Das Ende vor dem Anfang Unerwartete Vertrautheit In fremder Arena Des Magus' Versprechen

In Gareth geraten die Gefährten in einen Strudel von Ereignissen, der bei weitem zu groß für sie scheint. Eingespannt in eine Intrige Prinzessin Yppolitas, die versucht, das Thronrecht an ihrer Schwester statt zu erhalten, versuchen sie, mit einfachen Mitteln aufzuklären, was auch sie selbst täuschte. Und Cante-Tinza begreift, daß trotz all der Beteuerungen ihrer Gefährten Intrigen unter den Mächtigen des Mittelreiches ebenfalls an der Tagesordnung sind. Und es macht ihr Angst. Dieses Zwischenspiel beschreibt ihre Verwirrung, teils einem freundlichen alten Traviageweihten geschildert, teils auch mit sich selbst ausgemacht, während die junge Anoiha zu verstehen versucht, welche Woge sie gerade überrollt hat.
(Zwischenspiel inspiriert von 'Zwietracht in Gareth')

In fremder Arena

Al'Anfa ist auch in Gareth

"Kind was bedrückt dich?"

Die junge Anoiha wandte den Kopf, beinahe widerwillig, von der schlichten Statue, die sie geistesabwesend betrachtet hatte, um den Sprecher anzusehen. Ein alter Mann in orangefarbener Robe, mit weißem Haar und gütigem Ausdruck in den Augen hatte sich halb zu ihr hinuntergebeugt und blickte sie fragend an.

Natürlich hatte auch er die Geschichten gehört, die - das hatte sogar Cante-Tinza verstanden - durch die ganze Stadt eilten, einem Lauffeuer gleich. Und so war in jedermanns Munde, was die junge Anoiha mit eigenen Augen gesehen hatte. Vater Travinor erwartete keinen Bericht, soviel verstand die junge Frau durchaus, doch für das, was auf ihrem Herzen lag, hatte sie nicht einmal in ihrer eigenen Sprache Worte. So hob sie nur hilflos die Schultern und breitete die Hände aus in der Hoffnung, er würde das halbgesungene Lied verstehen und sie ihren Gedanken überlassen.

Tatsächlich kannte der alte Traviageweihte die Anoiha nun schon einen Mondlauf lang, und dass sie sich durch eine Welt bewegte, die ihr immer noch mit jedem Schritt fremd war, war nur zu deutlich.

"Sprichst du mit ihr?"

Sein Blick wanderte zu der Statue der gütigen Herrin Travia, die auf sie beide mit freundlichem Blick herabsah. Es war keine besonders kunstvolle Arbeit, doch er hatte den einfachen, sanften Gesichtsausdruck zu schätzen gelernt, den der Künstler gut eingefangen hatte. Travia benötigte keine Finesse. Was zählte, war das Herz.

Cante-Tinza schüttelte den Kopf, dachte dann jedoch kurz nach und revidierte dann ihre Aussage zu einem Schulterzucken.

"Nicht Worte", sagte sie in ihrer eigentümlich abgehackten Weise - ihr Wortschatz wurde mit jedem Tag größer, doch ihre abgehackte Ausdrucksweise, die offensichtlich die Übertragung des mohischen Satzbaus ins Garethi war, hatte sie noch nicht abgelegt.

"Das macht nichts", entgegnete er also vorsichtig. "Sie wird es auch verstehen, wenn du es nicht in Worte kleidest."

Nachdenklich runzelte sich die Stirn der Moha, und sie nickte schließlich. "Gut."

Travinor nickte und richtete sich auf, begann, neue Blumen vor der Statue auszubreiten. Die Ereignisse des Hoftages, an dem die junge Prinzessin Yppolita versucht hatte, die Thronfolge zu ihren Gunsten umzukehren und dabei den Reichsgeheimrat Dexter Nemrod zu diskreditieren, hatte er bereits in deutlich klarerer Form von Domnito Rajian Altando di Majani erhalten, als er es wohl von der Anoiha jemals hören würde.

Nur die Herrin Travia mochte wissen, was genau nun hinter der Stirn Cante-Tinzas vor sich ging. Denn nicht einmal die junge Frau verstand es selbst genau. Die letzten Tage hatten ein seltsames Wechselbad der Gefühle gebracht, und sie hatte solche Panik gepaart mit merkwürdigen Erkenntnissen verblüfftem Staunen noch niemals erlebt.

Es war, als sei sie ein kleiner Ast, hineingefallen in einen der reißenden Bäche hoch oben in den Bergen ihrer Heimat. Ein kleiner Schritt nur, der sie hinfortgerissen hatte, wie das Stöckchen im reißenden Wasser.

Wenn die Lawine einmal rollt ist es zu spät für Fragen

Und ein weiteres Mal fand sie sich in einer Lawine wieder, die sie zu ersticken drohte.

Alle hatten beteuert, Fernando, Rajian, Umrax, Savertin, nahezu alle Schamanen, denen sie begegnet war, dass das hier nicht Al'Anfa war, dass man hier anders mit Menschen umging.

Und doch

Sie erinnerte sich an den alten Ohaijina in der Arena, jener Mann, der sie versorgt und aufgerichtet hatte, als sie dort mehr tot als lebendig ankam.

Sie spielen ein Spiel dort oben auf dem Silberberg. Sie schieben uns wie Steine und schlagen uns, wenn es ihnen beliebt. Wir sind nützliche Figuren, Werkzeuge, Waffen, mehr nicht.' Der Silberberg hatte sie eingeholt, wenn auch auf andere Art, als sie gedacht hatte.

Sie hatte sich gefürchtet vor der Al'Anfanischen Delegation, doch die hatten sie - Kamaluq sei Dank - nicht eines einzigen Blickes gewürdigt. Die Erleichterung saß so tief wie der Schmerz darüber, dass sie auch hier nicht mehr als Werkzeug gewesen war. Werkzeug in den Händen einer Prinzessin, die sie nicht kannte, wieder nur eine Figur, wieder nur Spielzeug.

Al'Anfa war in Gareth. Sie trug hier keine Fesseln, war vielleicht nicht mehr Sklave sondern Fana, und doch ebenso wenig frei wie in der Schwarzen Perle. Und hier spielte sie ein Spiel, dessen Regeln sie nicht kannte

Die Arena die Regeln des Schwarzen Panthers, dessen Fahne über dem Stadion wehte, waren hart und mitleidlos, doch sie hatte sie verstanden.

Zwei betreten den Platz - und einer verlässt ihn wieder. Und der der bleibt ist ungewisser Gnade ausgesetzt. Ein einziges, fürchterliches Mal, hatte sie sich dieser Gnade gegenüber gesehen, und ein fürchterliches Mal war sie ihr gewährt worden, doch dann hatte sie gelernt.

Doch die Regeln des Spieles, in das sie Radjan und Fernando hineinzogen waren fremd und unverständlich. Sie folgte ihnen, war genau das, als was man sie stets ausgab, der Leibwächter. Und in ihrem Kielwasser war sie getrieben, von dem schrecklichen Mann mit den kalten Augen, dem sie doch aus irgend einem Grunde hatten helfen wollen, über die Stadt der Sonne, diesen unglaublichen, prächtigen Bau, der ihr endlich, nach so langer Zeit, eine Antwort auf eine Frage gegeben hatte, die zu stellen sie nicht imstande gewesen war. Der herrliche Tempel des Mondes mit der Priesterin mit dem lustigen Lächeln, die doch offensichtlich jemand war, der sehr viel Respekt erhielt und sehr viel wusste. Und schließlich, die Gesellschaft des Hofes, und die Matriarchin oder Reichsbeirgendwas, wie sie sie hier nannten, ihren traurigen, doch ernsten Blick.

Es war nicht so, als habe sie nicht auch schon den Blick des Patriarchen von Al'Anfa auf sich gespürt. Sie hatte vor ihm gekämpft, vor seiner Loge gekniet, und bei dieser einzelnen, entsetzlichen Gelegenheit auch in ihrem eigenen Blute vor ihm im Sand gelegen, während er sie musterte und schließlich den Daumen hob, als Zeichen, dass die junge Sklavin, die die Tapferkeit im Namen trug, ein weiteres Mal würde tanzen dürfen. Das Johlen der Menge hatte sie damals gar nicht vernommen.

Und nun hatte sie für Emer gestritten, ohne zu verstehen, ob das, was sie getan hatte, das richtige war. Sie hatte auf Radjans Urteil vertraut, und Radjans Urteil hatte sie in die Irre geleitet. Doch auch diesmal war das Fallbeil nicht gestürzt, und auch diesmal hatte sie Gnade erfahren. Doch das Spiel war komplizierter, und sie beherrschte es nicht. Dem unerfahrenen Gladiator gleich, dem Wildfang, der im Massengefecht zwischen den erfahrenen Kämpfern stand, die für ihn zusätzlich parierten, hatte sie sich hinter ihren Gefährten versteckt.

So starb man schnell in der Arena

"Ich will verstehen", wandte sie sich leise, fast flehentlich an die gütige Frau, die Hände ineinander gerungen. "Ich muß verstehen"

Die Statue Travias lächelte auf sie hinunter, doch Antworten kannte auch sie nicht.

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