Feuertaufe Seelsorge Erbeben
Todessehnsucht Zusammenbruch Rückkehr zur Mitte
  Alles ist gut  

Doch am Ende ist nichts als Frieden...
(Geschichte inspiriert von 'Rückkehr des Kaisers')

Alles ist gut

Das Grauen war zurück. Während schwarzfaule Bösartigkeit nach allen Gedanken griff und Verwesungsgeruch in ihre Nasenlöcher drang, während das Klappern der Knochen die Luft erfüllte, fand Angwi Thalionmel Galahan in sich nur eines: Ruhe. Gewissheit, dass dies der Kampf ihres Lebens war. Der letzte.
Ein Stück weit hatten sie versagt- es war dem Schwarzen Drachen gelungen Silpion an sich zu bringen und in die Brust zu stoßen. Um sie herum starb alles was Leben in sich trug und Angwi spürte das schmerzvolle Reißen der Rune auf ihrer Stirn, die vermutlich nur noch wenige Momente vor dem Hauch des Todes schützen würde. Ihre Schritte waren ruhig, immer weiter auf den Drachen zu, der von Finsterfang getroffen auf den Boden zu taumelte. Yann und Liasanna waren weit voraus. Für einen Moment verharrte die Golgaritin, schloss ihre Augen und sandte ihr Flehen hinaus, spürte Gewissheit antworten. Die Schreckensbilder in ihrem Kopf verschwanden, als der Stab des Vergessens in ihren Händen erschien, und wie im Traum setzte sie ihre Füße schneller voreinander. Yann sprang den Drachen an, seine Hände schlossen sich um Silpions Griff und mit einer Schnelligkeit die jene des menschlichen Auges überforderte stieß er sich ab.
‚Danke mein Freund…’
Der Schwarze Drache brüllte vor Wut, als das Schwert aus seinem Leib gelöst wurde und begann wie toll geworden um sich zu schlagen- entbrannter Zorn. Die Zeit schien sich zu dehnen. Sie sah Yann mit Silpion. Rohaja, die sich unter den Bissen Rhazzazors fort rollte um ihm zu entgehen. Answin, der von Rhazzazor zermalt wurde. Liasanna, die mit todesbleicher Miene da stand. Unbewaffnet.
‚Boron, leih mir noch einmal deine Kraft…’ Angwi Thalionmel Galahan sammelte sich, ging im Lauf in die Knie, stieß sich ab und bekam das Gefühl als trügen unsichtbare Flügel ihren Körper. Ihr Satz trug sie über die schlagenden Schwingen, über den zuckenden Leib des Drachen bis in seinen Nacken, wo sie sich nicht einmal festklammern musste, sondern wundersam auf ihren Füßen landete. Nicht lange, das spürte sie als ihr Gewicht zurückkehrte und die Zeit mit einem Mal wieder ihre normale Geschwindigkeit zu erreichen schien. Und so tat sie das Einzige, was es für sie noch zu tun gab- so lange sich die Gelegenheit dazu noch bot: Sie schwang den Stab des Vergessens und schlug mit aller Kraft zu, auf Rhazzazors Stirn, die sich unter ihr wölbte. Stille und Dunkelheit lösten alles ab. Eine Welt, in der es keine wirklichen Worte mehr gab, nur Gefühle.
Sie spürte die Nähe von Bruder Zyriak, ebenso wie eine verderbte, hasserfüllte Präsenz die dieser zu umhüllen versuchte. Und doch gab es da einen Widerstand.
‚Angwi, hilf mir…’ schien seine Seele zu flehen.
Irgendwo her drang das Wissen zu ihr, dass sie sich noch immer auf Rhazzazor befand. Dass der Stab des Vergessens nicht tief genug in den Schädel des untoten Drachen gedrungen war und dass sie versuchte ihn weiter hinein zu drücken, obschon kein wirkliches Leben mehr in ihrem Körper war. Sie spürte nach Bruder Zyriak und warf sich gemeinsam mit ihm dem Unheil entgegen, und wieder spürte sie jene Bilder: von Maden zerfressene Leichname die sich regten… hörte das Heulen der Verdammten Seelen die Rhazzazor quälten seitdem sie ihn das erste Mal mit dem Stab des Vergessens geschlagen hatte. Aus dem Hintergrund vernahm die Golgaritin bereits das Rauschen von Schwingen. Und dann, ganz plötzlich war der Widerstand fort. Nicht durch sie, aber mit einem Mal schien es einfach. Sie spürten das Erstaunen und den Wahnsinn puren Schmerzes. Licht durchdrang die Finsternis, und Angwi sah in ihren Händen den Stab des Vergessens leuchten, dessen Gleißen einen Stein erfasste. Das musste der Karfunkel Rhazzazors sein. Sie spürte Bruder Zyriaks Worte, die durch ihren eigenen Körper in der fleischlichen Welt nachhallten:
„Seele gegen Seele, Tod gegen Tod. Stirb Unheil!“
Das Echo der Welt, das Angwi noch gespürt hatte, wurde undeutlicher während das Rauschen der Schwingen Golgaris zunahm und bewusste Gedanken schwächer wurden. Doch dann durchdrang ein Schrei alles: „Nein! Ich will nicht! Boron hilf mir!“
Sie erkannte die Stimme nicht im Einzelnen, spürte jedoch die Not einer Freundin. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf: Liasanna mit schwarzen Augen, hinter ihr ein schwarzer Schatten aufragend, die Hände auf ihren Schultern. Angwi konzentrierte sich ein letztes Mal um die Aura der Freundin aufzuspüren. Eiskalte Verderbnis versuchte die Elfe zu umschlingen, Bilder der Verdammnis, einmal mehr… doch anders als bei Rhazzazor. Schlimmer noch auf eine gewisse Weise. In dieser Welt spürte sie mehr als dass sie es sah den knöchernen Geiervogel, den Sammler der Seelen. Was hatte Liasanna getan? Er versuchte sie fort zu reißen…
Angwi wandte sich von dem lauter werdenden Schwingenrauschen ab. Sie war einmal Priesterin Borons gewesen, sie musste die Unschuldigen schützen. Und wenn es sie die eigene Seele kostete. Mit einem Aufgebot an aller Willenskraft die ihrer Seele noch verblieben waren, warf sie sich zwischen den Nirraven und Liasanna. Es würde nicht reichen. ‚Nimm mich, lass sie gehen…’ versuchte sie zu rufen, und der Nirraven streckte seine Alptraumkrallen nach ihr aus, ohne jedoch von Liasanna zu lassen. Und dann war Golgari heran. Angwi spürte, wie der Diener Borons sie aus den Klauen des Nirraven riss und diesen davon schleuderte, fühlte wie Liasanna aus dessen Zupacken gelöst wurde. Was hatte die Halbelfe getan? War sie gerettet? Oder verdammt? War Yann noch am Leben? Ja, sie spürte einen Hauch seiner Aura…
Dann stieg Golgari auf und sie verabschiedete sich aus den Gedanken an ihre zurückbleibenden Freunde. Es gab Dinge, die mussten die Lebenden nun allein lösen. Ihr Teil war erfüllt. Mit jedem Moment nahmen Ruhe und Frieden in ihr zu, während das Lied der Schwingen alles andere verlöschen ließ außer der einzig wichtigen Tatsache: Sie kehrte ein in Borons Schlafgemach. Alles war gut.

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