Tagebuch AoE UG RdE Von Fuchs und Greif
Erstaunliche Esybilla Ruhe vor dem Sturm Konventionen Ein Hauch von Frieden

Iolaos traut Magiern nicht über den Weg. Zu viele schlechte Erfahrungen hat er mit ihnen gemacht, zu unheimlich ist ihm Madas Gabe, die schon so viel Schaden auf Dere angerichtet hat. Und so ist auch Esybilla ihm unheimlich, die Antimagierin aus Kuslik, die auf den Spuren Nandus' wandelt. Doch diese Zauberin ist nicht, was er erwartet oder bisher erlebt hat. Und sie ist recht hartnäckig.

Zugehöriges Tagebuchkapitel: Drachenaugen

Erstaunliche Esybilla

Eine Nachtwache im Norden


Leise kratzte die Kreide über die Schiefertafel, das einzige Geräusch neben dem Rascheln des Windes in den Bäumen. Esybilla ya Stragazza di Montana schien vollkommen selbstvergessen in dem was sie tat, in den unergründlichen, seltsam fremden Mustern, die auf der Tafel mehr und mehr an Gestalt gewannen. Aus dem lockeren Knoten an ihrem Hinterkopf lösten sich einzelne, schulterlange Strähnen, die blauen Augen verrieten Konzentration. So wie sie da selbstvergessen im Schneidersitz am Feuer saß, wirkte sie beinahe noch wie ein Mädchen.
Iolaos streunte leise um ihr Lager herum, wieder auf einem seiner Kontrollgänge, die er in regelmäßigen Abständen tätigte. Er mied nicht direkt ihre Gesellschaft, es war wohl eher Vorsorge... oder die beste Garantie dafür, nicht einzuschlafen. Es war jedoch auch nicht zu leugnen, das er nach wie vor recht kühl ihr gegenüber war... unverändert, seit er begriffen hatte, das sie neben einer Geweihten auch noch eine Magierin war. Er kehrte ans Feuer zurück, gerade als sein struppiger Begleiter sich gemütlich streckend erhob und mit einem sanften Schwanzwedeln auf Esybilla zuging... vielleicht wollte er einmal genauer auskundschaften, was es mit diesem Quietschen auf sich hatte. Langsam legte Esybilla die Kreide beiseite und blickte auf, die Augen noch halb geschlossen. Leise kamen Worte über ihre Lippen, ein unverständliches Geplapper, aus dem er nur das Wort Nandus erkennen konnte. Dann öffnete sie die Augen, ganz wiederrum, und ihr offener, neugieriger Blick wanderte von Iolaos zu seinem Hund, der neugierig ihre Kreidefinger beschnüffelte.
"Das ist Kreide." Immerhin hatte sie den Verstand leise zu sprechen, um niemanden zu wecken. Dann hob sie den Blick zu Iolaos, schob Strähnen zurück und sah ihn wach an. "Ist alles ruhig?"
Er nickte.
"Nach wie vor, ja..."
Der Hund nahm vorsichtig vor Esybilla Platz und sah sie mit treuen Bernsteinaugen an.
"Was treibt Ihr da?" fragte sein Herr leise mit einem skeptischen Blick auf ihre Tafel.
"Ich bete." Ohne Scheu begann Esybilla, durch das Fell des Hundes zu streichen. "Ich huldige Nandus."
Iolaos zog leicht die Brauen hoch.
"Mit Kreide?"
"Warum nicht?" Sie legte den Kopf schräg und blickte ihn in einer Mischung aus Neugier und freundlicher Herausforderung an. Er seufzte kaum hörbar. Warum hatte er auch gefragt? Aber das Ganze nun einfach zu ignorieren kam einer Niederlage gleich, und Niederlagen hatte Iolaos vor längere Zeit schon aufgegeben.
"Es ist nicht unbedingt das, was ich von anderen gewohnt bin... "
"Nun, es ist ja auch nicht jeder Gott gleich", bemerkte Esybilla und legte die Schiefertafel endgültig beiseite. "Nandus schätzt es, wenn man seinen Verstand anstrengt. Gebete auswendig lernen kann jeder. Doch Rätsel und Herausforderungen schätzt der Meister der Meister." Sie lächelte freundlich. Sie schaffte es tatsächlich, das Ganze in lockerem Plauderton von sich zu geben. Iolaos machte es sich gemütlich und begann damit, seine Pfeife zu stopfen.
"Klingt, als wäret Ihr ihm schon mal persönlich begegnet", sagte er fast ein wenig abfällig. Ein glockenhelles Lachen, als sein Spott an ihr abprallte.
"Denkt Ihr wirklich, man kann einem von ihnen persönlich begegnen? Woher wollt Ihr wissen, dass es wirklich seine Person ist, die Ihr seht?"
Er hob den Blick und sah sie an. Seine grünen Augen hatten etwas Stechendes.
"Woher wollt Ihr wissen, dass das, was Ihr von ihm so blumig erzählt, auch von ihm kommt, und nicht von jenen, die ihm geweiht sind?"
Iolaos war kein gebildeter Mann, und Worte waren im Grunde nicht sein Geschäft. Aber auch mit Worten konnte man kämpfen. Auch in Wortgefechten gab es Angriffe und Paraden, und er hatte bisher noch nicht aufgehört zu lernen. Ihr Prinzip der Gegenfrage hatte er offenbar inzwischen nicht nur verstanden, sonder vermochte auch, es anzuwenden.
"Eine gute Frage", bemerkte Esybilla. "Ich habe sie mir auch schon gestellt und bisher keine befriedigende Antwort gefunden. Neugier und Herausforderung stand in ihren Augen. Sein Leben Nandus zu weihen bedeutet alles in Frage zu stellen. Auch den Meister der Meister selbst." Iolaos hob die Brauen und hielt beim Stopfen seiner Pfeife inne. Er hatte das dumpfe Gefühl, das er mit seinem letzten Angriff mit voller Wucht ins Leere gerannt war und nun seine Gegnerin im Rücken hatte.
"Und doch folgt Ihr den Lehren dieser... Kirche. "
"Richtig. Sie erscheinen mir gut und vernünftig. Und zudem gibt es da ja noch die karmale Ebene... die, die Logik nur schwer erreicht. Nandus zu spüren ist wie... verliebt zu sein. Wenn es dich trifft, dann weißt dus." Sie lächelte freundlich.
Er zog einen dünnen Ast aus dem Feuer und entzündete mit der Glut den Tabak seiner Pfeife. Nach zwei Zügen erwiderte er erneut ihren Blick.
"Ist dafür nicht Rahja zuständig?"
"Für die Liebe? Sicher." Esybilla nahm ebenfalls einen Stab auf und stocherte im Feuer. "Aber das Vertrauen in Nandus - oder einen Gott im Allgemeinen - ist ähnlich. Es ist einfach da." Sie hob den nunmehr brennenden Ast aus dem Feuer und blickte in die Flamme. "Was natürlich nicht heißt, das dies unseren Verstand vernebeln sollte, schließlich erhielten wir den Kopf um ihn zu benutzen... "
"Sehr vernünftig..." murmelte Iolaos.
Der Hund wedelte Esybilla treuherzig an.
"Vor wem beugt Ihr Euer Knie?" Sich keiner Frage gegenübersehend nutzte die junge Frau die Gelegenheit, selbst etwas mehr über ihren schweigsamen Weggefährten zu erfahren. Sie kraulte den Hund hinter den Ohren, sah jedoch Iolaos an. Er schnaubte kurz, und für eine Weile erweckte es den Anschein, als würde er eine Antwort schuldig bleiben.
"Wenn Ihr mich so fragt... dann wohl Boron am ehesten... auch wenn es in seinem Namen einiges gibt, was mir widerstrebt." Fast abwesend blickte er ins Feuer.
"Zum Beispiel?" Sie steckte den brennenden Ast zurück zu den übrigen. Er blickte sie nahezu strafend an.
"Sagen wir einfach, ich war zu lange zu tief im Süden", gab er mürrisch zurück.
"AlAnfa, hm?" Mitfühlend verzog Esybilla die großzügig geschwungenen Lippen. "Unangenehme Gegend. Ich bin da einige Zeit herumgereist... nicht mein Menschenschlag. " Ein wenig ihres Frohsinns schien ärger gewichen zu sein.
"Warum seid Ihr dann dort herumgereist?" Ein leises Lachen.
"Kenne deinen Feind?" Er nickte, fast sogar anerkennend. Diese Frau bot mehr als nur eine überraschung... und zum Glück nicht nur negative... Außerdem birgt es natürlich viele interessante kulturelle Entdeckungen. "Ich habe einige Zeit bei den Mohaha verbracht." Halbherzig packte sie einige rotblonde Strähnen in den Knoten zurück. "Aber der Boronkult generell..." Sie schauderte.
"Nun ja, nicht meine Sache... aber das muß ich Euch sicher nicht sagen." Ihr Lächeln, entwaffnend und selbstironisch, strahlte im Feuerschein.
Iolaos konnte sich mit einem Mal fast ein Grinsen nicht verkneifen. Die Vorstellung von ihr in ihrem Einhorn-verzierten Leibchen inmitten eines Moha-Krals hatte etwas seltsames.
"Ihr habt einige Zeit bei den Mohaha verbracht?" wiederholte er beinahe amüsiert.
"Sicher." Sie nickte eifrig und zog ihren Rucksack heran. "Was ist denn daran so komisch?" fragte sie fast verwundert.
"Nun ja... Ihr habt eine angenehme Körpergröße, aber bei den Mohaha die ich kennengelernt habe, stieg das Misstrauen ungefähr in dem Maße, je heller die Haut ihres Gegenübers war..." Er wies halbherzig in ihre Richtung. "Und ihr habt Geisteraugen..." ... was bei vielen Mohaha das Synonym für blaue Augen war. "Wie habt Ihr das eingefädelt... ohne das sie Euch gleich in die Suppe gesteckt haben?" Letzteres war eher ein derber Scherz. Er kannte diesen Kulturkreis gut genug um zu wissen, das es nur einen einzigen Stamm von Menschenfressern gab... den die übrigen verständlicherweise mieden.
Sie lächelte schmal.
"Nun ja... ich lernte einen von ihnen in Al'Anfa kennen. Er gehörte zum Stamm der Mohaha und war in Sklaverei geraten. Naja, ich... Eine leichte Röte überzog das blasse, sommersprossige Gesicht. ... war bei der Befreiung wohl recht nützlich... Die Herrin war eine Magierin."
Iolaos lachte kurz und trocken.
"Sowas solls geben..."
"Menschen, die fehlen gibt es in jedem Stand." Esybilla klang ein wenig vorsichtig, wusste sie doch, dass sie auf gefährlichen Pfaden schritt.
"In diesem scheint es davon zu viele zu geben..." murmelte er, aber es klang nicht wirklich nach einem Angriff. Sein Blick hing wieder am Feuer.
"Das ist vielleicht wahr", erhielt er vollkommen überraschend Unterstützung von der jungen Frau. "Die Gabe ist nicht unbedingt immer mit Weisheit gleichzusetzen. Ein Grund mehr, danach zu streben."
Er hob den Blick und sah sie an, eine Spur verwundert vielleicht, aber wohl nicht bereit, dies auch in Worte zu fassen. Sachte hoben sich beide Brauen, als blaue Augen seinen Blick unverwandt erwiderten. Auch Esybilla schwieg - erstaunlicherweise. Der Erste, der sich nach einer Weile rührte war der Hund, der mit einem sanften Heben seiner Pfote Esybilla zu intensiveren Streicheleinheiten aufzufordern suchte. Sie lächelte und wandte den Blick ab, ihm den Sieg überlassend oder nicht genug darum besorgt, während sie begann, den Bauch des Hundes zu kraulen. Ihr Stirnrunzelnd verriet, das sie nachdachte.
"Ich versuche zumindest, kein Monstrum zu sein, Iolaos." Ihre Stimme war ernst, nicht verletzt, eher ruhig.
"Das kann man sehen..." Man... eine arge Verallgemeinerung. Aber auch seine Stimme war ruhig... oder vielleicht eher bemüht neutral? Unvermittelt schnalzte er mit der Zunge, und als Resultat davon spitzte der Hund tatsächlich die Ohren und verrenkte sich im Liegen den Hals nach ihm. "Belästigst du die Dame?" fragte er tadelnd.
"Unsinn." Esybilla kraulte ungerührt weiter. "Ich bin Hunde gewöhnt. Mein Vater hatte drei. Er stört mich nicht. "
Iolaos schmunzelte leicht.
"Es ist immer wieder erstaunlich, was sich so ein Hund herausnehmen kann..".
Der Hund klopfte einmal mit seiner struppigen Rute auf den Boden. Ein helles Lachen Esybillas war die weitere Antwort.
"Sicher, einem Mann würde ich das nicht durchgehen lassen!"
"Er ist ein Mann..." Iolaos grinste. "Irgendwie... "
"Definitionssache." Esybillas Finger flogen durch das Bauchfell des Hundes. "Ich fürchte aber, ich verwöhne ihn zu sehr."
"Glaubt mir, das könnt Ihr nicht", sagte er, wieder etwas ernster. "Die Streicheleinheiten, die er verdient hätte, kann man wohl in seinem Leben kaum noch nachholen..." Auf einen kaum hörbaren Pfiff hin rappelte der Hund sich auf und ging sanft wedelnd zu seinem Herrn hinüber. Im Nachhinein fiel Esybilla die ein oder andere Verhärtung auf, die ihren Fingern beim Streicheln des Hundes unterkommen war. "Narben...? "
Der Hund setzte sich neben Iolaos und bearbeitete ihn mit seiner Pfote, bis er im grinsend durchs Fell strubbelte.
"Warum das?" Halb erzählte Geschichten stachelten geradezu unweigerlich Esybillas Neugier an.
"Sie haben versucht, einen Kampfhund aus ihm zu machen..." sagte er schlicht und kraulte ihn hinter einem Ohr, bis der Hund ganz verzückt den Kopf zur Seite reckte. "Bei all den Schlägen und Tritten, die er eingesteckt hat ist es ein Wunder, das er sich überhaupt noch von einem Menschen anfassen lässt, ohne zurückzubeißen..."
"Er hat ein gutes Herz." Sie lächelte zu dem Hund. "Sieht so aus, als hätten sie es nicht geschafft, ihn zu verderben. Der Optimismus in ihrer Stimme war mehr als nur deutlich. Das freut mich. "
Ja... Iolaos lächelte schmal, sah in die Augen des Tieres, das in diesem Moment irgendwie auch so aussah, als würde es lächeln. "Er hätte sich eher totprügeln lassen, als zu ihrem Werkzeug zu werden. Ziemlich erstaunlich für so ein dummes Tier." Sein Tonfall machte deutlich, das er die letzten Worte nicht im Entferntesten so meinte.
Sie grinste.
"Diese Welt macht einen jeden Tag staunen." Es klang ehrlich.
"Das hört schon irgendwann auf..." hielt er leise dagegen. Sie hob den Kopf, ihre Augen fest, das Lächeln auf ihren Zügen hell.
"Niemals."
Iolaos rollte mit den Augen, aber sein Lächeln verschwand nicht ganz.
"Ich denke, es wird langsam Zeit die anderen zu wecken, meint Ihr nicht auch?"
Sie hob ihren Blick zu den Sternen, einen Moment eine verwirrte Falte auf ihrer Stirn, ihre Lippen bewegten sich. Dann nickte sie.
"Ja, ich denke auch. Es dürfte soweit sein." Ein breites Lächeln, als sie ihre Schiefertafel einpackte und die Kreide in einer Seitentasche verstaute. "Außerdem werde ich langsam müde."
"Kaum zu glauben..." Iolaos klopfte seine Pfeife über dem Feuer aus und erhob sich. Esybilla grinste und rollte ihren Schlafsack auf.
"Ich schätze, ich stecke voller überraschungen."
Und damit hatte sie wohl - erstaunlicherweise schon wieder - recht.
Von Ute und Monika

Querverweis zum Weiterlesen:
Das Ende der Unschuld - Schlaglichter aus dem Vorleben Iolaos' (Führt in den Bereich "Geschichten über Iolaos")

-> Zurück nach oben

  Ruhe vor dem Sturm ->