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  Alles ist gut  

Angwi und ihre Gefährten machen sich auf die Suche nach Coran Crassberger, dessen Schicksal der Schlüssel zur Wiederherstellung des Stabs des Vergessens scheint - doch als sie ihn finden, finden sie nicht, was sie suchten.
(Geschichte inspiriert von 'Aus der Asche')

Erbeben

Von dem, was es heißt, Borons Willen zu tun

Dunkelheit der Nacht. Stille, heimlich- leise Stille. Ruhende Stille. Friedliche Stille. Samtenes Tuch, das das Antlitz Deres verhüllt um die Augen vor Schrecken und Freude, Glück und Leid für wenige Stunden zu schließen.
Frieden, Stille und Ruhe... das Sinnbild dessen, was Angwi Thalionmel Galahan sonst ausstrahlte. Und auch jetzt sah man der so schweigsamen Boroni rein äußerlich kaum eine Gemütsregung an. Schmerz vielleicht, während das Blut aus ihren unversorgten, zum Teil schwereren Wunden rann und schließlich zu schorfen begann, wo nicht das geschwärzte Kettenhemd durch seine Reibung ein solches verhinderte. Erschöpfung, während sie den ausgemergelten aber dennoch nicht leichten, leblosen Körper trug. Mit langsamen, humpelnden Schritten, denn viel ihrer Kraft war ihr nicht mehr geblieben. Reto, Bruder Zyriak, Coran Crassberger, der Tod... all diese Namen hatte der Mann getragen. Vom Kind zum Mörder zum Totengräber zum Boroni und dann zum Flüchtenden war er geworden, als Boron ihm sein Schicksal enthüllte.
Forderte der Herr des Schweigens wirklich die Seele jenes Mannes, um den Stab des Vergessens zu retten? Oder hatte Bruder Zyriak das falsch verstanden? War das Opfer nun überhaupt noch zu leisten... jetzt wo...
Noch einmal lief der zurückliegende Abend vor dem inneren Auge der Golgaritin ab. Wie sie den lange Gesuchten endlich fanden... und wie er ihre Bitte sein Schicksal zu erfüllen mit Gleichgültigkeit abschlägig beschied. Wie keines ihrer Worte- und für ihre sonstige Schweigsamkeit hatte die Geweihte des Herrn der endgültigen Stille sehr viele Worte gemacht- ihn hatte überzeugen können. Nicht die Schrecken Warunks und des schwarzen Drachen. Nicht die vielen Toten und die Zerstörung Gareths. Nicht einmal ihr eigenes Angebot seinen Platz einzunehmen. Natürlich war es wohl vermessen, überhaupt zu glauben, dass dies ihre Berufung werden könne, doch das Angebot war von Herzen gekommen. Was gab es ehrenvolleres, als eine solche Aufgabe von Boron? Doch Bruder Zyriak hatte ein anderes Leben geführt als sie... und am Ende war er voller Gram und Bitterkeit und voller Abneigung gegen die Götter und die Welt gewesen, wenn sie es richtig interpretiert hatte. Er hatte sogar in Kauf genommen, nach seinem Tode vielleicht niemals Einlaß in Borons Hallen zu finden und ewig als Geist zu wandeln... nur um seinem Schicksal zu entkommen. Aber stimmte das, was er gesagt hatte? Denn warum hatte er dann den Tod...
Angwis Gedanken sprangen wieder.
"Wollt Ihr sein Werkzeug sein?" Hatte Bruder Zyriak beinahe aufreizend gefragt, und sie damit völlig in die Enge getrieben. Genaugenommen war sie nichteinmal auf den Gedanken gekommen, dass sie ihn zu irgendwas zwingen müsse... dass sie ihn gefangensetzen könne... denn wenn ein solches Opfer erzwungen geschah... welchen Wert hatte es dann? Aber mit diesem Satz hatte Bruder Zyriak ihr irgendwie verdeutlicht, dass er vielleicht niemals wieder auffindbar sein würde, wenn sie ihn jetzt verließ. Und sie als Diener Borons... hatte auf ein Gottesurteil, einen Fingerzeig gehofft, während ihre innere Ruhe bereits dort ins Wanken geriet. Wie hatte dieser Mann, der berufen worden war, so sehr an den Göttern zu zweifeln beginnen können? Dass sie mit ihm kämpfen müsse um ihn überhaupt zu irgend etwas zu bewegen, das hatte er ihr zuvor schon mitgeteilt.
Ihr Blick glitt zu dem kaum noch erkennbaren Gesicht des Toten, blutverschmiert, der Schädel eingeschlagen...
"Fragst du mich als Menschen, Bruder, dann möchte ich nicht gegen dich kämpfen. Aber fragst du mich als Diener Borons, dann habe ich keine andere Wahl." War ihre Antwort gewesen und dann hatte sie sich erhoben, von dem Feuer, wo sie gemeinsam mit ihm das Mahl teilte, war zurückgetreten, hatte ihre gesegnete Waffe gezogen und auf ihn gewartet.
Der Kampf war eigentlich von Anfang an entschieden gewesen, und so hatte sie die Gefährten gebeten einzugreifen, wenn sie fiele... denn was konnte eine zwar schlachtenerfahrene Kämpferin vor dem Herrn einem Veteranen der Maraskan-Kriege entgegensetzen? Und wirklich... von Anfang an war sie sich in dem Abtausch der Schläge vorgekommen, wie die Maus mit der die Katze spielt. Unfähig einen eigenen Treffer zu landen, hatte Bruder Zyriak ihr hier einen Schlag beigebracht, dann dort und nur mühsam war es ihr gelungen zu parieren. Ihr Blut hatte den Boden getränkt ohne dass sie ein einziges Mal seine Deckung durchdringen konnte. Bis Nezahet mit seinen arkanen Kräften eingegriffen hatte... Aus dem Augenwinkel war Angwi trotz der Stresssituation nicht entgangen, dass Liasanna ihren Bogen bereit machte und Yann mit sich rang... Doch dann war geschehen, was sie erst recht verwirrte. Einen Schlag von ihrem Rabenschnabel abfangen zu scheinend hatte der Veteran der Maraskankriege plötzlich sein Tuzakmesser gesenkt... und ihr Schlag hatte seinen Schädel zertrümmert. Die Katze hatte sich der Maus ergeben... War es das Richtige gewesen? Was hatte Boron diesem Mann gezeigt, dass sein Leben so voller Bitterkeit, voller Flucht gewesen war? Durch ihre Hand dahingestreckt. Nicht der erste... doch vergessen... nein, vergessen würde sie diesen Mann niemals mehr. Nicht zuletzt wegen des Stabes des Vergessens...
Hatte sie sich nicht genaugenommen auf seine Stufe begeben? Warum hatte er die Waffen gestreckt? Um ihr zu entkommen? Um dem Willen Borons zu entgehen? Aber wie das? Am Ende.. bekam der Tod sie alle. Und am Ende wurde alles gut. Spätestens mit dem Verlöschen des eigenen Lebens, vergingen alle Sorgen, Nöte, Ängste, Schmerzen. Aber so anfühlen... das tat es sich gerade nicht. Wie hatte sie auf dem Schlachtfeld Wehrheims solchen Trost spüren können... und fühlte sich nun so klein, so hilflos? Dass es nur eine Frage von ein wenig Zeit sein würde sich zu erholen, das wusste der Teil von ihr, der seelenheilkundig war gut. Die Frage, ob sie das Richtige getan hatte, nagte dennoch zweifelnd in ihrem Inneren. Was nun werden sollte, das hauchte ebenfalls ängstlich durch ihren Kopf, leise im Hintergrund. Die Gewissheit, einfach zu vertrauen und vertrauen zu können, das lehrte ihr Glaube.
Noch ein Schritt, und noch einer. Das Geräusch der Pferde und der Gefährten, die ihr ebenso schweigend folgten. Keiner hatte sie angesprochen, keiner ihr aufgedrängt die Last abzunehmen. Noch nichteinmal lange vereint... und doch so vertraut. So lange Leben in ihnen allen war, würden sie zusammenstehen. Und Schritt für Schritt weiter gehen... bis zum Ende. Bis zu Boron. Heute war es nicht dieser Gedanke, der ihr Kraft gab... sondern das bloße Dasein von Freunden, deren Anwesenheit ihr half, jeden nötigen Schritt zu tun. Bis die Sonne aufging, sie Winhall erreichten, und Angwi Thalionmel Galahan die sterblichen Überreste Bruder Zyriaks auf den Altar des Borontempels bettete, ehe Blutverlust und Erschöpfung die Golgaritin in die sanften, dunklen Arme einer Bewusstlosigkeit schlossen.

Von Ragnhild Nitz

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