Das Ende vor dem Anfang Unerwartete Vertrautheit In fremder Arena Des Magus' Versprechen

Eine einsame Burg im Bornland birgt ganz besondere Abgründe. Eingeschneit, inmitten des bornischen Winters, sind die Gefährten der Willkür des jähzornigen Barons ausgeliefert. Doch anders als Fernando und die anderen erträgt Cante-Tinza das Gebare des Barons nicht. Zu sehr erinnert es sie an ihre Zeit als Sklavin.
Und Sklavin hat sie sich geschworen, nie mehr zu sein...
(Zwischenspiel inspiriert von 'Herz aus Eis')

Des Magus' Versprechen

Abgründe der Realität

„Er wird nicht.“
Der Junge hob den Blick und sah sie an. Seine Lippen waren in der Kälte blau angelaufen und er bibberte erbärmlich. Die Anoiha, halb über ihn gebeugt, fror nicht weniger, doch ihrer dunklen Haut sah man nur die leichte Blässe an, die sie spätestens seid sie die halb verfallene Burg im Norden betreten hatten, nicht mehr verlassen hatte. Mißtrauen stand im Blick des Halbwüchsigen, und Cante-Tinza, unerfahren darin, einen anderen Kampf als den mit den Fäusten auszufechten, mühte sich nach Kräften um einen ermutigenden Blick.
„Ich schütze.“
Sie spürte, daß ihre Sätze abgehackt waren, daß man – wie auch immer man so etwas ausdrücken würde – es so mit Sicherheit nicht tat, doch sie wollte, daß er sie verstand, und wenn sie kompliziertere Dinge in Garethi zu sagen versuchte, dann verhedderte sie sich noch allzu oft in den seltsamen Satzstrukturen, die der Ewigen Sprache fremd waren. Er verstand. Soviel war sicher. Blieb die Frage, ob er ihr auch glaubte.
Sie fragte sich, was sie in einer solchen Situation wohl getan hätte. Mehr als irgend einer ihrer Gefährten wußte sie, wie es war, auf Gedeih und Verderb einem Herren ausgeliefert zu sein, und immer noch verging keine Woche, in der sie nicht schweißgebadet aufschreckte und sich erleichtert fern der Schwarzen Perle wiederfand. Sie war wie jener Junge durch die Hölle gegangen und – hätte sie einer Fremden geglaubt, einer Dahergelaufenen, die in gebrochenen Worten versuchte, ihr Schutz anzubieten?
Es käme wohl darauf an, beschloß die Anoiha. Sie hatte verschiedene Stadien der Verzweiflung erlebt – und war am Ende weit genug gewesen, nach jedem Strohhalm zu greifen. Blieb die Frage, wie weit der Baron den Jungen bereits getrieben hatte.
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, bis er nickte, und sie stieß erleichtert einen Schwall Luft aus, von dem sie sich nicht bewußt gewesen war, ihn angehalten zu haben.
„Gut“, sagte sie und hatte die Befürchtung, daß ihr Lächeln ein wenig schief geriet. Die Kälte war ihr bis ins Mark gedrungen, und sie fror erbärmlich. „Komm.“
„Und du wirst mich wirklich vor ihm schützen?“
Die Frage hatte etwas Kindliches, und mit einem Male fürchtete sich Cante-Tinza vor ihrer eigenen Courage. Was sie versprach, konnte sehr wohl ihren Tod bedeuten. Die Burg befand sich weitab jedweder Handelswege, weit entfernt von jeder anderen Feste, und die Härte des bornischen Winters war legendär. Was, wenn man sie herauswarf, in Schimpf und Schande davonjagte in die Kälte?
Cante-Tinza zog entschlossen die Handschuhe fester über die Hände. Ihre Finger fühlten die Kälte nicht, so wie die verbrannte Haut kaum etwas fühlte, sie hatte sich daran gewöhnt. Sich würde ihr Versprechen halten. Außerdem war sie nicht allein. Ihr Vertrauen in Fernandos Gerechtigkeitssinn war mit jedem Tag gewachsen, den sie an der Seite des Magiers gewandert war, und wenn es wirklcih schwierig wurde, dann würde er wissen, was zu tun war. Er, der immer davon sprach, daß die Leibeigenen der Lande eigentlich frei sein sollten, er, der die Al'Anfaner Sklavenhaltung verabscheute, würde verstehen, warum sie nicht mehr schweigen konnte.
„Sicher“, antwortete sie also und erhob sich, klopfte den Schnee aus den Fellwickeln, mit denen sie ihre Unterschenkel vor der Kälte geschützt hatte. „Keine Angst.“
Fernando hatte etwas davon gesagt, daß ein Herr das Recht hatte, seinen Leibeigenen zu töten, wenn dieser wegzulaufen versuchte, wie es der Junge getan hatte. Aber die Abgeschiedenheit der Burg konnte auch ihr Vorteil sein. Sie war Gladiatorin. Sie hatte ein gesundes Vertrauen in ihr Schwert und ihre Fäuste. Und eine Anoiha trat hocherhobenen Hauptes vor ihre Feinde.

„Wo ist er?!“
Die Stimme des Barons ließ das Gebäude bis in seine Grundfesten erzittern, und das Gesinde, das sich in der Küche um die Heimkehrer versammelt hatte, schrak zusammen wie eine einzige Kreatur, duckte sich, so daß in der Mitte unter ihnen allein der Junge blieb, bleich und bebend. Er suchte den Blick der Anoiha, und Cante-Tinza fühlte sich in die Pflicht genommen. Nichts wog so schwer, wie ein Versprechen.
Sie richtete sich auf, jene ruhige Geste von Kraft, die keine offene Zurschaustellung von Muskeln benötigte, jene Geste, die zeigen sollte, daß sie dem Baron, mochte sie auch nur ein Drittel seines Gewichtes haben, letztendlich an Kraft überlegen sei. Ihr Blick wanderte zu der jungen Magd, die in der Nähe des Ofens zu verschwinden versuchte. Sie zwang sich, während die schweren Schritte des Bronnnjaren näher kamen, die junge Frau anzusehen, die Angst um ihre Augen, sich mit jedem Atemzug ins Gedächtnis zu rufen, daß sie Leidensgenossinnen waren, daß ihr widerfahren war, was auch Cante-Tinza geschehen war. Sie nährte ihren Zorn mit diesem Gedanken, und er vertrieb die Angst.
„Wo ist er?!“
Der Bronnjar hatte das Gesindehaus betreten, und nun war seine Stimme wirklich ohrenbetäubend. Cante-Tinza bebte innerlich, doch wie ein Litanei klangen die Worte in ihren Gedanken, die sie sich sagte, einem Gebet gleich, das sie viel früher schon hätte sprechen sollen.
Niemals wieder.
Die massige Gestalt des Barones schob sich durch die Tür, das Gesicht zornesrot, die vorstehenden Augen schienen beinahe aus dem Gesichte herauszuquellen. Er atmete schwer, doch Cante-Tinza ließ sich davon nicht täuschen. Er war ein Schläger. Er hatte Kraft. Das durfte sie nicht vergessen.
Er hielt eine Reitpeitsche in der Rechten, während sein Blick wie toll die Reihen seiner Leute nach dem Missetäter absuchte. Er erblickte den Flüchtigen in dem Moment, in dem die Anoiha vortrat und sich zwischen ihn und den Jungen brachte. Ihr Herz schlug wie wild, und sie ließ keinen Augenblick lang die Reitpeitsche aus den Augen, von der sie nur viel zu gut wußte, wie schmerzhaft ihr Biß war.
„Nicht.“
„Aus dem Weg!“ Er hob die Peitsche zur Drohung, und die Gladiatorin spannte sich, gab sich Mühe, ihre Kampfbereitschaft zwar in lockeren Muskeln, aber nicht in agressiver Körperhaltung zu zeigen. Der Bronnjar hatte sie bisher nur mit Waffen kämpfen sehen. Es stand zu bezweifeln, daß er wußte, daß sie dank des lautlosen Hruruzat mit bloßen Händen beinahe genauso tödlich zu agieren wußte.
„Nein.“
Ihre Stimme bebte, doch sie zwang sich, den Blick des Barons zu suchen. Ein Teil ihres Tapams schien zu verspüren, daß es hier nicht nur allein um ein Versprechen ging, das sie dem Jungen gegeben hatte, nicht nur um einen Kampf gegen einen widerwärtigen Bronnjaren. Bis zu einem gewissen Grade stand dort Lucrezio Perval vor ihr, und wenn sie in diesem Kampf ein weiteres Mal zur Sklavin wurde, dann wäre dies Eingeständnis ihrer endgültigen Niederlage.
„Nein“, wiederholte sie kräftiger in die Stille hinein, die entstand, weil der Bronnjar offensichtlich so verdutzt ob ihrer Dreistigkeit war, daß ihm die Worte fehlten. „Ich gehe nicht in Schnee hole ihn daß Ihr schlagen jetzt.“ Er brauchte einen Augenblick um ihre verworrene Rede zu begreifen, dann machte er einen Schritt auf sie zu. „Freches Stück! Ich sollte dir die Unverschämtheit aus dir rausprügeln.“
„Als Dank ich bringe dein Leibeigener zurück?“ Cante-Tinza schüttelte den Kopf. Tief im Innersten wußte sie, daß Worte nichts bringen würden, aber sie fürchtete sich vor dem ersten Schlag. In der Küche war es so still geworden, daß man eine Nadel hätte fallen hören können. Ein jeder hielt den Atem an, beobachtete die ungeheuerliche Szene vor ihnen. Und doch schien sich zu bewahrheiten, was Umrax prophezeiht hatte und sie nicht hatte glauben können. Niemand griff ein. Niemand stellte sich an ihre Seite. Und nicht nur das. Die Arena verlieh ein ganz besonderes Gespür dafür, wann die Gunst des Publikums sich zum Gegner hin wandte. Und Cante-Tinza spürte, daß man hier nicht auf ihrer Seite war. Sie verstand es nicht, aber vielleicht war es wahrhaftig so, wie die Geschichten der Alten sprachen. Die Blaßhäuter waren blutleer. Sie liebten Gefängnisse, weil sie sich in ihrer Schwäche vor der Freiheit fürchteten. Aber sie war Anoica. Und niemals mehr irgendjemandens Sklave.
„Dann gib ihn heraus, daß ich ihm die Fluchtgedanken ausprügeln kann.“
„Nein.“
Sie hätte gerne die Arme vor der Brust verschränkt, in symbolischer Geste des Schutzes, aber das würde ihr einen Nachteil in der Reaktion bringen, und so ließ sie sie an ihren Seiten hängen, angespannt unter den dicken Lagen Stoff.
„Aus dem Weg!!!“ Er brüllte, machte mehrere Schritte auf sie zu und sie suchte einen festen Stand.
„NEIN!“
Die Peitsche blieb, wo sie war. Sie hatte einen Schlag erwartet, doch stattdessen versuchte der Bronnjar, sie mit der vollen Macht seines Gewichtes einfach zur Seite zu drücken. Es würde ihm gelingen. Sie war kleiner, und von Natur aus eher zart gebaut obendrein, und selbst der Kräftigste ihres Volkes sah meist fragiler aus als ein durchschnittlicher Blaßhäuter. Ihr Vorteil war nicht die Kraft. Noch während sie darüber nachdachte, was sie denn nun tun könnte, hatte er sie erreicht, die Masse seines Körpers drückte sich gegen sie, und es war vorbei.
Er stank nicht nach dem widerlichen Parfüm, daß ihr Herr in Al'Anfa so sehr geschätzt hatte. Im Gegenteil, der Geruch, der von ihm ausging, war auf andere Art und Weise unangenehm und verursachte würgende Übelkeit. Und dennoch war sie mit einem Male zurück, auf eienr Liege oder in einem Raume, bei einer der unzähligen Gelegenheiten, und ihr ganzer Körper schrie danach, darauf zu reagieren, wie sie immer darauf reagiert hatte, mit Starre und dem Wunsch, das Tapam an einen ganz anderen Ort zu senden, damit es nicht mitansehen mußte, wie sein Nipakau von einem Blaßhäuter geschändet wurde.
Doch sie war nicht mehr das kleine, verängstigte Mädchen, das in Al'Anfa völlig überfordert war. Und so reagierte sie anders.
Ehe sie begriff, was geschehen war, hatte sie ihr Knie hochgezogen und es mit voller Wucht in das Gemächt des Barones gerammt. Ihr Handballen fand seine Nase, ein häßliches Knacken verhieß nichts gutes. Er taumelte und sie frohlockte innerlich.
Sie trat einen halben Schritt zurück, nun offen in Kampfhaltung, das Gewicht sorgsam auf beide Beine verteilt, doch das Gepolter hinter ihr verriet, daß es vergebens war. Das Publikum hatte sich gegen sie gewandt, die Sklaven standen auf, um ihrem Herrn beiseite zu stehen.
Was für ein Satuul war der, den sie Praios nannten?

Es wäre wohl übel ausgegangen für die junge Anoiha, wenn nicht in just jenem Moment die Tochter des Barones aufgetaucht wäre, die einzige, die imstande war, ihren tobenden Vater zu besänftigen.Und so gelangte sie – unter Hausarrest zwar, aber ansonsten relativ ungeschoren, zurück in das Gästequartier, in das man sie untergebracht hatte.
Doch der Tumult in der Burg war nichts gegen den Sturm, der in ihrem Inneren tobte.
Sie stützte die Hände auf den Fenstersims und blictke hinaus durch den winzigen Spalt, den sie in die dicke Wärmeverkleidung der Fenster gerissen hatte. So viele Jahre, und immer noch hatte sie Angst vor kleinen Zimmern...
Schritte auf dem Gang verrieten ihr,d aß sie Besuch bekam. Die Schritte waren zu schwer für Rajian, zu leicht für Umrax, zu gewichtig für Savertin, und das charakteristische Klacken der Nägel auf dem Boden verriet ihr, daß es Fernando war – keiner auf der Burg trug genagelte Stiefel. Ihre Zimmertür öffnete sich und der Magus trat ein. Sie blickte sich um, grüßte ihn mit einem höflichen Nicken und setzte sich dann auf ihr schmales Bett. Der Magier ließ sich neben ihr nieder.
„Cante-Tinza?“ Da war Tadel in seiner Stimme, obwohl er es zu verstecken versuchte, und sie fühlte sich verraten. Wie konnte es sein, daß er, von allen Menschen hier, er sie auch nicht verstehen konnte? Sie nickte nur als Zeichen, daß sie ihm zuhörte, und er sprach weiter. „Würdest du mir erklären, was passiert ist?“
Immer noch ruhig, immer noch ohne direkten Vorwurf. Sie verspürte nicht die geringste Lust, sich zu erklären, beschloß aber, es zu versuchen.
„Junge lief weg. Ich hole. Verspreche Schutz. Baron stößt mich. Ich schlage.“
Sie gab sich nicht einmal Mühe, den Anschein von Grammatik aufrechtzuerhalten. Das war einer der Vorteile, wenn sie sich unter ihren Gefährten befand. Die hatten sich an die abgehackte Redensweise des Mädchens längst gewöhnt.
Fernando seufzte leise.
„Cante-Tinza, das war nicht klug.“
Er hatte eine Art an sich, die seinen Tadel abmilderte, trotzdem spürte sie seine Skepsis nur zu deutlich.
„Richtig“, widersprach sie, bevor ihr aufging, daß die Aussage widersprüchlich gewesen war. „Aber richtig“, korrigierte sie sich selbst und straffte die Schultern. Fernando blinzelte ein wenig überrascht. Es war das erste Mal, daß die ehemalige Sklavin es sich wagte, so etwas wie Widerspruch ihm gegenüber zu gebrauchen. Stolz durchschwellte ihn. Lange hatte es gebraucht, bis seine Worte, seine Taten begonnen hatten, Früchte zu tragen. Schritt für Schritt betrat die Anoiha die größere Welt, die ihr das Wissen eröffnete, und langsam begann sie sich darin zurecht zu finden. Nichtsdestotrotz hatte sie einen schlechten Zeitpunkt für ihre persönliche Befreiung gewählt.
„Das kommt darauf an, wie man es betrachet“, relativierte er vorsichtig ihre Aussage. Ihm war nicht ganz wohl bei dem Gespräch. Denn auch ihn stieß ab, was hier auf der Burg geschah.
„Als Sklave oder Herr“, pflichtete Cante-Tinza ihm bei und blickte auf ihre Hände hinab. Kurz fragte der Magus sich, was wohl in diesem Augenblick hinter ihrer Stirn vorgehen mochte. Und ganz unrecht hatte sie nicht.
„Ich verstehe schon, was du meinst. Aber bedenke unsere Situation. Wir sind Gast auf seiner Burg. Wir können nicht einfach Gebote Travias verletzen, auch wenn es vielleicht nötig wäre“
Die Worte klangen in den Ohren der Anoiha wie Hohn – schlimmer noch, wie Feigheit. Hatte er sich nicht stets dafür ausgesprochen, in allen Dingen zu tun, was gut und richtig war?
„Es ist ein sehr schlechter Mann, Fernando.“ Ihre Stimme hatte jenen konzentrierten Klang, den sie annahm, wenn sie sich Mühe gab, vollständige Sätze in Garethi zu formen, wenn sie etwas sagen wollte, das ihr wichtig war.
„Ich weiß, Cante-Tinza“, gab er zu.
„Was weißt du? Nichts!“ Langsam begann sie, sich in Rage zu reden. Ihre Wut, der hilflose Zorn, der sie beutelte, seit sie mit der jungen Küchenmagd gesprochen hatte, seit sie in ihren Augen gesehen hatte, daß sie dasselbe Schicksal teilten, nahm langsam überhand. Ob im Süden oder Norden, für Cante-Tinza war jenseits der Gebote Rahjas eindeutig der Spaß vorbei. „Du weißt nicht was er tut. Was er dem Mädchen getan hat. Das ist nicht richtig. Sagst du. Sagt Umrax!“
Fernando runzelte ob des heftigen Ausbruches die Stirn. Für gewöhnlich richtete sich Cante-Tinzas Wut gegen sich selbst, seltener gegen Gegenstände in ihrem Umfeld. Niemals gegen ihn. Fernando beschlich das unangenehme Gefühl, daß etwas auf dieser Burg im Nichts dafür gesorgt hatte, daß ihre Vergangenheit die Gefährtin endgültig einholte. Er hatte keine Ahnung, auf was sie anspielte. Was auch immer sie in diesen Mauern herausgefunden hatte, sie hatte es ihm verschwiegen. Ein weiteres Novum – zur Unzeit.
„Wovon sprichst du?“, wandte er ein und blickte überrascht in die weitaufgerissenen Augen der Gladiatorin – längst hatte er sich daran gewöhnt, daß eines grün und eines blau war, was ihrem Gesicht eine merkwürdige Assymmetrie verlieh. Tränen schwammen darin, und sie öffnete die Lippen um etwas zu sagen und brachte die Worte doch nicht heraus. Ein weiteres Mal versuchte sie es, dann stand sie auf und ging wieder zum Fenster, wandte ihm den Rücken zu.
Das Unbehagen wandelte sich zu einem Gefühl, ähnlich eines über seinem Kopf ausgeleerten Eimers Eiswasser. Ernüchterung rang mit der intensiven Frage danach, was bei allen Zwölfen aus einem aufgeweckten Mädchen eine vernarbte Gestalt gemacht hatte, deren verdrehte Bitterkeit ihn beinahe mit jedem neuen Tag erstaunte. Doch ihre Worte und seine Erkenntnis ließen die Mosaikstückchen zu einem Bild werden. Die versteckten Andeutungen. Ihre absolute Weigerung, sich berühren zu lassen, und sei es nur um eine der vielen Schrammen zu versorgen, die automatisch kamen, wenn man bedachte, daß sie in einem Kampf stets im tiefsten Getümmel zu sein pflegte. Die Art wie sie trotz ihrer neuentdeckten Offenheit den Zwölfen gegenüber – sie hatte sogar mit einer Borongeweihten gesprochen – immer noch einen großen Bogen um jeden Tempel der Schönen Göttin machte.
Es war eine Sache, von solchen Dingen zu lesen, als einem der Schrecken, die in der Schwarzen Perle oder den Finsteren borbaradianischen Landen der unvorsichtigen Frau drohten. Es war etwas ganz anderes, sich ein möglicherweise jahrelanges Martyrium einer Freundin vorzustellen.
„Er liebt die Schwarzen Rose.“
Cante-Tinzas Stimme war rauh, die Worte kamen nur mühsam. Sie hatte die Hände hinter dem Rücken ineinander verschränkt, verbrannte Finger, miteinander verschlungen. Und als wolle sie seiner Ruhe noch den letzten Todesstoß versetzen, setzte sie ihrer undeutlichen Offenbarung mit dieser sehr viel klareren die Dämonenkrone auf.
Fernando schluckte. Ihm dämmerte es, warum Umrax nach ihrem Abenteuer auf Burg Zankenblatt, in dem die Anoiha ebenfalls von Dämonischem berührt worden war, davon gesprochen hatte, es hätte sie erschüttert, erneut mit Dämonen zu tun zu haben. Erneut.
Ein Stich verletzten Stolzes, daß der Zwerg offensichtlich gewußt hatte, was er nicht einmal ahnte, wurde sofort von Sorge verdrängt.
„Wir werden ihn zur Rechenschaft ziehen“, sagte er leise, in Ermangelung passenderer Worte, und weil es das war, was ihm zuerst durch den Kopf geschossen war. Für diese Arten von Realitäten kannte er kein Konzept. Die Anoiha erschien ihm fragiler als jemals zuvor, so als vermöchte ein unbedachtes Wort, eine unbedachte Berührung sie endgültig zu zerbrechen. Hilflos blieb er stehen, nur einen Schritt von dem bebenden Mädchen entfernt.
„Und ihn?“
Cante-Tinza wandte sich um. Ihre Augen standen voller Tränen, doch Fernando wußte nicht, wie er dieser Offenbarung begegnen sollte.
„Er buhlt nicht mit Dämonen, Cante-Tinza. Wer aber derlei tut, der hat auch in den Augen der Götter den Tod verdient. Wenn wir uns hier allzu sehr einmischen, versündigen wir uns gegen Praios' Gesetze. Es mag bitter klingen, aber wir können nicht jedem helfen. Es ist schrecklich, was die Leute unter seiner Fuchtel hier erdulden, aber die Situation ist nicht so einfach...“
Welchem der Götter sollte man folgen in einer solchen Situation? Sprach doch Praios von der Ordnung die er der Welt gegeben, von einem klaren Oben und Unten, und doch...
Travia, Rahja, keine der beiden sähe gern, was hier geschah, und hatten nicht auch sie Achtung verdient?
Er begegnete ihrem fassungslosen Blick. Es fehlte nicht viel, und ihr Mund wäre offen stehen geblieben vor Verblüffung und Entsetzen.Als wäre eine Bastion weggebrochen, auf die sie sich stets verlassen hatte. Vielleicht war es das sogar.
„Und wenn ich wäre? Ich, nicht sie? Du drehst dich um, sagst Praios Ordnung und es ist gut?!“
Sie schrie nicht, klang vielmehr völlig entsetzt, und vielleicht war das noch schlimmer. Er war aufgezogen im Glauben an die Gerechtigkeit der Ordnung, an die Wichtigkeit von göttlichen Lehren, und tatsächlich bestimmten sie sein Handeln. Doch wie konnte so etwas in seinem Sinne sein?
„Ich weiß es nicht“, gestand er ein und fühlte sich beschämt. „Vielleicht.. muß man wirklich früher etwas tun.“
„Erwarte nicht, ich sehe zu.“ Cante-Tinza schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht.“
„Ich weiß“, nickte Fernando, wohl wissend, daß sie einer Lösung ihrer Probleme ferner waren, denn je. „Ich weiß...“

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