Tagebuch Vorspann AoE RdE Von Fuchs und Greif
Ein Rätsel mehr Kleine Schritte Träum vom Fliegen

Der Weidener Winter birgt unter makellosem Schnee unzählige Gefahren. Auf der Suche nach der Ursache des Todes vieler Menschen geraten die Gefährten auf Pfade, die auch ihr Leben bedrohen. Noch ist man sich nicht sicher, ob das Auftauchen von Vampiren, die sich und ihresgleichen wie eine Seuche über das Land des Bären ausbreiten, zusammenhängt mit den Ereignissen in Dragenfeld, doch die Angst davor begleitet jeden Schritt. Und schließlich findet man eine Elfe im Schnee, halb erfroren, hilflos, mit einer wahnwitzigen Geschichte von Verfolgung und Flucht. Sie erfährt die Hilfe der Gruppe, doch weder Iolaos, der sich ihrer annimmt, noch Esybilla, die es eigentlich besser wissen müsste, begreifen, welch eine Schlange sie sich dort ins Nest geholt haben. Als sie fort ist, ist es beinahe zu spät, und Iolaos, ein weiteres Mal von Zauber benutzt, ist mit seinem Zorn allein.

Zugehöriges Tagebuchkapitel: Nicht allein

Ein Rätsel mehr

Als ob die Umstände nicht schon schwierig genug wären

Mitten im dicksten Schnee auf einen alles andere als angemessen gekleideten, tulamidischen Magier zu treffen hatte nicht wirklich zur Verbesserung von Iolaos Stimmung beigetragen - obgleich eine Verschlechterung kaum noch möglich war, nachdem, was sich die angebliche Firnelfenprinzessin mit ihm geleistet hatte. An letzter Stelle in ihrem kleinen Treck kochte er auf mühsam klein gehaltener Flamme vor sich hin und behielt mehr als deutlich den fremden Magier im Auge... bis sie schließlich Baliho erreichten.

Den Besuch bei Mutter Linai hatte er sich gespart und war stattdessen während der Abwesenheit seiner Gefährten voll und ganz mit der Unterbringung der Pferde beschäftigt gewesen. Als sie schließlich zur Herberge zurückkehrten war er noch immer im Stall zu finden, wo sein Warunker Mirakel mit dem Schnee auf den Dächern der Stadt um die Wette funkelte - offenbar hatte Iolaos versucht, die winzigen Stichel aus dem Fell des Braunschimmels heraus zu kämmen und war letztendlich doch übereingekommen, das sie fester Bestandteil des Deckhaares sein mußten. Dafür würde sich dort wohl augenblicklich kein Stäubchen finden lassen.

Mit Ziege war er noch immer beschäftigt, das mochte jedoch auch daran liegen, das die Ponystute es für witzig hielt, in regelmäßigen Abständen nach dem Striegel oder irgendwelchen mehr oder weniger wertvollen Körperteilen ihres Herrn zu schnappen. Das dieser im Augenblick wahrhaftig nicht zu Scherzen aufgelegt schien, entmutigte sie keineswegs und so steckte sie tapfer auch mal den einen oder anderen Schlag gegen ihren Hals ein, nur um wenige Momente später mit vollem Elan eine neue Rüge zu provozieren.

"Du blöde Ziege, es reicht jetzt!" fuhr er sie an, gerade als Esybilla nach ihm suchend den Stall betrat. Iolaos hatte sich vor dem Pony aufgebaut und versuchte augenscheinlich, die Stute in Grund und Boden zu starren, während diese, offensichtlich keiner Schuld bewußt, seinen Blick erwiderte und lustig mit den Ohren spielte.

Einen Augenblick blieb die zierliche Magierin stehen, die Hände ineinander gelegt, und beobachtete ihn, unschlüssig, was sie tun sollte. Ein Blinder hätte sehen können, wie sehr die Geschehnisse um die seltsame Elfin ihn mitgenommen hatten, und zu einem Gutteil fühlte Esybilla sich dafür verantwortlich. Sie konnte sich nur zu deutlich an eine ihrer ersten Diskussionen mit ihm über Magier erinnern.

'In unserem Stand gibt es ebenso wie überall tugendhafte und zügellose Menschen, solche die Vertrauen und Achtung wert sind und solche die es nicht sind. Aber genau aus diesem Grund gibt es die Contramagia. Ich bin dazu da, damit Ihr vor magischen Angriffen und Einflüssen geschützt seid...' Ihr törichter Zorn hatte den noblen Plan zunichte gemacht, und Esybilla ärgerte sich darüber. Doch würde ihr nichts anderes übrig bleiben als zu versuchen die Scherben aufzukehren. Denn auch wenn sie sich das nicht so gerne eingestehen wollte, tat es ihr weh, Iolaos' Schmerzen zu sehen. Und er litt. Das war offensichtlich.

"Schlechte Laune?" fragte sie leise und ließ offen, ob sie ihn oder Ziege meinte. Iolaos wandte sich gar nicht nach ihr um, hatte sie also entweder bereits bemerkt oder war augenblicklich durch nichts aus der Ruhe - oder besser Unruhe - zu bringen.

"Ich hab eher das Gefühl, es macht ihr maßlos Spaß..." erwiderte er mit einem leisen Grollen, ohne die nüsternrümpfende Stute aus dem Auge zu lassen. Er schloss nicht aus, das sie ihn gemeint haben konnte... Er ließ es ganz einfach nicht auf sich kommen.

"Man sollte meinen schlechte Laune zu verursachen mache niemals Spaß..." Langsam, Schritt für Schritt trat Esybilla näher, die Arme ein wenig wie zu ihrer eigenen Verteidigung vor der Brust verschränkt. "Aber es gibt eine Menge seltsamer Dinge auf dieser Welt..." Schließlich war sie bei Ziege angelangt, legte eine Hand auf den Hals des Pferdes, einen Biss riskierend. Vorsichtig, halb unter blassen Wimpern zu ihm hinüberblickend taxierte sie ihn, so als wage sie nicht, wahrhaft offen Stellung zu beziehen.

Ziege wandte sich tatsächlich abrupt nach ihr um, zeigte ihr jedoch nicht die Zähne, sondern gab ihr stattdessen einen zwar rüden, jedoch ungewöhnlich freundschaftlichen Stoß mit dem Kopf - eine Geste, die sie gewöhnlich nur für Iolaos übrig hatte. Mit nur wenig Fantasie konnte man durchaus einen Hilferuf hineininterpretieren: Mach du was, meine Tricks funktionieren nicht...

Ziege mochte unter dem Deckmantel eines störrischen Tieres agieren, aber sie spürte sehr wohl die Stimmung ihres Herrn und reagierte auf ihre Weise. Und für gewöhnlich hätte sie ihn damit sicher auch zum Lachen gebracht...

"Ach was, als ob sie Schuld wäre..." Iolaos winkte ab, legte den Striegel zur Seite und lehnte sich gegen die Innenwand des Verschlages.

"Und schuld ist...?" fragte Esybilla leise, sich mit beiden Händen auf den Rücken des Ponys aufstützend. Unverwandt sah sie ihn an, beinahe nicht blinzelnd, die Sorge nur zu deutlich in ihrem Blick, der nur selten verbarg, was sie gerade dachte.

Iolaos seufzte tief. Er war immer noch über die Maßen erschöpft, was ihm nicht unbedingt dabei half, den Vorfall zu vergessen. "Keine Ahnung... Ich selbst?" Er lachte kurz und traurig. "Was ist mit mir los, Esybilla...?" fragte er so ungewöhnlich hilflos, das es schmerzte. "Wie ist das passiert? Wie KONNTE das passieren?" In einem kurzen Ausbruch schlug er mit einer Faust gegen die hölzerne Wand des Verschlages und erntete eine aufstampfende Unmutsbekundung von Ziege, während andere Pferde in der Nähe einen nervösen Schritt zur Seite taten.

"Weil wir nicht achtsam waren..." Langsam wagte sie um Ziege herumzugehen, um neben Iolaos zum Stehen zu kommen. Ernst blickte sie ihn an. "Weil ich nicht achtsam war. Und das tut mir leid." Keine Selbstzerfleischung, nicht in diesem Moment. Pures Aufzählen der Fakten. Leise fuhr sie fort, und für einen Moment vermeinte er gar, so etwas wie Angst in ihrer Stimme zu hören. "Weil das, worin wir uns bewegen, stärker ist als wir. Viel stärker..."

"Ach hör auf..." Eine unwillige Falte war auf seiner Stirn erschienen. Sein Blick hing irgendwo im Stroh zu seinen Füßen. "Du bist nicht die Beschützerin der Welt, Esybilla... Ich kann dir wohl schwerlich anlasten, das ich mich selbst weder auf mein Herz, noch auf meinen Verstand verlassen kann..." Es klang bitter. Ziege gab ihm einen Schubs und diesmal wies er sie nicht zurück, sondern streichelte ihren Kopf, mit regelmäßigen, fast schon abwesenden Bewegungen, während er um vieles leiser weitersprach: "Es war unglaublich... Als ich vor ihr stand und ihr in die Augen sah, war ich überzeugt davon, das ich sie liebe!" Fassungslos schüttelte er den Kopf. "Und es kam mir nicht im Geringsten seltsam oder falsch vor... und hatte nichts von Zwang so wie... damals..." Er schloss kurz die Augen. "Es war... wie der Frühling, den wir in diesem Jahr erlebt haben... Viel zu früh, aber darum nicht weniger schön, weißt du..." Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. Und dann bin ich aufgewacht... Seine Miene verschloss sich mit einem Fingerschnippen und er starrte weiter ins Nichts. ... und hab begriffen, das ich wiedereinmal nicht stark genug war...

"Iolaos!" Energisch platzierte Esybilla beide Hände auf seinen Schultern um ihn fest anzusehen. "Ich weiß nicht genau wer oder was das war. Aber wenn auch nur die Hälfte von dem, was ich gesehen und geschlossen habe, wahr ist, dann hätte niemand von uns auch nur eine Chance gehabt... Nicht einmal Setaou..." Sie schüttelte sacht den Kopf. "Magie kann sehr, sehr grausam sein", fügte sie leise hinzu.

Langsam hob er nunmehr den Blick und sah sie an. "Warum machst du dir dann Vorwürfe...?" flüsterte er kopfschüttelnd.

Ertappt wandte sie den Blick ab, atmete einige Male tief durch. "Weil mein Platz auf dieser Welt unter anderem darin besteht, zu verhindern, daß so etwas passiert. Aber ich war nicht da um dir zu helfen, weil ich mich ja unbedingt mit Goran streiten musste..." Sie hob die Schultern und langsam glitten auch ihre Hände wieder von den seinen. "Ich habe es nicht einmal versucht, es zu verhindern. Ich habe einfach meinen Verstand ignoriert, der sämtliche Warnsignale laut und deutlich herausgebrüllt hat, um einfach kindisch zu sein." Sie seufzte. "Nicht gerade ein Ruhmesblatt." Langsam hob sie den Kopf wieder um ihn ein wenig unsicher anzusehen. "Und weil ich sehe, wie sehr es dich schmerzt." Leiser, fast wie ein Eingeständnis.

Iolaos neigte den Kopf leicht nachdenklich zur Seite, vermied gerade noch ein 'Warum?'. Da war es wieder, dieses undefinierbare Etwas, auf das er den Finger nicht zu legen vermochte. Seit ihrem ersten Treffen im Norden ein Hauch, in Dragenfeld zur Ahnung geworden, spiegelte es sich in so vielen schier nebensächlichen und doch so bedeutsamen Momenten wieder, das er längst den überblick verloren hatte. Er dachte an einige ihrer überraschenden Taten oder Worte, mit denen sie seine erste, zweifellos nicht sonderlich ruhmreiche Meinung von ihr bis aufs letzte zerstört hatte. Ihre fast schon ritualisierten Streiterein, ob das gemeinsame Essen nun auf Liebfelder Art zubereitet werden sollte oder nach der Küche des Nordens... Ihre gemeinsamen Feuerwachen - und wie erstaunlich viele waren es gewesen - in denen sie ebenso gut und angenehm miteinander geschwiegen wie gesprochen hatten. Und nicht zuletzt die Abende auf Montana...

Iolaos hatte sich stets vor Augen geführt, was sie gemeinsam durchlitten hatten... Nicht umsonst fühlte er sich Lieto inzwischen ebenso brüderlich verbunden, wie Goran, respektierte Setaou fast schon vorbehaltlos, trotz seiner Eigenheiten und seines beginnenden Wahnsinns... aber war Esybilla wirklich nur die kleine Schwester, die er nie gehabt hatte?

Mit einem Blinzeln suchte er jeden Gedanken daran zu verscheuchen. "Tut mir leid..." sagte er betroffen, und der Ernst in diesen Worten bannte seltsamerweise die schlechte Stimmung aller vorangegangenen. "Mach dir um mich keine Sorgen, Kleines... Ich muß nur ein bißchen toben, dann geht's schon wieder..." Sein Lächeln war schmal, aber ehrlich, und er merkte fast augenblicklich, wieviel einfacher es war, sich für jemand anderen zusammenzureißen.

"Von wegen Kleines..." Esybilla zwinkerte ihm sacht zu. "Du mußt gerade reden... Und ich mache mir solange Sorgen wie ich Lust dazu habe... das hält mein winziges Herz schon noch aus..." Sie atmete tief durch. "Es muß dir nicht leid tun, schließlich liegen die Dinge so, wie sie sind." Sie hob die Schultern, ein vorsichtiges, ein wenig an Kraft gewinnendes Lächeln. Sicherlich war es im Moment nur eine Maske, die Iolaos ihr zeigte, doch mochte vielleicht aus dieser Maske auch Heilung kommen: Manchmal wünschte sich Esybilla Gorans Intuition in bezug auf solche Dinge, seine ruhige Art, genau das zu sagen was in diesem Moment notwendig war - während sie nur zu oft mit zielsicherer Genauigkeit das fand, was sie besser nicht hätte sagen sollen. Doch es war nicht ihre Art zu hadern, und gerade die Situation in der sie sich befanden, mußte dazu geneigt sein, nach vorne zu blicken. "Lernen wir einfach daraus, dass wir zusammen stärker sind", sagte sie leichthin.

Sein Lächeln erhielt ebenfalls etwas mehr Substanz, als er diese Worte auf sich wirken ließ. "Das hast du schön gesagt..."

Da standen sie nun voreinander, nicht viel mehr als einen Spann entfernt, und Iolaos ertappte sich dabei, das er wohl die nächsten Stunden sehr gut damit hätte verbringen können, sie einfach nur anzusehen, ohne etwas anderes zu tun.

Mit einem tiefen Atemzug wandte er sich ab und griff nach dem Striegel, um ihn an der Wand abzuklopfen.

"Gab es bei Mutter Linai etwas Neues?" Als hätte man sie gerade beim Traumwandeln unterbrochen blinzelte Esybilla überrascht und schüttelte kurz den Kopf. Was in Nandus Namen war denn das?

"Nicht wirklich", entgegnete sie also stattdessen, fast ein wenig übertrieben leichthin. "Und die Bibliothek hier ist eine echte Katastrophe..." Die Enttäuschung in ihrer Stimme klang wieder wahrhaft nach Esybilla.

Iolaos konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Welche im Vergleich zu Kuslik ist das nicht, hm?"

"Gute Frage. Aber wenn es eine gibt, dann will ich sie sofort sehen!!" Das Funkeln in ihren Augen war echt und ihr Lachen klang beinahe befreit.

"Ich werde die Augen offen halten..." versprach Iolaos grinsend. In sichtbar besserer Stimmung kehrten sie schließlich gemeinsam in die Herberge zurück und verbrachten den Rest des Tages mit den anderen, hauptsächlich auf ihrem Zimmer, wo sie über den Bruchstücken der Prophezeiungen brüteten und Iolaos auf eine weitere Lektion bezüglich der Kusliker Zeichen einging. Er versprach Esybilla, das er sich dafür revanchieren würde, ließ jedoch offen, was er genau damit meinte. Schließlich war er der erste, der auf seinem Lager einschlief, während die übrigen noch redeten - die Erschöpfung, die der Zauber der Elfin hinterlassen hatte, war noch immer nicht ganz abgeklungen und forderte ihren Tribut. Allerdings schützte sie ihn nicht vor Träumen... und die Träume kamen, als alles still und dunkel war...

Iolaos kannte diesen Traum... er war ein immer wiederkehrendes Echo seines bisherigen Lebens, beginnend zu dem Zeitpunkt, als alles aus den Fugen geraten war... und auch wenn ihm der sterbenden Blick jener Frauen, die er in seinem Leben geliebt hatte, zum wiederholten Male das Herz aus der Brust riß, genoß er jeden Kampf in der Arena, den er für sich entschied und schlussendlich die Jagd nach IHR, die für all das verantwortlich war. Die Schatten wurden schwächer... Erinnerte er sich nun wirklich an mehr? Waren die Tage, in denen sie in seinen Erinnerungen mit ihm Verstecken gespielt hatte, allmählich gezählt. Ein Blick aus dunklen Augen, seltsam gut gelaunt. Ein Lachen, das fast sympathisch war und doch den Hauch von Wahnsinn trug. Waren ihre Haare wirklich schwarz gewesen oder lag es nur an der Düsternis, die sie - bislang noch - in seiner Erinnerung umgab? Er konnte den schweren Schleier, der sie umhüllte, fast mit Händen greifen, ließ sich diesmal nicht von sinnlosem Zorn in Gefechte verstricken, die keine Bedeutung hatten, sondern konzentrierte sich ganz darauf, SIE zu fassen zu bekommen.

Und er stellte sie - wie bislang jedes Mal - in einer sternenlosen, windstillen Nacht und sah von ihr auch weiterhin nichts als einen Schatten. Zeig dich endlich! knurrte er verhalten.

Dieses Lachen... es passte zu einem Mädchen mit frohem Sinn, das einfach nur den falschen Pfad betreten hatte, als es zur Frau reifte... Vermisst du mich so sehr, Iolaos? Keine Angst... Wir werden uns schon noch wiedersehen...

Er nickte verhalten. Wenn wir uns wiedersehen, wirst du fühlen, was du davon hast...

Du träumst davon, mich zu töten, hab ich recht...? Er spürte ihr Lächeln, obgleich er es nicht sehen konnte. Diese irrsinnige Fröhlichkeit in ihrer Stimme... Aber wer sagt dir denn dann, wo dein Töchterchen ist?

Er schnaubte. Seine Fäuste ballten sich und der kalte Stahl der Orchideen erinnerten ihn daran, was als nächstes geschehen sollte... Ich verhandle nicht mit dir!

Oh, vielleicht solltest du... Aber das Leben ist voller Wiederholungen, Iolaos... Du warst schließlich auch nicht zu Verhandlungen bereit, als ich damals in dein Haus kam... Arme, arme Ilijanna...

Mit einem wütenden Schrei rammte er ihr die Klingen in den Leib und erlebte eine überraschung. Der Körper der Frau blieb nicht unbeeindruckt, lachte ihn nicht aus, er verhielt sich, wie es in Wirklichkeit der Fall sein würde. Iolaos spürte den Widerstand, dann das fast schmerzvolle Nachgeben, ein Zittern, das durch die Glieder seiner Widersacherin lief... und mit einem Mal, brach der Mond zwischen den Wolken hervor und beschien ein Gesicht, das er kannte: Esybilla!

Iolaos schnappte entsetzt nach Luft und zog die Waffen zurück, packte gerade noch rechtzeitig zu, um sie aufzufangen, bevor sie kraftlos zu Boden stürzte. Vorsichtig barg er sie in seinen Armen, sank kopfschüttelnd mit ihr in die Knie. In Strömen von Blut floß ihr Leben davon und er konnte es nicht halten.

Nein... flüsterte er ungläubig. Esybilla, nein... Sie erwiderte seinen Blick, und je mehr sein Gesicht von Schmerzen gezeichnet wurde, umso mehr kehrte in ihres Ruhe ein. Das Leben ist voller Wiederholungen... Und wieder war er nicht in der Lage wegzusehen, als der Horizont ihrer Augen zerbrach...

Mit einem Keuchen fuhr Iolaos auf. Dunkelheit umfing ihn und der altbekannte, kalte Schweiß klebte lästig an seinem gesamten Körper. Als er begriff wo er sich befand und sich viel zu genau an den Traum erinnerte, aus dem er emporgeschreckt war, flog sein Blick zu dem Lager auf dem Esybilla schlief. Das Mondlicht, durch den Schnee jenseits ihres Fensters verstärkt, erleichterte ihm die Sicht. Blaß lag sie im Scheine Madas da, durchscheinend beinahe die Haut, während die weiße Strähne in dem roten Haar das Mondlicht reflektierte und mit ihm spielte. Ihre Hand, entspannt und ruhig, lag auf dem Kissen neben sich, nur Zentimeter von dem blütenweißen Stab entfernt, der das Zeichen ihres Standes war. Ein Stirnrunzeln auf ihren Zügen und ihre Lider hoben sich um direkt in seine Augen zu blicken.

Für gewöhnlich erwachte er aus seinen Träumen mit einem gewissen Maß an Wut, Frustration oder Verzweiflung. Doch was sie nun - vielleicht durch die Düsternis verfälscht - in seinen Augen sah, war blanke Angst. Schaudernd wandt er sich ab, fuhr sich mit den Händen durch Gesicht und Haare, als könne er damit die Nachwirkungen fortwischen. Natürlich lebt sie noch, du Narr! Es war nur ein Traum... Nur...?

Aber Iolaos hatte inzwischen mehr als bitter erfahren, das Träume Bedeutung hatten... das sie oft mehr waren, als die Verarbeitung der Vergangenheit... Langsam ließ er sich wieder zurücksinken, das Gesicht immer noch in den Händen verborgen, und dachte fieberhaft darüber nach, was das nun wieder zu heißen hatte. Er spürte seinen Hund, der ihn tröstend in die Seite knuffte. Offenbar war er gerade erst aufgestanden, was den Schluß nahelegte, das Iolaos sich im Traum lange ruhig verhalten hatte... Es schien auch nicht so, als sei einer der anderen erwacht. Ganz von selbst glitt eine seiner Hände in das dichte Fell, um das Tier zu streicheln und sich selbst dadurch zu beruhigen. Eine Hand auf seiner Schulter. Kaum ein Geräusch war dem vorausgegangen, als Esybilla leise wie ein Mäuschen aufgestanden war um sich im Schneidersitz neben sein Bett zu setzen. Den Kopf leicht schräg gelegt blickte sie ihn fragend an.

Und dieses Mal hatte sie es wirklich einmal vollbracht, ihn zu erschrecken... was in der augenblicklichen Situation wohl auch nicht schwer war. Fast wollte er wiederum auffahren, warf ihr jedoch nur einen gehetzten Blick zu, nur um sehr schnell wieder die Augen zu schließen.

"Schon gut..." sagte er im Flüsterton, bedacht die anderen nicht auch noch zu wecken... oder weil er seiner Stimme nicht traute? "Das übliche... Kein Grund aufzustehen..."

Vermied er, sie anzusehen? Aber das war nichts ungewöhnliches. Iolaos war stets unleidlich, wenn er aus einem Alptraum erwachte, doch wem war ein solches Verhalten zu verübeln... Langsam hob sie ihre Hand von seiner Schulter, ein wenig unsicher, ein wenig vorsichtig. Ihren Augen war deutlich anzusehen, daß sie nicht überzeugt war. "Aha...?"

Iolaos seufzte kaum hörbar. War er so ein schlechter Lügner? Oder war sie einfach nur zu gut...? "Jap..." bestätigte er noch einmal trocken, ohne sich zu rühren oder die Augen zu öffnen. Es mußte doch eine Möglichkeit geben, sie abzulenken... "Aber... danke... das du dich sorgst, meine ich... auch wenn es nicht nötig ist..." Ein verunglücktes Lächeln zuckte kurz über seine Züge.

"Irgendjemand muss das ja", flüsterte Esybilla leichthin, doch der Ernst kehrte nur zu schnell in ihre Stimme zurück. "Außerdem ist es nicht gerade so als wären wir in letzter Zeit gut beraten damit gewesen, Alpträume auf die leichte Schulter zu nehmen." Der seltsame, fast erwachsene Klang in ihrer Stimme, der in letzter Zeit öfter zum Tragen kam war beinahe beängstigend.

"Keine Sorge... Das war mein persönlicher Alptraum, Esybilla..." sagte er leise. "Hier..." Demonstrativ tastete er sich ab. "Ich bin auch nicht im Geringsten verletzt... aber ein neues Hemd wäre jetzt ne gute Idee..."

Esybilla nickte langsam. "Das wäre es wohl wirklich..." Ihre Lippen kräuselten sich im Ansatz eines Lächelns, aber da er es weiterhin vermied, sie anzusehen, bekam er das ohnehin nicht mit, rollte sich stattdessen über die von ihr abgewandte Seite des Lagers, um sich aufzusetzen und ein frisches Leinenhemd seiner Tasche zu ziehen. Umständlich schälte er sich aus dem, das er augenblicklich trug und wischte damit auch den verbliebenen Schweiß fort.

Esybilla blickte diskret ein wenig zur Seite, um seine Privatsphäre nicht zu verletzen, doch die steile Falte auf ihrer Stirn blieb bestehen. "Wenn ich dir irgendwie helfen kann mußt du es nur sagen", erinnerte sie, ungewohnt leise und vorsichtig.

Iolaos hielt kurz inne, sein Blick ging müde zu Boden... was angesichts der Tageszeit wohl nichts besonderes war. Noch immer ließ ihn der Traum nicht los und es konnte gut daran liegen, das nun gerade Esybilla mit ihm sprach. Was hatte das nur zu bedeuten? Was hatte sich seine wunde Seele dabei gedacht? Fürchtete er, die junge Magierin könnte ihm eines Tages etwas ähnlich grausames antun, das er sie im Traum an die Stelle seiner Erzfeindin stellte? Das konnte unmöglich sein... Was Vertrauen anging, kam sie für ihn direkt nach Goran, und er hatte längst begriffen, wofür sie lebte, was sie konnte und was nicht.

Ihre Gegenwart war das Angenehmste, was er seit langem erfahren hatte, ihr herzerfrischendes Lächeln - auch wenn es seit Dragenfeld seltener und kostbarer geworden war - mittlerweile so ansteckend, das auch sie vermochte, ihn aus düsteren Stimmungen zu reißen, ihr frischer, ungebrochener Geist der keine Grenzen akzeptieren wollte, das rotgoldene Haar, das so geschickt die Sonne einfing, die in diesen Tagen wahrhaft selten war. Ihr Lachen und...

Er schluckte schwer an einem harten Kloß der sich in seinem Hals gebildet hatte. Das war es also...? Eine Warnung an sich selbst, aufzuhören, solange es noch ging, den entscheidenden Schritt zu vermeiden, der aus Vertrautheit Verliebtheit werden ließ? Sonst was...? Konnte das Schicksal so grausam sein, das er auch die dritte Frau in seinem Leben mit eigenen Händen würde töten müssen? Iolaos war sich nicht sicher, ob er es darauf ankommen lassen wollte...

Mit einer hektischen Bewegung zog er das frische Hemd an und war froh, das er Esybilla in diesem Augenblick noch immer den Rücken zukehrte. Vielleicht hätte sie sonst in seinem Gesicht mehr als bequem lesen können, was los war, doch als er sich wieder hinlegte, hatte er seine Züge unter Kontrolle, braucht sich nicht mal zu verstellen, um müde und einfach nur 'gewöhnlich frustriert' zu wirken.

"Ich weiß..." sagte er leise, fast sanft, auf ihr längst verklungenes Angebot. "Aber du... ihr alle helft mir am besten, wenn ihr euch durch meine Alpträume nicht von eurem wohlverdienten Schlaf abhalten laßt... Es ist auch so schon lästig genug für mich..." Er nahm sich zusammen und blickte sie in der Düsternis ihres Zimmers an. Er konnte ihrem Blick nicht ewig ausweichen, ohne Fragen aufzuwerfen. "Leg dich wieder hin, Kleines..." bat er flüsternd. "Du brauchst deinen Schlaf auch..."

Sie runzelte die Stirn, vielleicht instinktiv fühlend, daß da noch mehr war, daß etwas grundlegend nicht stimmte, und der leicht verwirrte Ausdruck in ihren Augen, der Neugier und Sorge zu gleichen Teilen trug und nicht einmal den Ansatz eines Versuches machte derlei zu verbergen, ließ ihn auch deutlich sehen, was sie dachte. Etwas verbarg er vor ihr, und auch wenn Esybilla darauf brannte, zu erfahren, was es war, so war sie sich nicht sicher, ob sie jetzt darin tiefer eindringen wollte. Nun, da sie wußte, was Iolaos quälte, war sie noch vorsichtiger als zuvor, wollte sie doch nicht durch ein unbedachtes Wort Dinge anrühren, die sie nicht aufhalten konnte noch wollte. Gerade jetzt, wo Iolaos eine nur allzu gern gesehene Gesellschaft geworden war, wo er, mehr fast noch als der schweigsame zurückhaltende Goran ihre Stütze im Sturm war. Sie teilten dieselbe Art von Humor und er hatte begonnen, auf ihre Sticheleien in gleicher Art und Weise zu antworten. Hatte er auch in seinem Leben keine große Ausbildung erfahren, so erkannte Esybilla hinter seiner Stirn doch einen wachen, scharfen Geist und es war eine wahre Schande, daß er sich bisher nur der Kriegerprofession zugewandt hatte. Er lernte das Lesen, das sie ihm beizubringen gedachte, schnell, schnell genug um ihr zu bestätigen, was sie meinte, in seinen Worten gesehen zu haben. Dennoch verletzte es sie ebenso, ihn in diesen nächtlichen Schmerzen zu sehen. Deutlich erkannte sie, daß er ohnehin wohl keine Ruhe finden würde, denn die Erschütterung durch den Traum stand deutlich in seinem Gesicht geschrieben. Sie schloß kurz die Augen und atmete tief durch.

"Ich wünschte du würdest mich nicht immer 'Kleines' nennen", schalt sie leise. "äußerst unschicklich für eine dem Meister geweihte Maga." In ihrer Stimme war deutlich jener leise, fast phexspöttische Schalk zu hören, den sie so oft anwandte, um eine Situation ihres Ernstes zu berauben und sie auf die Ebene freundschaftlicher, scharfzüngiger Diskussion zu schieben. "Und gut.. wenn du willst, dann schlaf..." Eine kühle Hand auf seiner Stirn, an seinen Schläfen, als sie die Finger vorsichtig nach ihm ausstreckte. Mit Zeige- und Mittelfinger der Rechten zeichnete sie das Niedere Trigon auf seine Stirn, Dreieck und Kreis, begleitet von leisen Worten in der Dunkelheit der Kammer. "Meister Nandus, Meister der Meister, siehe die Unruhe des Geistes vor dir. Siehe die Nebel, die seinen Geist umfangen. Sende deine allesdurchdringende Klarheit, und öffne den Geist für den Kuß des Herren Boron, auf daß er Ruhe finden möge in dieser Nacht."

Fast mochte es scheinen, als erwärmten sich ihre Fingerspitzen kurz, die Freundlichkeit widerspiegelnd, die auch in ihren Worten lag.

Iolaos schloß die Augen, während sie ihren kleinen Segen sprach, und auch wenn ihre Worte etwas beruhigendes und tröstendes an sich hatten, machte diese einfache, fast flüchtige Berührung zwischen ihnen genau dies wieder zunichte, zeigte sie ihm doch ein Stück weit, das es längst zu spät war, das er längst mehr für sie empfand, als er in diesem Moment bereit war, einzugestehen. In dem Chaos aus widerstreitenden Gefühlen kristallisierte sich dennoch ein leise Stimme heraus, die in Frage stellte, ob alles ebenso kompliziert geworden wäre, hätte er nur Stunden zuvor weiter gedacht, in dem Moment, als sie sich allein im Stall für einen seltsamen Augenblick so nah gewesen waren. Resolut sorgte er letztendlich für Schweigen, hatte so genug Ruhe sie schließlich wieder anzusehen und nichts von all dem zu offenbaren, rettet sich ebenfalls - nicht ohne Erfolg - in die ihnen hin und wieder gemeinsame Flapsigkeit.

"Ich kann auch wieder zu 'Euer Gnaden' zurückkehren, wenn dir das besser gefällt..." Sein Lächeln zeugte davon, das ihm ihre Meinung dazu im Grunde bereits bekannt war.

Sie schüttelte tadelnd den Kopf. "Wehe dir!" warnte sie immer noch leise aber nicht weniger eindringlich. "Wehe dir wenn du das wagen solltest." Sie tat so als nehme sie seine Nase zwischen zwei Finger und drehe sie ein Stück. "Das würde dir nicht gut bekommen."

Er hielt ihre Hand fest - hoffte das es nicht nach einer Flucht, sondern eher nach spielerischer Verteidigung aussah. "Gut... dann denk ich mir eben was anderes aus..." drohte er flüsternd.

Sie lachte, lautlos beinahe und die Schultern ein wenig in stillem Vergnügen hochgezogen als sie halb spielerisch versuchte, ihre Hand loszubekommen. Kraft war niemals ihre starke Seite gewesen und Iolaos merkte das deutlich, so daß sie sich schließlich darauf besann ihre freie Hand zu der selben Gestik zu heben von der die Rechte bereits abgehalten worden war.

"Und was?" Es kostete ihn nicht allzu viel Mühe auch diese festzuhalten.

"Wer weiß... vielleicht wird es mein neuer Lieblingsname für dich und deiner Meinung nach schlimmer als die beiden anderen zusammen... Und glaub mir: Ich habs drauf, gemein zu sein." "Ach ja?" Festgepinnt von seinen beiden Händen blieb ihr nicht viel Bewegungsfreiheit, so daß sie Aufmüpfigkeit allein dadurch vorzutäuschen suchte, indem sie sich leicht vorbeugte um ihn fest anzusehen. Immer noch war ihre Stimme leise, doch Herausforderungen pflegte Esybilla anzunehmen.

"Und wenn ich es drauf ankommen lasse?"

Obwohl er deutlich stärker war als sie, fühlte sich Iolaos hilflos ausgeliefert. Ein schon lange nicht mehr angeschlagener Nerv in ihm war inzwischen zum Zerreißen gespannt und er konnte sich nicht im entferntesten vorstellen, wie die Situation wohl noch schlimmer werden konnte. Wie bekam er sie auf Abstand, ohne sie vor den Kopf zu stoßen oder erneut mißtrauisch zu machen? Ganz abgesehen davon, das ihm mehr und mehr die Motivation dazu verloren ging, das er sie eigentlich einfach nur an sich ziehen wollte... Er musterte sie mit einem übertrieben bösen Gesichtsausdruck und dachte im Grunde nicht genauer darüber nach, als er sich im nächsten Moment unvermittelt aufrichtete und sie an ihren Händen um sich selbst herumzwang, ohne sie loszulassen. Bevor Esybilla wußte, wie ihr geschah, war sie kurzzeitg ihres Gleichgewichts beraubt und durch ihre eigenen, überkreuzten Arme deutlich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, spürte Iolaos in ihrem Rücken, der sie davor bewahrte, einfach umzukippen. Tatsächlich saß sie nun mehr oder weniger auf seinem Schoß. Iolaos gönnte sich einen kurzen Moment, sich selbst für die dämlichste Aktion des vergangenen Jahrhunderts zu beglückwünschen. Die gute Nachricht war, das sie ihm nun nicht mehr direkt ins Gesicht blickte, ihre Lippen keine direkte Versuchung mehr darstellten.

"Dann wirst du sehen, was du davon hast..." flüsterte er ihr zu. "Aber heute nicht mehr... bist du jetzt ein braves Mädchen und gehst in dein Bett zurück?" Für ihn war es kein Spiel mehr. Er betete zu allen Göttern und Götterkindern, die ihm in diesem Atemzug einfielen, das sie es nicht bemerkte.

Einen Augenblick lang blieb sie regungslos, kein Wort kam über ihre Lippen, kein Kommentar ob der doch etwas seltsamen Situation in der sie sich befand. Stattdessen gönnte sie sich den Luxus, einige Male tief Luft zu holen, ein wenig außer Atem ob der Kabbelei, die sie sehr viel mehr Kraft als ihn gekostet hatte.

"Braves Mädchen ist auch nicht gerade besser", sagte sie, doch es klang eher mechanisch, abwesend, und als sie langsam den Kopf umwandte, um ihn halb über die Schulter ansah, wußte er auch warum. Für einen Augenblick lang mochte ihn der Ausdruck in ihren Augen an jenen erinnern, mit dem sie bisher so viele Dinge betrachtet hatte, die, ihren Pfad kreuzend, in irgend einer Form eine nicht unerhebliche überraschung dargestellt hatten. Die Brauen leicht zusammengezogen, die hellen, klaren Augen eine Maske deutliches Zeichen der Gedanken, die sich hinter ihrer Stirn überschlugen. Und es war beinahe beängstigend, wie oft sie schon zum richtigen Ergebnis gekommen war. Und auch jetzt, als sie sich langsam ein wenig umdrehte, so daß sie ihm zumindest halb zugewandt war, war deutlich zu sehen, wie sich Puzzleteil um Puzzleteil in ihren Augen zusammenfügte.

"Iolaos?" Nur ein Wort. Leise. Fragend. Immer noch vorsichtig. Aber nicht verwirrt.

Für einen Moment blitzte undefinierbarer Schmerz in seinem Blick auf, dann schloß er kurz die Augen, ließ sie los. Bitte, bitte, lass es gut sein...

"Wenn wir so weiter machen, wecken wir die anderen..." gab er kaum hörbar zurück, und es war in seinen Augen gar nicht so ungewöhnlich, das die Naturburschen unter ihnen - Setaou und Lieto - vielleicht längst wach waren und ihnen in der Dunkelheit lauschten. Und diese Vorstellung machte all das nicht besser...

Sie vergrößerte die Distanz zwischen ihnen minimal als sie auf die Füße kam, vorsichtig auf die Hände aufgestützt, doch sie entließ ihn nicht aus dem Blick ihrer wasserklaren, blauen Augen. Sie würde es nicht gut sein lassen. Nicht diesmal. Zum einen hatte sie nicht daß Gefühl daß sie damit gut beraten sein würde und kaltes oder noch schlimmer unsicheres Schweigen am nächsten Morgen, ausweichende Blicke und die Vorsicht, die ihr am nächsten Tag entgegenschlagen würde, würde weder ihrem Weg gut tun noch ihr besonders gefallen. Der andere Punkt war, daß auch die junge Magierin sich nicht mehr ganz so sicher war, was sie von der Situation halten sollte, doch statt der Flucht gab es für sie nur das Mittel der Konfrontation. Wie sonst sollte sie... wissen?

Also legte sie den Kopf leicht schräg eine Geste typisch für sie wie nahezu nichts sonst. Und sie blickte weiter zu ihm. Die Farce daß seine Worte das gewesen waren, was der Kern des Problemes war, nahm sie ihm nicht ab, udn das konnte er an ihren Zügen nur zu klar sehen.

Iolaos spürte, das er diesen Kampf verlor. Mit einem kaum erkennbarem Kopfschüttelnd hielt er ihren Blick, entschied sich für eine Verzweiflungstat als letzte mögliche Finte, in dem er einen Teil der Wahrheit preisgab, um vom entscheidenden Stück abzulenken.

"Es... war nicht ganz der Traum, den ich normalerweise habe..." flüsterte er belegt und für einen Moment durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an ihren sterbenden Blick und legte einen bitteren Zug über seine Miene. "Ich... du warst ein Teil davon... " Kurz zögerte er. Würde es sie nicht zusätzlich mit Sorge beschweren, wenn seine Ablenkung gelang? "... und... hast dein Leben verloren..." Erst als er es aussprach dachte er daran, wieviel besser Esybilla im weiterdenken war als er... und das er damit wohlmöglich die entscheidenden Flanke entblößt haben mochte...

"Und das sagst du mir jetzt", tadelte Esybilla leise. "Du weißt doch was geschehen ist, das letzte Mal daß wir seltsame Dinge träumten!" Sie schüttelte den Kopf, schob einige kurze rote Haarsträhnen hinter das Ohr, und begann wiederum leise nachzudenken.

"Aber das ist seltsam. Bisher waren die Träume unpersönlich, oder wir träumten von uns selbst. Niemals war einer der anderen involviert..." Nachdenklich tippte sie mit einem Zeigefinger an ihre Lippen, die Stirn nachdenklich gefurcht. "Das ist ein vollkommen neues Muster... Die Träume waren niemals direkt prophetisch. Den einen oder anderen kann ich mittlerweile mit Ereignissen in Verbindung bringen, aber derlei graphische Träume gab es niemals." Leise, im Flüsterton sezierte sie seine hastig zusammengesponnene These, verhielt sich wie immer, wenn sie versuchte, etwas aus dem Weg zu gehen versuchte was sie beunruhigte - von vollständiger, kühler Logik beherrscht. "Entweder das bedeutet eine absolut entscheidende Taktik dessen, was wir gegenüberstehen - eine Hinwendung von einer Bedrohung die wohl generell vorhanden ist zu etwas, das sein Auge direkt und unmittelbar auf mich - oder uns gerichtet hat. Oder.. " Sachte zuckte sie die Schultern. "Oder es hat doch nichts zu bedeuten. Wie auch immer." Mit beiden Händen schob sie die mittlerweile wieder etwas längeren Strähnen zurück, die über der Stirn lang genug waren, um ihr lästig in die Augen zu fallen. Auch ihrer Kurzhaarfrisur mutete jene leichte Struppigkeit an, die in ihrer Heimat sicherlich ungehörig wirken mochte. "Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen. Wenn der Meister der Meister meinen Tod wünscht, so werde ich seinem Ruf folgen, und tut er dies nicht, so wird es einen Ausweg für mich geben wenn ich einen kühlen Kopf bewahre und in seinem Namen handle." So einfach war das also. "Darin gleicht er seinem himmlischen Vater. Er gibt jedem seine Chance - solange derjenige sie nutzt." Ein Zwinkern, als die ernste, nachdenklerische Miene von ihrem Gesicht verschwand und sie ihn wieder deutlicher ansah. "Aber vielleicht ist es auch nur eine Variation dessen, was dich sonst beschäftigt. Immerhin haben wir in letzter Zeit viel Zeit miteinander verbracht - wohl oder übel. Ich weiß ja nicht, was genau deine normalen Träume beinhalten, aber war dieser hier deinen normalen Träumen irgendwie.. ähnlich?"

Iolaos mußte feststellen, das sich sein Herzschlag allmählich wieder beruhigte während sie sprach und er sich sogar ein fast ehrliches Schmunzeln nicht verkneifen konnte, allerdings ersann er auch die ein oder andere Methode, sie zum Schweigen zu bringen und ließ doch die Finger davon. Als sie schließlich die Frage an ihn richtete lehnte er sich wieder leicht zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, die beste Garantie dafür, seine Hände bei sich zu behalten. Warum sollte er ihr nicht alle Details vor die Füße werfen? Vielleicht verstrickte sie sich eine Weile so in ihrer Methodik, das sie beschäftigt war, bis er eine Lösung für sein Dilemma gefunden hatte...

"ähnlich...?" Er seufzte leise. "Absolut identisch... bis auf das Ende..." Esybilla zog beide Brauen ein wenig hoch.

"Das mag dich jetzt.... überraschen, aber ich habe leider keine Ahnugn von den Details deshalb..." Ein weiteres Mal hob sie die Schultern. ".. kann ich da nur schwer irgendwelche Voraussagen treffen."

Er musterte sie kurz, hob dann schicksalsergeben die Schultern... und begann, leise zu erzählen. Vom Beginn als die Magierin in sein Haus gekommen war, von den Schlachten in der Arena und den Morden die er dort begangen hatte bis hin zur Jagd auf sie, die schuld an allem war. Bei all dem schaffte er es, sachlich und fast emotionslos zu bleiben... als handele es sich wirklich nur um einen Traum und nicht um die Erinnerung an einen großen Teil seines eigenen Lebens. "Diesmal dachte ich, ich bekomme sie zu Gesicht..." kam er schließlich zum Ende. "Es war als müßte ich nur die Hand ausstrecken und einen Vorhang zur Seite ziehen, um sie zu sehen... Normalerweise hab ich es jedes Mal zum Schluß geschafft, ihr eine tödliche Wunde zu verschaffen, aber es war ihr stets egal, sie hat mich weiter verhöhnt und ich bin aufgewacht... Dieses Mal ... fühlte es ich richtig an... realer... doch dann brach der Mond hervor und ich sah, wen ich getötet hatte... nämlich dich..."

Das Schuldbewußtsein in seinem Blick war nicht im Geringsten vorgetäuscht, als er sie schlussendlich ansah.

Sie pustete sich einige Ponysträhnen aus der Stirn. "Wahrscheinlich weil du weißt wie unglaublich geschickt ich im Kampf bin", bemerkte sie leichthin, bevor ihre Miene wieder ernst wurde und sie nachdenklich die Fingerspitzen gegeneinander legte. "Vielleicht heißt daß du sie beinahe gesehen hättest auch, daß du langsam wieder anfängst dich zu erinnern." Mit erstaunlicher Treffsicherheit fand Esybilla den Teil an seiner Erzählung, den sie sofort und ohne Umschweife ins positive verdrehen konnte. "Und was den Rest angeht..." Ihre Stimme hatte wieder den flapsigen Tonfall angenommen mit der sie auch dieser Situation den Ernst zu nehmen versuchte "... ich wußte ja nicht daß du mich so wenig ausstehen kannst. Auf jeden Fall wirst du vielleicht feststellen daß ich zäher bin als du gedacht hast." Sie zwinkerte aufmunternd.

Er lächelte, schmal aber nicht unehrlich. "Das was ich träume und das was ich denke, muß nicht unbedingt das selbe sein..." erinnerte er leise, zögerte einen Moment bevor er noch anfügte. "Es ist sicherlich unnötig, das zu sagen, aber... ich wäre dir dankbar wenn das alles hier unter uns bleibt..."

Sie nickte. "Sicherlich." Sie wischte sich über den Mund wie um ihn für derlei Dinge zu verschließen. "Entgegen anderslautenden Behauptungen kann ich auch mal meine Klappe halten..." Sie seufzte leise und musterte ihn nachdenklich. "Ich nehme an mehr Antwort erhalte ich auch nicht..." Leise nur klang ihre Stimme, als sie die Lippen leicht schief verzog um sachte zu grinsen.

Verwirrt zog er die Brauen zusammen. "Was meinst du?"

"Daß... ach", sie winkte ab, schwer zu sagen ob aus Hilflosigkeit oder eher überdruß, als sie es nun war, die den Blick abwandte. Vielleicht wußte sie selbst nicht so genau, worauf sie mit dieser Aussage aus gewesen war. Ein Teil von ihr war sich so sicher wie sie sich ihres eigenen Namens war, daß dies nicht die ganze Wahrheit gewesen war, Erklärung zwar für seinen Alptraum, Erklärung zwar für seinen Schrecken, doch keine Erklärung für das, was sie in seinen Augen hatte auftauchen sehen, keine Erklärung für sein Zurückweichen und die hunderten kleinen Merkwürdigkeiten, die ihr wacher Verstand registriert hatte in den letzten Augenblicken. Es war ein frustrierendes Gefühl, zu wissen, daß sie die eine Frage, die vielleicht Antwort bringen würde, nicht stellen würde, ein Verhalten, das so sehr ihrem eigentlichen zuwider lief, daß es beinahe schon körperliche Schmerzen bereitete. Aber sie würde ihn weder verschrecken noch beschämen, noch in eine Situation bringen wollen, die ihm unangenehm war. Obwohl es dafür wahrscheinlich schon zu spät war.

"Vergiß es einfach." Sie konnte nicht verhindern daß Frustration und vielleicht ein Hauch Traurigkeit sich in ihre Stimme schlichen, auch wenn sie im nächsten Moment bereits wünschte, sie hätte sich besser in der Hand gehabt. Logik, Esybilla, Logik, vergiß das nicht. Doch Logik war die Tugend Hesindens. Und jener, dem Esybilla ihr Leben weihte, trug auch das Gespür seines Vaters in sich. "Es ist gleich." Das war es nicht, aber dieses eine Mal schienen selbst der eloquenten Liebfelderin die Worte zu fehlen.

Iolaos sah sie an, vollkommen irritiert, als hätte man ihm einen Schlag mit der Bratpfanne versetzt. Er hatte von Schlachten gehört, die, schon gewonnen geglaubt, im letzten Moment doch noch in einem Fiasko geendetet hatten, ohne das im Nachhinein jemand sagen konnte woran es eigentlich lag. Wie hatte er sich auch nur einbilden können, sie hinters Licht zu führen. Sie, ausgerechnet sie! Das gesamte Szenario kam ihm mehr und mehr vor wie eine Kettenreaktion umstürzender Kristalvasen, und er war einzig und allein damit beschäftigt, von einer zur nächsten zu hechten und ein paar Scherben zu verhindern, anstatt aufzublicken und zu sehen, was am Ende des Laufes stand. Wie hatte Esybilla über ihren Gott gesagt: 'Er gibt jedem seine Chance - solange derjenige sie nutzt.' Aber welches war die Chance? Woher sollte Iolaos wissen, ob seine Zweifel Segen waren, oder Fluch...

Und warum konnte er es nicht einfach gut sein lassen? Warum konnte er ihr nicht die letzten Worte dieser nächtlichen Unterbrechung gönnen und sich einfach wieder hinlegen? Warum fühlte sich die Frustration in ihrer Stimme wie ein Dolch in seinem Herzen an?

"Esybilla..." flüsterte er. Entschuldigend, hilfesuchend, bittend... Es gab wohl kaum eine Nuance dessen, was sie in den vergangenen Momente durch seinen Blick hatte irren sehen, die nun nicht auch in seiner kaum hörbaren Stimme zu finden war.

"Es ist schon gut..." Wie erstickt klang für einen Augenblick ihre Stimme als sie sich der Absurdität der Situation bewußt wurde, der surrealen Atmosphäre die beinahe einem Traum entsprungen sein könnte. Eine bleiche Hand, auf deren blasser Farbe das Licht des Madamales von schimmernden Mustern flüsterte fuhr hinauf zu ihrer Stirn um ein weiteres Mal an den roten Locken zu ziehen, nicht fahrig diesmal, fast zornig, fest in den Pony greifend, so daß es wohl wehtun mußte. "Es ist schon gut." Ihre Stimme gewann ein wenig an Festigkeit und sie wagte, sich umzudrehen und ihn anzublicken. Für einen Wimpernschlag lang schien ihr Blick wie tiefe Brunnen, voller Verwirrung und Sorge und Trauer und falls es jemals einen Moment gegeben hatte, an dem er zweifelte, daß sie sein Verhalten gedeutet, richtig gedeutet hatte, so mußte er schmelzen angesichts dessen, was in den blassblauen Augen lag. Und dann fiel erneut der Schleier. Mit Mühe zwang Esybilla die Wahrheit hinter den freundlichen Ausdruck in ihren Augen zurück, doch ihr Lächeln bröckelte an den Enden, trotz aller Mühe. Sie bewegte sich einige schmerzvolle Spann zurück, und wieder berührten ihre Finger kurz seine Stirn, jene Stelle, die immer noch ein wenig erwärmt zu sein schien von dem Segen den sie vor schier unendlicher Zeit gesprochen hatte. "Das ist seine Gabe. Tu was du willst."

Sie lächelte, ehrlich doch nicht ohne Traurigkeit und wandte sich ab.

"Tu was du willst..." Wäre es so einfach gewesen, Iolaos hätte sie schlicht in seine Arme gezogen und nicht mehr losgelassen... aber das war es nicht. Die entscheidende Vase war nicht gekippt... Er schloß die Augen, tat einen langen zitternden Atemzug, bevor er sich auf seine Lager zurücksinken ließ. Poki'i, der die ganze Zeit neben ihnen gesessen hatte, sah hilflos von einem zum anderen und wirkte, als hätte er gern etwas dazu gesagt. Aber als Hund war er nunmal zum Schweigen verdammt, konnte einzig einen tiefen, von einem leisen Fiepen gezierten Seufzer ausstoßen, der die Verzweiflung und Frustration des Moments besser ausdrückte, als jedes gesprochenen Wort. Und so sah Iolaos nicht, wie sich Esybillas trauriges Lächeln vertiefte als sie einmal kurz durch Poki'is dichtes Fell wuschelte.

"Schlaf", sagte sie leise, sich auf den Weg zu ihrer Liege zurückmachend. "Wir brauchen Kraft, morgen."

Schwer zu sagen, was sie meinte...
Und noch schwerer zu sagen, ob einer von ihnen überhaupt noch Ruhe finden sollte in dieser Nacht. Denn draußen zeigte sich bereits der erste Silberstreif am Horizont...

Querverweis zum Weiterlesen:
Das Ende der Unschuld - Schlaglichter aus dem Vorleben Iolaos' (Führt in den Bereich "Geschichten über Iolaos")

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