Der erste Brief

Fernando Sesuello Morella di Bethana kann sich glücklisch schätzen. Frei, seinen eigenen Spuren zu folgen reist er durch die Lande um allerlei zu erleben. Und seinem Bruder, der daheim die Baronie verwaltet, schreibt er Briefe, auf daß er an seinen Reisen teilnehmen könne.
(Geschichte inspiriert von 'Der Alchemist' und 'Die Einsiedlerin')

Der erste Brief

Auf ins Neue, ins Ungewisse!

Lieber Juliano, mein Bruder.

Nunmehr ist es 2 Monate her, seid ich Ende Phex 1022 BF aus unserem geliebten zu Hause in Bethana gen Norden ausgezogen bin, um das Böse in der Welt zu bekämpfen. Wie ich es dir versprochen habe schreibe ich dir über all die Dinge die mir widerfahren sind, über all die Erkenntnisse, die sich mir offenbaren und über die verschiedenen Leute und Kulturen, die ich kennen gelernt hab, damit auch du an den Abenteuern teilhaben kannst, die dir als erstgeborener Sohn unseres Vaters verwährt bleiben.
Du hast eine Baronie zu leiten und ein Auge auf unser geliebtes Horasreich zu werfen. Ich verfolge unser gemeinsames Ziel die Welt ein Stückchen besser und zu einer göttergefälligern Welt zu machen. Sei nicht traurig auch du wirst deine Bewährungsprobe zu bestehen haben!

So entschloss ich mich also aus einer Laune heraus von Grangor aus nach Elenvina zu ziehen und dort mit einem Flusssegler auf dem Großen Fluss den Spuren der Expedition von Admiral Sanin zu folgen. Kapitän war natürlich gleich einer dieser Wilden, ein Thorwaler. Aber außer ihm Geld für die Reise zu zahlen musste ich mich, den Göttern sei Dank, nicht weiter mit ihm beschäftigen. Ob du es glaubst oder nicht, schon auf dem Flusssegler begegnete ich den ersten Fremden (neben dem Thorwaler), die mehr als eine bloße Erwähnung wert sind. Insbesondere unter Berücksichtigung der Ereignisse, die sich in den nächsten Tag zutrugen und die ich gemeinsam mit diesen Leuten, ich sollte wohl inzwischen Freunde sagen, erlebt habe.
An Bord befanden sich als noch einige weiter Passagiere. Ein Halbelf aus Almada namens Rajian Altando di Majani zu Madersee. In ihm fließt wohl adeliges Blut. Sein Benehmen lässt zwar gegenüber den Standards im Horasreich etwas zu wünschen übrig, ist aber unter den Umständen immer noch als annehmbar zu bezeichnen, auch wenn er das sicher anders sieht.
Des weitern war ein Zwerg an Bord, der uns zwar bald verließ, sicher aber auch der Erwähnung wert ist. Er war Abgänger der Xorloscher Krieger Schule, deren Aufgabe wohl der Kampf wider allen echsischen Wesenheiten ist. Darüber muss ich bei Gelegenheit einiges nachlesen. Mein Kenntnisstand über Zwerg und ihr Ausbildungssystem ist doch eher beschränkt zu nennen.
Als drittes befand sich an Bord noch ein junges Mädchen, nicht was du jetzt wider denkst. Eine junge Bewohnerin des Regenwaldes. Eine echte Moha schwarz wie die Nacht. Wie ich inzwischen herausgefunden habe, war sie Sklavin in der Pestbeule des Südens, Al ŽAnfa, konnte aber aus ihrem schlimmen Schicksal dort entfliehen. Sie war dort wohl eine Kämpferin in der Arena und konnte sich die Freiheit erkämpfen. Eine höchst interessante Person.
Nun aber genug des Geschwätzes und zu den Ereignissen, die mir diese Fremden näher brachten.

Wir befanden uns also an Bord des Flussseglers auf dem Weg nach Albenhus. Die Reise sollte einige Tage dauern, doch schon nach etwa 2 Tagen schlidderten wir in unser erstes Abenteuer und die Götter alleine wissen, es war nicht das letzte. Wir fischten nämlich ein kleines Kind aus dem Fluss, das wohl irgendwie hineingefallen war. Von seinen Eltern war keine Spur zu finden. Nachdem sich unsere Moha dem verängstigten Kind angenommen hatte und sie ein wenig zur Ruhe gekommen war, berichtete uns das Kind, dass aus seinem Dorf und auch aus anderen Dörfern in Umgebung in der letzten Zeit häufiger Kinder verschwunden sind. (Der Beginn eines Abenteuers, wie er klassischer nicht hätte sein können, findest du nicht?)
Das Kind selbst beschrieb wie es mit Freunden gespielt hatte und dann von Männern verschleppt wurde. Wie es in ein großes Haus gebracht wurde und dort mit einer Art Gelehrtem zutun hatte. Das erklärte wohl auch seine Verschrecktheit, was meine Person betraf.
Was wir noch erfuhren, ist kaum zu fassen. Das kleine Geschöpf beschrieb uns ihre Flucht, wie sie ihren Häschern mit knapper Not entkommen ist, indem sie in den Fluss sprang. Das ungeheuerlichste aber, soweit die Entführung eines Kindes dies nicht schon ist, ist, dass in diesem Haus noch weitere Kinder gefangen gehalten wurden und diese zu merkwürdigen Experimenten von diesem Gelehrten benutzt wurde. Abscheulich!!
Was soll ich sagen uns blieb natürlich nichts anderes übrig als diesem mysteriösem Geheimnis nach zu gehen und die unheilige Vorgänge aufzuklären, die mit so etwas zweifelsohne in Verbindung stehen.
So gingen wir also im nächsten Dorf von Bord und begannen unsere Erkundig einzuziehen. Wie sich herausstellte, lieber Juliano, hatte das Kind Recht. In der ganzen Gegend waren Kinder verschwunden. Allerdings verdichteten sich die Hinweise in Richtung eines Ritters des Raulschen Reiches, zu dessen Länderei hier wohl alles gehört. Für uns war natürlich sofort klar, dass wir diesem Ritter mal auf dem Zahn fühlen mussten und wie sich herausstellte, war er tatsächlich für die Entführungen verantwortlich.
Die einzelnen Ereignisse, die bei der nächtlichen Befreiung stattgefunden haben, kann ich dir nicht bis ins Detail schildern, da sie für mich wie in einem einzigen Adrenalinschub abliefen, insbesondere nachdem wir die Kinder befreit hatten. Diese waren im Keller der Ritterburg gefangen. Danach wollten wir den weiteren Geheimnissen auf den Grund gehen, wurden aber entdeckt. Wir kämpften heldenhaft, obwohl uns die Burgwachen zahlenmäßig deutlich überlegen waren, doch für mich endete der Kampf, um es in deiner Sprache zu sagen, mit einem Niederschlag. Aber keine Sorge diese Wunden sind inzwischen verheilt. Wie ich später erfuhr kam uns im letzten Augenblick der Vogt der Gegend zur Hilfe, der von den Bewohnern der umliegend Dörfer schon vor einigen Tagen alarmiert worden war, jedoch einige Zeit brauchte um sie zu erreichen.
Die ganze Niedertracht die in diesen Mauern stattgefunden hatte offenbarte sich mir aber erst im laufe der restlichen Nacht. Der Gelehrte, der die Kinder für Versuche benutzte war ein Alchemist, der für den Ritter dieser Burg ein Elixier erstellen sollte, dass diesen jünger macht. Kannst du dir diesen Frevel gegen die Götter vorstellen. Arme Kinder für solch ein Treiben einzufangen. Unglaublich!
Der Alchemist wurde wohl, soweit wir erfuhren gezwungen, da seine Schwester in den Fängen des Barons war. Eine Entschuldigung ist dies selbstverständlich nicht. Was soll ich dazu mehr sagen, außer das sich meine Kameraden, und so will ich sie schon nach wenigen Wochen nennen, tapfer geschlagen haben und sicher auf der richtigen Seite im Kampf gegen das Böse stehen.

Mit diesem Sieg über das götterlose Übel der Welt, endeten unsere Abenteuer auf dem Weg nach Albenhus allerdings noch nicht. Da wir unseren Flusskahn hatten ziehen lassen und keine Anlegestelle in der Nähe war, beschlossen wir unseren Weg endlang des Großen Flusses zu Fuß fort zu setzten.
Wie könnte es anders sein, mein Bruder, auch dieser Weg war nicht ohne Abenteuer. Nicht nur, die Reise durch diese unzivilisierte Gegend, in der es nicht einmal Straßen gibt, entpuppte sich als Abenteuer. Na ja, so schlimm war es auch wieder nicht. Sicher sehr ungewohnt, aber wenn man sich mit den Umständen erst einmal arrangiert hatte, machte es mir doch einigen Spaß ein paar neue Dinge zu lernen, die sich sicher später noch als nützlich erweisen werden. Lagerplatz aussuchen, Feuer machen, Wasser suchen und all die Dinge, die einem in der Natur halt nicht einfach gebracht werden, wie in einer anständigen Unterkunft.
Nun wie gesagt, nicht das einzige Abenteuer. Wir trafen nämlich in der Wildnis urplötzlich auf Trolle. Sie hatten wohl, wenn ich mich recht erinnere eine verletzte Tochter. Nun magst du sagen, wie kann man mit Trollen überhaupt reden? Sind das nicht wilde Bestien? Doch an dieser Stelle musste ich feststellen, dass die Bücher über Trolle wohl nicht die ganze Wahrheit enthalten, denn mit diesen Trollen war eine Unterhaltung durch aus möglich. Ich lernte einige wenige Worte ihrer kehligen Sprache und um meine eigene Überraschung noch zu vergrößern, konnten diese Trolle sogar einige Brocken Garethie.
Inzwischen glaube ich mich auch an einige Bücher zu erinnern, die sich auf ein Zeitalter der Trolle beziehen und denen ihnen sogar starke Magie zugeordnete wird. Ich werde bei Gelegenheit mal drüber nachlesen.
Jedenfalls wurde mein Bild von Trollen, nachdem wir ihrer verletzten Tochter geholfen hatten, grundlegend geändert. Wir wurden zum Essen eingeladen und, wenn es auch nicht unseren zivilisierten Ansprüchen entspricht, so wurde uns doch ein schmackhafter Eintopf serviert. Natürlich war auf beiden Seiten auch Misstrauen zu spüren, das will ich nicht leugnen, aber alles in allem war es eine interessante Erfahrung.
Diese Begegnung führte uns jedenfalls direkt in ein weiteres Abenteuer, das, wenn es auch nur kurz war, doch einige interessante Implikationen über Zwerge beinhaltet. Die Trolle erzählten uns nämlich, dass sie aus ihrem abgestammten Heim, einem Tal ganz in der Nähe vertrieben wurden.
Wir machten uns natürlich auf, um auch diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Ich will dir die Einzelheiten ersparen, schließlich muss ich für einen zu langen Brief auch mehr Silberlinge bezahlen, aber einen kurzen Abriss will ich dir natürlich trotzdem geben.
In diesem Tal lebte offenbar eine Einsiedlerin, die Schmiedin ist und dort ihrem Handwerk nachging. Durch diese Arbeit fühlte sich aber eine andere Person, ein Druide, gestört. Besser gesagt, er sah die Natur durch die Arbeit gestört und hat versucht die Einsiedlerin mit Mindergeistern zu vertreiben. Der einzige Erfolg war allerdings die Vertreibung der Trolle. Im Weitern stellte sich heraus, dass sich mit einigem diplomatischen Geschick die beiden aber durchaus zu einer friedlichen Koexistenz durchringen konnten.
Bevor der Druide jedoch bereit war mit der Schmiedin zu reden, mussten wir erst in eine alte Zwergenbinge hinabsteigen und dort ein Schwert, das er verloren hatte, für ihn zurückholen. Ich kann dir nicht sagen, was es war, aber irgendetwas sehr gefährliches hat uns in dieser Zwergenbinge verfolgt. Es hat uns zwar nicht angegriffen, aber auf diese Art der Beunruhigung kann ich in Zukunft gerne verzichten. Jedenfalls haben wir also das besagte Schwert geborgen, dem Druiden zurückgebracht und zwischen beiden Seiten vermittelt. Es herrscht also in diesem Tal dank unserer Hilfe wieder Ruhe und Ordnung und auch die Trolle konnten zurückkehren. Zum Dank für die Hilfe erhielt unsere Freund Rajian dann noch ein besonderes Geschenk von dieser Einsiedlerin. Einen Rapier, der mit einem gelben Stein besetzt war. Ein wunderschönes Dankeschön!
Aber auch damit waren unsere Abenteuer auf dem Weg nach Albenhus noch nicht beendet. Denn je näher wir Albenhus kamen, umso zivilisierter wurde die Gegend zwar wieder, allerdings verdichteten sich die Gerüchte, dass eine Räuberband ihr Unwesen treibt, die von einer Verrückten angeführt wird. Tatsächlich stießen wir wenig später auf eine Familie die von dieser Band brutal ermordet wurde. Bis auf ein kleines Kind, kaum 2 Monde alt, das diesen schrecklichen Überfall überlebt hatte. Natürlich war es an uns dieser Bande den Gar aus zu machen, was uns schließlich auch gelang, nachdem wir ihren Unterschlupf ausfindig gemacht hatten. Dabei stellten wir allerdings fest, dass die Anführerin nicht bloß brutal, sondern tatsächlich verrückt war. So verrückt, dass sogar ihre eigene Band vor ihr Angst hatte.
Wir nahmen sie jedenfalls gefangen und brachten sie und einige weiter Mitglieder ihrer Band nach Albenhus und übergaben sie zusammen mit dem verwaisten Kind den örtlichen Behörden. Auf unserem letzten Teilstück konnten wir dann noch einem in Not geratenen Händler helfen. Ein Achsbruch hatte ihn ereilt und er brauchte ein paar kräftige Hände. Er lud uns dann ein ihn in Albenhus zu besuchen, er klang als hätte er etwas für uns zu tun, denn er zeigte sich doch deutlich beeindruckt von unserem Fang.
An dieser Stelle befinden wir uns also gerade. Nach einer anstrengenden, aber auch interessanten Reise durch die Wildnis, mit eineigen heldenhaften Abenteuern.
Wir sitzen hier zusammen in einer Kneipe in Albenhus und genießen die Vorteile der Zivilisation und ich finde endlich auch die Zeit dir ein paar Zeilen (ich weiß, ein guter Scherz in Anbetracht der Länge dieses Briefes) zu schreiben.
Ich hoffe es geht dir gut liebster Bruder. Mir jedenfalls hat Hesinde die Tore in eine neue Welt geöffnet und ich ahne, dass diese Ereignisse, die ich dir beschrieben habe noch nicht die letzten waren, die ich in dieser Gemeinschaft erleben werde.

Liebe Grüße mein Bruder und mögen die Zwölfe schützen ihre Hand über dich halten. Dein Bruder

Fernando

Von Arno Kretschmer

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