Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Und so eilen die Gefährten an der Seite von Rondrigan Paligan von Perricum, Eslam von Eslamsbad und Boronian von Rommilys nach Elenvina, um dort vor dem Reichskongreß Bericht zu erstatten. Es fällt Liasanna schwer, von all den Schrecken zu berichten.
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Die Mauern von Nebachot

Höret die Posaunen, sie künden vom Fall...

Worte sind ein seltsam Ding.
Flüchtig, wie der Wind, hinfortgerissen von der kleinsten Strömung jenes launenhaften Elementes, Luft genannt, abhängig von Trägern und Gezeiten, abhängig von dem, der sie spricht, und dem, der sie hört.
Worte sind Macht, so würden jene sagen, die sich den Gaben der Schlangengleichen verschrieben haben, in deren Wunsch und Willen es liegt, aus bloßem Klange Formen zu schaffen, aus bloßen Gedanken Tatsachen wie Skulpturen aus dem Stein ans Tageslicht zu bringen. Worte sind ein gefährliches Ding.
Stark und schwach gleichzeitig, Spielzeug jeder flüchtigen Luft und doch nicht zu beenden, kaum daß ihr Klang einmal die Winde berührte, haben sie ebenso wie Taten das Angesicht Deres geformt. Allianzen sind auf Worten begründet und an ihnen gescheitert, Kriege in ihrem Namen geführt und Frieden geschlossen.
Worte, obgleich nichts als Klänge und Laute, haben Wände zerschmettert und Burgen gebaut. Klänge, flüchtiger noch als die Worte, in deren Aneinanderreihung ein Sinn liegt, dessen Bedeutung jeder begreifen mag, der die Worte kennt, verbergen eine Botschaft, die noch subtiler, noch unteschwelliger ist.
Und doch sind es Klänge, nichts als die Klänge von Posaunen, die einst die Mauern des mächtigen Nebachot zu Ruinen werden ließ.

Es war die Abwesenheit jedweden Lautes, jedweden Klanges, die einem jeden großen Sturme folgt. Und ein Sturm würde es werden.
Auch wenn sie nicht wußte, wo sie beginnen sollte. Das Schweigen umhüllte sie wie eine Decke, wie ein schwerer, nasser Überwurf, der sie zu Boden zu drücken schien um ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Schweigen ist ein mächtiger Gegner, beinahe so stark, so überwältigend wie die Abwesenheit eben jenes Schweigens, das gleichzeitig die Anwesenheit von Klängen bedeuten würde, deren Präsenz sie wohl ebenso fürchtete.
Tausend Augen auf den ihren ließen ihren Atem versiegen, noch ehe er in der Kehle hätte beginnen können, Worte zu formen. Sie schluckte, einmal und ein weiters Mal, wohl wissend, daß ein Schweigen eine Antwort verlangte, und diese nicht eine Kopie der Frage würde sein können.
„Ich nehme an“, sprach sie, und ihr Flüstern trug weit, mochte ihre Stimme auch in den ersten Worten (Worten… Klängen… Posaunen…) noch beben, „daß die hohe Versammlung bereits unterrichtet ist über das Verschwinden der Praiosalveraniare in der Schwarzen Sichel vor dem Einfall des Soldlosen Banners.“
Mehr Schweigen, mehr Stille, mehr von jener Erwartung, die den Raum mit greifbaren Fäden gefüllt hatte, die sich um ihre Arme und Beine schlangen, noch ehe sie auch nur eines der Worte in die verräterische Luft hinausgesandt hatte, um Boten des Schreckens zu sein vor jenen, die sie noch fragend anblickten.
Die Posaune von Perricum bin ich… und heute wird der Tag sein, an dem die Wälle fallen…
Der Mann auf dem Throne nickte, seine Hand bot klanglos ihr das Wort, fortzufahren in dem, was sie zu berichten hatte. Und Schweigen wich der Halle, um niemals wieder zurückzukehren.
„Wir eilten zurück nach Wehrheim“, berichtete sie und durchschnitt die Stille, entließ genau jene Klänge in die Freiheit, die der Tod sein würden jeder Sicherheit und jeder Ruhe. „Nach Wehrheim, auf das der Endlose Heerwurm ebenfalls zog, beschützt von einer immensen, unnatürlichen Wolke.“
Sie verspürte das überwältigende Bedürfnis, die Hände zu ringen und verschränkte sie so stattdessen hinter dem Rücken, drückte das Kreuz durch in jener Haltung, die Soldaten bisweilen, halb spöttisch, halb ehrfurchtsvoll, das Wehrheimer Strammstehen nannten.
„Wie sicherlich bekannt ist, war auch Königin Rohaja nach Wehrheim gereist, um die dort versammelte Reichsarmee wider Rhazzazors Horden anzuführen.“
Schweigen antwortete ihr. Dies war wohl die grausamste, die unnatürlichste Art, Einsamkeit zu fühlen, einsam, inmitten von hunderten, ja tausend Augen, die sie anblickten in Erwartung und Furcht.
„Zu diesem Zeitpunkt“, rettete sie sich in halb militärische, halb eher dem Erbe ihrer Mutter gerecht werdende Worte, „war bereits bekannt, dass die Wolke wohl… siebtsphärischen Ursprunges war.“ Ein leises Raunen ging durch den Saal und sie begrüßte die Gelegenheit, Luft zu holen, die Schultern noch weiter zu straffen.
Nichts schien stark genug, das Beben zu besiegen. Denn noch waren die Posaunen nicht erklungen. „Somit wurde die Strategie unseres Angriffes darauf ausgerichtet, diese Wolke zu zerstören. Die Macht des Praiosschildes, so die Hoffnung, würde die Untoten von allein in ihre Schranken weisen. Ein Keil, gebildet von Magiern, Geweihten und Elitetruppen, sollte sich bis zu einem Kessel durchschlagen, der, auf einem Wagen gebracht, wohl den Ursprung der Wolke darstellte und ihn vernichten, während der Rest des Heeres das soldlose Banner in offener Feldschlacht zu stellen suchte.“
Hier oder da nickte der eine oder andere bedächtig. Und auch in ihren Augen klangen diese Worte noch wie der Hohn der Vernunft.
„Was diesen Plan anging… war das Heer erfolgreich. Unter Verlusten zwar, aber dennoch gelang es letztendlich, den Dämon zu exorzieren…“
Sie ließ die Worte in der Luft hängen wie ein fragiles Gespinst der Hoffnung, unwissend, wie sie von hier aus weiter gehen sollte. Die Hände hinter ihrem Rücken öffneten und schlossen sich krampfhaft.
„Doch die Wolke war nicht nur Schutz für das Soldlose Banner“, fuhr sie schließlich fort. „Sie verbarg neben dem Schwarzen Drachen auch noch eine Monstrosität aus den Schmieden jener Stadt, die einstmals Ysilia hieß. Eine Stadt, eine fliegende Stadt, riesig, und…“
Die klare Stimme der Halbelbin versagte im Sturm der über sie hereinbrechenden Fragen, im Winde all jener Stimmen, die miteinander, untereinander besprachen und kommentierten, mit welchem Klang die Posaunen begonnen hatten, in ihre eigene, ureigenste Welt einzubrechen.
„Die Königin… was war mit der Königin?“ erklang eine Stimme aus weiter Ferne. Sie drehte sich nicht einmal zu ihm um. Vielleicht war es jener Teil, den sie noch am meisten von allen gefürchtet hatte, das Eingeständnis ihres eigensten, ureitenen Versagens. „Ist der Heerwurm vernichtet?“ erklang eine weitere Stimme, doch ihr fehlte die Kraft, wieder und wieder den Blick zu wenden um die verschiedenen Sprecher anzusehen. So bemerkte sie auch nicht, wie Mutter Galahan hinter ihr einen Finger sanft auf die Lippen legte, um die Adeligen zum Schweigen zu bringen. Gefangen in ihrer eigenen Welt rang Liasanna um Worte.
„Das ist… schwer zu sagen“, entgegnete sie mühsam, antwortete auf jene Frage zuerst, die zu beantworten weniger schmerzhaft war.
„Ich habe viele gesehen, die von der Praiosscheibe vernichtet wurde. Aber da war noch der Schatten der Stadt… und viele haben sich in Windeseile in den Boden eingegraben. Ich glaube nicht, daß ich verläßlich sagen kann, wie viele von ihnen noch übrig sind.“
Das Gemurmel schwoll an, und Hartuwal vom Großen Fluß hob eine Hand in dem mühsamen Versuch, der Botin in der Aufregung des Saales Gehör zu verschaffen, doch es verging noch eine ganze Weile, bis es wieder still wurde, und Liasanna den Mut fand, fortzufahren.
„Rhazzazor flog über das Schlachtfeld“, berichtete sie, ihre Stimme tot und ohne jede Leidenschaft, als habe man ihr einen Text zu lesen gegeben, dessen Schrift sie wohl zu entziffern wußte, dessen Worte jedoch keinen Sinn ergaben. Vielleicht taten sie das auch nicht.
„Und die Monstrosität…. Entfachte einen Weltenbrand. Ein Sturm kam auf der alles hinfortriß, was nicht fest im Boden verankert war. Niemand wußte mehr wo oben und unten war, wo Firun und wo Rahja. Es war…“ Sie rang nach Worten. Es war nicht das erste Mal gewesen, daß sie mit dem Wind getanzt hatte, doch selbst die ungestümen Urwinde, im Zaume gehalten und entfesselt von der Harfe Dagals, des Wahnsinnigen, waren nicht zu vergleichen gewesen mit der gräßlichen Urgewalt, mit der Kholok-Kai über das Mythraelsfeld hergefallen war. „Und dann kamen die Ranken“, setzte sie ihre Erzählung an anderer Stelle fort. Der Raum war still genug, das ihr schweres Atmen, ihr Ringen um Beherrschung, weithin trug. Sie straffte sich und krallte die Hände ineinander. Nur vage spürte sie eine Hand auf der Schulter und schüttelte sie ab. Einsamkeit, so grausam sie war, so kalt, war doch ihre Rettung in dieser Stunde. In Stärke lag ihre Erlösung, denn für das, was sie zu berichten hatte, mußte sie ihr Herz zu sterben heißen, kalte Fesseln aus brennendem Metall um ihren Geist legen um nicht die Worte zu verlieren für das, für das es keine Worte gab.
Und so war Mutter Galahans wohlmeinende Geste in diesem Augenblick nichts weiter als ein Beben, das ihr für einen Augenblick die Stimme raubte, Tränen in ihre Augen steigen ließ, die sie zurückdrängte mit einer Gewalt, die ihr den Atem raubte.
„Wie Schlingpflanzen, doch lebendig, überall und überall beweglich. Sie ergriffen alles, was auf dem Schlachtfeld noch lebte um es zu zerreißen. Ich war von der Königin getrennt worden während des Sturmes, und nun suchte ich sie und sah sie zum letzten Mal während die Ranken überall nach allem Lebendigen zu greifen versuchten.“ Nun kamen die Worte beinahe fiebrig, wie Perlen an einer kostbaren Kette, eines nach dem anderen.
„Ich sah sie, wohl hundert Schritt entfernt von mir, wie sie sich gegen die Ranken zur Wehr setzte, doch ich…“ Ihre Stimme kippte, doch sie führte den Satz zuende, „ich konnte nicht zu ihr gelangen.“
Wie durch einen Schleier nahm sie den Sturm an Fragen wahr, der über sie hereinbrach. Nur mühsam blickte sie von einem Sprecher zum anderen, vergaß die Anfänge ihrer Sätze schon, ehe sie am Ende angelangt waren. Eine blieb.
„Ist sie am Leben?“
„Ich kehrte zurück auf das Schlachtfeld… nach der Schlacht. Ich fand die Gardisten an ihrer Seite zerschmettert, doch ihren Körper fand ich nicht…“
Sie wehrte den Sturm an Fragen mit einer müden Hand ab. Die Finger zitterten leicht in den ledernen Reithandschuhen, doch die stille Geste errang ihr die Aufmerksamkeit, die Worte wohl nicht gebracht hätten.
„Ich bitte Euch“, fuhr sie fort, ihr erstes, offenes Zugeständnis an die Schwierigkeit ihrer Aufgabe, den Ereignissen gerecht zu werden, die eine Welt zerstört hatten. „Laßt… mich zuende berichten. Dann die Fragen.“
Das Murmeln ließ nur geringfügig nach und bildete die Verstärkung des Rauschens, das als Hintergrundgeräusch in ihren Ohren tobte.
„Den Ranken waren Feuer gefolgt, Flammenstürme, die über das Feld rasten, und in ihrem Schlepptau brachten sie Erdbeben. Es… war nicht viel übrig von der Garde.“ Sie schluckte bittere Galle hinunter und zum ersten Mal, seit sie diesen Raum betreten hatte, nahm sie ihre Umgebung wirklich wahr,
„Was ist mit Leomar vom Berg?“
Mühsam fixierte sie jenen jungen Almadaner, der sie unter schwarzen Locken aufgeregt ansah. Für einen Augenblick fühlte sie sich an Luco erinnert, glaubte, den Baron von Apelsgrund vor sich zu haben, doch das Trugbild schwand und sie schluckte nur.
„Der Feldherrenhügel war nicht weit von Wehrheim. Dort, über der Stadt, war der Weltenbrand am schlimmsten. Ich fürchte, dass er es nicht überlebt hat.“ Totenstille, bebende Totenstille senkte sich über die Versammelten, und Liasanna sprach in diese Stille hinein, leise immer noch, doch in dem Saal, in dem man eine Haarnadel hätte fallen hören können, trug ihre Stimme weit.
„Das Chaos nach der Schlacht war unbeschreiblich. Es ist beinahe unmöglich, Genaueres über verschiedene Truppenteile zu sagen. Sie wurden buchstäblich in alle Winde zerstreut. Es mag wohl sein, dass der eine oder andere noch am Leben ist, doch mit Gewissheit kann ich es nicht sagen, und darauf zu hoffen hieße, Phex in Versuchung zu führen. Sicher jedoch ist, Wehrheim ist zerstört.“
Sie ließ ihre Worte einen Augenblick lang wirken und setzte noch einmal nach, so, als begreife sie es erst jetzt, in diesem Augenblick, als gleichzeitig mit den Mauern Wehrheims symbolisch auch die des alten Nebachot fielen.
„Der Schild des Reiches liegt in Ruinen.“
Der diesen Worten folgende Tumult war unbeschreiblich. Eine Explosion an Worten, gleich einem Sturm, brauste durch den Raum und stürmte auf die Halbelfe ein. Fragen nach einzelnen Einheiten, nach einzelnen Personen, nach Details von Schlacht und Herkunft. Überfordert blickte sie von einem zum anderen, ihre aufrechte Haltung vermochte nicht ihre Desorientierung zu verbergen.
Und so fielen die Mauern von Nebachot…
So wie sie den Sturm auf dem Mythraelsfeld überstanden hatte, witterte sie auch diesen hier aus, bebend zwar, doch nicht stürzend. Schließlich war es die Schwester der Reichsbehüterin, der es gelang, sich Gehör zu verschaffen.
„Könnt Ihr sicher sagen, dass die Königin von Garethien tot ist?“
Liasanna rang einen Augenblick um Worte. Dies war die Frage der Fragen, die Frage, die die Diskussion und die Ereignisse der nächsten Tage bestimmen würde. Stunden, in den bitteren, einsamen Zeiten der Nacht, hatte sie über jene Frage gegrübelt und darüber, was sie darauf antworten würde, doch nun, da der Moment gekommen war, war sie nicht bereit.
„Ich habe ihren Körper nicht gesehen, ebenso wenig wie auch nur einer, mit dem ich sprach.“
„Wie wahrscheinlich ist es“, fuhr die Invher ni Bennain fort, „dass sie noch am Leben ist?“
Liasanna schloß kurz die Augen.
„Es wäre ein großes Wunder.“
Sie senkte den Kopf ebenso wie ihr Gegenüber, und Betroffenheit hielt für einen Augenblick lang den Saal in eisigem Griff. Doch die Ungeheuerlichkeiten, die zu berichten Liasanna Mondenpfad begonnen hatte, waren noch lange nicht vorüber.
„Als ich das Schlachtfeld betrat auf der Suche nach der Königin, konnte ich erkennen, wie Gargylen die Verwundeten und auf dem Schlachtfeld zurückgebliebenen hinaufbrachten auf die fliegende Feste. Der Herr Sertun war darunter, und ich denke, es ist an ihm, zu berichten, was dort geschah.“
Yann nahm den Faden ihrer Erzählung auf, doch Liasanna bemerkte nur am Rande, wie er begann, von seinen Erlebnissen in Galottas Thronsaal zu berichten, von Nemrods Gefangenschaft, von der Blutmagie, die all dies am Laufen hielt. Ihr Herz schlug schnell, zu schnell, und ihre Kehle schien wie zugeschnürt. Der winzige Augenblick der Entspannung, den ihr die vielhundertfachen Blicke gewährten, schien gerade genug, um ihre eiserne Beherrschung wanken zu lassen. Normalität, die langsam einkehrte? Es war zum Lachen. Nein, Normalität kehrte nicht ein. Der Regentin, ihrem Sohne, dem Reich zuliebe, stieg Liasanna Mondenpfad ein weiteres Mal in den Abgrund.
„Auf dem Wege vom Schlachtfeld in Richtung Gareth begegnete cih dem Herrn Sertun, der mir von all diesen Vorgängen berichtete“, nahm sie leise den Faden wieder auf. „Ich ritt nach Gareth um der Regentin bericht zu erstatten...“ Sie holte einmal zitternd Luft. Welch unzureichende Worte für einen Gang, wie sie in ihrem Leben noch keinen schwereren vollbracht hatte. Wie berichtete man einer Mutter vom Tod einer Tochter? Einer Regentin von der Zerstörung ihres Landes? Worte, so seltsam, bisweilen so mächtig, zeigten in dieser Stunde noch eine weitere Eigenschaft. Ihre Unzulänglichkeit, ihre Unfähigkeit, wahrhaftig zu verdeutlichen, was geschehen war, auch nur ansatzweise auszudrücken, durch welche Hölle sie gegangen waren.
„Wir wußten, daß die Stadt sich in Richtung Gareth aufgemacht hatte, und die Stadt machte sich kampfbereit. Die Regentin rief die Bürger zusammen, versuchte, alle zu einem Bündnis zusammenzuschweißen.“
„Was für Einheiten waren in Gareth versammelt?“
Sie wandte sich zu dem Sprecher um, von der Frage selbst überrascht.
„Wenige“, antwortete sie leise. „Was dort noch stationiert war. Wir hatten keine Zeit, Truppen zusammenzuziehen. Dazu war die Stadt zu schnell.“
In den letzten beiden Sätzen lag Schärfe. Der Schmerz, der siezu zerreißen drohte, während sie noch berichtete, begann, seinen Preis zu fordern. Ihre Geduld war langsam am Ende. Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu sammeln. Die hier Versammelten zu brüskieren war das letzte, was sie wollte.
„Als die Schlacht dann kam... wir hatten uns bereiterklärt, zu versuchen, auf die fliegende Stadt zu gelangen um Galotta aufzuhalten. Doch unser erster Versuch, dorthin zu gelangen, schlug fehl.Und als wir zurück ins Hauptquartier gelangten, erfuhr ich, daß der Schwarze Drache von Warunk in der Stadt der Toten sei.“
Kurz wandte sie sich zu Selindian Hal um, versuchte in den Zügen des Jünglings etwas zu lesen, doch was er dachte, blieb ihr verschlossen. Und so mußte sie diesen letzten, schwersten Gang ein weiteres mal alleine gehen, so einsam wie ihre Stimme in der Stille vor bebenden Mauern.
„Mutter Galahan war einige Tage zuvor mit dem Stab des Vergessens in Berührung gekommen – ich nehme an, es ist bekannt, daß es sich dabei um ein hohes Boronartefakt handelt.“ Sie zögerte kurz, fuhr dann jedoch fort, die Festigkeit ihrer Stimme verriet nicht, daß sie bebte, wie ein Blatt im Wind. Doch ihre Hände verrieten sie, nicht mehr in Wehrheimer Akkuranz hinter ihrem Rücken verschränkt, sondern ineinander verschlungen, in einer Anspannung, die nicht zu zeigen sie sich alle Mühe gab.
„Deswegen – und weil wir erfahren hatten, daß sich die Reichsbehüterin ebenfalls dort aufhielt, sind wir dorthin aufgebrochen. Als wir ankamen... war Rhazzazor bereits da. Und die Reichsbehüterin machte sich zum Kampf bereit, und wir mit ihr.“ Ihre Stimme brach, und wie Rabenvögel, die über dem sterbenden Wild gelauert hatten, stürzten Fragen wie Schnabelschläge auf sie hernieder.
„Wie viele waren dort?“ - „Wo war der Drache?“ - „War er allein?“
Sie bebte, die Finger fest ineinander verkrampft.
„Wir waren vielleicht zehn Kämpfer... die Reichsbehüterin schon eingeschlossen. Und Bruder Stygomar mit einigen Getreuen.“
„Warum so wenige...?“
Die Frage des Reichskanzlers ging definitiv nicht an sie, und auch sein Augenmerk war fest auf Boronian von Rommilys gerichtet, der hochaufgerichtet und mit starrem Blick hinter ihr stand, als erwarte er stoisch sein Urteil. Doch diesen Kampf auszufechten war sie nicht bereit, und so sprang sie in die Bresche. Die Qual mußte ein Ende haben, die Furcht vor den entscheidenden Worten des Versagens, die auszusprechen sie sich immer noch scheute.
„Die Stadt war im Chaos. Wir hatten wahrhaftiges Glück, daß wir dort überhaupt ankamen. In was für Kämpfe die anderen Beschützer der Reichsbehüterin verwickelt waren, vermag ich nicht zu sagen.“
War da Enttäuschung in seinem Gesicht? Es war ihr gleich, und ebenso wohlweislich wandte sie sich nicht zum Marschall der Panthergarde um, den sie gerade ebenso durchsichtig wie fadenscheinig verteidigt hatte.
Der Reichskanzler bot ihr mit einer Handbewegung, fortzufahren. Doch Liasanna hatte ihren Faden ebenso wie ihre Kraft eingebüßt. Augenblicke lang rang sie um Worte, bald an dieser, bald an jener Stelle beginnen, bevor sie schließlich mit brüchiger Stimme fortfuhr.
„Der Kampf gegen den Schwarzen Drachen ist... kein gewöhnlicher Kampf“, begann sie hölzern und war selbst entsetzt darüber, wie wenig sich die erlebten Schrecken in das straffe Gerüst von Worten pressen ließ.
Ich müßte ein Barde sein, um in Klänge zu fassen, was ich nicht sagen kann.
Der Enkel Jast Gorsams beantwortete Liasannas Worte mit einem abfälligen Schnauben, und beinahe hätte sie zu lachen begonnen, laut, schallend und hysterisch, ein Geräusch, so fehl in diesen Hallen wie Kinderspiele in einem Boronkloster, doch ein letzter Rest von Vernunft hieß sie sich beherrschen, und so drückte sie ihren Rücken wieder durch und ignorierte den Einwurf.
„Es gibt kaum Worte was es bedeutet, ihm gegenüberzustehen... wenn seine Gedanken überall sind... tote Worte in den eigenen Gedanken, die nicht abzuschütteln sind, weil seine Präsenz so... mächtig ist.“
Sie hatte zu gestikulieren begonnen, in einem verzweifelten Versuch, begreiflich zu machen, was sie gesehen hatte.
„Wir kämpften gegen ihn... doch er war zu stark. Und schließlich... unterlag die ... Reichsbehüterin...“
Die Worte waren nur noch ein Flüstern und ihre Stimme brach, wenn schon nicth endgültig, so doch für einige Zeit. Sie blinzelte, kämpfte wütend gegen Tränen, die sie um keinen Fall erlauben wollte, blickte mit aller Gewalt nicht zu Selindian Hal. Der Lärmpegel im Sall schwoll an und schluckte ihre leise gesprochenen Worte beinahe ganz, als sie fortfuhr.
„Sie starb.. ich sah sie sterben... und er triumphierte....“, sie zog Luft ein, hörbar und deutlich, und ein weiteres Mal war da Mutter Galahans Hand auf ihrer Schulter. Sie zog Kraft daraus, einen Augenblick nur, dann schüttelte sie wieder ab. Der Tag war noch nicht vorüber.
„Mutter Galahan konfrontierte den Drachen mit dem Stab des Vergessens“, fuhr sie leise fort. „Was dort geschah, weiß ich nicht genau, doch vielleicht wird Mutter Galahan es zu berichten wissen...“, sie wandte sich zu ihrer schweigenden Gefährtin um, ohne mit dem Sprechen aufzuhören, und doch sie in diesem Augenblick direkt anredend, „wenn es Euch die Worte wert ist, Euer Gnaden...“
Die Golgaritin nickte kurz.
„Er ist verwundet“, berichtete sie kurz. Ihre Stimme, warm und ein wenig rauh, war ein wohltuender Kontrapunkt zu Liasannas bebenden Worten. „Doch er ist nicht gestürzt.Er floh, doch er wird wiederkommen in einem Jahr.“
Sie ließ die Fragen über sich ergehen, beantwrotete nach bestem Wissen und Gewissen, wich immer noch dem Blick des jungen Prinzen aus. Wie konnte sie demjenigen unter die Augen treten, dessen Schwester und Mutter sie verlor?
„Wir kehrten zurück in die Stadt und zur Feste. Wir...“ Sie unterbrach sich, begriff mit einem Male, wie wirr ihre Rede sein mußte, wenn sie ein solch wichtiges Detail vergessen konnte. Was zu Anfang noch wie eine wohlgesetzte Ansprache geklungen hatte, hatte sich immer mehr zu einem sinnfreien Gestammel in Wohlgefallen aufgelöst, und obwohl diese Worte all die Stärke brauchten, die zu geben sie imstande war, war sie nicht zufrieden.
„Wir... hatten von den Greifen in der Sichel ein Schwert erhalten. Als Pfand ihrer Rückkehr... als Versprechen. Und sie hielten ihr Versprechen und tauchten auf.“
„Greifen über Gareth...“ Ehrfurcht füllte die Halle und fast häütte sie geschmunzelt, sich in dem gefreut, was sie noch zu berichten hatte.
„Sie erboten sich... uns auf die Feste zu bringen“, fuhr sie fort und das Gemurmel in der Halle wuchs.
„Wie?“
Sie senkte den Blick. Nun war wohl der Augenblick, an dem sie sich zum Lügenbaron würde abstempeln lassen müssen, all ihrer Mühe und all ihrer Wünsche zum Trotz.
„Sie erboten uns die Ehre, sie zu tragen.“
„Wer soll das denn glauben?“ platzte der junge Sproß des Hauses zum Großen Fluß laut heraus, und im ganzen Saal regte sich Unglauben. Doch Liasanna verspürte keinerlei Lust, sich weiter zu erklären. Sie war dort gewesen, während all jene sich hier in Elenvina versteckten. Sie hatte gesehen und war durch die Hölle gegangen. Und ihr fiel die schwere Aufgabe zu, zu berichten. Sie würde sich davon nicht abhalten lassen.
„Wir erreichten die Feste“, fuhr sie fort, nun fester, denn der Ärger gab ihr Kraft. „Wir suchten den Mechanikus Leonardo, der von Galotta mit Hilfe eines Dämons gefangengehalten und unter Zwang gesetzt wurde. Wir befreiten ihn von diesem Einfluß und machten uns auf die Suche nach Galotta.“ Das Murmeln im Saal schwoll weiter an, doch auch ihre Stimme war wieder stärker geworden, die wenigen Spuren von Tränen auf ihren Wangen getrocknet. „Wir fanden ihn in seinem Thronsaal und... er starb.“
Sie verstummte. Mehr wollte sie nicht berichten. Das genügte. Denn was dort oben geschehen war, war nicht zu erklären.
Und der Sturm brach los.
Wie Donnerwind stürmten Fragen über sie hinweg, nach dem Zustand Gareths, nach den Umständen des Todes, und sie beantwortete einige, verschwieg andere. Doch eines konnte sie nicht leugnen, weder sie, noch all jene, die hier versammelt und für einen Augenblick vereint in ihrem Erschrecken waren.
Die Posaunen geklungen, die Mauern geborsten.
So fiel das mächtige Nebachot.

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