Feuertaufe Seelsorge Erbeben
Todessehnsucht Zusammenbruch Rückkehr zur Mitte
  Alles ist gut  

Im belagerten Rommilys ist viel Zeit zum Nachdenken. Zu viel vielleicht, zumindest für Angwi, über der zusammenschlägt, was sie ind er Vergangenheit alles tat.
(Geschichte inspiriert von 'Rückkehr des Kaisers')

Zusammenbruch

Eiseskälte und Schnee. So kalt, dass die meisten Leute sich nicht mehr im Freien aufhielten- schließlich trug man schon nach kürzester Zeit Frostbeulen davon. Im Moment jedoch hatte eine einsame Gestalt die Stadtmauer aufgesucht. Im schneidenkalten Wind war sie scheinbar vollkommen allein und dennoch fühlte Mutter Galahan sich eingesperrt.
Die Alpträume waren zurückgekehrt. Wenn sie schlief, war sie zurück in der Grotte Keranvor und konnte nicht verhindern, dass der Nirraven Uthars Pforten zerschlug.
Wenn sie aber die Augen schloss, selbst in wachem Zustand, dann sah sie erneut die Bilder der goldenen Pyramide vor sich, hörte die Schreie.
Ihr Atem schlug Wolken vor ihrem Gesicht und eine Weile starrte sie darauf und fühlte die Kälte, die sich tiefer und tiefer durch ihre Kleidung biss. Längst war das Gefühl aus ihren Füßen gewichen.
Kurz schlossen sich ihre Lider- doch die Bilder kehrten zurück. Beinahe ruckartig riss sie die Augen wieder auf und bereute es zutiefst, denn der Wind sandte stechende Schmerzen in ihren Kopf und ihr Blickfeld verschleierte sich von Tränen.
Es braucht Zeit, hatte sie zu Yann gesagt. Aber nachdem es anfänglich besser geworden war nach dem Besuch in Boronia, kehrten die Alpträume jetzt zurück, schlimmer als bisher.
Warum? Die Schreie. es war nicht mehr zum Aushalten. Sie wollte dass es endete. Dass sie verstummten.
Die Stimme drang erst in ihr Bewusstsein, als der Mann beinahe vor ihr stand. Langsam wandte sie den Kopf zu ihm und erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass er sie wohl mehrfach angesprochen haben musste.
"Den zwölfen sei Dank, euer Gnaden, beinahe war ich mir sicher, dass ihr erfroren seid. Ihr solltet nicht hier sein, es ist zu kalt. Niemand hält mehr Wache auf den Mauern."
Angwi musterte seine Züge, soweit der Pelz sie sichtbar werden ließ und spürte das seltsame Verlangen ihre Waffe zu ziehen um ihn zum Schweigen zu bringen, um ihre Ruhe zu haben. Abrupt wandte sie sich ab und eilte davon so rasch es möglich war ohne dass es an eine Flucht gemahnte.
Ihre Schritte wurden schneller und schneller. Unterwegs sprach man sie an- ungewöhnlich wenn man die Golgaritin rennen sah. Es musste einen ernsten Grund sein. Ihre rasche Fortbewegung alarmierte die Leute. Mit fliegendem Atem zwang sie sich inne zu halten.
"Es ist persönlich. Kein Angriff." Brachte sie abgehackt hervor, ehe sie sich umwandte und ihren Weg fortsetzte, ihre Schritte mühsam zur Ruhe zwang. Nicht lange, dann rannte sie wieder. Bis sie plötzlich ein Haus sah, von dem sie wusste, dass es leerstand: Dort wo sie Yppolita überrascht hatten. Sie trat die Tür förmlich ein und eilte dann in den Keller hinunter. Dunkelheit umgab sie, aber hier und jetzt war Licht unwichtig. Als sie gegen eine Wand traf, entrang sich ein unartikulierter, wilder Schrei ihren Lippen, langgezogen und voller Leid. Auch jetzt, in der borongefälligen Dunkelheit ließen die Bilder ihr keine Ruhe.
"Ich konnte doch nicht anders!" schrie sie ins Dunkel. "Sonst wären wir nicht entkommen!" Die Schreie der Gemarterten antworteten ihr. "Ich durfte meine Gefährten nicht gefährden!" Sie traf die Wand erneut, als sie sich im Dunkeln blind umdrehte. Die lange Übung im Blindkampf ließ sie die Konturen des Raumes erahnen, selbst wenn ihre Augen nichts sahen. Der erste Schlag kam aus vollem Herzen. Ihre Faust traf die Wand mit einem dumpfen Geräusch und sie wusste nicht, wie sie plötzlich ihr Schwert in Händen hielt. Aber sie zerschlug ein modriges Regal wie einen übermächtigen Feind, und als von ihm nichts geblieben war, traf die Klinge auf die Wand. Zweimal, fünfmal, dann zehn mal. Beim zwölften Schlag zersprang die Klinge mit einem hellen Laut und Angwi blieben nichts als ihre Hände, nur ein wenig geschützt von ihren Fäustlingen. Mit einem weiteren, unartikulierten Kreischen voll von Leid und Schmerz begann sie auf die Wand einzuschlagen.
Ihre Kräfte versiegten ganz abrupt und als sie in die Knie brach schlug sie mit der Stirn gegen den nackten Stein. Im Niedersinken drehte sie sich, so dass sie auf den Trümmern ihrer Waffe, mit dem Rücken an die Wand gelehnt ins Sitzen glitt. Hilflos zog sie die Knie an, und begann zu weinen wie ein kleines Kind.

Yann und Liasanna waren leicht beunruhigt, als Angwi nicht auffindbar war, hatten begonnen nach ihr zu suchen, nur um schließlich ratlos wieder aufeinander zu treffen. Für zwei Personen war die Stadt zu riesig- und sie hielten es zwecks der niedrigen Moral erst einmal für ungut, andere zu Hilfe zu rufen.
"Neuigkeiten?" erkundigte die Halbelfe sich knapp. Yann nickte, winkte sie in den Windschatten eines größeren Gebäudes. Diese vermaledeite Kälfte kroch einem so tief in die Glieder, dass man sich nach wenigen Stunden so ausgelaugt fühlte, als habe man einen Gewaltmarsch hinter sich gebracht.
"Sie wurde gesehen, offenbar in großer Eile. Aber sie tat die Fragen ab- es sei etwas persönliches. Dann rannte sie davon."
"Rannte." wiederholte Liasanna ungläubig. Yann nickte nur.
"Sucht ihr eure Freundin.?" mischte sich eine helle Stimme ein. Eine kleine Gestalt in Lumpen trat zitternd von einem Bein auf das andere. Eines der Straßenkinder- ein blasser Junge mit dunklen Erfrierungen in seinem Gesicht und an den Händen.
"Ja", erwiderte Liasanna rasch.
"Gib mir deinen Pelzmantel, dann sag ich euch wo sie ist."

Yann und Liasanna rannten. Der Junge hatte sich auf das Versprechen einer warmen Jacke zum Traviatempel schicken lassen und ihnen den Aufenthaltsort dennoch verraten: Das Haus in dem Rohaja und der alte Bettler gewesen seien. Ihre Schreie seien aus dem Keller geklungen, und Kampfeslärm. Er sei fort gelaufen, denn es habe geklungen als ringe sie mit einem gefährlichen Dämon.
Schreie. von Angwi?
Als sie keuchend bei dem Haus eintrafen, herrschte Stille. Geistesgegenwärtig entzündeten sie eine Laterne die sich auf der Treppe nach unten fand und betraten den kleinen Kellerraum.
Der kleine, flackernde Schein traf etwas funkelndes und vor ihren Augen lag der abgebrochene Griff eines Schwertes. Zwei Stiefel sahen sie dann, die dazugehörigen Beine, und dann war Mutter Galahan völlig im Blick. Splitter ihres Schwertes lagen unter ihren Beinen. Die verschwitzte Golgaritin saß völlig entspannt, ihre Arme hingen an ihrer Seite herab. Ihr Kopf lehnte an der Wand, der Blick ging leer zur Decke hinauf. Aus einer Platzwunde an ihrer Stirn sickerte vereinzelt noch Blut während der Großteil bereits geronnen war, und aus ihren geröteten Augen rannen unablässig Tränen. Erst als ihr beider Atem sich beruhigte, hörten sie das unendlich leise Wispern, das aus dem Mund der Golgaritin drang:
"Es tut mir leid. ich konnte euch nicht helfen. ich habe euch verraten. es tut mir leid. Vater vergib mir, dass ich diese Menschen im Stich ließ, dass ich sie nicht wenigstens erlöste. ich habe versagt. es tut mir so leid."
Sie schien die Anwesenheit ihrer beiden Freunde gar nicht wahr zu nehmen, und als Liasanna sie ansprach, reagierte sie nicht, ihre kleine Litanei begann von vorne. Die Halbelfe fiel vor der Golgaritin auf die Knie, streckte ihre Hände nach ihren Schultern aus, aber Yanns leises:
"Nicht", ließ sie innehalten. Neben Liasanna ging er in die Hocke.
"Angwi, hörst du uns?" fragte er ruhig.
"Geht", erklang es kaum hörbar.
"Kommt gar nicht in Frage!" platzte Liasanna heraus.
"Was ist hier passiert?" fragte Yann in ruhigem gedämpften Tonfall weiter.
"Nichts." Nach wie vor war die Stimme der Golgaritin kaum hörbar.
"Deswegen blutest du auch. wegen nichts."
Als Angwi schwieg, gab Yann Liasanna ein Zeichen und so setzten sie sich jeder auf eine Seite der Golgaritin. Der Phexgeweihte hörte wie Liasanna Luft holte um etwas zu sagen, beugte sich etwas vor.
"Mach das Licht aus, Liasanna. Und dann warten wir."
"Worauf.?"
"Ob Angwi uns braucht."
Langsam streckte die Elfe die Hand aus und dann umhüllte Dunkelheit sie alle.
"Sollte ich nicht eher euch das fragen?" erklang es müde. ?Ob ihr etwas braucht? Schließlich bin ich doch Priesterin."
"Ich nicht weniger." warf Yann ein.
Lange durchdrang nichts das Dunkel als drei unterschiedliche Atemrhythmen.
"Ich werde die Bilder nicht los. Sie verfolgen mich in meinen Träumen. Sie sind da, wenn ich meine Augen schließe. Diese Menschen die in der goldenen Pyramide gemartert wurden. Ich habe sie verraten. Ich habe sie im Stich gelassen. Ich hätte sie wenigstens erlösen müssen. Statt dessen habe ich sie den Nekromanten überlassen. Das ist unverzeihlich- und dennoch ist Boron noch mit mir.
So viele meiner Ordensbrüder und -schwestern sind gestorben. So viele, die jünger waren als ich. Ich aber lebe noch immer. Wenn ich solche Gedanken äußere, so erinnert mich mein Umfeld beständig an die Aufgabe die vor mir liegt- doch sie können noch weit aus weniger erachten, was diese Aufgabe wohl sein mag. Ich habe Angst zu versagen. Ich habe Angst nicht stark genug zu sein. Und diese Angst streut Zweifel in meine Seele. Ich schäme mich, denn ich weiß dass meine Zweifel unrecht sind- aber sie sind da. Ich bin müde. Ich will dass es endet. Wir waren Boron so nahe. es war für mich so schmerzhaft umzudrehen und zurück zu kehren. Vor allem wird der Gedanke ?ich will dass es endet' immer stärker. Ich weiß dass es euch beiden auch nicht gut geht. Wie konnte ich da auf eure Schultern noch mehr aufladen? Auf der anderen Seite aber ist geteiltes Leid halbes Leid und Freunde füreinander da.
Ich habe seit dem Tag an dem Bruder Zyriak in den Stab des Vergessens gefahren ist mehr und mehr das Gefühl, mit geliehener Zeit zu leben. Und ich stelle das nicht in Frage. Aber ich befürchte, dass die Herrin der Alpträume versuchen wird zu verhindern dass Boron obsiegt. Was, wenn das die eine, die große Versuchung ist, die einen jeden Diener der Zwölfe im Leben erwartet - und ich nicht mehr stark genug bin zu widerstehen. einfach weil ich will dass alles zu Ende ist? Ich will nicht so enden wie Bruder Zyriak. von Zweifeln zerfressen. Aber ich habe im Moment nichts, das mir genug Rückhalt gibt. Wie konnte ich auf dem Mythraelsfeld so stark sein. und nun fühlen, dass meine Kräfte aufgezehrt sind? Mir scheint, als liegen diese Ereignisse ein Leben lang zurück. und dabei ist es nicht mal ein Jahr." Die Golgaritin seufzte schwer. ?Und was wollt ihr mir dazu nun raten? Es gibt keinen Rat. Dieses Dilemma kann nur ich selbst lösen- oder daran verzweifeln."
Dann schwieg Mutter Galahan wieder.
"Du willst keinen Rat", erwiderte Liasanna knapp. "Aber ich sehe keine Schwäche. Du kannst das Problem klar umschreiben und siehst das Dilemma sogar vor Augen. Das ist Stärke. Wir alle sind momentan völlig ausgelaugt. Wir alle haben die schlimmsten Dinge gesehen, wir standen Anforderungen gegenüber von denen wir nicht wussten ob wir ihnen genügen. Und dazu hast du mir sogar einmal Rat erteilt. Ich will deine Worte wiederholen: Manchmal gefällt es den Göttern, dich an einen Ort zu stellen. Aber niemand, Angwi, hat gesagt, dass du stark genug sein musst. Du kannst nur dein Bestes geben und hoffen dass es reicht."
"Und wenn es das nicht tut?"
"Dann wird Boron einen anderen senden", erklang Yanns Stimme. "Es ist nicht an dir, alle Probleme zu lösen. Boron hat dich auserwählt- und ich denke das hätte er nicht wenn er nicht wüsste, dass du die Stärke besitzt. Falls es aber doch so ist, so wirst du am Ende alles gegeben haben und mehr kann er nicht verlangen. Wir sind nur Sterbliche."
"Willst du mir sagen, meine Angst ist unsinnig?"
Yanns Stimme klang eindringlich.
"Angst ist niemals unsinnig. Sie schärft unsere Sinne und macht uns wachsam. Nur beherrschen darf sie uns nicht. Angwi die Götter werden nicht mehr von dir verlangen als du geben kannst."
Ein leises Seufzen war zu hören.
"Ihr und euer Gefasel", entgegnete Liasanna. ?Manchmal hilft auch einfach eine gute Portion Trotz um weiter zu machen."
Als die Elfe das sagte, musste Angwi gegen ihren Willen lächeln. Wie hatte sie geglaubt, ihre Freunde mit ihren Sorgen nicht belasten zu dürfen?
"Dann soll ich es also vielleicht mit ein wenig phexischer Bauernschläue und ein wenig mit elfischem Trotz versuchen? Das raten meine Freunde mir?" fragte sie, und ihre Stimme klang wieder kraftvoller.
"Das tun sie", erwiderte Liasanna bedeutungsvoll. Angwi seufzte hörbar, dann spürten sie wie die Golgaritin die Beine anzog und in ihren Körper so etwas wie Spannung zurückkehrte.
"Besser?" fragte Yann.
"Für den Moment deutlich besser", entgegnete Angwi offen. ?Den Rest muss die Zeit weisen. Es gibt viel zu tun. Gehen wir und tun was wir können."
Noch während Liasanna die Laterne wieder entzündete verließ Angwi bereits den Keller. Die Halbelfe und der Phexgeweihte sahen auf die Schwertsplitter, das zertrümmerte Regal und die Spuren an den Wänden. Angwi musste wirklich getobt haben wie ein Berserker.
"Können wir denn gar nichts tun?" fragte Liasanna schließlich fast ein wenig kleinlaut. ?Sie war doch immer so stark und ruhend in sich selbst."
Yann wandte sich mit einem zuversichtlichen Lächeln zu der Elfe um.
"Wir haben doch bereits etwas getan. Hast du nicht gesehen, dass sie aufrecht ging als sie den Raum verlassen hat? Glaube mir, je fester jemand im Glauben ist, um so stärker treffen ihn Krisen. Angwi hat in Warunk einen Blick in ihre persönliche Hölle getan. Das ist nicht so einfach zu ertragen. Aber sie hat uns- und sie hat unsere Hilfe angenommen. Sie sieht uns als Freunde sonst denke ich nicht, dass sie ihre Ängste und Zweifel mit uns geteilt hätte. Wir bleiben bei ihr und wenn ihre Kräfte versagen, dann leihen wir ihr die unseren. So wie sie es bisweilen getan hat. Bis zum Schluss."
Liasannas Blick schweifte dort hin, wo die Golgaritin verschwunden war, und dann lächelte auch sie, suchte erneut Yanns Augen.
"Das werden wir. Dazu sind Freunde schließlich da."

Von Ragnhild Nitz

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