Bis wir uns wiedersehen Alte Wunden
Löwe und Einhorn Schritte auf deinem Grab
Solch sorglose Zeiten Das Ende meiner Freiheit
Zu lange vergangen  

Auf die sorglose Zeit folgt eine, die Andrego lehrt, was Verantwortung heißt. Und viel zu früh muß er ein Spiel spielen, das ihm nicht besonders gefällt, und das doch nur allzu notwendig und gefährlich scheint.

Das Ende meiner Freiheit

Die Fesseln, die Montana in ihren Klauen halten

Drei Jahre währte unsere herrlich freie Zeit, doch dann rief mein Vater mich nach Hause. Meine Schwester, entgegen allen Erwartungen, verließ Kuslik im Stande einer Adepta, und nun war es ihre Stunde, die Welt zu erkunden und sich an ihren fernen Wundern zu erfreuen. Mich rief Montana. Mein Vater hatte bereits bei unserem Aufbruch betont, dass meine Befreiung von den mir auferlegten Pflichten nur so lange währen würde, bis Esybilla sich auf Reisen begeben würden. Ich wusste zu jenem Zeitpunkt nicht, warum er darauf bestand, einen von uns beiden stets im lieblichen Feld zu wissen und begriff es zu spät, doch bis heute stehe ich zu meinen Versprechen und damals hielt ich es nicht anders.
Ich bedauerte den Verlust dieser herrlichen Freiheit, und ich bilde mir ein, dass es Silvano ebenso tat, denn er verband sein Schicksal mit dem meinen und kehrte ebenfalls zurück ins Liebliche Feld, nach Vinsalt, um das Erlernte zu begreifen und zu vertiefen. Auf mich hingegen warteten andere Aufgaben. Das Führen eines Weingutes wie dem unseren mag nun auf den ersten Blick verblassen gegen die Aufregungen des Wanderlebens, doch ich habe Montana immer gemocht und es lag mir sehr am Herzen.
Die steten Briefe Esybillas ließen mich teilhaben an den Aufregungen ihres Lebens, so dass ich wenigstens in Teilen die Freiheit des Reisens noch erahnen konnte, und ich bewegte mich zwischen Vinsalt und Montana in regelmäßiger Abfolge.
Es war wohl nicht nur mein Vater, der es für selbstverständlich hielt, dass ich begann, am öffentlichen Leben im Horasreich teilzuhaben. Ich knüpfte Kontakte auf Vinsalter Gesellschaften, reiste bisweilen in politischem Auftrage nach Kuslik, und wurde von meinem Vater auf allerlei Botengängen durch das Liebliche Feld gesandt, auf denen ich unsere Verbündeten ebenso wie unsere Feinde einschätzen lernte.
In der Erinnerung meiner Kindertage ist Montana stets ein Hort der Ruhe und des Friedens gewesen. Gewiß lernt man als Kind im Horasiat früh das Zusammenspiel von Beziehungen und Intrigen, doch in meinen Gedanken war dies stets losgelöst von dem friedlichen Fleckchen Erde, das uns als Heimat diente.
In jenen Jahren, denen ich den Allianzen meines Vaters zu Willen war, lernte ich, dass jener Frieden teuer erkauft war, dass nur ein komplexes Geflecht aus Freunden und Feinden uns in jener Ruhe hielt, die kein Sturm, keine Gewitterwolken zu bedrohen können schien. Was Silvano angeht, so begab er sich oft auf seine eigenen Reisen, war überall und nirgends in unserem Land zuhause. Bisweilen trafen wir uns, er als Gast auf unserem Gut oder wir beide als Fremde in einer anderen Stadt, tauschten uns aus, doch als er schließlich in Kuslik wieder sesshaft wurde, überraschte mich das.
Gewiß freute es mich auch, denn die Perle am Meer ist kaum zwei Stunden von Montana entfernt, gerade ein Stück die Kronstraße herunter und dann in Richtung Rahja gewandt, und so sah ich herrliche Zeiten auf uns zukommen, in der wir uns auch bisweilen des Abends würden treffen können, ohne dass dies eine besondere Gelegenheit oder langwierige Briefe erforderte.
Dennoch ist doch in den Landen der Horas allgemein bekannt, dass Kuslik und Vinsalt wohl niemals die einander liebenden Schwestern sein werden. Man betrachtet einander eher mit Misstrauen, und so wunderte es mich doch sehr, dass mein Freund, der sich, ähnlich wie ich, stets der Vinsalter Fraktion zugehörig fühlte, die Leitung einer Loge in Kuslik übernahm. Noch heute vermute ich dahinter einen Schachzug Rumina Dranescos, die das Spiel der Intrigen wohl zu spielen weiß, wie allerdings sie Silvano an jene Position manövrierte ist und bleibt mir ein Rätsel.
Wir genossen die Zeit und besuchten einander oft. Auch wenn auf unserer beider Schultern die jeweiligen Verantwortungen immer schwerer zu lasten begonnen hatten, so blieb doch immer noch ein wenig Zeit, alte Erinnerungen und Gewohnheiten aufleben zu lassen. Wir schwelgten in Remineszenzen an unsere Reisen und lernten viel voneinander, ich mehr von ihm, wenn er auch galant genug war, dies abzulehnen.
Der Tod meines Vaters brach wie ein brutaler Schnitt in diese, wenn schon nicht heile, so doch wohlgeordnete und wohldefinierte Welt. Er traf mich plötzlich und vollkommen unerwartet und war Vorbote übler Zeiten, doch in jenen Tagen konnte darin nichts anderes sehen als ein Ereignis, das mich mit Trauer und Schmerz erfüllte, dass mir das Denken schwer fiel.
Es muß in der Nacht gewesen sein, wohl weit nach der nächtlichen Tsastunde, als sich sein Zustand so verschlechterte. Ich war in Kuslik gewesen und erst spät in der Nacht zurückgekehrt – wie sehr habe ich seit dem diese Reise bereut, und wie dankbar muß ich doch sein, dass ich allein aus diesem Grunde noch am Leben bin, um diese Zeilen zu berichten – und hatte mich gleich zu Bett begeben.
Kaum zwei Stunden später riß mich der Kammerdiener meines Vaters aus dem Schlummer.

„Junger Herr!“
Die alten Reflexe vergessen benötigte er eine Weile, um aus den Tiefen der Arme Borons aufzutauchen. Er wurde bequem, wie er sich später schalt, wenn er nicht mehr imstande war, von einem Augenblick auf den anderen hellwach und wehrbereit zu sein. Welch Schande für einen Krieger… Orlando stand vor ihm im Nachtgewand, das Gesicht in besorgte Furchen zergraben, eine Kerze in kostbarem Halter in der Hand und rüttelte seine Schulter ein ums andere Mal.
„Junger Herr!“
Er setzte sich im Bett auf, als Alarmierung mit Verspätung zu ihm gelangte. Dese nächtliche Störung konnte nur Unangenehmes bedeuten.
„Was gibt es, Orlando?“ fragte er also, nicht unfreundlich, doch in jenem Kommandoton, den er von der Akademie gewöhnt war, wenn Eile geboten schien.
„Euer Vater.. ich weiß es nicht genau… wohl seit gut einer Stunde. Zuerst dachte ich, er träumt nur schlecht und wirft sich hin und her, aber dann bin ich zu ihm hineingegangen und…“ Weiter kam er gar nicht. Andrego sprang aus dem Bett und eilte auf bloßen Füßen über die gebohnerten Dielen. Der Leibdiener mühte sich nach Kräften, ihm zu folgen, doch so außer Übung war er noch nicht, dass sein Schritt in Zeiten der Not nicht immer noch schnell gewesen wäre.
Das Zimmer seines Vaters war nicht weit entfernt, und als er die Türe aufstieß, wurde geradezu offensichtlich, dass er jedes Flehen zur Herrin Peraine würde bitter nötig haben. Yasindigo di Montana warf sich in Krämpfen in seinem Bett hin und her. Sein Gesicht war blau angelaufen, die Lippen blaß, und er rang mit aller Gewalt nach Luft, die ihm doch verwehrt zu bleiben schien.
„Vater!“ Der junge Krieger stürzte entsetzt auf das Bett zu und griff nach der Hand des Alten, wandte sichnoch einmal zu dem wie betäubt dastehenden Hausdiener um. „Mira, schnell!“
„Ich.. habe schon nach ihr gesandt“, murmelte der Angesprochene automatisch, stellte mit einer mechanischen Bewegung die Kerze auf eine kleine Kommode. Andrego hingegen wandte sein Augenmerk dem Vater zu, der nur zu offensichltihc mit dem Tode rang. Wieder und wieder schüttelten Krämpfe seine kräftige Gestalt und er nahm seinen Sohn gar nicht wahr, der versuchte, in leisen, beruhigenden Worten zu ihm zu sprechen.
Es mochten Minuten oder Stunden vergangen sein, in denen der Zustand des Herrn von Montana sich stetig zu verschlechtern schien. Dann kündigten schnelle Schritte das Kommen von Mira an, der Heilerin, die in einem kleinen Haus in der Nähe des Gutes lebte und sich umd as leibliche – und manchmal auch seelische – Wohlergehen der Bewohner Montanas kümmerte. Sie war offensichtlich noch nicht im Bett gewesen, die blonden Haare noch sorgsam zu einem Knoten aufgesteckt. Das war an sich nicht ungewöhnlich – Mira behauptete stets, in der Nacht am besten arbeiten zu können, und nachdem Esybilla ihm im Vertrauen berichtet hatte, daß die Frau, die im Alter von wohl zwanzig Jahren auf den Hof gekommen war, latent magiekundig sei, konnte er das auch nicht vollkommen von der Hand weisen.
Mira beugte sich vor und fühlte den Puls des Herren, öffnete den krampfenden Mund um an dem Atem zu riechen, untersuchte Hände und Augen.
Ihre Bewegungen waren schnell und sicher, doch Andrego wandte den Blick zu ihrem Gesicht und sah, wie sie die Lippen zusammenkniff. Das wenige Licht ließ ihre Züge im Halbdunkel liegen, doch der Ausdruck darauf war mindestens ebenso düster. Ihm sank das Herz. Schließlich griff Mira in die Umhängetasche, die sie mit sich geführt hatte, zerrieb einige Kräuter unter der Nase des herrn von Montana. Für einen Augenblick schien es, als würde er leichter atmen, doch die Erholung hielt nicht an. Die Stirn gefurcht blickte die Heilerin auf ihn herab.
„Was ist mit ihm?“ Andrego hielt es nicht mehr aus. Miras Gesicht verriet nichts gutes. Und schließlich schüttelte sie den Kopf.
„Ich weiß es nicht genau“, flüsterte Mira und nahm mit dem Finger etwas von dem Speichel auf, der Yasindigo aus dem Mundwinkel auf die Kissen rann, um daran zu riechen. „Da ist etwas merkwürdiges in seinem Atem.“
„Wovon sprecht Ihr?“ fuhr Andrego auf und bereute die harten Worte beinahe sofort, fand jedoch nicht die Kraft, sich zu entschuldigen. Mira nahm es ihm nicht übel. Ihre blauen Augen verengten sich.
„Ich kenne keine Krankheit, die solches verursacht.“
Ein Stöhnen von dem Bett, mühsam herausgepreßt zwischen schmerzvollen Atemzügen, erregte ihrer beider Aufmerksamkeit.
„Vater!“ Andrego rüttelte sanft an seiner Schulter, rief ihn noch ein weiteres Mal, und tatsächlich schienen die Krämpfe ein wenig nachzulassen.
Der Herr von Montana hob die Lider, doch selbst als er versuchte, in die Richtung zu blicken, in der sich sein Sohn befand, fokussierten die Pupillen kaum und er sah durch Andrego hindurch, als sei er gar nicht da. Seine Lippen bewegten sich, mühsam und gequält, und der Jüngere beugte sich vor, um besser hören zu können.
„Finde...“, flüsterte er mit rauher Stimme. „... Adler....“
Der mühsame Atem brach ab, und entsetzt blickte der junge Krieger seinen Vater an. Doch das Lebenslicht hatte den Körper des Herrn von Montana verlassen. Und die Augen, zur Seite gewandt, blieben blicklos.
„Vater...“, flüsterte er, spürte kaum die Hand auf seiner Schulter, mit der Mira vergeblich versuchte, Trost zu spenden, die Situation so wenig real, als erwarte er immer noch jeden Augenblick, aufzuwachen, schweißgebadet, aber ansonsten in einer unveränderten Welt.

Der Morgen graute, bis es ihm gelungen war, sich zu fassen. Die Augen rot von vergossenen Tränen, der Gang schwer und gebeugt, blickte Andrego schließlich auf. Mira saß immer noch neben ihm am Bett des Toten, dessen Augen sie inzwischen geschlossen hatte, eine ruhige, unaufdringliche Gestalt in einfachem grünen Kleid, die mal zu ihm, mal zu dem Verstorbenen blikte und sich ansonsten mit dem Warten begnügte.
Er war schon wieder genug er selbst, um vages Unbehagen darüber zu verspüren, daß er sich in Gegenwart einer Fremden so hatten gehen lassen, doch der Schmerz war noch zu frisch, als daß dieser Gedanke wahrhaftig in den Vordergrund gelangen könnte.
„Würdet Ihr...“ begann er und stellte fest, daß seine Stimme kaum diese Bezeichnung wert war.
„Würdet Ihr nach einem Boronpriester schicken, ich bitte Euch.“
Leise erhob sich die Heilerin.
„Es tut mir sehr leid, Signor“, antwortete sie leise, nicht auf seine Frage, aber auf den Schmerz in seinen Augen. „Ihr wißt, daß auch ich trauere.“ Andrego nickte stumm. Mira hatte Yasindigo viel zu verdanken, der die landlose Reisende einst aufnahm und ihr ein Zuhause gab. Und ind er Tat waren Tränenspuren auch auf den blassen Zügen Miras. „Selbstverständlich werde ich nach einem Priester schicken“, fuhr Mira fort. „Doch zuvor...“
Sie neigte ein wenig unsicher den Kopf.
„Junger Herr... ich wünschte, ich müßte Euch nicht belasten mit solchen Dingen,und schon gar nicht an diesem Tag. Aber die gesamte Nacht habe ich darüber nachgedacht, woher ich diesen Geruch kenne, und nun...“
Andrego spürte, wie sich eine unangenehme Spannung in seinem Magen aufbaute. So wenig Sinn wie er auch aus den letzten Worten seines Vaters ziehen konnte, es waren doch sehr seltsame Worte für einen sterbenden Mann gewesen.
„In den Sümpfen östlich von Drol wächst eine Pflanze, die ähnlich riecht. In der Nähe von Siedlungen hat man sie ausgerottet, denn ihr Gift tötet sehr schnell, auch den Unvorsichtigen. Allein, in Mengbilla, und ich fürchte auch in Drol selbst, können jene, die wissen,w o sie danach suchen müssen, das Gift dieser Pflanze erwerben. Der plötzliche Tod Eures Vaters ist kein Zufall, junger Herr, und auch keine Laune Borons. Was hier geschah ist von Menschen gemacht.“
Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. „Gift?“ fragte er verblüfft. „Aber... warum?“ Ein wenig hilflos hob Mira die Schultern, obwohl Andrego von ihr auch keine wahrhaftige Antwort erwartet hatte.
„Ich werde Euch nicht fragen, woher Ihr diese Pflanze kennt“, sprach er schließlich leise, „und ich danke Euch für Eure Offenheit. Doch für den Moment werde ich um meinen Vater trauern... und seinen Mörder später jagen. Ich würde Euch bitten, für Euch zu behalten, was Ihr über die genauen Umstände wißt. Ein jedes Ding hat seine Zeit. Und der Boronsritus soll ungestört verlaufen.“
Mira nickte und machte sich daran, sich umzuwenden, doch Andrego hielt sie noch einmal zurück.
„Mira... im Lichte dessen, was hier geschah.. ich würde Euch bitten, nach Vinsalt zu reisen. Sucht Silvano di Miranelli in der Baldurionstraße auf. Bittet Ihn herzukommen. So bald als möglich.“
Die Heilerin nickte ein weiteres Mal und wandte sich um, nach einer knappen Verbeugung.
Andrego wandte sich um und blickte auf die wie schlafend daliegende Gestalt seines Vaters. Und er begrub die Tränen tief in sich, um zu tun, was getan werden mußte.

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