Feuertaufe Seelsorge Erbeben
Todessehnsucht Zusammenbruch Rückkehr zur Mitte
  Alles ist gut  

Der Winter in Rommilys ist lang, doch Rommilys ist auch die Stadt der Travia. Und wenn die Herrin der Gänse mit dem Herrn des Todes eines teilt, so ist es die Fähigkeit und den Willen zur Gnade
(Geschichte inspiriert von 'Rückkehr des Kaisers')

Rückkehr zur Mitte

Angwi stemmte sich mit aller Kraft gegen den schweren Flügel des Reichskanzler Randolph Tores- dem Nordtor von Rommylis. Die Muskeln an ihrem Rücken protestierten ebenso wie ihre Finger, denn die Kälte der Eisenbeschläge drang schneidend durch die pelzgefütterten Handschuhe der Golgaritin. Zwar war die grimmigste Kälte des Winters in den letzten Tagen gewichen, doch noch immer herrschte klirrender Frost, lag hoch der Schnee. Neben ihr wusste sie andere Streiter, die vielleicht weniger überzeugt waren von ihrem Tun, sich aber dem Entschluss die Tore für die ausgehungerten und halb erfrorenen Söldner der Belagerer zu öffnen beugten. Als der Flügel zur Gänze auf schwang und die Kämpfer mit langen, schnaufenen Atemzügen zur Ruhe kamen spürte die Golgaritin wie der Blick Traviatas sie streifte. Ruhig wandte sie sich der Hochgeweihten der Travia zu und schenkte ihr ein zurückhaltendes Lächeln. Die Rettung ihres Lebensgefährten Trautmann aus dem Griff des Lolgramoth Fluches hatte zwischen ihnen beiden eine Verbundenheit geschaffen, die keiner Worte bedurfte. Und darum war der Vorschlag des heiligen Paares von Angwi aus tiefstem Herzen unterstützt worden. Die Grausamkeit des Krieges musste von Menschenhand nicht unnötig vergrößert werden. Langsam wandte sie sich dem Tor zu, beobachtete wie sich eine erste Gestalt taumelnd näherte. Ein Mann in zerschlissener Rüstung, mit Erfrierungen an den bloßen Händen und im Gesicht. Die Züge verhärmt und niedergeschmettert.
Er sollte nur der erste eines Elendszuges sein, der die unmittelbar Beteiligten erschütterte. Aus dem Chaos tauchte plötzlich Liasanna auf, eine Decke über dem Arm, die sie einem besonders geschwächten Kämpfer umlegte, ihn ein Stück weg führte. Angwi folgte der Halbelfe, eine Frau untergehakt, die mühsam einher humpelte und deren Augen stumpf blickten von Fieber. Wortlos überließ sie ihren Schützling einem Tempelgehilfen. Unter dem Schutz Traviatas würde man die Flüchtlinge zum Heiligtum geleiten- so wie Trautmann im Süden der Stadt die Überlebenden im Namen Travias willkommen hieß. Die Bevölkerung quittierte das Vorgehen mit wütenden Schreien- noch mochte von ihnen keiner die Belagerungszeit und die Plünderung bei der ersten Eroberung vergessen.
„Ihr hattet recht“, erklang es plötzlich neben Angwi. Langsam wandte die Golgaritin den Blick der Halbelfe zu, die zu den entschiedenen Verfechtern jener Fraktion gehört hatte, die forderte die Tore geschlossen zu halten um nicht den Kuckuck ins Nest zu holen. Aber dieser Elendszug hatte die Meinung der Panthergardistin offenbar geändert. Angwi musterte die Züge der Elfe. In den letzten Tagen hatte sie sich ein wenig in sich gekehrt verhalten, so als belaste sie etwas. Wenn Zeit blieb, wollte sie ihr Hilfe antragen- schließlich hatte sie selbst vor wenigen Tagen erst bitter nötige Unterstützung durch die Freunde erhalten.
„Güte ist niemals falsch“, wiederholte Angwi die Worte, die sie auch bei der Stabsversammlung und vor Königin Rohaja von Gareth zur Sache der Traviageweihten vorgetragen hatte. „Hoffen wir, dass wir recht behalten.“ Kurz legte sie Liasanna eine Hand auf die Schulter, dann wandten sie sich gemeinsam wieder den Flüchtenden zu.
Es dunkelte bereits, als sie schließlich die beinahe 200 Überlebenden der Truppen Jelnan von Dunkelsteins versammelt hatten. Während ein Teil bereits an den wärmenden Herdfeuern schlief, wurden andere noch von Heilern oder Feldschern versorgt, und eine letzte Gruppe im Heiligtum gespeist.
Angwi hatte sich zurückgezogen um ein wenig Ruhe zu finden und ein stilles Gebet an Boron zu richten, als ihr auf einer der Straßen eine Gruppe von rommyliser Bürgern entgegen kam: Fackeln in den Händen, aufgebrachte Mienen und zum Teil mit Schwertern oder improvisierten Waffen bewehrt. Mit einem ruhigen und dennoch kraftvollen Schritt trat die Golgaritin vor der Menge auf die Straße.
Unschwer zu erraten, dass sie zum den Söldlingen wollten.
„Gebt den Weg frei. Wir können dieses Pack nicht in unserer Stadt dulden. Sie bringen nur Leid und Verrat.“
Langsam schüttelte die Golgaritin den Kopf.
„Sie sind halb erfroren und verhungert. Ihr tapferen Bürger von Rommylis, wir verstehen eure Besorgnis. Aber diese Menschen bedeuten keine Gefahr mehr. Kehrt nach Hause zurück.“
„Wie könnt ihr das wissen?“
„Was sollte uns bewegen euch zu glauben?!“
„Werft den plündernden Mob aus der Stadt in Eis und Schnee! Verrecken sollen sie dort!“
Unter den wenigen verständlichen Stimmen die im einsetzenden Geschrei verständlich blieben pickte die Golgaritin sich den letzten Sprecher heraus. Um sich Gehör zu verschaffen, schloss sie für einen Moment die Augen, sandte ihren Geist in ihr Inneres hinein, dort wo sie jenen Teil göttlicher Kraft spürte der sie befähigte das Werk Borons in Wundern zu vollbringen. Ruhe und Frieden begrüßten sie und als sie kurz hinein tauchte, umspannen sie ihre Aura. Als sie die Lider erneut öffnete, schien es um sie herum dunkler geworden zu sein- und vor allem stiller.
Obwohl sie ihre Stimme nicht hob, durchdrang diese das zornige Gewirr um sie herum.
„Was, wärt ihr an ihrer Stelle? Würdet ihr nicht auch auf Güte hoffen? Vertraut der Herrin Travia, sie wird ihre Stadt nicht im Stich lassen.“
Erste Zweifel in den Mienen um sie herum. Die Nähe eines Boron-Dieners bereitete den meisten Menschen Unbehagen. Und wenn sie wie nun die Kraft ihres Gottes verströmte, dann verfehlte das nicht an Wirkung und Autorität, das wusste Angwi. Aber so aufgebracht wie die Menschen waren würde ihr Zorn sich vielleicht zuhause neu entzünden. Sie musterte ihre Gesichter ruhig und ausdruckslos.
„Folgt mir“, sprach die dann plötzlich, wandte sich ab und schritt ihnen voran, bis zu den Toren des Travia-Tempels, wo sie sich erneut umwandte und ihre Gesichter musterte. „Ich rate euch, den Krieg nicht in die heiligen Hallen Travias zu tragen. Aber ich befehle euch nichts. Bedenkt nur eines: Das größte Geschenk der Götter an die Menschen… ist das Leben.“ Und damit gab sie ihnen den Weg frei.
Tatsächlich streckten sich die Hände sofort nach den Toren aus, zogen sie auf. Doch der Einmarsch stockte rasch. Stille breitete sich aus. Die zwei Dutzend Rommyliser betrachteten die zusammengesunkenen Gestalten, die zum Teil stöhnten durch die Schmerzen ihrer Erfrierungen, oder die sich zitternd um Feuer drängten. Deren ausgemergelten Körper vieles ausstrahlten- aber keine Bedrohung. Angwi sah Yann und Liasanna mit einigen Verteidigern näher kommen, die Gesichter alarmiert, trat langsam an den Bürgern von Rommylis vorbei. Noch immer verströmte sie ihre Aura.
„Geht nach Hause, ihr guten Bürger. Hier gibt es keine Feinde zu bekämpfen.“
Die Männer und Frauen hatten die Waffen gesenkt. Einen Moment rührte sich niemand, dann trat ein kräftiger Mann vor, den Blick auf eine Kriegerin geheftet, die in sich zusammengesunken war. Dicke Verbände umhüllten Hände und Füße, Frostbeulen entstellten ihr Gesicht und würden wohl für den Rest ihres Lebens Narben zurücklassen. Neben ihr hatte ein Helfer eine Schale dampfender Suppe abgestellt, aber die Frau war offensichtlich zu entkräftet.
Abrupt legte der Mann- jener der wenige Straßenentzüge noch lauthals gefordert hatte die Krieger Jelnans aus der Stadt zu werfen- sein schartiges Schwert ab. Seine Miene zeigte Fassungslosigkeit ob dieses Bild des Leides. Seine Augen streiften die Golgaritin, und als Angwi ihm zunickte, trat er zu der Frau und ging neben ihr in die Hocke.
„Ihr müsst etwas zu euch nehmen… Kommt ich helfe euch…“
Und als er sich in Bewegung setzte, taten es auch die anderen. Ein Teil verschwand lautlos in der Nacht, während ein gutes Dutzend jedoch blieb und begann die Tempelbediensteten zu unterstützen. Ihre Waffen blieben unbeachtet am Eingang zurück.
„Angwi, was ist passiert?“
Der Blick der Golgaritin streifte die Szenerie, und sie schenkte Yann, der zu ihr getreten war ein Lächeln.
„Nur das Wunder von Rommylis…“ erwiderte sie leise und setzte an zu einer weiterführenden Erklärung, aber eine junge Stimme unterbrach sie: Eine Travianovizin stand vor ihr.
„Mutter Galahan, verzeiht… Aber dort hinten ist ein Söldner… er leidet unsägliche Schmerzen und wird die Nacht wohl nicht überstehen… Könnt ihr…?“
Angwi schenkte dem Mädchen ein knappes Lächeln und wandte sich von Yann ab.
„Bring mich zu ihm.“
Tatsächlich war der Mann ein Bild des Leids, sein Atem ging röchelnd, er fieberte hoch. Hände und Füße waren nicht mehr zu retten, das Fleisch darüber blasig aufgeworfen und gleichfalls voller Erfrierungen. Dazu war eine schwärende Schwertwunde in seinem Leib, die selbst mit einem frischen Verband einen unangenehmen Geruch verströmte. Aber seine Augen blickten trotz der Tatsache zwar voller Agonie… aber mit wachem Verstand. Tränen rannen aus seinen Augen als er der Boroni ansichtig wurde. Ruhig kniete Angwi sich zu ihm.
„Ich sehe, dass du mich hörst, Sohn. Deine Wunden sind zahlreich, und ich sehe wie du leidest. Dein letzter Gang ist schwer- so du es wünschst, kann ich ihn dir erleichtern und dir die Schmerzen nehmen.“
„Bitte…“ hauchte er kraftlos. Zu mehr hatte er nicht mehr die Kraft. Also konnte sie nicht erst mit ihm gemeinsam beten. Die Golgaritin wandte den Blick der Novizin zu.
„Sei so gut und besorge mir Asche.“ Dann schloss sie für einen Moment die Augen. „Boron- Vater der Stille, Uthar Wächter der Pforten zu Borons Hallen und Heilige Etilia Spenderin der Hoffnung. Seht diesen Mann, der geschlagen ist mit Schmerzen und für den es keine Aussicht mehr gibt auf ein Morgen. Er hat das Geschenk des Lebens in sich getragen, und nun, Vater der Stille empfängt er dein größtes Geschenk an die Menschen- die Endlichkeit des Lebens. Ich bitte um eure Gnade für ein Ende seiner Schmerzen…“
Die Novizin kehrte mit der Asche zurück und ruhig mischte Angwi einen Teil davon in einer kleinen Schale mit Salbungsöl zusammen. Stille hatte sich in ihrer unmittelbaren Umgebung ausgebreitet. Yann stand nahe bei. Sanft und doch unausweichlich traft Angwis Blick wieder den des Sterbenden. „Mögest du Etilias Gnade empfangen. Sei ohne Furcht, alles ist gut.“ Mit diesen Worten tauchte sie einen Finger in das gefärbte Salbungsöl und zeichnete ihm ruhig einen Pfeil auf die Stirn, einen weiteren auf das Herz. Ein tiefes Seufzen lief durch ihn, und mit einem friedvollen Lächeln sah er zu der Boroni auf, deren Hand über seinem Herzen lag.
„Es… tut… nicht mehr…“
„Schlaf mein Sohn...“ Ihre Stimme war nur ein Raunen, aber er schloss seine Augen und seine Haltung wurde gelöst. Friedlich.
„Was…?“ fragte die Novizin verunsichert. Angwi streifte ihren Blick.
„Er schläft. Rufe mich wenn es so weit ist. Er leidet jetzt keine Schmerzen mehr und wird bis spätestens zum Sonnenaufgang sterben.“ Sie sah, dass das Mädchen noch mehr Fragen hatte, gebot ihr jedoch mit einer ruhigen Geste Schweigen und wandte sich ab. Weit konnte sie nicht gehen, denn der Borontempel war ausserhalb der Stadt. Also trat sie einfach in eine kleinere Nische, lehnte sich an die Wand und schloss die Augen.
Das größte Geschenk Borons an die Menschen… die Tatsache dass das Leben endlich war. Seine Ruhe, die am Ende wartete. Jeder Herzschlag, der ein Schritt mehr zu ihm bedeutete. Angwi lächelte abrupt. Wie hatte sie das vergessen können, wo sie es doch bereits auf dem Mythraelsfeld begriff. Wenn ihre Kräfte verbraucht waren und ihre Seele endgültig erschöpft… dann würde er auf sie warten. Sie schloss die Lider und zwei Tränen drangen darunter hervor. Das erste Mal hatte die Erinnerung an ihren Sohn ihr die innere Ruhe wiedergegeben. Diesmal… war es ein Sterbender. Sie genoss die Nähe zu Boron die sie spürte da seine Kraft durch sie hindurch geflossen war. Als sie nach einer unbestimmbaren Weile die Augen wieder öffnete, sah sie Yanns sorgenvollen Blick auf sich ruhen. Kein Wunder wenn man an das dachte, was bei ihrem letzten Rückzug gewesen war. Sie blickte den Phexdiener an, tief und friedvoll.
„Alles wird gut“, sagte sie bedeutsam. Yann erwiderte ihre Aufmerksamkeit, taxierte sie für einen Moment unverhohlen, dann lächelte er als er die wiedergekehrte Ruhe in den Augen der Boroni fand, die sie nach der Reise in Warunker Gefilde verloren hatte. Er holte Luft um zu sprechen, aber Angwi legte einen Finger auf die Lippen. „Sh. Du kannst bleiben. Aber shhh…“ Und damit schloss sie die Augen wieder und lächelte friedvoll in sich hinein. Sie hatte ihre Mitte wieder gefunden, und diesen Moment wollte sie auskosten. Der Phexhochgeweihte betrachtete die Golgaritin noch einen Moment, nickte dann mehr zu sich selbst und zog sich zurück.

Von Ragnhild Nitz

Querverweis zum Weiterlesen:
Die Ereignisse durch Liasannas AugenTag des Zorns (Führt in den Bereich "Geschichten über Liasanna")
Charakterbeschreibung Liasannas:Liasanna Mondenpfad (Führt in den Bereich "Charakterbeschreibung der Wegbegleiter")

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