Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Doch für den Prinzen ist der Tod nicht das letzte aller Hindernisse. Und auch von Liasanna wird verlangt, daß sie Wege beschreitet, die sonst niemand zu gehen wagte. Und auf den Pfaden der Toten wartet auch das Leben.
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Von geliehenen und geschenkten Flügeln

Der Flug über das Nirgendmeer

Schweigen umfängt die sterbliche Hülle
Harrend in der Vergänglichkeit
Hör das Lied der Schwingen
Sie klingen
Vom Nirgendmeer
Frieden bringen sie der Seele
Träume bis in Ewigkeit

„Was?“
So unpassend es sein mochte, inmitten der Hallen des Schweigens, im Allerheiligsten des Heiligsten der Kirche des Raben, im Angesicht Baram Nazirs, des Rabens von Punin, der in unerschütterlicher Ruhe die drei Streiter vor sich mit Blicken maß, die alles wußten und nichts verrieten, Liasanna platzte entsetzt heraus.
Mutter Galahan legte einen Finger auf ihre Lippen, doch die Halbelfe schüttelte nur den Kopf.
„Das... nein.“
Sie fand nicht einmal die Worte, um ihr Entsetzen auszudrücken, das vermutlich keiner der beiden anderen wahrhaftig nachvollziehen konnte.
Natürlich – allein der Gedanke war ungeheuerlich. Allein die Vorstellung, sich jenseits der Schwelle zu begeben, die für jeden Menschen endgültig sein sollte, war kaum zu greifen, und die Hoffnung, durch Borons Gnade seine Hallen, die man so vor der Zeit betrat, noch einmal zu verlassen, erforderte einen sehr starken Glauben.
Einen Glauben, wie ihn Angwi in ihrem tiefsten Innern wußte, in jedem stillen, ruhenden Ort tief in ihr, der dem Herrn des Todes allein gehörte. Einen Glauben, wie ihn selbst Yann kannte, dessen Herz doch dem Nachthimmel gehörte, und der doch nicht umhin konnte, jeden der Zwölfe auf seine Weise zu achten, vielleicht sogar zu lieben.
Liasanna hingegen kannte einen solchen Glauben nicht. Mochte es sein, daß sie es sich selbst stets versagt hatte, mochte es sein, daß die Stimme der Zwölfe niemals wahrhaft die ersten, elfischen Jahre ihrer Erziehung hatten verdrängen können. Ihre Beziehung zu den Herrschern Alverans war geprägt von Mißverständnissen, von Stolz und Mißachtung, von zwei Welten, von denen sich mindestens eine größte Mühe gegeben hatte, der anderen nicht zu begegnen.
Doch jetzt forderte die andere den Preis. Denn wie konnte sie ablehnen, guten Gewissens ablehnen? Es war eine Ironie des Schicksals, daß die weltlichen Eide, die sie gesprochen hatte, sie nun endlich und endgültig zwangen, dem zu Unweltlichen begegnen, vor dem sie schon beinahe ihr ganzes Leben lang fortlief.
Diesen Ruf der Zwölfe konnte nicht einmal sie überhören.
Und doch wußte sie nicht – riefen sie zum Trost, oder zur Strafe?
Der Rabe erhob sich lautlos und wandte sich um, verschwand in den Gängen des Borontempels und Angwi tat es ihm gleich. Doch Liasanna blieb sitzen, das Rauschen ihres Blutes unnatürlich laut in ihren Ohren, ihre Finger unendlich weit von ihr entfernt, als habe ihr Geist bereits vor der Zeit begonnen, sich aus ihrem Körper zurückzuziehen, als schräke er selbst vor der Ungeheuerlichkeit zurück, die sich ihm bot.
„Das... Ihr wißt nicht, was ihr verlangt...“ wisperte sie kraftlos und Yann wandte sich ihr langsam zu.
„Doch, Liasanna. Aber diese Entscheidung kann und wird dir niemand abnehmen. Dein freier Wille. Dein eigener Schritt.“ Und auch er erhob sich, trat auf Angwi zu, die sich an der Tür noch einmal zu der Halbelfe umwandte. Ein kurzer, fragender Blick, doch dann verschlang die Nacht des Tempels auch sie.
Und Liasanna blieb zurück mit dem Pochen ihres eigenen Herzens. Ihres Herzens, das, wenn es nach dem Raben ginge, bald aufhören würde zu schlagen, um dann, wenn sie erfolgreich und Borons Gnade ihr gewogen war, wieder zu erstarken nach Beendigung ihrer Reise.
Liasanna erhob sich mit einem Ruck.
Vor nichts in ihrem Leben hatte sie sich je gefürchtet, wie vor diesem Schritt. Doch noch größer als ihre Angst war ihr Stolz. Und sie würde sich nicht aus der angenommenen Verantwortung stehlen. Die Reise mußte unternommen werden. Und sie war hier.
Um es zu tun.

Wenn sie die Arme ausstreckte, hätte sie die Stille umfangen können.
Doch sie hatte keine Arme.
Und so lauschte sie, mit jedem, nicht existenten Atemzug sog sie den Frieden ein, den das unhörbare Rauschen versprach. Schrecken wandelte sich in Wärme, und Unruhe in Frieden. Wie eine Antwort auf alle Fragen, die sie niemals zu stellen wagte, hüllten Golgaris Schwingen sie ein, trugen sie hinfort und mit jedem Schlag der unsichtbaren Flügel ließ sie ihr Leben hinter sich zurück.Es schreckte sie nicht einmal, daß sie nicht mehr wußte, ob sie noch die Kraft für den Rückweg fände...

Und dann war sie hindurch, durch die große Pforte, und blickte hinein in strahlendes Weiß. Es biß nicht in den Augen und erschien ihr doch so unpassend für die Hallen des Gottes, der schwarz zu seiner Farbe erkor. Liasanna blinzelte, aus Gewohnheit, aus Reflex, und blickte sich um, ohne Eile, ohne Sorge. Drei Pfade durchschnitten das strahlendweiße Nichts, silbrige Bänder in makelloser Welt, und die Halbelfe blieb stehen, um sie zu betrachten, den einen wie den anderen, ihren verschlungenen Gang zu verfolgen bis zu ihrem Ende.
Ein makelloser Sternenhimmel erstreckte sich rechts, wie Juwelen auf dunkelstem Samt, ein kostbares Tuch, überschattet von dem allgegenwärtigen Schein der Madascheibe, der ewig sich selbst Träumenden, deren sanfte, uralte Freundlichkeit Liasanna einen Gruß wie einen Taukuß auf die Stirn sandte.
Tränen traten in ihre Augen und ein Sehnen ergriff von ihr Besitz, das sie kaum in Worte zu kleiden vermochte, als sei all jenes, das sie ihr Leben lang vermißte, endlich, endlich in die Greifweite ihrer Fingerspitzen gelangt, als könne sie es spüren, wenn sie nur die Hand ausstreckte. Doch noch während sie es versuchte, begriff sie, daß, so sehr sie auch ihre Hand danach ausstrecken mochte, der rechte Weg zwar Quelle der seltsamen Gewißheit war, doch nicht der Geber.
Sie schloß die Augen, um die Kraft zu finden, sich abzuwenden und drehte sich dem mittleren der beiden Wege zu. Er mündete in einer Höhle, die von demselben, strahlenden, doch nicht gleißenden Licht erfüllt war, und jenseits der vielen Menschen, die sie zu füllen schien, erkannte sie einen einzige, als gäbe es keine andere hier, als läge ein Zauber auf ihr, der sie von allem unterschied, und sei es nur in Liasannas Augen.
Sie war klein, deutlich kleiner als Liasanna, und ihre dunklen Haare waren kurzgeschnitten und standen in unordentlichen Fransen von ihrem Kopf ab. Sie war eher grobknochig gebaut, doch Liasanna ließ sich nicht davon täuschen, wußte sie doch, daß sich unter dem einfachen Hemd und der ledernen Hose Muskeln befanden, die sich vor keinem Krieger zu verstecken brauchte. Sie saß entspannt da, auf einem Stein, die Beine ausgestreckt, die Knöchel übereinandergeschlagen. Der breite Mund war zu einem ansteckenden Lächeln verzogen, und als sie Liasanna zögern sah, legte sie den Kopf schief, doch es bestand kein Zweifel. Dort vorne saß Mila, Mila ni Verano, Albernierin und Freundin noch aus der Grundausbildung zu Havena, die längste Weggefährtin, derer sie sich rühmen konnte.
Mila, die nicht zurückgekehrt war, als sie an der Seite der Königin Garethiens auf die untote Drachenchimäre zuritten. Liasanna stieß ihren Namen aus wie einen Schrei, und nur Herzschläge später lagen sie sich in den Armen, lachend und weinend zugleich, für einen seltsamen, kurzen Moment wieder vereint. Sie maßen einander, als wollten sie prüfen, ob es der anderen gut ginge, ein Unterfangen, so menschlich und lächerlich in diesen Hallen, daß sich Liasanna der Torheit vage bewußt war, ohne etwas dagegen tun zu können.
„Ich.. ich weiß nicht was ich sagen soll“, gestand sie nach einem Lidschlag der Verlegenheit und Mila schmunzelte, maß Liasanna von Kopf bis Fuß.
„Du bist gewachsen“, stellte sie fest.
Die Halbelfe benötigte einen Augenblick, um zu begreifen, was Mila gesagt hatte und verzog dann ein wenig zynisch die Lippen. Mila hatte stets eine herausragende Klarsicht darüber besessen, wie es ihr ging oder welche Gedanken sie quälten – und zu Liasannas Leidwesen hatte sie auch in diesen Hallen ihre Angewohnheit nicht abgelegt, mit solchen Dingen direkt und unverblümt herauszuplatzen.
„Es ist wohl eher so, daß man mich auseinandergezogen hat...“, seufzte sie und Mila grinste.
„Wieso wußte ich, daß du das sagst?“
Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, als sei es nie dort gewesen, und obwohl der strenge Gesichtsausdruck ihr nicht besonders gut stand, verfehlte er doch nicht seine Wirkung. Was selten ist, erregt Aufmerksamkeit, und die Abwesenheit des Lächelns auf Milas Gesicht war definitiv deplaziert. „Lia, hör auf mit dem Mist. Wen willst du eigentlich belügen?“
Noch ehe Liasanna – stirnrunzelnd – die Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern, fuhr Mila fort. „Warum läufst du immer noch davon? Du rennst eine Treppe rauf, und irgendwann stehst du vor dem Abgrund. Bleib doch mal stehen und sieh dich um. Vielleicht gefällts dir ja.“
„Du siehst, etwas, das nicht ist“, begehrte Liasanna leise auf, aber der Protest war schwach, und sie wußte selbst nur zu gut, daß sie damit vor Mila nicht wirklich bestehen würde.
„Hör doch mal auf, dich zu fürchten. Du fürchtest dich so wenig vor den Dingen, die du tust, warum hast du dann solche Angst vor dir selbst? Das hab ich ehrlich gesagt nie begriffen.“
Liasanna hob die Schultern.
„Gute Frage...“
Mila zwinkerte.
„Na, dann denk mal drüber nach...“
Ihre Stimme begann, entfernter zu klingen, leiser, und auch ihre Gestalt verlor an Substanz. Liasanna spürte, wie Tränen in ihre Augen stiegen.
„Und paß auf, daß man dich nicht noch in die Breite zieht, sonst wird da jemand aber sehr enttäuscht sein...“
Ihr Grinsen war das Letzte, das verblaßte....

Ein Weg weniger, der zu beschreiten ihr in diesen Hallen vergönnt war, doch ein weiterer blieb offen. Und ohne Schritte beging sie auch diesen, die Reste von Tränen noch in den Augenwinkeln, doch das gleißende Licht trocknete sie, denn hier war kein Schmerz wahrhaftig von Dauer.
Eine weitere Höhle, die nahezu endlos weit entfernten Wände moosbewachsen und sanft grün, und wieder Menschen, Menschen, hunderte um sie herum und doch nicht da, so nah und fern wie sie das vieltausendköpfige Gareth gefunden hatte, und wieder eine einzelne Gestalt, mit dem Rücken zu ihr diesmal, und doch unzweifelhaft auf sie wartend.
Etwa so groß wie sie, das Haar dunkelblond und kurzgeschnitten, hochaufgerichtet und in einen einfachen Soldatenrock gehüllt, erkannte sie ihn zunächst nicht. Doch als er sich umwandte benötigte es nur eines einzelnen Blickes, um Brin von Gareth zu erkennen, den fernen Reichsbehüter zu Gareth.
Liasanna starrte ihn entgeistert an, verblüfft, überrumpelt, nicht im geringsten darauf vorbereitet, nun gerade ihn zu treffen. Es dauerte eine unziemlich lange Zeit – doch was war schon unziemlich hier an diesem Ort? - bevor sie sich ihrer Manieren erinnerte und sich verneigte.
Der kurze Augenblick erlaubte ihr, ihre Gedanken zu ordnen. Mit dem Reichsbehüter verband sie weniger persönliche Erinnerung als mit seiner Frau, mit seinen Kindern, doch dies war Brin, Brin von Gareth, der Sohn Kaiser Hals, der stolze Held der Orkenschlachten. Nie hatte sie daran gezweifelt daß er, ebenso wie Emer, ein Herr war, dem zu dienen ein leichtes Joch war, und doch hatte sie niemals damit gerechnet, ihm gegenüberzustehen.
Sie hob den Kopf wieder, blickte ihn an, und gewann den Eindruck, als warte er auf etwas, als messe er sie, freundlich, aber fragend.
Nur mühsam erinnergte sie sich der Macht der Sprache, nur mühsam formte sie Worte und Gedanken, die einzigen, die zu fassen sie noch imstande war.
„Es tut mir leid, daß ich sie nicht retten konnte.“ Der Reichsbehüter trat auf sie zu, nicht König und Soldatin, sondern Krieger und Krieger, und blickte ihr in die Augen, legte eine Hand auf die schmale Schulter der Halbelfe.
„Ihr habt tapfer gekämpft“, sprach er leise, hielt Liasannas Blick fest, obwohl sich ein Teil von ihr gern zurückgezogen hätte vor dem Pflichtbewußtsein in ihrem Inneren, vor dem Stolz, den sie sich nicht erlauben wollte, vor der Loyalität, von der sie gar nicht wissen wollte, daß sie sich längst nicht mehr nur auf die Position Emer ni Bennains beschränkte. Der nachdenkliche Blick des Reichsbehüters lehrte Liasanna die plötzliche Lektion, daß sie, ohne es zu merken, wahrhaftig Streiterin des Reiches geworden war.
„Für meine Familie und für das Reich. Und ihr habt getan, was kaum ein anderer vermocht hätte.“
Er legte die zweite Hand auf die andere Schulter, brüderlich fast, und Liasanna zwang sich, sich zu straffen, wenigstens äußerlich dem Ruf gerecht zu werden, der sie selbst bis in diese Hallen verfolgte. „Kehrt zurück und streitet. Meine Familie braucht Euch. Das Reich braucht Euch. Es braucht Eure Stärke.“
Sie spürte den Druck seiner Hände auf den Schultern, fest und selbstbewußt, der Griff eines Kriegers.
Doch noch ehe sie etwas erwidern konnte, begann auch seine Gestalt zu verblassen.
„Ich werde tun was ich kann“, sprach sie, die Stimme belegt, rauh, und in seinen Augen schien es, als habe er verstanden....

Querverweis zum Weiterlesen:
Charakterbeschreibung Milas (Führt in den Bereich "Nebencharaktäre")

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