Bis wir uns wiedersehen Alte Wunden
Löwe und Einhorn Schritte auf deinem Grab
Solch sorglose Zeiten Das Ende meiner Freiheit
Zu lange vergangen  

Zu lange vergangen

Was vorbei ist, wirft doch lange Schatten

Ich begrub meinen Vater, beinahe alleine und in borongefälliger Stille. Obwohl das halbe Gut anwesend gewesen war – mein Vater hatte stets Wert darauf gelegt, dass auf seinem Gut die Arbeiter eine passende Bezahlung erhielten und hatte stets hohe Beliebtheit genossen, hatte ich mich in meinem Leben selten einsamer gefühlt.
Viel hätte ich darum gegeben, diesen schwersten Gang mit meiner Schwester an meiner Seite gehen zu können, doch die letzte Nachricht, die ich von Esybilla erhalten hatte, war aus Al’Anfa gewesen und drei Monde alt, und ich hatte durchaus Grund zu der Annahme, dass sie die Schwarze Perle bereits wieder verlassen hatte. Silvano war mit einem Lehrer der dortigen Nandusschule bekannt, der, auf Besuch in Kuslik, durchaus bestätigte, meine Schwester dort gesehen zu haben, allerdings vor längerer Zeit. Es sah nicht nach Esybilla aus, in Al’Anfa zu leben und die Magierakademie auf längere Sicht zu meiden.
Ein Brief, den ich noch am Tage nach dem Tode meines Vaters aufgab, blieb ebenso unbeantwortet, und es schien, als habe der Regenwald der südlichen Gefilde meine Schwester verschluckt, als wolle man sie vor mir verbergen.
Ich war besorgt und traurig, doch nicht übermäßig, kannte ich meine Schwester doch zwar als Person von großer Neugier und großem Wagemut, doch wusste ich auch, dass sie sich zu helfen wusste und vertraute ihr auf ihren Pfaden.
So fiel es Silvano zu, meinem alten Freund aus Kindertagen, mich zu trösten. Er verbrachte viel Zeit in Montana und wir sprachen lange, über meinen Vater und anderes…

Der Abend war lau, und sie saßen auf der Veranda des Gutshauses. Der Hausdiener hatte einige Korbstühle nach draußen gestellt und sich dann zurückgezogen, so dass es Andrego selbst zugefallen war, seinem Freund einen der guten Tropfen, für die Montana bekannt war, zu kredenzen. Er hatte sich für einen Wein von vor zwei Jahren entschieden, als der sonnige, warme Sommer einen besonders vollmundigen Jahrgang herausgebracht hatte. Es existierten nicht mehr viele Flaschen davon, ein Großteil der Produktion des Jahres war an diverse Höfe, darunter auch nach Vinsalt gegangen.
Andrego schwieg beharrlich, während er die Gläser füllte. Er war sich Silvanos stirnrunzelnd sorgendem Blick durchaus bewusst, und dennoch wollte ihm kein lockerer Gesprächsanfang über die Lippen kommen, kein philosophisches Thema, über das sie hätten eine gemächliche Stunde oder zwei disputieren können, mit Rede und Gegenrede, Worten, geschliffen wie Stahl, einem Kampf um einen Preis, der eigentlich keinen von ihnen wahrhaftig interessierte.
„Wie geht es dir?“ fragte der Nandusgeweihte also unverblümt, kaum dass sich der neue Hausherr in seinen Korbstuhl hatte sinken lassen. Direkt genug – doch Silvano beschlich das Gefühl, dass die Situation eher danach verlangte, lag es auch nicht in seiner Natur.
Andrego seufzte leise.
„Gut genug, möchte man meinen. Es gab wenige Schwierigkeiten bei der Übernahme des Gutes. Es zahlt sich aus, dass mein Vater mir schon zu Lebzeiten viel übertragen hat, gerade in der Alten Kelterei, wo wir die Jahrgangsweine machen, hat sich für die Leute eigentlich gar nichts geändert. Die viele Sonne dieses Jahres tut der Rebe gut. Ich kann mich nicht beschweren.“
„Das ist schön zu hören“, bestätigte Silvano und betrachtete die letzten Strahlen der untergehenden Sonne nachdenklich durch sein Weinglas. „Aber das meinte ich nicht, und das weißt du auch.“ Andrego seufzte.
„Es geht eben immer weiter, es muß ja.“
„Das klingt nicht gerade ermutigend“, wandte Silvano ein wenig unglücklich ein und nahm einen Schluck Wein, doch der Freund hob nur die Schultern.
„Mir geht nicht aus dem Kopf, was Mira gesagt hat, in der Nacht, als er starb.“
„Was hat sie denn gesagt?“ hakte Silvano nach, doch Andrego tat sich schwer mit der Antwort. Augenblicke lang blickte er nachdenklich in die letzten Grüße der Sonne, die im Efferd den Himmel hellblau färbten, bevor er schließlich leise sprach.
„Daß er vergiftet worden ist.“ Silvano hatte Mühe, den eben zu sich genommenen Schluck Wein bei sich zu behalten.
„Das kann nicht dein Ernst sein“, prustete er heraus.
„Es ist nicht mein Ernst, sondern Miras. Und ich halte sie nicht für jemanden, der voreilige Schlüsse zieht.“
Silvano nickte nachdenklich, während seinen Augen deutlich anzusehen war, dass er die Information bereits verdaute, bewertete, einordnete und seine eigenen Schlussfolgerungen zog.
„Verstehe. Aber… warum?“
Andrego hob die Schultern.
„Das ist eine sehr gute Frage. Um der Wahrheit die Ehre zu geben – ich weiß es nicht. Natürlich hat er Feinde, alles andere wäre eher verdächtig. Aber ich kann mit nicht vorstellen, dass einer von ihnen so weit ginge, ihn wirklich beiseite zu schaffen. Zumal er natürlich auch Freunde hatte.“
„Die nun auch nicht gerade Alrigio aus der Schreinerwerkstatt sind, ich verstehe was du meinst.“ Silvano klang fast ein wenig abwesend, so als gäbe er im Moment seinen Gedanken, nicht seinen Worten den Vorzug.
„Hat sich irgend etwas verändert in den letzten Wochen vor seinem Tode? Merkwürdige Botschaften, Reisen, ein Streit?“ Doch Andrego verneinte alle drei und blickte den Freund ratlos an. „Dann hat wohl eher jemand auf eine Gelegenheit gewartet“, schlussfolgerte de Nandusgeweihte. „Dann ist wohl im Hintergrund irgend etwas geschehen, irgend etwas, das mit deinem Vater nichts zu tun hatte, das aber irgend jemandem einen größeren Handlungsspielraum als zuvor gab. Die Frage ist, welcher Streit ist so schwerwiegend, dass man das Risiko eingeht?“
„Das vermag ich kaum zu beurteilen“, gestand Andrego ein. „Gewiß könnte ich dir eine Reihe von Namen geben, politische Gegner meines Vaters, aber eigentlich halte ich sie weder für willens noch einer solchen Tat für fähig.“
„Und etwas jenseits davon? Aus seiner Vinsalter Zeit?“
„Das ist eine gute Frage. Ich weiß wenig darüber.“
„Und ich noch weniger“, fügte Silvano an. „Vielleicht kannst du mir davon berichten, mag sein, dass sich hier etwas verbirgt, das wir noch nicht entdeckt haben.“
„Er ist Mitglied der Adlergarde gewesen“, sagte Andrego nachdenklich und legte spitze Finger um das schlanke Glas. „Leutnant, wenn ich mich nicht irre.“
Silvano nickte und nahm einen Schluck, bevor er einen weiteren, diesmal deutlich wohlgezielteren Pfeil abfeuerte.
„Wie seid ihr eigentlich zu Montana gekommen?“
Andrego stellte den Wein ab.
„Es war ein Geschenk Ihrer Majestät der Horas an einen verdienten Diener.“
Silvano hob beide Brauen.
„Ein wahrhaftig königliches Geschenk, Andrego. Besonders, wenn man so bedenkt, dass es nicht nur ein Lehen war. Hast du dich je gefragt, was er getan hat, um das zu verdienen?“
„Sicherlich habe ich das.“ Andregos Lächeln war trocken und nur Lidschläge davon entfernt, bitter zu sein. „Ich habe es sogar ihn gefragt. Aber Antworten habe ich niemals erhalten.“
„Und es war auch nichts in seinen Unterlagen?“
„Nichts, das ich erkannt hätte, Silvano. Ich weiß es wirklich nicht.“ Der Nandusgeweihte nickte und schwenkte den Rotwein nachdenklich in dem kristallenen Glas hin und her, beobachtete die kleinen Wirbel, die durch seine Bewegung entstanden.
„Ich frage mich, was für Gesetzmäßigkeiten das hier folgt“, murmelte er gedankenverloren, einer seiner bisweilen auftretenden Sprünge von einem Thema zum anderen, die oft mit etwas zusammenhingen, das er sah, das seine Aufmerksamkeit fing. Doch nur allzu schnell schüttelte er den Kopf und wandte sich wieder Andrego zu. „Du solltest es herausfinden“, riet er, und beide wussten, dass er nicht von den Wirbeln im Wein sprach. „Das ist der Schlüssel zu allem, wenn ich mich nicht täusche.“ Andrego seufzte. Er hatte diesen Gedanken auch schon gehabt.
„Nebenbei, gibt es Neuigkeiten von Esybilla?“ Der junge Gutsherr schüttelte den Kopf.
„Ihre Spur verliert sich in Al’Anfa, die Götter allein wissen, wo sie sich im Moment aufhält. Sie könnte überall sein – nun ja, zumindest an jedem Ort, der ihr nicht erlaubt, mir einen Brief zu schreiben.“
„Glaubst du, dass sie in Schwierigkeiten ist?“
Andrego schüttelte vehement den Kopf.
„Nicht mehr als sonst, wenn du mich fragst. Esybilla weiß sehr wohl auf sich aufzupassen, sie ist eine Zauberin, du erinnerst dich.“
Silvano nickte nachdenklich.
„Trotzdem könnte sie uns hier sehr hilfreich sein. Ich habe nachgedacht, Andrego. Vielleicht sollten wir Esybilla in dies hier einbeziehen.“
Der junge Gutsherr runzelte verärgert die Stirn.
„Ich nehme an, dass das ein Spass sein soll, Silvano. Ich sagte doch gerade, dass ich keine Ahnung habe, wo sie ist.“
„Ich weiß“, gab der Nandusgeweihte zu. „Aber es gäbe da vielleicht… eine Möglichkeit. Unter meinen Bekannten befindet sich eine junge Dame mit… sehr exklusiven Talenten. Sie… wäre möglicherweise in der Lage, Kontakt mit ihr aufzunehmen, auf magischem Wege.“
„So etwas ist möglich?“
„Nun, ich habe sie vorsichtshalber einmal gefragt – rein hypothetisch, versteht sich. Aber sie hält es für möglich, wenn du einen persönlichen Gegenstand von ihr hier hast. Irgend etwas, das wichtig für sie ist.“
Andrego nickte stumm, während sich seine Gedanken schon überschlugen.
Esybilla.
Wie sehnte er sich nach den klaren Worten seiner Schwester.

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