Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Die Dämonenschlacht ist vorüber und das Mittelreich beginnt, von Neuem anzufangen. Die Reichsbehüterin Emer schart um sich, wer sich als treu und fähig erwies. Liasanna Mondenpfad, halbelfische Reitersoldatin aus dem Albernischen ist dabei, seit sie in der Schlacht mit ihrem Häuflein Falkenwinder Soldaten das Leben Emers rettet. Sie nimmt das Angebot an, am Hofe zu dienen, eine schnelle, schlagkräftige kleine Reitertruppe aufzubauen und bald schon trainiert sie das erste Mal 'ihre' Einheit. Doch Herzen wollen gewonnen werden, und eine Einheit aufzubauen, wenn man nicht die Waffenschwester des regierenden Barones ist, ist etwas anderes als das, was sie in Falkenwind tat. Wie also gewinnt man Freunde? Wie beeinflußt man Menschen?

Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein

Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflußt

„Und? Was haltet ihr von ihr?“
Cerala von Andenhag hievte nicht ohne Anstrengung den schweren Sattel vom Rücken ihres Schecken und trug ihn hinaus in den Gang, wo sich einige Sattelständer befanden.
„Tüchtig“, entgegnete einsilbig der dunkelhaarige Mann, der in der Box neben ihr gerade sorgsam die Fesseln eines Almadaner Fuchses nach Schwellungen und Kratzern absuchte, während das Tier vollkommen still stand und allein durch das Zucken der Ohren verriet, daß ihm die Untersuchung wohl nicht ganz geheuer war. Doch Gervinio Alberich von Gareth - Streizig wußte was er tat und die Stute trat nicht aus.
Die kaiserlichen Ställe waren auch in dieser fortgeschrittenen Jahreszeit, bei dem die Stunden des im Freien stattfindenden Exerzierens die Finger klamm und die Glieder steif werden ließen, ein Hort der Wärme, in dem sich Pferdedunst mit dem Geruch nach Stroh und Lederzeug vermischte. Die rare, niedrigstehende Herbstsonne schien durch die zum Teil geöffneten Boxen hinein und machten die Ställe zu einem behaglichen Ort.
Jeder der vier, die hier die schweißbedeckten, erschöpften Pferde versorgten, waren den Anblick von Ställen gewöhnt. Reitersoldaten, die sie waren, hatten sie einen Gutteil ihrer Ausbildung zwischen Stall und Kasernenhof verbracht, und nichts anderes wurde auch hier von ihnen erwartet, auch wenn sie nun den Wappenrock des Panthers trugen, der persönlichen Leibgarde der kaiserlichen Familie.
Sie waren gekommen auf den Ruf einer Unbekannten hin. Der Name Liasanna Mondenpfad rief in den wenigsten Kreisen eine Assoziation hervor, doch Neugier und die Hoffnung auf die Ehre, dem kaiserlichen Eliteregiment anzugehören hatte sie alle gerufen.
Vorgefunden hatten sie – nicht überraschend bei diesem Namen – eine Halbelfe, schmal, hochgewachsen und ernst, und nach einigen Tagen des Trainings hatten die vier, die sich jetzt hier zusammengefunden hatten, schließlich die Nachricht erhalten, daß sie sich von nun an als Mitglieder der Panthergarde betrachten dürften.
Cerala hatte viel spekuliert wie ihr bunt gemischtes Häufchen zusammengekommen war, wer die Wahl getroffen hatte aus den gut fünfzig Bewerbern eben jene vier auszuwählen. Wohl hatte die Frau Leutnant, eben besagte Elfe, ein gutes Wort darin gehabt, doch wenn man betrachtete, daß auch der Marschall der Panthergarde die meisten Ausscheidungen beobachtete und sogar die Reichsregentin sich gegen Ende – als das Häuflein der Aspiranten bereits auf acht zusammengeschrumpft war – hatte für einige wenige Augenblicke auf dem Exerzitienplatz sehen lassen, so war wohl ihr Wort nicht das einzige, das ihre momentane Konstellation geformt hatte.
Cerala selbst war nicht allzu überrascht, daß sie ausgewählt worden war. Ohne unbescheiden sein zu wollen wußte sie um ihre Qualitäten, um die in langen Jahren des Dienstes in der Reiterei Tobriens, noch bevor die Invasion zerstörte, was sie sich an Leben einst aufgebaut hatte. Sie besaß Erfahrung und Können – und hatte mit beiden Händen nach der Gelegenheit gegriffen, aus den weißtobrischen Landen herauszukommen, um etwas anderes zu sehen als zerstörte Lande und ein Herzogtum unter Kriegsrecht. Ebenso verhielt es sich wohl mit Gervinio Albericht von Streizig, jenem dunkelhaarigen Soldaten, der als einziger auf ihre Frage geantwortet hatte. Der Name des Absolventen der Akademie zu Gareth besaß einen gewissen Klang, zwar keinen strahlenden Ruhm, doch den Ruf großer Verläßlichkeit und Ausgeglichenheit, und was Cerala bisher von dem Mann gesehen hatte, war gehalten, diesen Ruf zu bestätigen.
Andras Halberminger war eine Überraschung. Der älteste in ihrem Trupp war – mit Ausnahme interessanterweise der Dame Mondenpfad – der einzige von ihnen, der nicht von Stand war. Sie wußte nicht genau, welche Verdienste er erbracht hatte, und trotz ihrer Bemühungen war es ihr bisher noch nicht gelungen, es aus ihm herauszulocken, doch es mußte etwas gewesen sein, das in der Lage war, alle Grenzen des Standes zu überwinden.
Bei Mila ni Verano schließlich war Cerala sich sicher, daß sie auf den Wunsch Liasanna Mondenpfads in ihrer Runde war. Die kleine, stupsnasige Albernierin mit dem dunklen Wuschelkopf und dem breiten Lachen hatte nicht damit hinter dem Berg gehalten, daß sie die Halbelfe noch aus ihrer Ausbildung in Havena kannte. In den Ausscheidungen hatte sie zumindest vor Ceralas kritischem Blick nicht über die Maßen überzeugen können, doch schon die wenigen Stunden, die sie zusammen verbracht hatten, zeigten, daß sie mit einem fröhliches Gemüt und der Gabe gesegnet war, in jedes Gesicht ein Lächeln zu zaubern. Sogar bei dem stillen Andras war ihr das schon gelungen, und der tobrische Krieg hatte Cerala wie nichts anderes gelehrt, daß die Macht des Zusammenhalts einer Truppe gar nicht überschätzt werden konnte. Wenn die Dame Mondenpfad Mila ni Verano als Kitt ihrer inhomogenen Gemeinschaft durchgeschleppt hatte, so war das auf keinen Fall dumm.
Cerala platzierte den Sattel sorgfältig auf dem Bock und wandte sich um.
„Wie denn, habt ihr die Sprache verloren?“ polterte sie schmunzelnd und ging zurück zu ihrem Schecken.
„Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns über sie derartig den Mund zerreißen sollten“, wandte Andras Halberminger vorsichtig ein. Wie stets, wenn er sprach, klangen seine Worte abgemessen, als wäge er jedes einzelne von ihnen, ehe er es ihnen erlaubte, seine Lippen zu verlassen. Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu, halb hinter seinem Pferd verborgen, doch Mila ni Verano, die auf der anderen Seite von ihr gerade ihr Reittier mit Stroh abrieb, ließ einen unwilligen Laut hören.
„Ach was. Das sollte mich wirklich wundern, wenn sie sich daran stört.“ Sie schob verklebte Strähnen aus dem Gesicht. Sie alle waren beinahe ebenso erschöpft wie ihre Reittiere, jeder einzelne von ihnen bis auf die Knochen durchgeschwitzt, doch der erste Befehl, den Liasanna ihnen gegeben hatte war einer, der jedem von ihnen schon seit der Ausbildung in Fleisch und Blut übergegangen war – die Tiere zuerst.
„Stimmt ja“, bemerkte Cerala und blickte über die Abtrennung in Milas Box hinein. „Wenn du sie kennst – wie ist sie eigentlich so?“
Die junge Albernierin – offensichltich die einzige, die wie Cerala das Bedürfnis nach ein wenig Klatsch verspürte – wob ihre Finger in die Mähne des Rosses.
„Schwer zu sagen. Sie hat sich schon verändert. Früher würde ich sagen – traurig. Sie war eigentlich immer traurig. Auch wenn ich eigentlich nicht weiß, woran das lag. Aber heute ist das weg.“
Sie fischte in ihrer Tasche nach einer kleinen Belohnung für ihr Pferd und schob es zwischen seine Zähne. Milas Pferd und sie waren einander ähnlich. Sie waren ungeduldig und langweilten sich schnell. Der Leckerbissen würde das Tier wohl einige Minuten ruhig stellen.
„Sie ist ziemlich zuverlässig gewesen. Still. Ernst. Das Trinken haben wir ihr nie richtig beigebracht – aber Spitzohren vertragen ja auch nichts, vielleicht hat sie sich nur vor dem Wolf am nächsten Tag gefürchtet.“ Ihr Grinsen verriet, daß sie sich wohl mit diesem Wolf auf du und du befand. „Ich hätte ehrlich gesagt niemals gedacht, daß sie sich auf sowas hier einläßt.“ Cerala hob überrascht die Brauen. Wenn sie an den Leutnant dachte, so paßte ihre Gestalt eigentlich recht gut in den Pantherrock. „Tatsächlich?“
„Sie hätte es nie gesagt, denke ich“, bemerkte Mila nachdenklich und griff nach ihrem Striegel. Mit ruhigen, routinierten Bewegungen strich sie das Fell entlang. „Aber ich glaube, sie hat die ganze Sache niemals gemocht. Versteh mich nicht falsch. Sie hätte sich niemals dagegen gewehrt oder irgend etwas dummes angestellt. Aber irgednwie war sie nicht mit dem Herzen dabei.“
„Das klingt nicht nach unserem Leutnant“, stellt Cerala nachdenklcih fest. Liasanna war sicherlich niemand, der allergrößten Enthusiasmus vermittelte, doch die ruhige Zufriedenheit und das Vertrauen in das, was sie tat, schien von ihr wie eine große, warme Wolke auszugehen. Sie gehörte – anders als Mila oder auch sie selbst – nicht zu jenen, die ihren Enthusiasmus nach außen trugen.
„Eben“, bestätigte die Albernierin grinsend. „Was ich übrigens sehr gut finde.“
„Sie ist kompetent“, versuchte Gervinio, die Tratscherei der beiden Frauen einmal wieder in einigermaßen schickliche Bahnen zu lenken. „Und ich denke, das sollte doch genügen, oder?“ Cerala steckte den Kopf aus Milas Box um den jungen Reitersoldaten anzusehen. Der schürzte die Lippen in einem Hauch eines Lächelns und zwinkerte ihr kurz zu, bevor er sich wieder seinem Fuchs zuwandte.
„Hoppla, Schüsse aus dem Hinterhalt“, kommentierte sie schmunzelnd die Bemerkung des Garethers. Allein Andras wand sich immer noch ein wenig unbehaglich. Er hielt den Blick fest auf den Rücken seines Pferdes gerichtet, wohl in der Hoffnung, Cerala möge um nichts in der Welt auf die Idee kommen, ihn anzusprechen. Als sie den Grund dafür sah, darauf hingewiesen durch vorsichtige Blicke auf etwas, das sich hitner ihrem Rücken befand, war es bereits zu spät. An die Wand des Stalles gelehnt, den schwarzen Zopf über die Schulter geworfen, lehnte Liasanna Mondenpfad und blickte mit amüsiertem Gesichtsausdruck in die Boxengasse hinein. Sie hatte eienn Ort gewählt, an dem das Sonnenlicht zwar ihre Uniform beleuchtete, die von ihren Übungen noch etwas in Unordnung war, ihr Gesicht mit den elfisch anmutenden Gesichtszügen jedoch im Dunkeln ließ. Nur vage war das Schmunzeln zu erkennen, die gehobene Braue, die die gestreng vor der Brust verschränkten Arme ein wenig relativierten. Mit einem plötzlichen Schrecken fragte sich Cerala, warum um alles in der Welt sie sich so leise bewegen konnte. Und wie lange sie dort schon stand.
„Es tut wahrhaftig gut zu wissen, daß meine Person noch Stoff für Diskussionen bietet“, bemerkte sie trocken. Cerala trat aus ihrer Box heraus. Wer sich durch sein großes Mundwerk in Schwierigkeiten brachte, der mußte besagte Schwierigkeiten wohl auch ausbaden.
„Die Pferde schon versorgt?“ fragte die Halbelfe und blickte die Reihe entlang.
„Noch nicht ganz“, gab Mila zu und widmete sich besonders eifrig dem Striegeln. „Kann aber nicht mehr lange dauern.“
„Dann mal hopp“, riet Liasanna und lehnte sich wieder bequem gegen die Wand zurück. Cerala kommentierte das mit einem innerlichen – diesmal wohlweislich lautlosen – Seufzer und machte sich ebenfalls wieder an die Arbeit.
Jahrelange Gewohnheit und der undurchdringliche Blick der Halbelfe ließ sie ihre Arbeit schnell verrichten und einer nach dem anderen wandte sich zu dem Leutnant um. Als schließlich Andras – der langsamste und gründlichste der Gruppe – fertig war, stieß Liasanna sich von der Wand hinter sich ab und trat auf sie zu.
„Herausgetreten.“
Der Befehlston war eher leise, duldete aber ebensowenig Widerspruch als hätte sie geschrien.
„Mir scheint, es wären hier durchaus noch überflüssige Energien vorhanden.“
Mila und Cerala tauschten einen hoffnungslosen Blick. Das fing nicht gut an.
„Das war nicht ganz meine Absicht. Raus auf den Kasernenhof.“
Sie selbst ging vor, betrat das Oval, das sie zum Training genutzt hatten. Weiter hinten wurden einige reguläre Mitglieder der Panthergarde noch durch einige Schwertübungen hindurch angeleitet, doch sie blickten nur aus den Augenwinkeln hin. Liasanna, die nun über den aufgekommenen Wind ein wenig lauter sprach, forderte schnell ihre Aufmerksamkeit zurück.
„Damit uns allen nicht zu langweilig wird, denke ich sollten wir noch zwei kleine Dinge vor dem Schlafengehen erledigen. Zum ersten, fünf Runden um den Kasernenhof.“
Sie selbst lief vorneweg, mit den weitausgreifenden Bewegungen, die sie stets an den Tag legte, wenn die Gelegenheit es erlaubte, gab mit ihrem zügigen Schritt auch das Tempo vor. Nun waren es die anderen Gardisten, die sie aus den Augenwinkeln beobachteten, doch sie alle gaben sich größte Mühe, sich weder Anstrengung noch Müdigkeit anmerken zu lassen. Sie alle waren neu – und wollten nicht gleich als schwache Frischlinge gelten. Nach den fünf Runden schließlich waren sie alle gut durchgeschwitzt. Der Wind hatte Liasannas Zopf aufgelöst und auch die anderen wirkten recht gut durchgepustet. Zum Atemholen hielten sie am Rande der Bahn an, auf die hölzernen Holmen gestützt bis die schlimmste Anstrengung vorbei war.
„Das war Nummer eins“, bemerkte Liasanna, als auch sie wieder ohne zu keuchen sprechen konnte. „Nummer zwei wäre dann der Silberfuchs.“
Mila begriff als erste, und auf ihrem Gesicht zeigte sich ein Grinsen ab, das sich Lidschläge später auf Ceralas Gesicht wiederfand. Gervinio beschränkte sich auf ein leichtes Lächeln und Andras zeigte überhaupt keine Reaktion, doch dem Schmunzeln der Kommandantin nach zu urteilen war sie mit ihrer Resonanz zufrieden.
„Gewaschen, umgezogen, in einer halben Stunde in Zivil an der Mannpforte.“
Nicht, daß man ihnen das hätte zweimal sagen müssen.

Wie gewinnt man Freunde, wie beeinflußt man Menschen?
Liasanna untersagte sich jedwedes nervöse Wippen, während sie an der Mannpforte auf ihren Trupp wartete, die Arme verschränkt in jener ebenso studierten wie falschen Pose der Ruhe, die sie schon früher in den Ställen gezeigt hatte. Es stand außer Diskussion, daß sie vor diesen ersten, kritischen Tagen wohl deutlich nervöser als ihre eigenen Leute gewesen war.Anders als die anderen hatte sie niemals wirklich in einer Armee gedient. Sie war durch den harten Drill der havener Schule gegangen hatte gelernt, Befehlen zu gehorchen, in einer Schlachtreihe zu stehen, doch sie hatte den Dienst quittiert, getrieben von den ungewöhnlichen Umständen, Falkenwind betreffend, ehe sie eine wirkliche Möglichkeit gehabt hätte, sich an das Armeeleben zu gewöhnen.
Ein unaufmerskamer Beobachter würde wohl Falkenwind zu erwähnen wissen, die Jahre, in denen Liasanna ihrem besten Freund als Marschallin diente, seine Garde ausbildete und schließlich mit ihren Schülern vor der Trollpforte stand.
Doch dies war etwas anderes gewesen. Im kleinen Falkenwind waren sie eine Gruppe von Freunden gewesen, zusammengeschweißt im entlegenen Reichsforst, und sie nur deshalb die Kommandantin, weil sie sich auf das Waffenwerk verstand. Dort war sie Liasanna gewesen – Lia, in vertrauten Momenten – und dies ließ sich wohl kaum mit Gareth vergleichen, wo sie in der Panthergarde diente, abseits der üblichen Wachdienste zwar, und doch ebenso Schild des Kaiserhauses wie alle anderen in diesem Wappenrock.
Es gab Augenblicke, in denen sie sich fragte, warum sie zugesagt hatte. Gewiß, da war das Wissen über die große Ehre, die ihr zuteil geworden war. Die Nachricht der Emer von Gareths hatet sie in Falkenwind erreicht, und völlig überwältigt davon war sie aufgebrochen, um das Angebot zu hören, das Brins Witwe ihr zu unterbreiten hatte. Eine schnelle Eingreiftruppe, schlagkräftig, effektiv. Gerade so wie die Falkenwinder, die sich in der Schlacht an der Trollpforte so wacker geschlagen hatte.

„Mir fehlen die Worte, zu beschreiben wie geehrt ich mich durch dieses Angebot fühle“, hatte sie damals geantwortet, mit bebender Stimme und doch Emer in die Augen blickend, weil eine offene Frage einer offenen Antwort bedurfte. „Und doch werde ich, wenn Ihr es denn gestattet, ein ehrliches Wort mit einem ehrlichen Worte vergelten. Ich bin sicher, es ist euch bewußt, daß die einzige Armee, der ich je wahrhaftig diente, die war, die ich aus freiem Willen mir selbst schuf. Ich bin halb Elfin, und kann und werde nicht so tun, als sei ich ein Mensch. Ich kämpfe anders, ich befehle anders. Und so bin ich anders als jene, die andere Abteilungen Eurer Streitmacht führen, und auch das werde ich immer bleiben. Wenn Ihr mir meinen Weg lasst, so werde ich mit meinem Leben dafür sorgen, daß Euch diese Entscheidung niemals reuen wird. Wenn Ihr mir dies jedoch nicht gewähren könnt, so werde ich ehrlich genug sein, zu sagen, daß ich auf solchen Wegen nicht dienen kann.“
Es war dreist, und sie wußte es. Doch sie war lange darüber hinaus, zu schweigen, wenn sie besser gesprochen hätte. Das Unglück solch ungewollter Ketten wie in Havena würde sie kein zweites Mal ertragen – noch überleben.
Brins Witwe hatte geschwiegen, lange Zeit, und prüfend hatte der Blick grauer Augen auf Liasannas goldfarbenen gelegen, doch sie war nicht ausgewichen. Und schließlich hatte sich ein Hauch des Lächelns auf den Zügen der älteren Frau gelegt, und sie hatte genickt, in stummer Anerkennung ihrer Worte.
„Dann sei es so.“
Vier Worte, die sie ebenso jubilieren wie erschauern ließen.

Bisher hatte die mittlerweile zur Reichsbehüterin erhobene Emer Wort gehalten. Zwar hatte sie die letzten Exerzierübungen beobachtet, als das Häuflein der Aspiranten auf die Plätze in Liasannas Trupp bereits deutlich zusammengeschrumpft war, doch die letzte Entscheidung war ihre gewesen, so gern es Marschall von Rommilys, der Marschall der Panthergarde und nominell ihr Kommandant, auch gern anders gesehen hätte. Er war nicht einverstanden mit der etwas ungestümen Mila ni Verano, und noch weniger mit Cerala von Andenhag, die er wohl persönlich kannte und nicht besonders mochte.Doch Liasanna hatte begründet und geredet, und schließlich war die Wahl ihr.
Blieb jetzt nur noch die Frage – wie ging sie mit ihrer Wahl um?

Sag mir Thisdan, wie gewinnt man Freunde? Wie beeinflußt man Menschen?

Er hatte sich an Erklärungen versucht und sich schließlich mit jenem Grinsen, das so charakteristisch für ihn war, auf drei Dinge beschränkt. „Sei unberechenbar. Sei lustig. Und spendier mal was.“
Sie hoffte wirklich, daß es half.
Nach und nach trudelten die anderen ein. Andras Halberminger war – nicht überraschend – zuerst da, sein Wams nahm sich schäbig neben Liasannas neuer, bestickter Tunika aus, die sie sich selbst auf einen Rat des Barons von Falkenwind spendiert hatte. Cerala und Mila kamen zusammen, schwatzend und lachend, und der stille Herr von Streizig betrat genau mit dem Schlag des Praiosgonges den Treffpunkt.
Liasanna bekämpfte das flaue Gefühl in ihrem Magen. Es war stets ihre Gewohnheit gewesen, für begonnene Dinge zu kämpfen. Und sie hatte nicht vor, diese Gewohnheit gerade nun zu brechen.

Der Silberfuchs war jene Taverne, die bei den Mitgliedern der Garde am beliebtesten war. An einer der breiten Prunkstraßen Neu-Gareths gelegen, ein kleineres Haus zwischen den Villen, hatte es seinen Namen wohl wegen der Nähe zum Tempel der Sterne erhalten. Neben einem großzügig ausgestatteten Schankraum, der sich durch die gepolsterten Bänke und die Höhe des Raumes angenehm von den meisten verrauchten Schänken unterschied, bot er auch eine weite Terasse für Sommertage. Liasanna selbst war erst einmal dort gewesen, mit Thisdan, nach ihrer Vereidigung, um den Beginn ihres neuen Lebensabschnittes zu feiern und den Freund zu verabschieden, der am nächsten Tag wieder nach Falkenwind aufbrechen würde, hatte sich von ihm Ratschläge geholt, wie die mit ihren neuen Untergebenen umgehen sollte.
Sie waren nicht die einzigen Panthergardisten auf Freigang in der Taverne, doch Liasanna wählte einen Tisch abseits, an dem sie ungestört sein würden, bestellte eine Runde dunkles, schweres Bier für alle. Die Humpen klirrten schwer aneinander und sprachen von einem Neuanfang.
Liasanna – obwohl sonst nicth für derartige Manöver zu haben -genehmigte sich einen tiefen Schluck gegen das Grummen im Magen.
„Nun gut“, begann sie schließlich in das erwartungsvolle Schweigen hinein. „Nach dem offiziellen jetzt auch noch mal das inoffizielle Willkommen.“ Mila grinste.
„Da dank ich doch schön.“
„Während der Kämpfe war ich es, die die Fragen gestellt hat. Notgedrungenermaßen. Aber fünf Leute sind zu wenig, als daß ich die ferne Kommandantin sein könnte. Also sollte ich wohl den Gefallen erwidern.“
Erwartungvoll blickte sie in die Runde.

Spiel mit offenen Karten – hatte Thisdan gesagt. Und sie hatte ihn entsetzt angestarrt. - Du weißt nicht, was du verlangst!

Keiner von denen am Tisch, selbst die ein wenig besser informierte Mila, konnte wohl wahrhaftig ermessen, was dieses Angebot für die stille Halbelfe bedeutete.
Unruhe an der Grenze zu Panik tobte unter der ruhigen Freundlichkeit Liasannas. Sie hatte es niemals gemocht im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Aber das waren wohl die Nebensätze jenes Schwurs, den sie der Reichsbehüterin geleistet hatte. Ihre Falkenwinder waren nicht nur Kameraden, sondern Freunde gewesen. Wenn sie hier aufbauen wollte, was sie einst aus Falkenwind brachte, mußte sie sich ebenso wie ihre Gegenüber öffnen.
„Was genau sind Eure Pläne, oder besser, die Pläne Ihrer kaiserlichen Hoheit mit uns?“ Liasanna wandte überrascht den Kopf. Sie hatte die erste Frage von einer der Frauen erwartet, doch Gervinio von Streizig war schneller, blickte die Halbelfe über zusammengelegten Händen nachdenklich an. Seinen Zügen konnte sie nicht entnehmen, was er dachte.
„Nun, es wird sich herumgesprochen haben, daß wir ein wenig abseits der Panthergarde stehen werden. Ihr wißt sicherlich, die Panthergarde sind an und für sich keine Reitersoldaten, wir schon. Daraus ergibt sich, daß wir natürlich auch für andere Gelegenheiten eingesetzt werden.“ Sie nahm einen tiefen Schluck.
„Wie genau sich das am Ende ausnehmen wird, wird sich zeigen. Man wird uns rufen, wenn es schnell gehen muß. Als verläßliche, schlagkräftige Truppe dort, wo die große Garde nicht geeignet ist oder zu viel Aufmerksamkeit verursachen würde.“
„Verdeckte Operationen?“
Andras Halbermingers Stimme klang schroff und er blickte sie stirnrunzelnd an. Offensichtlich gefiel ihm nicht, was er hörte.
„Wenn es sein muß“, stimmte Liasanna zu. „Ich hoffe, nicht zu oft.“
„Klingt ungewöhnlich.“ Cerala von Andenhag klang nicht unzufrieden.
„Sind wir doch ehrlich – es ist ein Experiment.“ Kurz traf sich Liasannas Blick mit dem Milas, und beide schmunzelten sie, hatten sie doch auch als 'Experiment' begonnen, als König Cuanu ni Bennain einst mit der Effizienz berittener Schützen 'experimentierte'. Seine Tochter nun führte auf andere Weise seine Versuche fort. „Ob es sich bewährt wird wohl vor allen Dingen von uns abhängen.“
„Wie stellt Ihr Euch das vor?“
Gervinio von Streizig war offenbar ein Freund klarer Verhältnisse. Liasanna, die das zu schätzen wußte, fuhr fort.
„Nun, ich bringe einige Erfahrung in der Führung solch einer kleinen Einheit mit mir. Ich habe in Tobrien und an der Trollpforte mit einem ganz ähnlichen Trupp gekämpft, und ich weiß recht gut, wofür es sich eignet – und wofür nicht.“ Sie nahm einen weiteren Schluck, als würde sie sich darauf vorbereiten, von einer Klippe zu springen, tief ins eisig kalte Wasser hinein.
Metaphorisch gesprochen war das vermutlich noch nicht einmal ganz so falsch.
„Das ganze funktioniert nur, wenn wir eine wahrhaftige Einheit bilden. Wenn einer vorreitet, muß er wissen, wo sich die anderen befinden, auch ohne sich umzudrehen. Der eine muß sich stets darauf verlassen können, daß der andere ihm den Rücken deckt. Wir haben nicht mehr die Gewalt der Masse auf unserer Seite, sind keine Gruppe von fünfzig, von hundert Reitern. Wir sind fünf. Aber wir sind präzise. Wenn wir gut sind, sind wir nicht der Hammer.“ Sie lehnte sich zurück und schmunzelte. „Wir sind das Chirurgenbesteck.“
Andras Halberminger verzog ein wenig die Lippen, doch bei den Frauen hatte diese Redewendung – die sie nicht ohne Stolz zwischen sie geworfen hatte – durchaus Wirkung gezeigt, und auch der Herr von Streizig nickte nach einem weiteren prüfenden Blick. Mila grinste.
„Das klingt ausgezeichnet.“
„Freut mich, einen Nerv getroffen zu haben.“ Liasanna spürte die Anspannung nachlassen und erlaubte sich das erste, ehrliche Lächeln des Tages. „Dann wissen wir ja alle, was wir lernen wollen. Wir werden viel Zeit miteinander verbringen in den nächsten Monden. Dementsprechend. Auf dem Exerzierplatz bin ich Leutnant. Jenseits davon bin ich Liasanna.“ Andras Halberminger verschluckte sich hörbar an seinem Bier und lief, halb aus Unwohlsein, halb wegen des Bieres in der Luftröhre, knallrot an. Gervinio von Streizig hob überrascht die Brauen, doch auf seinen Zügen zeigte sich eben jenes stille Lächeln, das auch bei Liasanna oft überraschte Freude ausdrückte. Mila und Cerala hingegen waren eine ganz andere Angelegenheit.
Ihre Freude war deutlich offener – und lauter.
Liasanna schmunzelte in ihr Bier. Tatsächlich war ihr der erste Schritt gelungen.
Nun denn... wie es sich weiterentwickelte, würde sich zeigen.

Querverweis zum Weiterlesen:
Charakterbeschreibung Milas (Führt in den Bereich "Nebencharaktäre")
Charakterbeschreibung Gervinios (Führt in den Bereich "Nebencharaktäre")
Charakterbeschreibung Andras' (Führt in den Bereich "Nebencharaktäre")
Charakterbeschreibung Ceralas (Führt in den Bereich "Nebencharaktäre")

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