Feuertaufe Seelsorge Erbeben
Todessehnsucht Zusammenbruch Rückkehr zur Mitte
  Alles ist gut  

Auf einer wahnsinnigen und verzweifelten Reise nach dem Grund für das Verschwinden der Greifen an der Grenze zu den Schwarzen Landen, sind Angwi und ihre Gefährten zu spät gekommen. Der Schutz der Praiosalveranier ist gefallen, und somit gibt es nichts mehr, was den Untoten Heerwurm Warunks aufhalten kann. Doch während das Soldlose Banner, geschützt von einer dämonischen Wolke, unablässig in die zwölfgöttlichen Lande zieht, formiert sich im Mittelreich der Widerstand. In Wehrheim sammelt sich das Heer, die Elite des Mittelreiches, unter der Führung von Königin Rohaja, und macht sich bereit für die Schlacht. Doch die Wolke, der Dämon Rahastes, schützt nicht nur die Untoten, er verbirgt auch Rhazzazor, und eine Höllenmaschinerie Galottas, eine Schwebende Stadt, imstande, den Weltenbrand über Gareth zu entfachen. Angwi, unter jenen, die den Dämon Rahastes austrieben, sieht mit an, wie Galottas Weltenbrand die Stadt zerstört. Unter dem Eindruck von Brand und Niederlage findet sie zu dem Einen zurück, auf das sie sich immer verlassen konnte, die Liebe der Götter.
(Geschichte inspiriert von 'Schlacht in den Wolken')

Feuertaufe

Von dem, was bleibt am Ende der Schlacht

Der Geruch von Feuer und von... Metall?... Der Anblick Wehrheim im Feuerschein, die Silhouette so völlig anders als vertraut... die Festungsstadt... der Schild des Mittelreiches gefallen. Üer der Stadt die fliegende Monstrosität Galottas, wie eine übergroße, schwebende Dämonenkrone. Das Mythraelsfeld verbrannt, hier und da noch pervertierte Ranken, hier und da noch immer brennende Gebüsche... oder waren es in Wahrheit brennende Leiber? Aufgeklaffte Bodenspalten, die sich wieder geschlossen hatten, teilweise Leiber zermalmend, die nun nur halb begraben dort lagen... oder aus deren Kehlen das Stöhnen Sterbender klang. Eine Kakophonie des Vergehens, des Leidens... und das obwohl zugleich auch eine beinahe gespenstische Stille herrschte. Asche wehte durch die Luft, begann alles zu bedecken, wie ein großes Leichentuch.

Völlig durchnäßt vom Wasser des Gernat, der so wenigen hatte Schutz bieten können vor der über das Land rollenden Feuersglut und den anderen Elementverderbungen, im Gesicht Brandspuren, den Leib von der einen oder anderen Verletzung geschwächt, seelisch und körperlich bis weit über alle Grenzen hinaus erschöpft, stand sie hier, inmitten dieses Realität gewordenen Alptraumes. Ein zerfetzter Wappenrock aus dem das schlammige Wasser rann wies sie aus als Mitglied des Golgariterordens. Ruhe zeichnete jene Kämpfer im Namen Borons gewöhnlich aus, und ruhig wie in Marmor gemeißelt, stand auch ihre gebeugte Gestalt.

Doch ruhig war Angwi Thalionmel Galahan nicht im Geringsten. So viele Kämpfe hatte sie gefochten, so viel Grauen gesehen in der dritten Dämonenschlacht. Niemals war ihr in Vergessenheit geraten, was die Sterbenden fragten: "Darf ich in Frieden gehen, oder muss ich fürchten, dass ich mich erneut erhebe?" Welche Seele sollte so Frieden finden... Die Verbündeten hatten gesiegt, Borbarad war gefallen und der Kampf war dennoch weitergegangen... der Kampf um jede einzelne Seele, jedes einzelne Stück Land, das man den Heptarchen, den Nachfolgern Borbarads hatte abringen und befreien können. Und nun... sechs Jahre (?) später brannte Wehrheim. So weit war nichteinmal der Dämonenmeister gekommen... Grauen stand in den tiefschwarzen Augen der Boroni, und ihre Finger, die noch immer ihren Rabenschnabel umschlossen, zitterten ohne Unterlaß. Die wehende Asche hatte ihrem Gesicht eine fahlgraue Färbung verliehen, ebenso wie sie auf den nassen Stellen ihres Wappenrockes und dem zerbeulten, teilweise beschädigten Kettenhemd darunter haftete.

Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich und schienen dennoch weit fern von ihr zu sein, tauchten auf und verschwanden wieder.

Was nun? Würde sie ihren Sohn jemals wiedersehen, jemals wieder von ihrem Mann in die Arme geschlossen werden? Wo waren die teuer gewordenen Gefährten? Was würde Galotta als nächstes tun? Wie konnte man die Überlebenden erneut versammeln um den Rest des Heeres mit dem in Gareth zu vereinen? Würde es Gareth überhaupt noch geben, bis die Üerlebenden des Mythraelfeldes sich sammeln konnten? Warum war ausgerechnet sie nicht gestorben? Hatten die Götter die Menschen verlassen? Konnte Gareth der vereinten Macht Galottas und Rhazzazors überhaupt etwas entgegensetzen? Wer sollte das Heer führen? Hatte in Wehrheim oder in der Nähe des Feldherrenhügels überhaupt jemand überlebt? Machten Rhazzazor und Galotta gemeinsame Sache? War ihre Familie in Punin in Sicherheit, und würde ihr Sohn in einer Welt aufwachsen müssen, in der kein althergebrachter Wert mehr galt? Würde er überhaupt aufwachsen können, oder wäre es klug ihn aufwachsen zu lassen? War er nicht in Borons Armen viel besser aufgehoben? Hatte Königin Rohaja sich rechtzeitig zurückziehen können, oder hatte das Schwert des Greifen Obaran sie beschützen können?

Der Blick der Golgaritin hetzte über das Schlachtfeld, ihre Brust hob und senkte sich mühsam. Was sollte sie nun tun? Nach Gareth eilen, verletzt, zu Fuß. Konnte sie es überhaupt rechtzeitig erreichen? Oder sollte sie beginnen, die Gefallenen zu bestatten? Die Belange der Lebenden hatten Vorrang vor denen der Toten, so hatte sie es gelernt, doch... in der Nähe des warunkischen Verwesers... wie sicher war es, dass der endlose Heerwurm geschlagen war? Eine Bestattung wäre so vielleicht viel eher ein sich um die Lebenden sorgen... Würde der endlose Heerwurm sich erneut erheben, mit den Leibern der hier gefallenen noch um ein vieles stärker? Würde er Praios Macht trotzen und den Menschen zeigen, dass die Götter weit fort waren?

Endete die Welt vielleicht tatsächlich hier? Würden sie alle in Zukunft von einem Galotta beherrscht sein, und wenn er sie lebendig nicht mehr benötigte, untot in das Reich des Rhazzazor Einzug halten? Warum hatten die Götter nicht eingegriffen...?

Einige helle Spuren zeigten sich auf den Wangen der Ordenskriegerin, dort wo Tränen den Schmutz fortschwemmten, ehe neue Asche sich wieder darüber legte. Hatten sie denn überhaupt noch eine Chance? War es klug, überhaupt noch ans Kämpfen zu denken? Grauen und wogende Schwärze, so schien ihr, pulsierten durch ihren Kopf und ihr Herz. Gab es noch ein morgen? Warum hatte sie in eine solche Welt überhaupt ein Kind geboren? Warum sollte sie sich überhaupt noch an das Leben klammern? Aber warum sollte sie zu Boron gehen, wenn die Götter die Menschen verlassen hatten?

Angwi Thalionmel Galahan brach auf die Knie herab, ihre Augen schlossen sich und jegliche Kraft schien aus ihrem Körper zu weichen.

Wozu noch kämpfen... Wo waren die alten, friedvollen Zeiten?

Gerade einmal fünf Jahre zurück hatte sie etwas in den Armen gehalten, das ihr wie das größte Geschenk Borons erschienen war: Ein Kind. Was mehr hatte ihr gezeigt, wie einzig richtig es war, dem stillen Gott zu dienen? Und nun? Warum hatte sie überlebt?

Ihre Augen öffneten sich erneut, streiften das unverändert grauenvolle Szenario. Sollte ihr Sohn dereinst selbst auf so einem Schlachtfeld stehen? War es nicht wirklich gnädiger, wenn man ihn im Schlafe erlöste um ihn vor solchem Leid zu bewahren? Wie sollte er ahnen, was er da spielte, wenn er mit seinem kleinen Holzschwert auf seine Freunde eingedrungen war?

Jeder Tag ein neuer Kampf, ein neues Abenteuer, so war es für ein Kind. Aber waren Kinder nicht auf ihre Art und Weise auch weise? Kein Kind kannte Furcht vor dem Tod... es lernte ihn erst durch die Erwachsenen. Das Leben war ein Geschenk Borons, es gab keinen Grund ihn zu fürchten. Das größte seiner Geschenke vielleicht war, dass das Leben endlich war. Sie spürte es bisweilen, und sie spürte es gerade. Was bot im Moment nur ein wenig Trost? Der Gedanke, die Augen zu schließen, nicht mehr denken zu müssen und alles zurück zu lassen... Warum nur hatte das geschehen müssen... Natürlich erklärten die Götter nichts, und kein Mensch konnte ermessen was sie planten. Vielleicht musste die Schwärze bis ins Herz vorstoßen, denn wohnte nicht im Herzen oft die größte Kraft? Nur was, wenn nicht? Was, wenn das nur der verzweifelte Wunsch danach war, noch etwas hoffen, etwas glauben zu dürfen... oder es zu können? Ihr Blick fiel auf ihre Hand, die noch immer den Rabenschnabel hielt. Aus einem Schnitt im Handrücken rann Blut. Erst als sie ihr eigenes Blut fließen sah, spürte sie mit einem Mal die Schmerzen ihres Körpers, so als habe erst jetzt das Empfinden wieder die Macht, durch den Schmerz in ihrer Seele durchzudringen um zu erinnern, dass noch Seele und Körper eins waren. Noch war sie am Leben. Der Arm mit ihrer Waffe sackte herab, aber der körperliche Schmerz war willkommen. Langsam dämmerte das Bewusstsein, dass sie wirklich noch am Leben war. Boron hatte sie nicht verschmäht, so wie er niemanden verschmähte. Sie trug sein Geschenk an die Menschen... also war er noch immer mit ihr. Das gleichmäßige Schlagen ihres Herzens, das sie mit jedem Schlag weiter in Borons Arme und näher an sein Reich brachte...

Langsam schlossen sich ihre Augen erneut, doch dieses Mal ließ sie das Chaos um sie herum zurück, während sich in der Schwärze hinter ihren Lidern Ruhe ausbreitete und ihre Gedanken einer nach dem anderen still wurden. In diese Ruhe tauchte sie ein, wie ihr Sohn in ihre schützend warme Umarmung eingetaucht war, auf der Suche nach der wichtigsten aller Bestätigungen: Alles wird gut

Jegliches Gefühl für Zeit verging, während Ruhe und Frieden alle Zweifel tilgten, die nach ihrer Seele gegriffen hatten. Ein Mensch war schwach und fehlbar, und doch stark genug zu widerstehen. Und sie hatte widerstanden. Die Götter waren mit den Menschen und sie würden es immer sein. Waren nicht Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit die größten und mächtigsten aller Feinde? Sie mussten besiegt werden, ehe man sich dem Grauen stellen konnte, das Galotta und Rhazzazor über die Welt trugen, oder es gab keine Chance. Nur vereint und fest im Glauben, voller Hoffnung. Ohne Hoffnung, würden die Menschen sich verkriechen und der Verzweiflung anheim fallen. Hatte Obaran nicht versprochen, zurückzukehren und sein Schwert als Zeichen zurückgelassen?

Worte formten sich, in der Ruhe ihrer Gedanken machtvoll hallend.

Ihr heiligen Herren Alverans, vergebt mein kurzes Zaudern.
Phex, listenreicher Schatten Alverans... Dank sei dein für das Glück des Überlebens, lass dein Auge wachsam sein über uns in dieser dunklen Nacht und erleuchte unseren Geist mit deiner List gegen böse Pläne.
Tsa, Ewigjunge, Allesgebärende... Dir hat es beliebt das Anlitz unserer bekannten Welt zu wandeln. Beschütze die Schöpfung, schenke den Geschlagenen neue Lebensfreude und sei bei uns bei dem was neu begonnen...
Hesinde, allwissende Mutter der Weisheit, Erhelle unseren Verstand, lehre uns was wir wissen müssen um neue Wege zu gehen und den von deiner göttlichen Schwester begonnenen Wandel als weise zu erkennen, sei es auch in ferner Zukunft.
Peraine, gütige Göttin, siehe die Kinder dieser Welt sind mit Schmerzen und Leid geschlagen, schenke ihnen Heilung und schenke den Wunden unseres Landes neue Fruchtbarkeit.
Travia, heilige Mutter, beschütze unser Heim und unsere Familien, segne die Herzen all jener die verschont blieben mit Milde und Hilfsbereitschaft.
Firun, weißer Jäger, schenke uns Selbstbeherrschung, um nun unser eigenes Leid zu beherrschen und uns vereint an die Jagd dessen zu machen, was uns bedroht. Nicht gejagte sollen wir sein, sondern selbst Jäger werden.
Efferd, unberechenbarer Gott, lass auch uns für den Feind unberechenbar sein, so wie das Fließen eines Flusses niemals gleich ist und doch beständig bleibt.
Rahja, schöne Göttin des Rausches, erfülle unsere Herzen mit Leidenschaft und verbinde sie in Harmonie, lass sie verschmelzen und eins werden im Kampf gegen die Finsternis.
Ingerimm, zorniger Hammer Alverans, schenke uns deinen ungebändigten Zorn und deine Kraft, damit wir keinen Feind in unserem Herzen dulden.
Rondra, Alverans Schwert und Schild, erfülle die Herzen der Streiter mit Tapferkeit und der Kraft deines Sturmes, führe unsere Waffen im Kampf gegen die Übermacht des Bösen.
Praios, himmlischer Richter, sende die Kraft zu streiten für eine Wiederherstellung deiner gewollten Ordnung, auf dass wir und unsere Kinder in Recht und Wahrhaftigkeit leben, erfülle in dieser Dunkelheit unsere Herzen mit Licht auf dass kein Unbill bestand hat. Lass uns dein Leuchtfeuer auf Dere sein.
Boron, Unausweichlicher, Vater der Stille... Wenn unsere letzte Schlacht geschlagen ist, und unser letzter Atemzug gekommen, dann geleite uns sicher heim, auf dass unsere Sorgen und Qualen dereinst Frieden finden in deinen Armen, darum bittet dich deine treue Dienerin. Schütze unsere Gebeine und unsere Seelen. Gütige Marbo, schenke uns die Fähigkeit Gnade zu gewähren wo geläutert wurde, heiliger Golgari, schütze die Seelen der Verstorbenen auf ihrem Fluge...
Nicht für mich bitte ich, sondern für all jene, die in diesen Stunden eure Nähe nicht zu spüren vermögen. Sehet ich bin schwach, sehet ich bin fehlbar. Aber hier stehe ich, stark im Glauben wie niemals zuvor, voller Hoffnung inmitten der dunkelsten aller Stunden. So es euer Wille ist, sendet mir Hilfe, diese Hoffnung anderen zu schenken.
Als die Augen Angwi Thalionmel Galahans sich öffneten, hatte sich an der Szenerie um sie herum nichts verändert, kaum ein Herzschlag schien vergangen, und doch war alles an ihr verwandelt. Als sie auf die Füße kam, da war ihre Haltung nicht länger gebeugt, sondern hochaufgerichtet. Ruhe schien von ihr auszustrahlen wie ein warmer Lufthauch, und in den Augen lag nicht länger Grauen, sondern für all jene, die während der nächsten Stunden hineinblicken sollten die größte aller Offenbarungen: Stiller Frieden... denn letztendlich... wird alles gut.

Von Ragnhild Nitz

Querverweis zum Weiterlesen:
Liasanna Mondenpfads Eindrücke nach der Schlacht unter Die Schande Galottas (Führt in den Bereich "Geschichten über Liasanna")

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