Elysia in der Tiefe Glaubensfragen In Borons Armen Gefallen

Es wäre wohl vermessen, glaubte man, daß all das, was Iolaos auf seinem Weg erduldete, spurlos an ihm vorüberginge. Und so quälen ihn Träume, Nacht für Nacht, an das, was vergangen ist, und das, was hätte sein können.

In Borons Armen

Die stillen Traumwege der Golgariten

"Ich werde dir helfen mein Bruder. Du wirst sehen, eines Tages werden alle deine Nächte friedlich sein..."
Gorans Stimme, so unglaublich ruhig, sicher... gläubig. Und Iolaos wollte glauben... Nur zu gern wollte er glauben, das es in der Macht seines Schwagers stand, ihn von seiner nächtlichen Krankheit zu heilen.
Doch dann gab es diese Tage, an denen er glaubte, nur Borons letzter Schlaf würde ihm wirklich Frieden bringen. Jene Tage, an denen ihn seine Träume sogar in den Tag hinein verfolgten, an denen ihm die Bilder seiner Vergangenheit nicht aus dem Kopf gehen wollten, gefolgt von Nächten in welchen ihn der Schlaf so fest umklammert hielt, bis er all das Furchtbare noch einmal gesehen, all die Schmerzen noch einmal gefühlt hatte, wie schon so oft zuvor. Nächte in denen er schließlich von seinem Lager auffuhr und all seine Beherrschung aufbringen musste, nicht laut zu schreien und die ganze Welt zu verfluchen...
Dies war ein solcher Tag gewesen, dies war eine solchen Nacht.
Bewusst hatte er sein Lager ein wenig abseits gewählt, auch wenn ihm klar war, er würde die Alpträume nicht allzu lange vor seinen Weggefährten verbergen können. Goran wusste es ohnehin...
Als Iolaos in die lichtlosen Tiefen des Schlafes hinabsank nahm er gerade noch wahr, das sein Hund sich leise fiepend neben ihm reckte, Ziege in einiger Entfernung ungewohnt unruhig mit den Hufen scharte... und dann begann es.

Wunderschöne Ilijanna, umso schöner durch ihr junges Mutterglück. Noch geschwächt von der Geburt, die ihren zarten Körper schwer beansprucht hatte, saß sie da, die Wangen rosig vor Freude, ihre leuchtenden dunkelroten Haare umkränzten ihre Schultern und das Töchterchen in ihren Armen wie eine Korona, doch noch mehr strahlte ihr Lächeln, ihm, ihrem Ehemann, entgegen. Iolaos wünschte sich, diesen Anblick genießen zu können... doch das kommende Unheil warf seine Schatten voraus, ließ ihn einen neuen Schlacht- und Fluchtplan ersinnen, der wie alle anderen zuvor ohnehin zum Scheitern verurteilt war. Die Räuber, die ihr friedliches Heim überfielen standen ihm deutlich vor Augen, keine dieser hassenswerten Fratzen würde er je vergessen, sie waren ihm eingebrannt durch das unaussprechliche Leid, das sie seiner Frau vor seinen Augen zugefügt hatten, eingebrannt in ihren brechenden Augen, als Boron sie endlich von dem Wahnsinn erlöste, eingebrannt durch das Feuer, das sein Haus wie auch sein friedliches, rechtschaffenes Leben für immer ausgelöscht hatte. Und SIE... Wie schwarze Flammen umloderte sie wildes Haar, ihr Körper umschmeichelt von einer blutroten Robe... Er spürte die Finger ihres Geistes, die sich wie eine eiserne Klaue um den seinen schlossen, ihn zu ihrem Sklaven formend. War das alles wirklich geschehen? War es die Wahrheit, das er selbst seiner Frau Schmerzen zugefügt hatte? Hatte er Ilijanna getötet? War er den rachsüchtigen Räubern und dieser Hexe fortan mit mehr als nur Botendiensten zu Willen gewesen? Iolaos bäumte sich dagegen auf, doch er konnte die Erinnerung weder abschütteln noch verändern. Er spürte den Körper seiner Peinigerin, Übelkeit erregend nah dem seinen. Jede Schandtat, die sie ihn hatte tun lassen, zog in einem wahren Blitzlichtgewitter an ihm vorbei. Iolaos hasste sie dafür ... und sich selbst nicht weniger... Er war nicht stark genug für sie gewesen... nicht stark genug, Ilijanna und Elida zu schützen... nicht stark genug ein guter Mensch zu bleiben...

Die sengende Sonne Al'Anfas befreite ihn vom Joch der Zauberin und setzte ihm ein neues auf...
Die Arena, die nach so langer Zeit fast mehr seine Heimat war als alles andere. Der Geruch von Blut und Schweiß von Mensch und Tier biß ihm in die Nase und brachte seinen Lebenssaft zur Raserei. Fast fünf Jahre ununterbrochener Krieg, und er hatte überlebt, hatte sich von ihnen formen lassen, bis er zu den Besten, den Beliebtesten, den Blutrünstigsten gehörte... Sein Schwert, bis zum Heft im zuckenden Körper eines einstigen Kameraden... die Arena war eine noch grausamere Herrin als die Hexe... und er hatte nicht den Hauch einer Möglichkeit, sich jemals dafür zu rächen...
Maurech - Li'ili'i-pua - Takate - Gesichter aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit... Makani-Mele... Ihr Haar, fließend und schwarz wie ein nächtlicher Fluß. Ihre Haut dunkel und glatt wie das Holz der südlichen Wälder. Ihre Augen...
Ihre Augen, die mit ihm gelacht und geweint hatten, die ihn geliebt hatten auf mehr Arten, als er sich je hätte vorstellen können... nichts davon zeigte sich ihm. Einzig der Moment, als der unendlich tiefe Horizont ihrer braunen Seelenspiegel zerbrach... der Moment, als er sie tötete, schnell und so schmerzlos wie er konnte, um ihr ein schlimmeres Ende zu ersparen.

Zwei Frauen hatte er geliebt... zwei Frauen hatte er getötet. Ihr Blick, eingefroren in dem Augenblick ihres Todes, zog ihn mit sich, und doch konnte er nicht folgen. Irgendwo im Dazwischen war er hängengeblieben, nicht tot, doch auch nicht mehr wirklich lebendig, der Klang Golgaris Schwingen allgegenwärtig, doch unerreichbar für ihn.
Und in der Ferne das helle, peitschende Lachen jener Maga, mit der alles begonnen hatte... Wutentbrannt fuhr Iolaos auf, verließ den Boronsanger, an dem er sein eigenes Leben beerdigte und folgte der Stimme, jagte das Teufelsweib, wie er Jesidoro Delazar in seinem eigenen Haus gejagt und getötet hatte, die Orchideen mit seinen Armen verwachsen wie ein Teil seines Körpers. Lang und blutig war sein Weg zu IHR, und am Ende war es ganz gleich, was sich ihm entgegenstellte: Die ganze Welt war voller Feinde und er vernichtete jeden davon, watete förmlich in Blut und Eingeweiden, bis SIE vor ihm stand.
"Du kannst mich töten, Iolaos", flüsterte sie ihm zu, trat ohne Scheu zu ihm heran und schmiegte sich eng an seinen Körper. "Es wird nichts ändern... Du bleibst dennoch, was ich aus dir gemacht habe..."
Mit einem wütenden Schrei sprengte er den schmeichelnden Griff ihrer Arme und ihm nächsten Moment bohrten sich die Sporne der Orchideen in ihr weiches Fleisch.
Sie lachte nur...
Und er blickte zurück auf die Leichen, die seinen Weg pflasterten... und begriff, das sie recht hatte.

Iolaos fuhr hoch, im ersten Moment reine Panik, orientierungslos, blind. Seine Haare klebten an seiner schweißnassen Stirn und erschwerten noch mehr die Sicht, doch die kühle Nachtbrise ließ ihn schaudern und riss ihn ein gutes Stück in die Gegenwart zurück. Als er schweratmend aufblickte sah er Goran, der besorgt vom Feuer aufstehen wollte, doch mit einer fahrigen Handbewegung und einem missglückten Lächeln schaffte er es gerade noch seinen Schwager mehr oder minder zu beruhigen, bevor er wieder zurück auf sein Lager sank. Wie selbstverständlich begann sein Hund, ihm das Gesicht zu lecken und Iolaos versuchte nur einmal halbherzig, ihn mit der Hand zu verscheuchen, wie man eine lästige Fliege verjagen würde, bevor er ihn einfach gewähren ließ und erschöpft die Augen schloß.
Zu viele Menschen, die er liebte waren bereits in Borons Armen... Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, bei ihnen zu sein...

Von Monika

Querverweis zum Weiterlesen:
Intermezzos - Zwischenspiele zwischen Iolaos und Esybilla Stragazza di Montana während der Borbaradkampagne (Führt in den Bereich "Geschichten über Iolaos")

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