Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Der Phexgeweihte Yann, als Gefangener hinaufgebracht auf die Fliegende Feste, berichtet Liasanna, was er dort sah und hörte - daß Galotta die endgültige Vernichtung Gareths plant. Liasanna eilt nach Gareth, um die Schreckensnachricht der Reichsbehüterin zu überbringen, und die Kaiserstadt macht sich in Windeseile kampfbereit.
Am Vorabend der Kämpfe sind alle Vorbereitungen getroffen und alle Gebete gesagt. Der größte Feind auf dem Weg ins Morgen ist nun die Angst. Und so steht Liasanna auf dem Dach der neuen Residenz und blickt auf das, was zu verteidigen sie geschworen hat.
(Geschichte inspiriert von 'Schlacht in den Wolken')

Gareth wird brennen

Von der Stille vor der Schlacht

Gareth
Herz des Reichs

Schwarz und finster war die Nacht, als habe der listenreiche Phex selbst sein Funkeln verhüllt, um zu verbergen, was vor seiner und den Augen seiner Tochter Mada geschah. Wolken jagten über das Firmament, als flohen auch sie gen Süden vor dem, was aus dem Norden heranrückte, und doch schmeckte der Wind bereits nach Tod.
Just jenseits ihrer Wahrnehmung lauerte der Wahnsinn.

Es war einer der Momente, in denen Liasanna nicht umhin konnte, einen Funken Dankbarkeit dafür zu verspüren, daß das Erbe ihrer Mutter in ihr nur verborgen schlummerte, daß sie auf den träumenden und spürenden Pfaden der Elfen kaum noch zu wandern verstand. Denn allein die Ahnung vom Anfang, von der der Wind ihr flüsterte, nahm ihr die Kraft.

Es wäre leichter gewesen, wäre die Träumende am Himmel zu sehen gewesen. Nicht ohne Grund trug Liasanna ihren Namen als Schild, und nicht ohne Grund war am Dunklen Brunnen ihr Zorn zurückgeblieben, damit sie sein konnte, was sie jetzt war.
Und doch, was war sie?
Soldatin eines untergehenden Reiches

Vier Tage waren vergangen seit Wehrheim, vier Tage, seit sie atemlos und ohne Hoffnung in der Dergel geschwommen war, die sie geschützt hatte vor dem Wahnsinn und der Schande Galottas. Und lange, ach so lange war es her, daß sie vor ihrer Herrin, ihrer Reichsbehüterin, vor Emer gestanden hatte, das Schwert erhoben wie all die Edlen, und gerufen hatte, daß sie nicht weichen würde, nicht vor Galotta, und nicht vor seinem Herrn selbst.
Emer, Emer, wo sind deine Edlen jetzt?

Noch immer war es völlig unmöglich, die Toten vor Wehrheim zu zählen, und noch immer wußte keiner von ihnen wirklich, wer überlebt hatte. Doch was sich hier in Gareth versammelte, war wenig, zu wenig. Mut, ja, das wohl, und auch Entschlossenheit, doch die Erfahrung hatten sie verloren, und auch den Plan.

Heute bin ich Garetherin wie ihr, hatte die Reichsbehüterin den Bürgern zugeworfen, und Liasanna hatte begriffen, daß sogar sie, Halbelfe ohne Land und Heimat, in diesen Tagen nun Garetherin war, Garetherin sein mußte, denn wenn Gareth fiel, wenn Gareth Kholok-kai wurde, das Reich der Rache, was bliebe dann noch?

Seit sie zurückgekehrt war von Wehrheim, auf einem beinahe zu Tode gerittenen Ackergaul, seit sie jenen schweren Gang in den Thronsaal vollbracht hatte, um Emer ni Bennain Nachricht zu bringen, vom Tod ihres Marschalles, der Vernichtung ihrer Armee, dem Tod ihrer Tochter, der ihr, Liasanna, ganz persönlich und unauslöschlich anhaftete, hatte sie keinen Augenblick der Ruhe gefunden. Nur jetzt, auf den Zinnen der neuen Residenz, in der Nacht, vor der sich ihrer aller Schicksal entscheiden würde, war die Ruhe ein unwillkommener Gast. Und doch
Der Worte sind genug gewechselt. Die Karten, die wir haben, sind die, die wir spielen.
Ich wünschte nur, es würde beginnen.

Er war überrascht, jemanden hier oben zu finden. Man sollte meinen, daß in jener letzten Nacht ein jeder, der auch nur einen Funken Disziplin in sich fand, Ruhe zu finden versuchte, doch Melvin Stoerrebrandt war zu müde, um sich diesem Selbstbetrug hinzugeben. Kein alchimistisches Gebräu, kein elfisch geflüsterter Zauber würde ihm Ruhe bringen in dieser Nacht. Sie hatten getan, was getan werden konnte. Die Waffen geschärft, die Zauber gewoben, die Gebete gesprochen.
Mit uns die Götter

Und doch fragte sich ein Teil von ihm, jener, in dem noch der junge Magus schlummerte, den die Neugierde einst umgetrieben hatte in den Jahren seiner Jugend, wer es war, der hier oben dem Schlafe ebenso auswich, an einem Ort, der nur den wenigsten zugänglich war.

Wind wirbelte lange, schwarze Haare auf, und im Dämmerlicht erkannte er die schrägstehenden Augen und leicht spitz geformten Ohren, die elfisches Blut verrieten, und der weiße Wappenrock mit dem Pantheremblem tat ein übriges.
Nur eine elfischen Blutes diente in der Leibwache der Reichsbehüterin.

Er kannte Liasanna Mondenpfad kaum. Sie war nach der Dämonenschlacht auf persönliche Anweisung der Reichsbehüterin in die Garde aufgenommen worden, und seines Wissens nach führte sie eine Hand Reiter, einen kleinen Stoßtrupp, Emer ni Bennain direkt unterstellt. Sie hatte den Ruf, kompetent zu sein, und doch beschlich ihn in diesem Augenblick der Eindruck, daß er jenseits ihrer Soldaten niemanden wüßte, der sie wohl einzuschätzen mochte.

Er erwog, umzukehren, um die Dame nicht zu stören, vielleicht auch, weil er seinen eigenen Frieden gesucht hatte und ihn in der Gegenwart von ihr wohl kaum finden würde.
Doch diese Nacht schmiedete seltsame Allianzen.

"Magnifizenz."
Eine Stimme, dunkel, heiser von den Anstrengungen der letzten Tage.
Ihm war nicht bewußt gewesen, daß sie ihn bereits bemerkt hatte, doch nun war ein Ausweichen ohnehin unmöglich, auch wenn die Soldatin ihn weiterhin nicht ansah sondern die Blicke auf die vieltausendfachen Lichter der Stadt gerichtet hatte, die in dieser, ihrer letzten Nacht, nicht schlief.

Und so trat er näher.
"Edle Dame."

Sie wußte nicht, ob er ihr unwillkommen war. Eben noch hatte sie sich gewünscht, von ihren Gedanken befreit zu werden, und jetzt, da der Augenblick da war, sehnte sie sich die Stille zurück. Und so legte sich Stille über den Hofmagus und die Soldatin, die in stiller Übereinkunft hinunter in die Stadt starrten.

"Das Karmakäutheon", bemerkte Stoerrebrandt schließlich leise, in der Hoffnung, seine Gesprächspartnerin sei gebildet und eingeführt genug in die Kreise des Hofes, um zu wissen, daß er von der Zeitenwende sprach, dem Anbruch eines neuen Zeitalters, verkündet vom Lichtvogel, Los' himmlischem Kind, unter dem Banne der Schrecken des Dämonenmeisters Borbarad. Das Antlitz der Welt würde sich wandeln und nichts mehr sein wie zuvor.

Es entlockte ihr ein Lächeln, ein trauriges wohl, ein wenig verächtlich vielleicht, doch ihr Zorn war ohne Kraft. Und sie wußte zumindest ahnungsweise, wovon er sprach.

"Wenn Ihr es so sehen wollt", entgegnete Liasanna leise, abweisend, doch auch ihren Worten fehlte es an Elan.

"Es liegt Trost darin", beharrte Stoerrebrandt, zu sich selbst oder zu ihr, doch der faulige Wind des Nordens nahm seine Worte auf und ließ sie hohl klingen.

"Darin, daß wir in Zeiten leben, die nichts mehr als Krieg sehen werden?" Da war ein Funken Widerspruchsgeist, ein Hauch von Trotz in ihrer Stimme. Sie hatte niemals viel von den hochtrabenden Theorien der Magier gehalten. Die Elfen wußten um Wandel, um Wachsen und Vergehen, Nurti und Zerzal, doch darin zu stehen nahm diesen Gedanken den Trost. Sie vermutete, daß es Stoerrebrandt mit dem Karmakäutheon ähnlich erging. Doch in dieser Nacht griff jeder nach dem, von dem er hoffte, es würde ihn halten. Worte gen Alveran, das Flehen zur Träumenden Madaya, sich zu zeigen, all dies war doch nur Ausdruck von einem. Von Angst.

"Darin, daß die Götter uns nicht verlassen haben."

Sie schnaubte verächtlich ob seiner Worte. Auch sie konnte nicht leugnen, daß wohl die Himmlischen ihren ganz besonderen Blick in diesen Tagen auf Gareth hielten. Trug nicht Ludo von Wertlingen das Schwert der Greifen, den Faustpfand ihrer Rückkehr? Hatte nicht Mutter Galahan den Stab des Vergessens gerufen, und so den Beistand des Herren Boron selbst?

"Wenn die Götter mit uns sind", wandte sie bitter ein "und dennoch Wehrheim fiel, wenn die Götter mit uns sind, und dennoch die Kronprinzessin fort ist, wenn die Götter mit uns sind, und dennoch Razzazor und Galotta auf dem Weg hierher, Magus, was hilft uns dann in aller Namen der Beistand der Götter?!"

"Ich weiß es noch nicht", entgegnete Stoerrebrandt ehrlich und Liasanna nickte. "Vertraut." Sie schloß die Augen und atmete tief durch, bereute es sofort und unterdrückte ein Husten. Stille senkte sich auf sie hinab, als wären ihre harschen und seine stillen Worte das letzte, das man der Dunkelheit und der Luft noch würde anvertrauen können. Doch als sie wieder sprach, war es verzagt fast, voller Angst.

"Werden wir bestehen?"

Er unterdrückte den Impuls, ihre harschen Worte zurückzugeben, und sie daran zu erinnern, daß dies wohl zu nicht unerheblichem Maße auch in ihren eigenen Händen läge. Bei aller Verantwortung, die die Verteidigung der Stadt dem Hofmagus abverlangte, hätte er doch nicht die Aufgabe übernehmen mögen, die Liasanna zufiel, ihr, und jenen anderen, die vor einigen Wochen auf die Spur der Greifen gesandt worden waren. Es war unmöglich, Kholok-kai zu erstürmen, es war unmöglich, zu Galotta vorzudringen, und erst recht war es unmöglich, ihn zu töten.
Mit uns die Götter

Doch diese Antwort wollte er ihr nicht geben, und so rang er im Dunkeln nach Worten, bis sie schließlich den Kopf senkte.
"Es ist gleichgültig."

Stoerrebrandt runzelte die Stirn, und zum ersten Male genehmigte er es sich, die Soldatin direkt anzusehen, im Halbdunkel die Schemen ihres Gesichtes nach Hinweisen darauf abzusuchen, wie sie diese Worte wohl gemeint haben könnte. Doch die Finsternis verbarg sie vor seinen Augen, und der Vorhang langer, schwarzer Haare tat ein Übriges.

"Der morgige Tag wird eine Entscheidung bringen"; fügte er leise. "Und zu welchen Mächten wir auch beten in dieser Nacht, morgen, ist alles, was zählt, daß wir daran glauben können, daß es möglich ist."

Langsam wandte sie ihren Blick zu ihm, zum ersten Mal, seit diese seltsame Unterhaltung begonnen hatte und musterte ihn in jener undurchdringlichen Art, die Elfen bisweilen zueigen war. Sie war ein wenig größer als er, und die Erinnerung, daß Elfenaugen die Dunkelheit besser zu durchdringen wußte, ließen ihn sich ungeschützt vor ihren Blicken fühlen.

"Ist es möglich", fragte sie ihn, und diesmal waren es ihre Augen, die eine Antwort verlangten.
"Alles ist möglich"; entgegnete er, sicherer nun, mit einem Male. Sie nickte.
"Dann werden wir Erfolg haben."
Er neigte den Kopf vor der plötzlichen Entschlossenheit in den Augen der Soldatin und erwiderte ihren Blick darauf mit ähnlichem Geist. Sie nickte und der Hauch eines Lächelns umspielte die schmalen Lippen.

"Meine Empfehlung an ihre kaiserliche Majestät", sagte sie leise. "Und meine Empfehlung an Euch, so wir uns in der morgigen Schlacht nicht mehr sehen sollten."
Stoerrebrandt nickte und trat einen Schritt zur Seite, um sie hindurchzulassen.
"Rondra und Hesinde auf euren Wegen", erbot er ihr den Grup, und sie nickte, erwiderte den Segensspruch, bevor sie, die genagelten Stiefel in hartem Rhythmus in den Boden der Steintreppe hämmernd, im Gebäude verschwand.

Stoerrebrandt wandte sich zu den endlosen Dächern, unter denen Fackeln und Lampen in ungezählter Vielfalt Licht verströmten.
"Herr der Nebel, schütze diese, deine Stadt", sandte er das Gebot zu dem himmlischen Fuchs hinauf, dessen Hand schon stets über Gareth gelegen hatte. "Einmal, nur dieses eine Mal, brauchen wir wahrhaftig alles Glück, das wir bekommen können."

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