wenn es sonst niemanden mehr gab, um sie zu tun...
Bewegung unten im zerstörten Garten der Residenz erregte ihre Aufmerksamkeit. Mit hundertfach geübtem Schwung war der Bogen von ihrer Schulter genommen, ein Pfeil lag auf der Sehne, ehe ihre Augen sich auch nur einen zweiten Blick genehmigt hatten.
Sie hatte den Angriff der Untoten – kaum gefährlich für einen trainierten Kämpfer, für die Diener des Kaiserhauses dennoch eine tödliche Angelegenheit – nicht vergessen.
Doch als sie hinunterspähte, erkannte sie Vertrautes unter den fünf Schemen, die sich langsam, fast zögerlich dem Palast näherten. Hell schienen die Wappenröcke, schwarz die Ornamente darauf. Panthergarde.
Mit einem Seufzer der Erleichterung schulterte sie den Bogen und rannte die Stufen herab. Es gab noch Hoffnung.

Sie erreichte die Eingangshalle, kaum daß sich eine der großen Flügeltüren geöffnet hatten, um die müden Ankömmlinge einzulassen. Beinahe automatisch nahm Liasanna Haltung an, ihr Blick huschte über die Neuankömmlinge.
Beinahe hätte sie erleichtert aufgeseufzt, als sie den Soldaten an der Spitze erkannte. Das braune, gewellte Haar klebte verschwitzt am Kopf, doch seine Haltung war immer noch aufrecht. Boronian von Rommilys, Marschall der Panthergarde war selbst in seiner Erschöpfung noch eine eindrucksvolle Gestalt.
„Marschall!“
Sie salutierte knapp, nickte den vier ihn begleitenden Gardisten zu. Niemand von ihren Freunden, aber dennoch bekannte Gesichter.
Boronian von Rommilys wandte den Kopf in Richtung der Stimme, langsam, als sei er über die Maßen überrascht, hier angesprochen zu werden, an diesem Ort, der so gespenstisch und verlassen schien, als gebe es kein Leben mehr in der Stadt.
„Leutnant...“, erkannte er schließlich die Soldatin, der Blick aus dunklen Augen, unendlich müde, wanderte über das Gesicht der Halbelfe. „Ihr... lebt?“
Liasanna nickte knapp. Mehr als vieles andere traf sie die Zerstörung, die sie in der Haltung des stets beherrschten Marschalls sah. Unwillkürlich fragte sie sich, welchen Eindruck sie gemacht hatte, als sie irgendwann im Verlauf des gestrigen Tages in diese Zuflucht getaumelt war, kaum noch in der Lage zu stehen nach einer Reise in den Vorhof der Niederhöllen.
Marschall von Rommilys nickte nur langsam, ihre Worte wohl wahrnehmend, doch es schien, als fehlte ihm die Kraft, eine Frage zu stellen.
„Wir versuchen uns einen Überblick zu verschaffen“, verfiel Liasanna in alte Muster. Knapp berichten, die Situation klären. „Das Ausmaß der Zerstörung zu überblicken und zu koordinieren was getan werden muß.“
„Ja...“, nickte Boronian, und sah noch einmal zurück zu der Halbelfe, schmerzlich fast blickte er sie an. „Das ist gut, daß das jemand tut.. wir kommen, um uns auszuruhen, vom Kampf in der Stadt.“
Liasanna hielt seinen Blick und schluckte hart. Ihr gefiel nicth, was sie dort sah. Den Schmerz und die Orientierungslosigkeit, die sie selbst nur zu sehr verspürte, fand sie dort hundertfach widergespiegelt, ein Meer aus Qual, das selbst das ihre übertraf.
„Sicherlich“, preßte sie aus zugeschnürter Kehle hervor. „Ihr findet Euch zurecht?“
Der Marschall nickte müde und wandte sich ab, schritt langsam, aufrecht, ungebeugt, doch unendlich erschöpft, die große Treppe hinauf. Liasanna blickte ihm nach, ihm und den anderen Vieren, die von ihnen noch übrig geblieben war. Eine Müdigkeit, die stärker war als alles, was Schlaf noch retten konnte, lag auf ihren Bewegungen. Und sie begriff, daß sie von dieser Seite keine Hilfe erlangen würde.
Die Schritte verklangen, und sie ließ sich auf die Treppe fallen. Der Marmor war kalt und hart, sofort kroch die Kühle auch in ihre Glieder. Sie stützte den Kopf in die Hände, kraftlos ob der unendlich scheinenden Aufgabe.
„Gervinio...“ wandte sie sich leise, seufzend an eine längst verklungene Stimme. „Ich könnte jetzt wirklich einen Rat gebrauchen. Doch der schweigende Palast blieb stumm. Sie unterbrach die Stille mit einem weiteren Seufzer. „Oder einen trockenen Kommentar. Wegen mir. Irgendwas.“
Sie stützte das Gesicht in die Hände, unterdrückte gewaltsam einen krampfhaften Schluchzer, der nur als erstickten Laut seinen Weg über ihre Lippen fand.
Und ein weiteres Mal schwieg der große, leere Palast sie an.

Eine weitere Nacht und zwei Tage später sah die Welt zu gleichen Teilen besser und schlimmer aus. Die leeren Hallen der alten Residenz hatten sich gefüllt mit Leben, Thorn Eisinger und die Handwerksmeister der Garether Zünfte hatten sich ebenso eingefunden wie die Reste des Garether Kommandostabs. Doch an anderen Fronten sah es ungleich schlimmer aus. Der erbeutete Splitter der Dämonenkrone war verschwunden und hatte den Mechanikus Leonardo mitgenommen. Das Auge des Morgens war aus der verwaisten Neuen Residenz gestohlen worden, das Siegel zu seiner Benutzung geraubt und der Siegelwächter tot.
Zwischen Yann Sertun und Rondrian Paligan, Graf von Perricum, betrat Liasanna den Ratssaal. Am Kopfende des großen Tisches hatte, nicht ohne einige Überredung, Thorn Eisinger Platz genommen, Vertreter von Kirchen und Zünften gruppierten sich darum. Schmerzvoll bemerkte Liasanna, daß sich Marschall von Rommilys mit seinen Mannen abgesondert hatte und in einer Ecke des Raumes stand, doch nichtsdestotrotz gesellte sie sich nach einem kurzen Blickaustausch mit Yann Sertun zu ihnen. Sie hatte ihre Befürchtungen mit ihm und Mutter Galahan geteilt, doch es waren zu viele Seelen, um die man sich hätte kümmern müssen. Und Liasanna fand kaum die Kraft, ihre eigenen Schritte zu gehen.
Dennoch trat sie zu den wenigen verbliebenen Mitgliedern ihrer Einheit und nickte ihnen zu, empfing einen grimmigen Gruß als Antwort.
Thorn Eisinger ergriff das Wort. Die Rede des Meisterschmiedes war, obgleich ungeschliffen, doch von Tatkraft und Sachverstand geprägt. Er sprach von Bürgerwehren, von der Einteilung der Stadt in Gebiete, die den einzelnen Zünften unterstellt waren, und langsam dämmerte auch Liasanna, was sie hier beobachtete. Das Neue Reich, nicht mehr in der Lage, seine eigene Capitale zu schützen, legte in die Hände von Bürgern, was stets Domäne des Adels gewesen war.
Und Liasanna, eines der wenigen Überbleibsel der alten Ordnung, widersprach nicht. Im Gegenteil. Sie war einverstanden.
Ein Schnauben zu ihrer Seite ließ sie umblicken, in Boronian von Rommilys' sturmumwölkte Stirn.Ihr schwante nichts Gutes, als der Marschall in die Mitte der Versammelten hinkte.
„Bürger die kaum einen Holzstab halten können“, wetterte der Marschall. „Wie sollen die die Stadt schützen?“
Er wandte sich zu Thorn Eisinger um, fixierte ihn, fest, ohne zu blinzeln. Er war ein gutes Stück kleiner als der bleiche Eisinger, und doch schien er der Überlegenere in diesem stummen Duell.
„Wer sonst?“ gab Eisinger zurück. „Wollt Ihr mit...“ Er warf einen kurzen Blick zu dem Häufchen Krieger im Pantherrock, die ein wenig abseits standen, so aufrecht wie es Erschöpfung und Schock noch irgend erlaubten. „... sechs Mannen die Ordnung in die Stadt zurückholen?“
„Es wird nur einige Tage dauern, bis die Goldene Lanze aus Wehrheim hier eintrifft“, schnauzte von Rommilys.
„Niemand will den blutigen Ugo in der Stadt haben“, widersprach eine Patrizierin heftig und übertönte so dankenswerterweise Liasannas halb entrüsteten, halb erstickten Ausruf „Wehrheim?“
Sie schüttelte ungläubig den Kopf, konnte nicht verhindern, daß sich ihre Fassungslosigkeit nur zu deutlich auf dem Gesicht. Wie konnte sich der Marschall so weit von jeder Vernunft entfernt haben?
„In ein paar Tagen ist es zu spät“, wandte Thorn Eisinger ein, der das gefährliche Funkeln in den Augen des Marschalls erkannte, und versuchte, die Diskussion so wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen. „Bis dahin ist von Gareth nicht mehr viel übrig!“
„Was Ihr vorschlagt ist Verrat!“ fuhr der Marschall auf. „Ich werde dafür sorgen, daß die Regentin noch eine Stadt hat, in die sie zurückkehren kann! Leutnant, verhaften Sie diesen Mann!“
Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. „Bitte nicht“, formierten Liasannas Lippen, als sich der Augenblick zu einer Ewigkeit wandelte. Eisinger blickte sie an, ebenso wie die anderen Gardisten, die Augen der Patrizier lagen auf ihr, und auch die der Gefährten der letzten Tage. „Bitte nicht“, flüsterte sie – oder hatte sie es nur gedacht, in diesem Augenblick, der sich zu dehnen schien, als habe ein kundiger Magier die Zeit angehalten?
Stieß sie die Reste der Garde endgültig ins Chaos? Wandte sie sich gegen den Marschall?

Sonne auf den Strohballen in den kaiserlichen Stallungen. Der vertraute Duft von Pferden, das Schnauben der Tiere, die sich vom morgendlichen Training erholten. Mila und Luco, in einem seltenen Moment der Muße, auf den Strohballen sitzend, in ein Gespräch vertieft, von dem sie nicht wußten, daß die Kommandantin, die gerade ebenfalls den Stall betreten hatten, es hören würde.
„Ich frage mich, warum sie immer wieder damit durchkommt“, murmelte Luco kopfschüttelnd. „Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre das nicht so glimpflich abgegangen.“
Die kleine, etwas pummelige Albernierin grinste und schlug dem schwarzgelockten Almadaner auf die Schulter. „Ganz einfach, Barönchen. Die Regentin schätzt Leute, die ihren Kopf nicht nur auf den Schultern haben um das Stroh nicht in der Hand tragen zu müssen, und den Mund nicht nur im Gesicht, um ihr zu schmeicheln.“

„Nein.“
Die Zeit war weitergelaufen, und Liasanna hatte gesprochen, bevor sie die Entscheidung wahrhaftig getroffen hatte. Marschall von Rommilys wandte sich zu ihr um, ungläubig ob der Befehlsverweigerung, doch sie war bereits auf dem Weg zwischen ihn und Eisinger, die genagelten Stiefel in der Totenstille des Raumes waren lauter als Peitschenhiebe.
„Ihr wagt es...“
„Das ist Irrsinn, Marschall! Niemand, der in Wehrheim war, würde glauben, daß von dort auch nur irgend eine Verstärkung zu erwarten wäre! Ich habe gesehen, was dort passiert ist. Dort ist kein Stein mehr auf dem anderen, begreift das doch!“
Etwas flackerte in seinen Augen auf, kurz nur, doch sichtbar für den scharfen Blick der Elfenaugen. Liasanna setzte nach. Überdeutlich spürte sie die in der Schwebe hängende Stimmung des Raumes, fühlte sich beobachtet, angespannt, und doch war sie zu weit gegangen, um zurückzutreten. Sie straffte sich und sprach weiter, ruhiger nun, eindringlicher. Goldfarbene Augen hielten den starren Blick des Marschalls fest „Wir können uns auf überhaupt nichts verlassen, nur auf das, was wir sehen. Das, was wir hier haben ist das, was uns zur Verfügung steht. Wir sind nur noch sechs, Marschall. Nur noch sechs. Ein paar Gardisten, die kaum noch laufen können, ein paar wenige Stadtwachen unter Waffen. Der Rondratempel ist verwaist, die Paläste leer. Wenn Verstärkung kommt, dann ist das wundervoll, aber wir können darauf nicht hoffen. Wir können nicht so tun, als wäre nicht vor Wehrheim der Großteil der Armee einfach untergegangen!“
Wie durch Watte nahm sie das eine oder andere entsetzte Keuchen wahr. Vermutlich war vielen Anwesenden das Ausmaß der Katastrophe bisher nicht klar gewesen, doch über kurz oder lang würde die Wahrheit ohnehin ans Licht kommen. Sie hatte sich in Rage geredet, und um umzukehren war es nun ohnehin zu spät.
„Bedenkt, Marschall, den letzten Auftrag, den die Regentin allen Garethern gab“, fuhr sie sanfter fort, als sie den Blick Boronian von Rommilys' flackern sah. „Bedenkt. Sie legte das Schicksal der Stadt in die Hände ihrer Bürger. Emer vertraute den Garethern, als die Zeit am dunkelsten war.“
Nun war von Rommilys sichtbar zusammengezuckt.Liasanna hätte sich für ihren Lapsus ohrfeigen mögen – daß sie innerhalb ihrer Truppe bisweilen einen lockeren Umgangston pflegte, war keine Entschuldigung dafür, nun respektlos zu werden - doch es schien, als sei der Name der Regentin das einzige, das den Marschall wahrhaft zu erreichen vermochte, und so fuhr sie fort. „ Sie rief die Bürger der Stadt zum Rat der Helden. Emer bezog die Garether Bürger mit ein. Auf ihre Anordnungen standen sie auf den Mauern und haben sich ebenso wie wir den Schrecken gestellt. Ihr und ich, Marschall, wir sind Soldaten, das ist wahr. Aber auch sie haben Mut bewiesen.“
Liasanna atmete tief durch. Etwas in der Haltung des Marschalls sprach von übermenschlichem Schmerz, und sie spürte das Brennen hinter ihren Augen, das ihr verriet, daß auch ihre Tränen nicht fern waren. Sie blinzelte, rang Trauer zurück und verlor den Kampf als sie spürte, wie sich ihre Augen mit Wasser füllten.
„Ehrt ihr Andenken, Marschall“, flüsterte sie, weil sie ihrer Stimme nicht mehr traute, und fühlte sich doch, als träte sie einen, der bereits am Boden liegt. Denn am Boden war Boronian von Rommilys, all seiner unbeugsamen Haltung zum Trotz.
Ein weiteres Mal wurden Augenblicke zu Stunden, als sich Marschall und Leutnant maßen, gefangen im selben Schmerz, den keiner der anderen Anwesenden empfinden konnte wie die letzten Wächter eines vergehenden Hauses, bis schließlich Boronian es war, der den Kontakt brach, sich umwandte und ohne ein Wort den Saal verließ.
Ihr Blick, tränenumflort, wanderte zu den anderen Gardisten, und Pantherwappen verschwammen in einem Wirbel aus Weiß und Schwarz als sie sie zögern und dann gehen sah, einen nach dem anderen, in der beinahe unerträglichen Stille des Ratssaals.
Sie blickte ihnen nach, hoffend bis das leise Klicken des Schlosses verriet, daß sich die große Flügeltür endgültig hinter ihnen geschlossen hatte.
Und als sich die Gardistin umwandte, nun letzte Wächterin des Kaiserhauses in diesem Saal, war es Yann Sertun, der die Tränen auf ihren Wangen sah, und der hinfortzublinzeln Liasanna in diesem Augenblick jegliche Kraft fehlte.

Die dritte Nacht nach der Stunde Null...
Liasanna hatte die schweren Vorhänge vor die Fenster gezogen. Sie ertrug den Anblick nicht.
Gerne hätte sie die schweren Stiefel von den Füßen gezogen, die Rüste abgelegt, um sich einen Augenblick der Ruhe zu gönnen, den Gliedern jene Entspannung zu verschaffen, nach denen sie so beharrlich schrien.
Doch all das schien unmöglich.
Es war rund heraus unvorstellbar, wie die Welt sich in so kurzer Zeit gewandelt hatte. Wie lange war es her, daß sie mit Gervinio neue Formationen ausgearbeitet hatte, die niemals durchgeführt werden würden? Wie lange war es her, daß sie mit Mila in einer der Tavernen der Altstadt gesessen hatte, in alten Geschichten aus ihrer Zeit als Schüler schwelgend? Wochen nur?
Unmöglich...
Und ebenso unmöglich war ein Moment der Ruhe. Schlaf kam nur aus abgrundtiefer Erschöpfung, und um in jene tiefe, traumlose Ohnmacht zu sinken, war sie noch nicht müde genug. Die Schwere, die Glieder und Geist in Ketten hielt, kam aus einer anderen Quelle. Und so sah sie der Kerze zu, wie sie langsam abbrannte, bis es spät genug war, um ein weiteres Mal aufzubrechen, eines der herrenlosen Lagerhäuser nach Verwertbarem zu durchsuchen.
Schritte auf dem Gang unterbrachen die endlose Aneinanderreihung von Lidschlägen, die in regelmäßiger Abfolge das Auge vor dem Kerzenlicht zu schützen suchten. Ein Luftzug ließ die Flamme Flackern und Liasanna blickte auf. Beinahe abwesend registrierten ihre Sinne, was der Klang ihr über den nächtlichen Besucher verraten konnte. Schwere, genagelte Stiefel. Ein Soldat. Ein Kettenhemd klirrte – was den Grafen von Perricum ausschloß – das Klirren einer Waffe in der Scheide.
Wer auch immer sie aufzusuchen wünschte, mit bedächtigem, fast zögerlichem Schritt, Liasanna vermutete, daß es wichtig war. Wenn es schon einen Vorteil ihrer neu erlangten – beängstigenden – Stellung im Lauf der Dinge gab, dann den, daß man sie weitgehend in Ruhe ließ.
Sie erhob sich um die Tür zu öffnen, hielt jedoch inne, als sie draußen die Schritte verstummen hörte. Sie hatte den Eingang des Zimmers bereits erreicht, die Hand auf der Klinke, doch der Besucher war noch einige Schritte entfernt. Die Halbelfe runzelte die Stirn. Für einen Attentäter hatte er sich deutlich zu offen genähert. Was also?
Ein Unentschlossener?
Noch während sie darüber nachdachte, kam erneut Bewegung in die Schritte, und Liasanna öffnete die Tür, kaum daß der nächtliche Besucher heran war, noch ehe er die Möglichkeit erhielt, sich durch Klopfen bemerkbar zu machen.
Die Tür schwang mit leisem Knarzen auf, und die Gardistin blickte in das bleiche Gesicht ihres Marschalls.
Sie tat sich schwer damit, ihre Überraschung zu verbergen. In der Tat hatte sie selbst erwogen, Boronian von Rommilys aufzusuchen, schließlich jedoch beschlossen, daß ihr für ein solches Vorhaben zumindest in dieser Nacht die Stärke fehlte. Sie blickte ihn an, die Überrumplung deutlich auf ihrem Gesicht, doch auch er war erschrocken ob der Promptheit, mit dem ihm aufgetan worden war, und so war ihm wohl ein letzter sammelnder Augenblick vor seiner Ankunft verwehrt geblieben.
Liasanna begriff, warum er innegehalten hatte. Der Marschall, normalerweise mit ihr auf Augenhöhe, wirkte zusammengesunken, das Gesicht eingefallen, grau und blaß. Die schwarzen Augen hatten ihr Feuer verloren, und ihm schien die Kraft zu fehlen, selbst jene mühsame Beherrschung aufrechtzuerhalten, die ihn durch die letzten Tage getragen hatte.
Es mochten Lidschläge oder Stunden vergangen sein, ehe sie sich ihrer Manieren erinnerte und aus dem Türrahmen trat.
„Marschall. Kommt doch herein.“
Er betrat die Kammer, die wohl einmal einem hochrangigeren Bediensteten gehört haben mußte, und blickte sich um, beinahe als suchten seine Augen nach einem Anker, einem Fixpunkt, der es erklären würde, daß es ihm nicht gelang, Liasanna in die Augen zu sehen.
Die Halbelfe schloß die Tür, und auch sie nahm sich einen Moment der Sammlung, bevor sie sich umdrehte und das Wort ergriff.
„Es war nicht meine Absicht, Euch im Rat bloßzustellen, Marschall“, hob sie leise zu sprechen an. Keine Entschuldigung, aber immerhin ein versöhnlicher Auftakt.
Er schien sie gar nicht wahrgenommen zu haben, denn als er sprach, klang es leise, fast fiebrig. Er blickte zu Boden, die Wangen eingesunken, die Augen bar jedes Feuers, das sie für gewöhnlich belebte.
„Ich habe es versucht, Leutnant. Ich habe es versucht. Ich konnte nicht nach Wehrheim. Die Reichsbehüterin hatte anderes befohlen. Es ging nicht.“
Eine Rechtfertigung? Ihr gegenüber? Liasanna blinzelte überrascht und fragte sich, was er von ihr erwartete. Absolution? Absolution von jener, die in jeder nur denkbaren Situation versagt hatte? Absolution von jener, die auf dem Mythraelsfeld ihre Königin verließ und neben der Reichsbehüterin gestanden hatte, als der Untote Drache ihr Leben und vermutlich auch ihre Seele nahm? Was bei allem Guten auf Dere konnte sie – ausgerechnet sie – ihm sagen?
Es war so grotesk, daß sie nicht übel Lust gehabt hätte, in bitteres Gelächter auszubrechen, doch sie unterdrückte den Impuls und nickte nur.
„Das weiß ich.“
„Ich hätte dort sein müssen.“
„Die Hälfte von uns war dort. Die Hälfte hier. Hättet Ihr die Reichsbehüterin ohne Schutz gelassen?“
„Das habe ich doch. Ich bin nicht durchgekommen. Ich.. habe es wirklich versucht.Aber ich kam nicht rechtzeitig.“
Liasanna runzelte die Stirn, brachte einen Augenblick, um zu begreifen, daß er schon wieder von etwas völlig anderem sprach. Sie fühlte sich rundheraus überfordert. Die Vorwürfe, die er sich machte, kannte sie selbst nur zu gut. Und nichts, was sie sagen könnte, würde es besser machen.
„Das glaube ich Euch“, antwortete sie also hilflos. „Und ich bin nicht sicher, daß es etwas genutzt hätte.“
Was war angemessen in einer solchen Situation? Eine kameradschaftliche Hand auf der Schulter? Eine Ohrfeige? Für einen Augenblick wünschte sie sich, Mutter Galahan an ihrer Setie zu haben – doch die Boroni schien momentan ebenfalls mit ihren eigenen Dämonen zu ringen.
„Ich hätte dort sein müssen.“
„Es war Rhazzazor, der dort war. Es war...“ Sie rang hilflos um Worte. Wie konnte man die faulige Präsenz beschreiben? Wie in Worte fassen, wie unglaublich verloren sie sich gefühlt hatte beim Anblick dieser Monströsität? „... schlimm“, vollendete sie schließlich, ohne mit der Wortfindung auch nur im Geringsten zufrieden zu sein. „Ich glaube nicht daran, daß es eine wirkliche Möglichkeit gab.“
„Ihr wart allein“, gab der Marschall unbarmherzig zurück. „Wir hätten zwanzig sein sollen.“
Richtig, flüsterte eine Stimme in ihr. Doch der Nachhall der Ereignisse brachte auch noch eine andere Erkenntnis mit sich.
„Auch das wäre nicht genug gewesen. Nicht in diesem Moment. Gegen ihn braucht es mehr als einen Wald aus Lanzen...“
Der Marschall schüttelte nur den Kopf, und Liasanna, in einer Geste purer Verzweiflung, fuhr sich durch die Haare, zerrte an den losen Strähnen, die ihrem Zopf entkommen war. Wie sagte Mutter Galahan? Alles wird gut? Nichts war gut. Aber trotzdem war gegen jede Befürchtung auch am letzten Morgen die Sonne aufgegangen. Und wider alle Vernunft atmete sie noch. Feigheit konnten sie sich im Moment nicht leisten.
„Heute ist nicht die Zeit für solche Gedanken, bei allem Respekt. Unsere Kraft muss in diesem Augenblick der Zukunft gelten. Wenn schon nichts anderes, so sind wir das denen schuldig, die wir allein ließen.“
Das Nicken war mehr als mechanisch, wirkte eher wie die Bewegungen einer Fadenpuppe.
„Warten wir den Reichskongreß ab“, murmelte er. „Vielleicht wird unser nächster Regent uns unsere Verfehlungen vergeben.“
Wer weiß, ob es dann noch mein Regent ist, fügte Liasanna in Gedanken an. Der Status der freiheitsliebenden Halbelfe in den Reihen der Panthergarde war schon immer ein persönlicher gewesen – eng geknüpft an die Person der Reichsbehüterin. Nun, da Emer fort war und ihre eigenen Mannen tot, gab es nicht mehr viel außer dem puren Pflichtgefühl, dem Stolz das sinkende Schiff nicht wie all die anderen Ratten zu verlassen, das sie noch in Gareth hielt.
„Vielleicht“, stimmte sie leise zu und trat näher zu dem Marschall, suchte vergeblich seinen Blick. „Aber all das wird nichts helfen, wenn wir uns selbst nicht vergeben können, Marschall.“
Die erste, letzte und wichtigste Lektion der Träumenden an eine verlorene Halbelfe. Wir empfangen, was wir geben. Bitterkeit produziert Bitterkeit. Und nur wer sich selbst vergibt, kann Frieden finden.
Langsam richtete er sich auf, streckte den Rücken, fand zu alter Haltung zurück. Mit unmenschlicher Anstrengung zwang Boronian von Rommilys den Schmerz in kontrollierbare Bahnen und begegnete nun, endlich auch Liasannas Blick.
Nichts war gelöst. Nichts war besser geworden. Doch der Augenblick temporärer Schwäche war vorbei, und der Marschall hatte sich wieder in der Gewalt. Ein knappes Nicken konnte von Anerkennung über Zustimmung bis hin zu bloßer Etikette alles bedeuten.
Grußlos begab sich Boronian von Rommilys zur Tür, trat hindurch und verließ die Kammer nach einem letzten Blick auf die ihm reglos nachblickende Halbelfe.
Langsam verhallten seine Schritte.
Liasanna trat an die Tür, lehnte sich schwer gegen den Türrahmen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.
Eine weitere Stütze brach fort unter ihren Füßen.
Noch einige, wenige Schritte mehr, und sie befände sich im freien Fall.

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