Das Ende vor dem Anfang Unerwartete Vertrautheit In fremder Arena Des Magus' Versprechen

Kleines Mädchen, großer Krieg berichtet von dem großen Krieg, den das kleine Mädchen Anhe in Al'Anfa führen muss. Von ihrem ehemaligen Herrn an die Arena verkauft stehen ihre Überlebenschancen nicht gut, insbesondere, da sie in einem körperlichen Zustand ankommt, der nichts gutes verheißt. Dieser Abschnitt beschreibt ihre Ankunft in der Gladiatorenschule, zusammengeschlagen, kaum bei Bewußtsein und wertlos.

Das Ende vor dem Anfang

Der Tod ist eine Gnade, den Al'Anfa nicht jedem gewährt

"Und was soll ich damit?" Vicatio Delaroce blickte naserümpfend auf das Bündel Mensch hinab, das zusammengesunken zu seinen Füßen kauerte, die unzähligen Wunden verschiedenster Art nur notdürftig verbunden. Der Oberkörper der Gestalt pendelte willenlos hin und her, und wenn sie ihre Umwelt überhaupt wahrnahm, dann wohl nur durch einen Schleier.

"Mein Herr, der auch der Eure ist, sendet sie Euch, Lanistro Delaroce", entgegnete der Mann vor ihm, dessen Alter nur an den silbrig gewordenen Haaren zu erkennen war, die kurzgeschoren ein scharf geschnittenes, nahezu schwarzes Gesicht umrahmten. "Sie soll bei den Spielen in einem Mondlauf zu Ehren des Patriarchen kämpfen."

Vicatio verschränkte die massigen Arme vor der Brust. Seine eigene Zeit als Kämpfer war nun schon einige Jahre her, doch rühmte er sich immer noch eines gestählten Körpers, der jederzeit bereit war, ein weiteres Duell auszufechten, ein weiteres Mal in den blutigen Sand der Arena zu treten. Stattdessen jedoch sandte er nun andere in den Staub und die Hitze, andere, deren Schwerthand und Schildarm er zuvor geschult hatte. Man sagte er sei gut. Ruhm lebte nicht lange, in Al'Anfa, doch der Stern seiner Schule war im Steigen begriffen und Fanas wie Granden lobten seinen Namen. Er war lange genug in dieser Stadt, um zu wissen, daß dies Fluch wie Segen gleichermaßen war. Dennoch hatte ihn sein Stolz nicht verlassen, und so blickte er mißvergnügt auf die zusammengesunkene Gestalt.

"Das ist ein Kind. Sie überlebt keine fünfzig Herzschläge. Sie lohnt der Mühe nicht." Sein Urteil war professionell und ohne jedwede Emotion. Er taxierte die Gestalt. Sie mochte nicht viel älter als zwölf sein, auch wenn dies bei den Mohas, die im allgemeinen nicht so groß wurden wie die Weißen Al'Anfas, schwer abzuschätzen war. Er vermeinte jedoch an der leichten Unproportionalität der Glieder und dem bisher nur schwachen Ansatz der Brüste zu erkennen, daß er es mit einer Halbwüchsigen zu tun hatte.

"Der Herr bestimmt, was sich der Mühe lohnt und was nicht", erinnerte ihn sein Gegenüber mit samtener Stimme und Vicatio ließ die Muskeln in seinen Armen spielen, ergötzte sich für einen Augenblick an dem Gedanken, den Leibsklaven Lucrezio Pervals, für den er einen besonderen Grad des Abscheus in seinem Herzen bewahrt hatte, seine Kraft spüren lassen, doch selbstverständlich entschied er sich dagegen. Stattdessen taxierte er weiter die Gestalt, äußerlich ungerührt. Er war überzeugt, daß ihm in diesem Falle keine Wahl blieb, denn dazu saß die Kette der Pervals zu fest um seinen Hals, doch es konnte nicht schaden, ein wenig dagegen aufzubegehren. Das Mädchen war klein und eher zart gebaut, unter gebräunter Haut schlummerten kräftige Muskeln und Sehnen, nicht so ausgeprägt wie bei in Freiheit lebenden Mohas vielleicht, doch deutlich stärker als bei jenen, die ihr ganzes Dasein in Al'Anfa gefristet hatten.

"Ein Wildfang?" Ein Funken Interesse lag in seiner Stimme, gerade genug, um es seinem Gegenüber zu signalisieren. Der legte die Hände aneinander und schürzte die Lippen.

"Bestes Material aus den Höhen der Berge."

Vicatio hob den Blick von der Moha und taxierte seinen Gegenüber, der den Blick ohne zu zögern erwiderte. Die Herrschenden dieser Stadt verhielten sich zu allen wie die Hyänen, und wer nicht bereit war zu fressen, würde mit Sicherheit gefressen werden, doch es war Vicatio stets gelungen, sich in einem verborgenen Winkel seines Herzens einen Hauch Mitleid für die lebenden Kreaturen zu bewahren, die er in den Tod schicken mußte. Dies schien dem Leibsklaven völlig abzugehen. Auch ohne hinzusehen wußte er, in welchem Zustand der Körper zu seinen Füßen war. Die Verbände am Rücken hatten bereits wieder begonnen, durchzubluten - die Form der Flecken wies auf Peitschenhiebe hin, von denen er, Kor sei es getrommelt, in seinem Leben wahrhaftig schon genug gesehen hatte. Die Lumpen, die um ihre Hände gewickelt waren, zeigten nicht nur Blut, sondern auch Spuren von Eiter und sehr viel Schmutz. Das Zittern, das den Körper trotz der unerträglichen Hitze des Rondramondes durchlief, sprach von Fieber.

"Daß sie ruiniert ist, wißt Ihr schon, oder?"

"Ihr sollt keine Siegerin aus ihr machen." Scheinbar kannte sein Gegenüber keine Ungeduld und keine Emotionen, denn seine Stimme war leidenschaftslos wie eh und je. "Sie soll nur kämpfen."

Vicatio preßte die Lippen aufeinander und fügte sich in sein und ihr Schicksal. "Wenn es der Wunsch des Signore Perval ist, so wird sie kämpfen. Aber sagt mir nicht, wie ich meine Arbeit zu machen habe, sondern tut die Eure."

Ein Funken flammte in den schwarzen Augen des Leibsklaven auf, doch das Feuer erlosch, kaum daß er es erblickt hatte.

"Wie Ihr wünscht."

Er wandte sich um und verließ den staubigen Übungsplatz, der von den Schlägen von Holzschwertern auf Stroh, Holz und Fleisch wiederhallte, der nach Schweiß, Angst und Zorn roch. Das so exquisite Parfüm beruhigte Vicatio mit der Vertrautheit einer langer Jahre dauernden Liebschaft und er straffte sich. Seine Stimem war fest, als er über den Übungsplatz hinweg nach Garatha rief, der Medica der Schule, die sich ein wenig abseits des Platzes im Schatten aufgehalten hatte. Sollte die Maga ruhig etwas für ihr Geld tun. Ein weiterer Ruf brachte zwei Sklaven herbei, die er anwies, den zusammengesunkenen Körper der jungen Moha hinein zu bringen. Wenn sie schon kämpfen sollte, so würde er versuchen, zu retten, was zu retten war. Denn nichts sah der Herr Kor lieber, als einen Guten Kampf.

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