Lamento   Die hohe Kunst, Kommandantin zu sein
Die Angst des Soldaten vor der Schlacht Die Schande Galottas Gareth wird brennen
Die Schuld des Marschalls Die Mauern von Nebachot Der anderen Schritte
Seelsorge Ränkespiele Niemals die Eure
Flügel Eine längst fällige Antwort Neue Ufer
Für Königin und Reich Tag des Zorns Schwärze

Mit dem Heer Answins erobern sie Wehrheim zurück, schlagen die Nekromanten an der Trollpforten. Der Weg führt Yann, Liasanna und Angwi im Auftrage Rohajas in die Schwarzen Lande, um das Kaiserschwert Silpion aus Warunk zu erobern. Sie sind erfolgreich, doch dann kommt alles anders.
(Geschichte inspiriert von 'Rückkehr des Kaisers')

Tag des Zorns

Wenn es selbst für Liasanna genug ist

„Nein.“
Fassungslos starrte Liasanna auf das Schauspiel dort vorne, auf dem Hügel, dem Feldherrenhügel der Dämonenschlacht, jenem geschichtsträchtigen Ort, der vor so langer Zeit in ihnen allen die Illusion geweckt hätte, es gäbe so etwas wie Einigkeit und Gerechtigkeit unter den Menschen.
Doch trotz all dieses Einflusses, den sie gewonnen hatte in den letzten Tagen, sogar trotz jenem schweren Schritt, in dem sie akzeptiert hatte, was nicht mehr zu leugnen war, daß ihr Schicksal sich mit dem des Reiches verwoben hatte, wie ein Faden in einem Zopf, untrennbar und unwiderruflich, trotz all diesem war sie in diesem Augenblick machtlos und konnte nur vor sich auf die Szenerie starren, die sich weit dort vorne abspielte.
Stolz reckte der Ursupator Silpion in den Himmel. Silpion, um das zu erlangen sie das Unmögliche möglich gemacht hatten. Silpion, das Königin Rohaja gebührte, das sie für Königin Rohaja unter Rhazzazors eigenem Blick hinfortstahl, Silpion, das Retosschwert, Symbol kaiserlicher Würde.
Liasanna wußte genug von Politik um zu wissen, daß sie eine Katastrophe betrachtete. Und während die Soldaten um sie herum in Hochrufe ausbrachen, lautstark die Kaiserkrone für ihren Heerführer fordernd, wechselte sie stumm Blicke mit Yann und Angwi, die das Schauspiel gemeinsam mit ihr betrachtet hatte, mit ungutem Gefühl in der Magengrube, das sie nun bestätigt sahen.
Beider Gesichter verrieten wenig, doch Liasanna bezweifelte, daß sie selbst jenseits ihres ersten, überraschten Ausrufes irgend ein Anzeichen dessen gab, was sie dachte. Es war beinahe zum Lachen, wie ähnlich sie sich in mancherlei Dingen waren. Bei Angwi war sie sich recht sicher, daß sie sich ebenso betrogen fühlte wie sie selbst, doch was Yann anging, so konnte sie allerhöchstens vermuten. Sie vermutete, daß auch er Answin nicht recht billigte, doch seine Loyalitäten dem Haus Gareth gegenüber waren deutlich schwammiger als ihre eigenen.
Doch ihre Entscheidung war gefällt.
„Meine Tage in diesem Heerlager sind gezählt“, stellte sie leise fest und wandte sich auf dem Absatz um, um nichts sehen oder hören zu müssen. Ein kleiner Triumph, daß die beiden anderen sie begleiteten.

Liasanna hatte bereits zu packen begonnen, als ein Gast ihr Zelt betrat, mit dem sie, um ehrlich zu sein, nicht mehr gerechnet hatte. Auf der anderen Seite hätte sie eventuell damit rechnen müssen, daß Leomar vom Berg unter normalen Umständen durchaus ein geradliniger Mann war. Es war eine geringfügige Genugtuung, daß er nicht so aussah, als wäre ihm die Entscheidung leichtgefallen. Bedauerlicherweise, ob für ihn oder sich selbst, war Liasanna zu wütend um es wirklich zu bemerken. Es gehörte viel dazu, um die zurückhaltende Halbelfe aus der Reserve zu locken. Für gewöhnlich reagierte sie auf Verärgerung mit Rückzug, auf Vertrauensbruch mit Vertrauensentzug, und zog sich,statt der Welt ihre Sicht aufzwingen zu wollen, für gewöhnlich in sich selbst zurück. Sie selbst wußte nicht genau, was diesmal anders war. Vielleicht, so analysierte sie später auf der Suche nach einer Erklärung für ihr ungewöhnliches Verhalten, war dies der letzte, entscheidende Schritt zu weit gewesen. Und so sah sich der Reichserzmarschall, der seine Amtszeit wohl nur noch nach jenen Tagen messen konnte, die es benötigte, bis Liasanna mit der Nachricht seines Verrates vor die Königin treten würde, einer stummen, schweigsamen Golgaritin, einem sich sehr bewußt im Hintergrund haltenden Phexjünger und einer sehr offensichtlich eisig wütenden Halbelfe gegenüber.
Es sprach durchaus für ihn, daß er seine Erklärungen wenigstens noch versuchte.
„Ich mußte etwas tun“, begann Marschall vom Berg. „Wir benötigen ihn. Er begann den Mut zu verlieren.“ Seine ganze Gestik, obwohl ungebeugt, hatte etwas Beschwörendes an sich, auch wenn er in seinem Leben schon genug wütende Menschen gesehen hatte, um zu wissen, daß Liasanna in diesem Augenblick weit jenseits seiner Appelle war.
„Und deshalb gebt ihr im Silpion?!“
Liasannas Stimme ließ den Bjaldorner Firuntempel warm erscheinen.
„Vielleicht“, wandte Yann ein, „hätte man das auch auf andere Weise lösen können. Mit Worten, statt mit einer solchen Geste.“ Der Phexgeweihte hatte sich offensichtlich deutlich besser in der Gewalt als die Halbelfe.
„Ihr habt nicht mit ihm gesprochen, gestern abend“, wandte Leomar ein „Um ihn aufzurichten bedurfte es mehr als nur einiger Worte. Er war am Boden und hatte jeden Mut verloren.“
„Und dafür verratet ihr die Königin? Die rechtmäßige Erbin des Schwertes? Die die Euch den Auftrag gab, es zurückzuholen?“
Leomar seufzte. „Das sind schwierige Zeiten.“
„Aha“, machte Liasanna kalt und für einen Augenblick fühlte sie sich an eine andere Szene erinnert, an der sie auf der anderen Seite eines solchen Wutausbruches gestanden hatte... ein Prinz des Mittelreiches, ein Gang in der Alten Residenz zu Gareth... Sie schob den Gedanken nicht ohne Anstrengung beiseite. Die Dinge lagen hier deutlich anders... oder zumindest wollte sie das glauben. Wie dem auch sei, dies war nicht die Zeit für Kontemplation. Es mochte moralisch verwerflich sein, im Augenblick wünschte sich Liasanna nichts sehnlicher als jemanden, dem sie ihre Wut ins Gesicht werfen konnte. Daß das Ziel und der Grund ihrer Wut auch noch anwesend war, war erfreulich, wenn auch nicht notwendig. „Und ist Euch jemals der Gedanke gekommen, was für einen Effekt diese Nachricht auf Ihre kaiserliche Majestät Kronprinzessin Rohaja haben wird?“ fragte sie ätzend. „Ich nehme an, auch sie und ihr Heer wären von Vorteil in diesem Krieg – wenn ich mich Eurer Worte vor unserem Aufbruch nach Warunk erinnere. Wie es um ihren Kampfesmut steht, nach all den Nachrichten der letzten Tage?“ Yann setzte zu einer beschwichtigenden Unterbrechung an, besann sich jedoch eines besseren. Die alte Regel – wenn man um den wahren Charakter eines Menschen wissen wollte, sollte man ihn verärgern. Denn dann sieht man den wahren Menschen. Sogesehen war dies sehr lehrreich, was Liasanna anging. Und wenn sie so weiter machte, würde er auch noch das eine oder andere über Leomar vom Berg erfahren.
„Dies ist Mutmaßung gegen Tatsache.“
Liasanna schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ich bin beeindruckt von der Treue zu Euren Schwüren, Marschall“, stichelte sie ätzend, und nun, endlich, flackerte auch in Leomar vom Bergs Augen Zorn auf.
„Sprecht mir nicht von Schwüren, von denen Ihr nicht einmal wißt, wie sie lauten, Leutnant!“ Es war eine Fehleinschätzung ihrer Person, daß er glaubte, sie mit der Erwähnung ihres Titels in die Schranken weisen zu können. Liasanna wußte selbst gut genug, daß sie über den 'Leutnant' längst hinaus war, und dies genügte ihr. Sie mußte es nicht in Papier und Tinte bestätigt sehen. „In diesen Zeiten“, grollte Leomar vom Berg düster, „wißt Ihr selbst doch nur allzu gut, daß kein Schwur so stehen bleiben kann, wie er gesprochen wurde, nicht wahr?“
„Ihr hättet Euch mit uns besprechen können.“ Eine Anmaßung, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht zeigte es nur, wie sehr Liasanna eigentlich geglaubt hatte, mit dem Reichsmarschall auf einer Seite zu streiten, ihm vertrauen und sich auf ihn verlassen zu können. Leomar jedenfalls, schien dazu eine deutliche Meinung zu haben. Er schnaubte verächtlich.
„Dazu fehlt Euch wohl die Befugnis.“
Sie hob eine Augenbraue.
„Und Euch?“
Sie ballte die Hände zu Fäusten.
„Ich kann nicht glauben, daß Ihr das Haus Gareth so verraten habt.“ Ihr Gesicht war weiß vor Zorn, und sie hatte zu beben begonnen, während ihre Stimme leiser und leiser wurde, und im selben Maße schärfer. „Ihr sendet uns nach Warunk. In die Höhle des Löwen. Sendet uns, die wir dies aus Loyalität zu der Königin taten, in die goldene Pyramide des Schwarzen Drachen. Dorthin, wo er immer noch die Reichsbehüterin gefangen hält, in regenbogenfarbenen Ketten. Wo er sie am Leben erhält, und wo sie mich anflehte – anflehte – sie zu töten, Silpion ihrer Tochter zu bringen und sie nach Kräften zu unterstützen, und Ihr... gebt das Schwert einfach... Answin...?“
Leomar vom Berg starrte sie an, auch sein Gesicht kalkweiß, als er begriff, was die Halbelfe ihm gerade gesagt hatte.
„Emer... lebt....?“
Liasanna schnaubte.
„Ist das denn noch wichtig?“
„Liasanna!“
Jetzt war es Yann offensichtlich doch genug. Er trat zwei schnelle Schritte nach vorne, zwischen den Marschall und die Halbelfe, blickte von einem zum anderen.
„Liasanna... Marschall... das hier führt zu nichts, mit Verlaub. Es hat keinen Sinn, daß wir uns auch noch entzweien.“
Liasanna atmete tief durch. Tränen standen in ihren goldfarbenen Augen, doch sie kämpfte sie mit aller Macht zurück, wandte den Blick ab, als könne sei nun, nach der Zurückweisung des Phexgeweihten, dem Blick Leomar vom Bergs nicht mehr standhalten.
„Ich verstehe Eure Entscheidung“, fuhr Yann in Richtung des Marschalls fort, immer noch diplomatisch, ruhig, doch sehr, sehr ernst. „Ich verstehe, daß Ihr sie Euch nicht leicht gemacht habt. Die Situation ist nicht einfach. Und dennoch glaube ich, daß es ein Fehler war.“
Leomar vom Berg musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen, schwieg jedoch und ließ Yann weitersprechen.
„Daran ist aber nichts mehr zu ändern. Wir müssen nun verhindern, daß sich die beiden Heere gegeneinder wenden. Das ist Eure Verpflichtung dabei, Marschall.“ Der Phexgeweihte blickte Leomar vom Berg an, ernst, bestimmend beinahe. Noch mehr als Liasannas Worte waren die seinen eine Ungeheuerlichkeit, doch er hatte etwas an sich, daß seien Worte weniger wie ein Affront und mehr wie eine Notwendigkeit erscheinen ließ. „Und wir werden dasselbe bei Rohaja versuchen.“
Leomar vom Berg zuckte die Schultern. Richtig zufrieden war er nicht.
Aber das konnte keiner von ihnen sein, in diesen Tagen.

Es hätte nicht einmal seiner Warnung bedurft, die nur eine Stunde später kam, um sie zu einer raschen Abreise zu bewegen. In der Tat, in dem Heerlager des wiedererstarkten Ursupartors hielt sie nichts mehr.

Querverweis zum Weiterlesen:
Die Ereignisse durch Angwis AugenTodessehnsucht (Führt in den Bereich "Geschichten über Angwi")
Charakterbeschreibung Angwis:Angwi Thalionmel Galahan (Führt in den Bereich "Charakterbeschreibung der Wegbegleiter")

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