Tagebuch Vorspann UG RdE Von Fuchs und Greif
Tödliche Träume Verkehrte Welt Schatten der Vergangenheit Im Park der Schlange

In Punin angekommen ist das Leben uncharakteristisch ruhig. Esybilla verbringt viel Zeit in Bibliotheken, Iolaos macht sich im Borontempel nützlich und Goran genießt die Stütze des heimatlichen Ordens. Nach und nach treffen die anderen Gefährten wieder ein und berichten aus anderen Teilen der Welt - und Esybilla, die mittlerweile einiges in den Bibliotheken der Academia zu Punin nachgeschlagen hat, wird von ihrer eigenen Unruhe eingeholt.

Zugehöriges Tagebuchkapitel: Prophezeiungen

Im Park der Schlange

Der Weg der Ignoranz ist ein seltsames Ding

Im Gegensatz zu den anderen beiden fand Iolaos nicht, daß der Park der Schlange um den Tempel der Hesinde zu Punin schnell langweilig wurde. Lieto und Setaou hatten - wohl eher als sportliche Herausforderung als auf der Suche nach Ruhe oder Besinnung, sich der Herausforderung des dort ebenfalls befindlichen Labyrinthes gestellt - und festgestellt, daß es seinem Ruf nicht gerecht wurde. Solcherart ihrer Betätigung beraubt, hatten sie sich anderen Beschäftigungen zugewandt, während Goran noch einige Dienste für den Tempel verrichtete und Esybilla versuchte, Sinn aus dem zu machen, was sie von Rohezal und anderen erfahren hatten.

Die Magierin war still geworden in den letzten Tagen, was gut und gerne damit zusammenhängen konnte, daß ihr Geist, der so sehr darauf fixiert war, Rätsel zu lösen und Schleier zu lüften, dieses eine Mal mehr als genug Beschäftigung hatte.

Esybilla saß in der Puniner Herbstsonne, im Schneidersitz inmitten des sorgfältig gepflegten Rasens des Hesindetempels zu Punin. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen starrte sie auf die Pergamente in ihrem Schoß. Rohazal hatte ihnen geraten, sich mit den Fasarer Orakelsprüchen und den Worten des Thamos Nostriacus zu befassen, und niemand wäre dafür wohl geeigneter gewesen als die junge Geweihte. Dennoch - der Einhorngott machte es ihr nicht leicht und Erkenntnis stellte sich nur schleppend bis gar nicht ein.

Doch das, was sie aus den Zeilen der Worte entnehmen konnte, beunruhigte Esybilla mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte, hatte ein Teil von ihr doch stets gehofft, daß das, was zu Dragenfeld geschehen war, schrecklich wie es war, doch mittlerweile vorbei sei. Langsam glitten ihre Finger über die Zeilen. Wenn sie sich nicht täuschte, war es kaum mehr als der Anfang...

"So schlimm?" Sie war so sehr in Gedanken versunken, das sie Iolaos wohl mal wieder nicht hatte kommen hören, doch offensichtlich stand er vor ihr und bezog sich mit seinen Worten wohl auf die ein oder andere Falte auf ihrer Stirn. Pokii saß ruhig an seiner Seite und fixierte Esybilla mit schräg gelegtem Kopf, als käme ihm al dies furchtbar seltsam vor.

Sie zuckte zusammen und blickte auf, für einen Moment zuckte ihre Hand gar zu dem weißen Stab, der neben ihr friedlich im Gras lag, Panik in ihren hellen Augen, doch dann entspannte sie sich sofort wieder. "Iolaos! Bei allen Zwölfen, du hast mich erschreckt!" Sie atmete tief durch und ließ ihre Hand sinken, zurück auf die Papiere blickend. "Und es ist ein gute Frage..."

Er seufzte und setzte sich zu ihr ins Grad, während sich der zottige Hund vor ihnen lang legte. "Ich stelle nur gute Fragen... Worüber grübelst du gerade im Speziellen?"

Sie seufzte und blätterte durch die Unterlagen. "Ich denke den ersten Vers habe ich mehr oder minder entschlüsselt..." Sie deutete auf eine der Zeilen, nicht einmal daran denkend daß Iolaos sie sowieso nicht lesen konnte. "Wenn der Drache seinen Karfunkelstein verliert wird sich die Kunde verbreiten von SEINER künftigen macht und SEIN Diener stirbt und kann doch nicht sterben... das bezieht sich auf das was vor fünf Jahren in Kunchom und in der Gor geschah..." Eine Hand spielte müßig mit ihrer weißen Strähne. "Wenn der Sohn des Raben von der Tochter der Schlange niedergestreckt wird, erhebt sich wieder das leuchtende Zelt und der Herrscher des Zeltes wird sein der dritte seines Namens... der Sohn des Raben ist Tar Honak von Al'Anfa.. und diese Prophezeiung gibt mit Sicherheit einen Schluss darauf, wie er zu Tode kam.. auf jeden Fall erhob sich danach das Sultanat wieder - die Novadis werden oft mit einem Zelt in Verbindung gebracht - und der jetzige Herrscher ist auch ein dritter seines Namens. Wenn der Tote den Toten beschwört... nun ja... auch das ist passiert, und wer der Erste der Sieben Gezeichneten ist muss ich dir wohl auch nicht sagen. Aber der zweite Vers... der zweite..." Nachdenklich tippten ihre Finger über das Pergament. "Der geblendete Blender der die verblendete Blenderin trifft... ist das schon geschehen? Und von wem ist hier die Rede? Ich habe die Bibliothek danach durchforstet, wer als Blender bezeichnet werden könnte... aber das ist so vage...

Iolaos hob leicht die Schultern. "Ich fürchte, dazu fällt mir auch nichts ein..."

Sie seufzte und fuhr sich durchs kurze Haar. "Wir werden es wohl spätestens merken wenn es passiert." Ihr Tonfall war trocken.

Er sah sie nachdenklich an. "Eigentlich müßte dir das hier doch unglaublich Spaß machen... Ich meine, hast du jemals schon ein größeres Rätsel gesehen?"

"Das Liber Nanduria", antwortete Esybilla prompt und zog ihre Lippen in einem schmalen Lächeln ein wenig breiter. "Und ja, bis zu einem gewissen Grade ist es auch eine Herausforderung, eine Herausforderung meines Standes würdig, faszinierend und fesselnd." Sie hob den Blick um ihn anzublicken. "Aber ich war ebenso in Dragenfeld wie du."

Er nickte. "Und hast ebenso wie ich überlebt..." sagte er im Brustton der überzeugung.

"Richtig, Iolaos. Aber ich bin weder dumm noch blind noch lebensmüde..." Sie seufzte leise. "Auch meine Neugier hat Grenzen." Wiederrum sah er sie eine Weile nachdenklich an. Nicht zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, das eine Strähne ihres Haares nicht umsonst weiß geblieben war.

"Ich dachte bislang das Verbitterung und Frustration mir besser zu Gesicht steht als dir..." sagte er schließlich und weder in seinem Gesicht noch in seiner Stimme war eines der beiden Gefühle zu erkennen. "Vielleicht sorgst du dich zu sehr über Dinge, die noch nicht passiert sind..." vermutete er beinahe vorsichtig.

"Kann sein, ja.." Sie hob die Schultern. "Das ist mein Part in diesem Theaterstück... die, die von Beruf schlau ist und sich die Gedanken macht..." Sachte wog sie den Kopf hin und her. "Wer weiß das schon..."

Er hob bezeichnend die Brauen. "Es gibt einen feinen Unterschied zwischen 'sich Gedanken machen' und 'sich Sorgen machen'..."

Langsam blätterte sie durch die Pergamente. "Manchmal führt das eine unweigerlich zum anderen."

Iolaos schüttelte leicht den Kopf, sah ihr eine Weile einfach nur zu. "Du kommst im Augenblick nicht wirklich weiter oder?" fragte er schließlich. Sie stützte den rotschopfigen Kopf in die Hände und seufzte beinahe in Anerkennung ihrer eigenen Niederlage.

"Ich wünschte ich wäre in Kuslik.. oder Vinsalt", gestand sie. "Ich könnte ein Gespräch mit einem Geweihten des Meisters vertragen." Sacht zuckte sie ihre Lippen, ein schmales Lächeln tauchte auf. "Manchmal beneide ich Goran wirklich... Tempel des Boron gibt es überall.. wenn ich mich nach einem Glaubensgenossen sehne ist der meistens ziemlich weit weg..." Das war ein Fehler des Nanduskultes, den er so noch gar nicht bedacht hatte. Für jemanden, der seine Kraft vollends in den Dienst eines Gottes stellte, hatte Esybilla die letzte Zeit wahrhaft fern von für sie geheiligtem Boden verbracht.

Iolaos zuckte leicht mit den Achseln. "Wir haben doch ohnehin noch kein neues Ziel, nicht wahr? Und Kuslik ist von hier aus nicht allzu weit..."

"Schon richtig... aber weder Setaou noch Lieto sind vom Lieblichen Feld besonders begeistert, und Goran.. naja sein Tempel ist hier..."

"Denkst du nicht, sie werden es verstehen?" hakte er mit einem aufmunternden Lächeln nach.

Esybilla seufzte. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es ist auch nicht so, als hätte ich hier in Punin nicht noch zu tun. Die Möglichkeiten, an einige Bücher zu kommen, ist an der Akademie der Hohen Magie sicherlich besser als in Kuslik. Die Hallen der Weisheit haben eine größere Bibliothek.. aber auch einen größeren Giftschrank... Dennoch... vielleicht ist das gar keine so dumme Idee..."

"Und vielleicht hilft es dir, alles nicht mehr so grau in grau zu sehen..." Iolaos zwinkerte ihr zu.

Sie schmunzelte. "Keine Sorge, so weit ist es noch nicht. Ein wenig Sorge wird noch keine Depression, und ein wenig Nachdenklichkeit noch keine Paranoia..."

Er nickte zufrieden. "Dann mach doch mal Pause..." schlug er vor.

Sie streckte die Beine aus und lehnte sich ein wenig zurück. "Ich bin doch gerade dabei!"

"Ich rede von einer größeren Pause..." Er nickte in Richtung des Irrgartens hinüber. "Wollen wir mal sehen, ob dieser Irrgarten wirklich so langweilig ist, wie Lieto und Setaou behaupten?"

Sie schmunzelte. "Eine gute Idee, jetzt wo ich so darüber nachdenke." Schnell raffte sie ihre Pergamente zusammen, sich erhebend. "Ich war hier zwar schon einmal, aber das ist ziemlich lange her."

Iolaos stand ebenfalls auf und Poki'i sprang mit begeistert ausgreifenden Schritten voraus, als sie den Irrgarten betraten. Für einige kurzweilige Momente waren dir Prophezeiungen vergessen...

Von Ute und Monika

Querverweis zum Weiterlesen:
Das Ende der Unschuld - Schlaglichter aus dem Vorleben Iolaos' (Führt in den Bereich "Geschichten über Iolaos")

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