Das Ende vor dem Anfang Unerwartete Vertrautheit In fremder Arena Des Magus' Versprechen

Hoffnung ist niemals vollständig verloren, und so stellt Anhe fest, daß die Geister ihrer Ahnen sie selbst hier, in der Arena Al'Anfas, nicht vergessen haben.

Unerwartete Vertrautheit

Auch in schwärzester Stunde erhält man bisweilen ein Geschenk

Das Mädchen ohne Namen erwachte aus Träumen von grünem Feuer. Wie lange sie durch Berge und Täler gewandert war, eingehüllt von Flammen und Schmerzen, das wußte sie nicht mehr. Ihr Tapam ließ seine Wanderschaft zurück und kehrte zu Nipakau und Körper zurück, berührte vorsichtig lange nicht gespürte Verbindungen und hauchte dem gebrochenen Körper neues Leben ein. Sie holte Luft, kräftiger als sie es die ganze letzte Woche getan hatte, und wurde sich bewußt, daß sie war, wurde sich bewußt, daß es nicht die Grüne Ewigkeit des Reichs des Jaguares war, die sie mit sanften Kuß willkommen hieß, sondern die Ketten eines Elends, das nicht einmal einen Namen kannte.

Es war nicht immer so gewesen. Einst hatte sie das Gefühl von Erde unter bloßen Füßen gekannt, das Gefühl eines frischen Bergbaches an ihren Beinen. Sie erinnerte sich an schroffe Felsen und tiefe Höhlen, an steile Wasserfälle und das endlose Grün der Heimat. Sie erinnerte sich an den Geruch von Regen und das Geräusch des jagenden Panthers, und doch hatte ihr Tapam begonnen, all jene Dinge zu vergessen. Fern von den heimatlichen Dschungel begann seine Kraft zu erlahmen, und der Tag war nicht fern, an dem er sie verlassen würde wie er es bisweilen in Träumen aus grünem Lichte tat, um eine leere Hülle zurückzulassen in einer Stadt aus Stein, die ihr das Leben raubte.

Sie hatte einen Namen gehabt, vor langer Zeit. Sie erinnerte sich an seinen Klang, ein weicher Laut inmitten von fremden Melodien, ein Laut, ein Gefühl, das ihr durch die Finger glitt, wie Wasser, das sie mit gespreizten Händen zu schöpfen suchte. Sie war seitdem so vieles gewesen, doch nichts davon war die Wahrheit, und so war ihr Name Tabu geworden, so wie sie selbst Tabu geworden war.

Denn manch eine Krankheit kannte keine Medizin, und das unsichtbare Band, das sie an die Berge und Wälder band, war verloschen durch ein ewiges Verbot, stärker als jeder Schamane es je hätte aussprechen können.

Sie verging.

Nur langsam wurde sie sich bewußt, daß sie auf einer Pritsche lag und Verbände ihre Hände und den Rücken abdeckten. Der stets präsente Schmerz war zu einem dumpfen Pochen geworden, das sich ertragen ließ, und das Halbdunkel ihrer Umgebung tat den Augen wohl.

"CaChek..." Sie blinzelte, noch halb in der Reise gefangen, als die Laute der Ta-Haya, der Ewigen Sprache, an ihr Ohr drangen. "CaChek..." Kleine Frau...

Da war es wieder und sie öffnete die Augen. "Ya..." Ihre Stimme klang rauh und unbeholfen, als habe sie sie wochenlang nicht benutzt. Sie war sich nicht sicher ob das nicht der Wahrheit entsprach, und beschloß, daß es gleich war. Es war zu schmerzhaft, daran zu denken, was vor dem grünen Feuer gewesen war, und die Bilder überschwemmten sie, ohne, daß sie dagegen ankämpfen konnte. Schmerz. Angst. Demütigung. Eisige Kälte. Dann ihre Hände, seine Kehle. Und dann Feuer, das sie einhüllte, und die Welt in Qualen versinken ließ.

"Cachek." Der Ruf forderte ihr Tapam zurück, leise, sanft, und doch energisch, und sie spürte die Feder einer Berührung an ihrer Schulter. Sie wich zurück und öffnete die Augen, nur um in ein scharfgeschnittenes Gesicht zu blicken. Schwarze Augen, dunkle Haut, lange, offene Haare, von einem Band aus dem Gesicht gehalten.

"Du bist wach. Gut."

Sie runzelte die Stirn. Es dauerte einen Augenblick, bis sie die Betonung einordnen konnte, die Haartracht Erinnerungen weckte.

"Ohaijnha..?"

Er nickte und ein weiterer Sturm an Bildern riß sie mit, doch sie begrüßte ihn wie einen Freund. Eine Jagd. Das schneeweiße Fell eines Jaguars. Ein Paß voller Stürme. Vier Krieger, die Haare lang, von Stirnbändern gehalten. Brüder jenseits der Berge. Mühsam hob sie eine Hand, um auf sich zu deuten. Schmerz durchzuckte die Finger, doch das unerträgliche Brennen blieb aus.

"Anoica."

Weiße Zähne blitzten in dem schwarzen Gesicht auf, etwas zwischen Lächeln und Zähnefletschen.

"Kleine Schwester."

Lange schon waren die Stämme der Anoiha und Oijaniha miteinander verbunden in vielfacher Blutsbruderschaft, vielfacher Heirat und Verwandtschaft, und so war es dem Mädchen ohne Namen fast, als hätte sie ein Mitglied ihrer eigenen Sippe gefunden.

"Wie heißt du?"

Sie runzelte die Stirn und versuchte, sich an den Laut zu erinnern, den sie mit ihrem Selbst verbunden war, bevor ihr Selbst Sklave geworden war, Sklave, Abschaum, Unrat, oder einfach nur He du!'.

Sogar ihren Namen hatte er ihr genommen...

Und so schüttelte sie beschämt den Kopf, verzog das Gesicht ob der pochenden Schmerzen in ihrem Nacken, die diese Bewegung immer noch verursachte. Er preßte die Lippen zusammen, deutete dann auf sich.

"Cankuna." Sie wiederholte leise den Namen. "Wo bin ich?"

"In der Arena."

Sie erschrak nicht. Unter den Sklaven war die Arena ein Schreckgespenst, das schlimmste aller Schrecknisse, die die schwarze Pestbeule für ihresgleichen bereithielt, doch nichts konnte schlimmer sein als die Schwärze, aus der sie kam, und sie fühlte sich zu taub, viel zu erschöpft, um sich zu fürchten und fragte nur "Warum?"

"Wenn du es nicht weißt, Cachek, ich weiß es nicht. Du sollst zu den Spielen des Patriarchen kämpfen."

Der Patriarch....

Sein Name geisterte oft durch das Haus, in dem sie bisher gelebt hatte, und sie hatte begriffen, daß es sich um einen wichtigen Mann handeln mußte. Nur wenig hatte sie gehört, ihre Kette war kurz gewesen, hatte kaum bis zur Tür des kleinen Gemaches gereicht, daß ihr Gefängnis gewesen war. Und so sollte sie unter seinen Augen sterben. Sie spürte das Sehnen ihres Tapams nach Freiheit, und so schloß sie die Augen und nickte nur. Sie war zu müde, um sich aufzulehnen.

"Hast du gelernt, zu kämpfen, Cachek?"

Die Frage ihres Gegenübers ließ sie den Blick wieder heben und sie sah ihn an, dachte über die Frage nach. Dunkel erinnerte sie sich an das Gefühl des Holzes eines Speers unter ihren Händen, geschmeidige Bewegungen, die den nackten Tod brachten, die keine Waffe benötigten. Doch all das gehörte zu einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit, und so schüttelte sie den Kopf.

"Nein."

"Du wirst es lernen müssen." Ein weiteres muss' in ihrem Leben, und sie schloß die Augen.

"Ich bin müde", sagte sie leise.

"Ich weiß, Cachek" Sie spürte, wie sich die Liege bewegte, als er sich neben sie setzte. "Und der große Dschungel wird dich nehmen, wenn es Kamaluqs Wille ist."

"Frei" Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern, und er strich ihr durch das immer noch ein wenig blutverkrustete Haar. Man hatte sie gewaschen und verbunden, aber es gab immer noch genug Wunden an ihr.

"Bald, Cachek, bald."

Leise, die Stimme brüchig, begann sie zu singen, spürte, wie die vertrauten Klänge durch ihre Brust wanderten, ihren Körper ausfüllten, ihr Denken vertrieben, bis nichts blieb, als das leise Beben der Melodie des Dschungels, und Cankuna senkte den Blick. Es war das Lied des Todes, das sie sang, das Lied, das ihren Geist mit dem des Dschungels, mit dem der großen Tapams verbinden sollte, damit der Dschungel sie gnädig aufnehme in seine Ewigkeit.

Das Mädchen machte sich bereit zu sterben.

Doch auch er hatte dieses Lied gesungen, an seinem ersten, schrecklichen Abend hier, und doch lebte und atmete er noch - und so gab es auch noch Hoffnung für die junge Anoiha. Und so ließ er sie singen, bis ihre Stimme erschöpfte und sie einschlief. Das grüne Feuer verschlang sie ein weiteres Mal und der Dschungel sandte einen letzten Gruß.

-> Zurück nach oben

<- Das Ende vor dem Anfang