Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Auf einer wahnsinnigen und verzweifelten Reise nach dem Grund für das Verschwinden der Greifen an der Grenze zu den Schwarzen Landen, sind Liasanna und ihre Gefährten zu spät gekommen. Der Schutz der Praiosalveranier ist gefallen, und somit gibt es nichts mehr, was den Untoten Heerwurm Warunks aufhalten kann. Doch während das Soldlose Banner, geschützt von einer dämonischen Wolke, unablässig in die zwölfgöttlichen Lande zieht, formiert sich im Mittelreich der Widerstand. In Wehrheim sammelt sich das Heer, die Elite des Mittelreiches, unter der Führung von Königin Rohaja, und macht sich bereit für die Schlacht. Liasanna, dort mit Mühe und Not am Endlosen Heerwurm vorbeieilend, angekommen, wird mit ihrem Freunden von Nemrod in verdeckter Mission nach Burg Auraleth, der Hauptburg der Bannstrahler, gesendet. Dort soll sich ein Paraphernalium für die Austreibung des Dämons unter Verschluss befinden. Sie sind erfolgreich und kehren zurück nach Wehrheim, wo die letzten Stunden vor der Schlacht beginnen. Liasanna sucht Ruhe, die zu finden schwer sein wird, und Gervinio von Streizig sorgt sich um seine Kommandantin.
(Geschichte inspiriert von 'Schlacht in den Wolken')

Die Angst des Soldaten vor der Schlacht

Worte, am Abgrund des Morgen gesprochen

Es war schwierig, in der überfüllten Stadt auch nur einen Hauch von Ruhe zu finden. Wehrheim, der Schild des Reiches, war selbst zu seinen besten Zeiten niemals ein beschauliches Pflaster. Doch seit Tagen waren die Straßen überfüllt mit Bewaffneten aus allen Teilen des Reiches, und das Wiehern von Pferden wurde übertönt von dem Geklirre von Sporen und Waffen in ihren Scheiden.

Bald. Bald war es soweit. Schon zogen am Horizont die Wolken auf, die auf unnatürliche Weise den toten Heerwurm schützten, der sich langsam auf die Stadt zubewegte, alles in Brand setzend, das sich ihm in den Weg stellte. Doch Gervinio hatte keine Angst mehr. Zu viele Schlachten hatte er gesehen, von dem Orksturm, den er als blutjunger Fähnrich gesehen hatte, bis zu Tobrien, bis hierher Die Herrin des Krieges hatte ihre eigenen Gesetze, und er hatte vor sie zu achten.

Er schritt zügig über den Hof der Grafenburg in Richtung der Ställe, nickte flüchtig einigen Waffenbrüdern zu, die am Eingang des Gebäudes Wache hielten. Die Kronprinzessin war hier. Also waren es die Panther, die wachten. Doch er hatte frei, für diesen Augenblick, und während sich noch alles bereitmachte, dass die Schlacht losgehen mochte, suchte jeder auf seine Weise die Kraft der letzten Stunden.

Er betrat die Ställe, und der vertraute Geruch von Leder, Stroh und Pferden hüllte ihn völlig ein. Der Staub trat ihm beißend in die Augen, doch es schien fast, als sperrten er und die hölzernen Wände auch die Geräusche des Hofes aus, die nur gedämpft bis zu ihm vordrangen. Er näherte sich der Box, in der er den schönen Kopf eines tulamidischen Fuchses erkannte, eines edlen Tieres aus der Apelsgrunder Zucht, mit wachen Augen und zuckenden Ohren. Er trat an die Box heran und war nicht überrascht, dort auch die Gestalt sitzen zu sehen, nach der er suchte. Ein schmales Lächeln berührte seine Lippen. Wie sehr schien es doch das Erbe ihrer Mutter, dass Liasanna selbst in diesem Chaos noch den ruhigsten Ort fand? Wer außer eine elfischen Blutes mochte das vollbringen?

Er nahm sich Zeit, seine Vorgesetzte zu studieren, die mit geschlossenen Augen an der Wand der Box saß, die schmalen Gesichtszüge, den strengen schwarzen Zopf, der die leicht angespitzten Ohren frei ließ. Sie war in einfache Ledergewänder gekleidet, trug aber schon ihre Reitstiefel. Sie sah zu Tode erschöpft aus. Er hatte gehört, sie und ihre Begleiter aus der Sichel seien wie von Dämonen gejagt erst im Morgengrauen in die Stadt geprescht, und wenn sie die Nacht nicht geschlafen hatte, so sah man jede fehlende Stunde deutlich auf ihren Zügen.

Er fragte sich ob sie schliefe, so an die hölzerne Wand gelehnt, die Hände locker auf den angezogenen Knien, doch sie sprach, ohne die Augen zu öffnen, mit rauer, erschöpfter Stimme.

"Kommst du um zu sehen, ob ich schon den Verstand verloren habe?"

Er öffnete die Box, stellte sich in jahrelanger Gewohnheit zwischen Tür und Durchgang, so dass der Fuchs auch in der kurzen Zeit, in der das Gatter offenstand, nicht entkommen konnte, und schloß die Tür wieder hinter sich.

"Vielleicht", entgegnete er mit ruhiger Stimme und klopfte dem Fuchs begrüßend auf die Kruppe. Es war Liasannas Pferd, doch sie hatten zu oft trainiert, als würde Sylmian nicht auch ihn erkennen. Der Fuchs scharrte unruhig und tänzelte ein wenig zur Seite, da Gervinio ihm den Platz fortnahm. "Muß ich denn?"

"Vielleicht", gab Liasanna seine Antwort zurück und hob den Kopf, den sie hinter sich an die Holzwand gelehnt hatte, in eine aufrechte Position, ohne die Augen zu öffnen. Der Soldat blickte nachdenklich auf sie hinab.

"Du hast nicht geschlafen, oder?"

"Seit drei Tagen nicht mehr." Ihre Stimme war ruhig, als spräche sie vom Wetter und sie schüttelte den Kopf.

"Was?" Er konnte nicht verhindern, dass Entsetzen aus seiner Stimme sprach. "Bist du völlig wahnsinnig?"

Der Hauch eines Lächelns lag auf ihren blassen Zügen.

"Vielleicht."

"Liasanna, was machst du hier?" Er ging in die Hocke vor ihr, seine Arme auf den Knien ruhend, und blickte sie ernst an. Sie tat ihm den Gefallen nicht, ihn anzusehen. "Du solltest verdammt noch mal noch ein paar Stunden schlafen, bevor es wirklich losgeht! Eine Kommandantin die uns vor Müdigkeit vom Pferd fällt, können wir nicht gebrauchen!"

Sie schüttelte sacht den Kopf, die Augen immer noch geschlossen. "Das ist der Wachtrunk, Gervinio. Ich könnte nicht einmal schlafen, wenn ich wollte."

"Ein Wachtrunk? Wie um alles in der Welt bist du daran gekommen??" Es war nicht gerade so, als seien solche magischen Erzeugnisse in der Stadt des Militäres wohlfeil zu haben. Er ließ sich vorsichtig nieder, als seine Knie zu schmerzen begannen, entließ sie aber nicht aus seinem Blick. Das Schmunzeln um ihre Lippen war trocken, ein zurückhaltender, vorsichtiger Humor, der nur selten von ihr zu sehen war. Er war sich nicht sicher, ob er ihr Lächeln als Besserung begrüßen oder als Zeichen ihrer Erschöpfung werten sollte.

"Eine Aufmerksamkeit des Barones."

"Nemrod?" Er lehnte sich neben ihr an den Holzverschlag und verdaute die Information. Seinen letzten Informationen nach hatte Liasanna weder besonders gut noch besonders schlecht bei dem Leiter der Kaiserlich-Garethischen Informationsagentur gestanden. Es war zu bezweifeln, dass der Baron sich sehr für sie interessiert hatte. Das ließ nur einen Schluß zu. "Was um alles in der Welt habt ihr letzte Nacht gemacht, Liasanna?"

Ihr Lächeln vertiefte sich, erhielt gar eine ehrliche Komponente, die er erwiderte, ehe er sich dessen bewusst war. "Wann wirst du lernen, keine Fragen zu stellen, deren Antwort du nicht hören willst, Soldat?" Er setzte sich wieder auf. Es war Liasannas Art, Fragen nach Dingen, über die sie nicht sprechen wollte, abzuwimmeln. Er hatte niemals wirklich herausgefunden, was sie mit Thisdan von Falkenwind verband - und das lag nicht daran, dass er es nicht versucht hätte. In der momentanen Situation, mit dem endlosen Heerwurm vor der Türe, konnte er jedoch nicht umhin, sich darum zu sorgen, dass der Graf von Wehrheim, Leiter des mittelreichischen Geheimdienstes, fünf Gesandte, die gerade erst, den Heerwurm auf den Fersen, aus der Sichel angekommen waren, ein weiteres Mal herausjagte, vollgepumpt mit Wachtrünken, auf was für einer Mission auch immer.

"Ging es um die Schlacht?"

Liasanna seufzte leise und ließ den Kopf sinken. Ihr fehlte die Kraft für eine wirkliche Auseinandersetzung mit Gervinio, und so nickte sie. Ermutigt von ihrer Haltung fragte er vorsichtig weiter.

"Und wart ihr erfolgreich."

"Gervinio", stöhnte Liasanna, und in ihrer Stimme schwang etwas, das von Verzweiflung nicht weit entfernt war. "Wenn uns der Baron geschickt hat, was meinst du wohl, wie viel ich dir davon erzählen kann, ohne noch vor der Schlacht von der höchsten Zinne zu baumeln? Ja, wir waren erfolgreich. Das hoffe ich zumindest. Und nein, ich werde dir nicht mehr sagen."

Gervinio schluckte. Ausbrüche diese Art waren Liasannas Sache nicht. Umso beunruhigender, dass er ihn nun miterlebte. "Es ist gut." Er legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter, doch sie, mit geschlossenen Augen, hatte das wohl nicht kommen sehen und zuckte zusammen. Schuldbewußt nahm er die Hand wieder fort und lehnte sich neben sie an die Wand, beobachtete das Pferd, das ruhig damit beschäftigt war, ein wenig Heu aus den Korb zu fressen. Auch Sylmian hatte eine harte Zeit vor sich.

Schweigen senkte sich auf sie, und er lauschte auf ihren ruhigen Atem, an dem man fast glauben könne, sie schliefe, ungerührt und leise. Das war es, was sie von dem Gegner unterschied, schoß es ihm durch den Kopf, ohne dass er es hätte hindern können. Der Lebensatem, das Erbe Los' das sie noch durchfloß, solange ihre Seele nicht auf Golgaris Schwingen reiste. Doch wer wusste schon, was der Tag noch bringen mochte

Er schüttelte den Kopf und versuchte, die düsteren Gedanken zu vertreiben. Sie machten den Schwertarm langsam und unsicher. "Was wollte Ihre königliche Majestät denn noch von dir?" fragte er schließlich, auch um sich von ihrem Atem und seinen eigenen Schatten abzulenken. Es war ihn nicht entgangen, dass sie länger als ihre Gefährten im Zelt Rohajas geblieben war.

"Hilfe bei ihrer Schlachtrede." Es klang so trocken und der Zug um ihren Mund war so ironisch, dass er es erst für einen Scherz hielt.

"Ja ja. Ich meine, ernsthaft."

"Bitterernst." Sie lachte leise. "Ich als erfahrene Kämpferin so vieler Schlachten war in den Augen ihrer jungen königlichen Majestät wohl mehr als qualifiziert dafür."

Beinahe wäre das Lachen laut aus ihm herausgebrochen, doch ein letzter Rest guter Erziehung, so viel ihm seine Kommandantin auch inzwischen schon abgeschliffen hatte, milderte die Reaktion zu einem halb erstickten, aber nicht weniger unhöflichen Laut. "Entschuldigung, aber, ausgerechnet du?"

Von den vielen Tugenden, die Liasanna besaß, war Redseligkeit sicherlich keine. Sie bevorzugte, die knappe Zweckmäßigkeit, und auch Jahre in Gareth hatten die spröde Halbelfe nur die nonverbalen Formen des Hofes, aber kaum die geschliffene Sprache gelehrt. "Ich lebe, um dem Hause Gareth zu dienen", entgegnete Liasanna mit müdem Schmunzeln und hob eine Hand an ihre Stirn. Es klang müde, auch resigniert, und so schluckte er die Bemerkung, dass er, der ja, technisch gesehen immerhin der Familie von Gareth-Streizig angehörte, über eine nicht unerhebliche Zahl von Ecken ebenfalls zum Haus Gareth gehörte. Genauso wie er hatte sie geschworen, die Kaiserfamilie mit ihrem Leben zu schützen. Es erschütterte ihn, dass sie bitter klang.

"Du bist nicht sehr glücklich damit", stellte er leise fest, und nun öffnete sie tatsächlich die Augen. Das übliche Gold war zu einem dunklen Braun abgemildert, und an den roten Rändern ihrer Augen war nur zu deutlich zu sehen, dass sie nicht die Gabe ihres Volkes hatte, wochenlang überhaupt nicht zu schlafen ohne beeinträchtigt zu sein.

"Gervinio" Sie klang traurig, als sie ihn anblickte, die Lippen zu einem halbherzig schiefen Lächeln verzogen. "Es ist wahr, dass, wäre es nach mir gegangen, ich niemals Soldatin geworden wäre. Ich bin elfischen Blutes. Fesseln, ob aus Eisen oder Eiden fallen mir schwer." Sie senkte kurz den Blick, sah auf ihre Hände, hob dann jedoch wieder den Blick. "Aber ich bin, was ich bin. Und ich bin nicht unglücklich."

Betroffen blickten Gervinio zur Seite, wich ihrem Blick aus und beobachtete das anmutige Spiel der Muskeln von Liasannas anmutigem Fuchs.

"Vielleicht solltest du den Dienst quittieren, wenn das hier vorbei ist, meinst du nicht? Wenn es nicht das ist, was du willst" Es klang traurig, und ebenso war auch ihre Stimme.

"Um was zu tun?"

"Falkenwind?" Die Worte waren heraus, bevor er sie wieder zurücksenden konnte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, befürchtete er schon lange, die Halbelfe würde beizeiten zurück in den Reichsforst gehen.

"Um dort Marschallin zu sein? Soldatin wie ich es war?" Sie schüttelte den Kopf, legte vorsichtig eine Hand auf seinen Unterarm. "Ich weiß deine Sorge zu schätzen, Gervinio. Aber ich bin nicht unglücklich, wo ich bin. Und ich fürchte, auf den Posten, meine Hand zu leiten, wirst du noch eine Weile warten müssen." Er blickte sie entsetzt an.

"Liasanna, so etwas hatte ich bestimmt nicht im Sinn! Ich weiß nicht ob Luco.."

"Gervinio!" Sie unterbrach ihn lachend, drückte kurz seinen Arm. "Das war ein Scherz!" Er schmunzelte und schüttelte leicht den Kopf.

"Verzeih."

"Immer."

Sie lehnte sich zurück an die Wand, blickte hinüber zu ihrem Pferd und er tat es ihr gleich, still und lauschend, wie ihr Atem wieder ruhiger wurde, tiefer, fast als fände sie den Schlaf, den ihr das alchimistische Getränk verwehrte. Doch der Klang einer einsamen Trompete zerriß die Stille, und die Melodie, die sie spielte war vertraut.

"Der kleine Adersin", stellte Liasanna das Offensichtliche fest, nämlich dass der Trompeter der Panthergarde die Krieger der Königin zur Schlacht lief. "Es geht los."

Sie erhoben sich, Liasanna schwerfälliger als er, und sie tauschten einen letzten Blick.

"Wir sehen uns auf der anderen Seite", erinnerte Liasanna und bot ihm die Hand. Er schlug ein und nickte. "Auf der anderen Seite, Liasanna."

Doch auf der anderen Seite des Endlosen Heerwurmes wartete mehr, als das mittelreichische Heer auch nur in Alpträumen zu schauen gewagt hätte.

Querverweis zum Weiterlesen:
Charakterbeschreibung Gervinios (Führt in den Bereich "Nebencharaktäre")

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