Bis wir uns wiedersehen Alte Wunden
Löwe und Einhorn Schritte auf deinem Grab
Solch sorglose Zeiten Das Ende meiner Freiheit
Zu lange vergangen  

Sorglos sind Andregos und Silvanos Jugendjahre, und nichts deutet auf all die Schatten hin, die später nur zu sehr die Welt und ihr Leben bevölkern werden...

Solch sorglose Zeiten

Welch unbeschreibliches Geschenk ist die Jugend

Die Monde flogen vorbei wie die Jahre, und wir merkten es nicht. Die kleinen und großen Katastrophen des Lebens schweißten uns enger zusammen. Der frühe Tod von Silvanos Vater, der Konflikt des Nandustempels mit den Hesindianern, der Verrat der ai Okhaldikis, der Beinaheverweis meiner Schwester von der Halle der Antimagie zu Kuslik, Frauen, die Eskapaden der Jugend, alles wurde in unseren Gesprächen analysiert, bewertet, eingeordnet und bewältigt, als verstünde es die Kraft unseres Intellekts alleine, jede Hürde zu nehmen. Wir wuchsen heran und der Tag, an dem sich unser Leben ändern würde, rückte näher. Silvano lernte und las Tag und Nacht, um den Fragen Rumina Dranescos gewachsen zu sein und ich übte mich in Fechten und Schwertkunst, so dass uns kaum noch Zeit für unsere ursprünglichen Gespräche blieb.
Die Themen unserer seltener werdenden Treffen wandelten sich. Es schien, als beschäftige uns so vieles, das uns selbst betraf, in dieser Zeit, dass uns keine Kraft blieb, noch die Geschehnisse der Umgebung wahrzunehmen. Meine Zukunft schien gewiß. Ich würde beginnen, das Gut meines Vaters zu übernehmen, vielleicht, mit den Jahren, würde sich auch ein Amt bei Hofe einstellen, Turniere, das Leben, das mein Vater geführt hatte und noch immer führte. Was Silvano anging, so träumte er von einer Lehrreise, eine Wanderschaft, die ihn in die fernen Gebiete bringen würde, die er bisher nur aus seinen Büchern kannte.
Ich begann, beinahe unmerklich zunächst, doch später auch immer offener, seinen Traum zu teilen. Lange hielt ich mich für undankbar, meinem Vater und meiner Familie gegenüber und wagte nicht, ihn auch nur offen auszusprechen. Es ist bezeichnend, für meine jetzige Situation wie auch für ihren Lebensweg, dass es ausgerechnet meine kleine Schwester war, die mir die Augen öffnete und gehörig den Kopf wusch. Hätte ich sie nicht aufgehalten wäre auch sie es gewesen, die - vermutlich in der gewohnt undiplomatischen Art, die sie in jenen jungen Jahren an den Tag legte - zu meinem Vater marschierte, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, doch diesen Gang vollbrachte ich wie es sich gehörte, selbst.
Seine Reaktion überraschte mich, die Mischung aus tiefem Verständnis und leiser Trauer, von der ich vermutete, dass sie von einer verpassten Gelegenheit herrührte. Erst später habe ich erfahren, dass er in der Tat in seiner Jugend ebenso den Wunsch nach Aves' Gaben verspürte, doch nicht gewagt oder gewünscht hatte, die Stelle am Hofe, die ihm damals winkte, dafür auszuschlagen.
Kurz und gut - er ließ mich ziehen.
Welch eine herrliche Zeit hatten wir zwei! Mit nichts als ein wenig Handgeld in der Tasche, dem Degen an der Seite und viel Mut in unseren Herzen brachen wir auf, um durch die Lande zu reisen. Es war, wenn ich nun daran denke, vermutlich die beste, und sicherlich die sorgloseste Zeit meines Lebens. Wir durchstreiften das Mittelreich und die angrenzenden Lande, besuchten Festum und das Svellttal und die ganze Welt schien uns ein Abenteuer…

"Und jetzt?"
"Keine Ahnung. Ich schlage vor, dass wir das denjenigen fragen, der uns durch seine Galanterei den ganzen Schlamassel erst eingebrockt hat."
"Galanterei. Das kann ja wohl nicht dein Ernst sein." Andregos Stimme war ebenso wie die des Nanduspriesters kaum lauter als sein Flüstern. Alles andere wäre auch fatal gewesen in der engen Kammer, in die sie sich - gerade noch rechtzeitig - zurückgezogen hatten. "Als ob du das mitangesehen hättest."
Silvano zeigte keine Reaktion - zumindest keine, die Andrego im Dunkel der Kammer hätte erkennen können, und beschäftigte sich wieder damit, durch den schmalen Spalt zu beobachten, was draußen vor sich ging.
Der Mann, der sie in ihrer vorherigen Tätigkeit gestört hatte, durchschritt das Zimmer, der Tatsache nicht gewahr, dass wachsame Augen ihn beobachten. Ansonsten hätte er vielleicht davon Abstand genommen, sich derartig zielstrebig zum Schreibtisch zu bewegen und jenes Fach zu öffnen, das Andrego und Silvano vergeblich gesucht hatten. Die beiden jungen Männer hinter der halbgeschlossenen Tür wagten kaum zu atmen. Zwar war der junge Krieger sich recht sicher, im Falle des Falles auch gegen den Fremden bestehen zu können - seinem Ruf eilte nicht voraus, ein herausragender Kämpfer zu sein, aber wer wusste schon, ob er wirklich alleine hier war? Er wollte nur ungern in die Verlegenheit kommen, erklären zu müssen, was noch einmal genau der Sohn und Erbe des horasischen Landgutes Montana im tiefsten Albernia inmitten eines Händlerhauses in einem Wandschrank zu suchen hatte. So plausibel die Erklärung für ihre momentane Situation auch in seinen eigenen Ohren klang, andere mochten da durchaus taub dafür sein.
Es hatte alles mit Alina begonnen, der blonden, zierlichen Alina, die sie auf dem Markt zu Havena getroffen hatten. Es war ein solches Klischee aus einem der billigeren Romane, dass Andrego sich vermutlich schämen würde, diese Geschichte jemals seiner Schwester zu erzählen, wohl wissend, dass Esybilla wohl hauptsächlich Hohn und Spott für den Eindruck ihres Bruders, sie schützen zu müssen, übrig hätte. Und dennoch war es ihm nicht möglich gewesen, einfach an ihr vorbeizugehen, wo doch Qual und Traurigkeit so offen in ihren Augen standen. Er hatte nachgefragt, was die junge Frau bedrücke, und schließlich hatte sie sich ihm offenbart. Silvano hatte sich hinterher halb ernst, halb im Spaß über ihn lustig gemacht, und darüber, dass eine hübsche Dame wohl nur mit den Wimpern zu klimpern brauche, um den jungen Herrn di Montana Feuer und Flamme sein zu lassen, doch was diesen Punkt angeht, verkannte der Nandusgeweihte die Wahrheit. Hilfsbereitschaft hatte er - und auch seine Familie - stets zu schätzen gewusst, und mochte es auch sein, dass der Anblick des jungen Mädchens sein Pflichtgefühl verstärkt hatte, so war Andrego doch das Gefühl, für andere in die Bresche springen zu müssen, zu keiner Zeit wahrhaftig fremd.

"Meine Familie stammt aus dem Svellttal, in der Nähe von Lowangen. Wir hatten einen kleinen Hof, Felder, Vieh. Dann kamen die Orks…"
Die Stimme Alinas stockte und sie schluckte hart. Andrego fühlte den nicht ganz unfamiliären Stich des Schuldgefühls bei dem Gedanken, wie sich das Horasreich in dieser harten Zeit betragen hatte, schob sie jedoch zugunsten eines Nickens und einer sanften Hand auf ihrer Schulter beiseite. Sie hob den Blick, um den Horasier anzusehen, und Andrego mühte sich um ein aufmunterndes Lächeln, um einen sanften Druck auf ihrer Schulter.
"Uns ist nicht viel geblieben. Das Ajclemin aber…"
Der Unverstand Andregos musste sich wohl deutlich in seinem Stirnrunzeln gezeigt haben, und sie unterbrach sich und begann an anderer Stelle ihrer Geschichte von neuem.
"Das Ajclemin ist ein Amulett. Silbern… glaube ich, und es sind Zeichen darauf. Ich kann sie nicht lesen, keiner von uns konnte es. Aber es hat uns schon immer gehört. Meine Mutter hat es mir gegeben, und sie hat es von ihrer Großmutter. Aber jetzt…"
Sie fuhr sich mit einer Hand durch das blonde Haar, während der Liebfelder sich vorsichtig ein Stück zurückzog, um ihr mehr Raum zu geben.
"Wir sind geflohen, als die Orks kamen. Zuerst nach Andergast, aber da wollte man uns nicht, also sind wir weiter. Jetzt wohnen wir hier, und meine Mutter ist Flickschneiderin, aber ich will mich nicht beklagen. In jedem Fall trug ich das Ajclemin bei mir, vor drei Tagen, als mich auf dem Markt dieser Mann ansprach. Er hatte das Amulett gesehen und hielt es für wertvoll. Er bot mir fünf goldene Dukaten dafür, dass er es untersuchen dürfe, fünf Dukaten, stellt Euch das vor! Ich hätte vielleicht nicht annehmen sollen, aber meiner Mutter geht es nicht besonders gut, und… nun ja. Ich gab ihm das Ajclemin und er gab mir einen Dukaten versprach das Amulett in zwei Tagen wiederzubringen und den Rest zu bezahlen. Er hat beides nicht getan…"

Und so hatte Andrego gar nicht anders gekonnt, als ihr Hilfe zu versprechen. Schnell hatten sie anhand der Beschreibung einen örtlichen Gelehrten ausgemacht, und spätestens als Silvano erfuhr, dass tatsächlich unter dem Deckmantel der Gelehrsamkeit übles Spiel getrieben wurde, war auch er Feuer und Flamme dafür gewesen, der jungen Dame ihr Amulett zurückzuholen. Es mochte wohl auch eine Rolle gespielt haben, dass der Nandusgeweihte neugierig ob der Beschreibung des Schmuckstückes geworden war - wer wusste schon, was für Geheimnisse sich dahinter verbergen mochten - und wenn es ihnen in die Hände fiele, so bliebe wohl noch ein Augenblick, es selbst zu untersuchen, bevor sie es der Dame zurückgaben.
Diesen Handel schließend hatten sich die beiden jungen Männer auf die Suche gemacht - und jene Suche hatte sie nun in den Wandschrank des Herrn Kalh Jaranenturm geführt, der gerade das gesuchte Objekt aus einer verborgenen Klappe seines großen Sekretärs nahm.
"Verphext", formten Silvanos Lippen, leise, doch so, dass Andrego es hörte und ihm einen warnenden Blick zuwarf. Er musste nicht sehen, was sein Freund sah, um zu wissen, was dort draußen wohl gerade geschehen war. Mit den Augen bedeutete er Silvano, weiter zu beobachten und der wandte seinen Blick wieder zurück zu Jaranenturm. Der Gelehrte hatte dem Geheimfach das Amulett entnommen und war nun damit beschäftigt, seine Schätze sorgfältig wieder einzuschließen. Ruhig und bedacht verstaute er das Kleinod in einem mitgebrachten Tuch und schließlich in einer Tasche, erhob sich wieder und wandte sich dem Ausgang zu.
Andrego, ungeduldig geworden, drängte sich näher an den schmalen Sichtspalt entlang um hindurchzuspähen, erhaschte gerade noch einen letzten Blick auf den den Raum verlassenden Mann. Nach einem kurzen Blick waren sich beide einig.
"Hinterher!"
Die Dunkelheit, unter deren Bedeckung sie sich entschlossen hatten, in das Stadtanwesen Jaranenturms einzusteigen - ein wenig zu früh in der Nacht dennoch wohl, wie sie gerade festgestellt hatten - war ein deutlicher Vorteil, dennoch würde sie ein falsch gesetzter Tritt wohl verraten, und so bemühten sie sich trotz Eile um Lautlosigkeit auf den knarrenden hölzernen Dielen.
Deutlich war zu hören, wie Jaranenturm die Treppe herunterging, und Andrego, der sich noch an die Tortur erinnerte, die es bedeutet hatte, lautlos eben jene Treppe hinaufzukommen, verzog das Gesicht bei dem Gedanken, ihm - wiederum leise - folgen zu müssen. Diesmal war es Andrego, der durch die Tür spähte, gerade och einen Blick auf den unwissentlich Verfolgten erhaschend, der durch eine Tür im Erdgeschoss trat und sie hinter sich schloß. Die günstige Gelegenheit nutzten die beiden, um die Treppe hinunterzuschleichen, zusammenzuckend bei jedem kleinen Knarzen, das sich auf dem alten Holz gar nicht vermeiden ließ. Doch das Haus blieb ruhig, als sie am Fuße der Treppe anlangten, tief durchatmend.
Sie schlichen Jaranenturm hinterher, durch die Tür hinein in den Flur, von dem die Räume des Erdgeschosses abgingen. Alles war ruhig, und so war es unmöglich zu sagen, hinter welcher der Türen sich nun der Gelehrte verbarg.
"Und jetzt?"
Andrego hob etwas ratlos die Schultern und blickte sich um. Die an der rechten Seite des Ganges auf den kleinen Platz vor dem Haus hinausgehenden Fenster waren mit schweren Vorhängen verhängt und beantworteten die Frage von ganz allein. Silvano grinste, flüsterte "wie in einem billigen Roman" und schlüpfte ohne viel Federlesens hinter den ersten der Vorhänge.
Andrego tat es ihm gleich, ließ sich auf der Fensterbank nieder, sorgsam darauf bedacht, dass man ihn auch von der Straße nicht sehen konnte, und so begann das Warten.

Es mochten Stunden vergangen sein, als sie schließlich hörten, wie sich eine der Türen im Gang wieder schloß. Vorsichtig teilte Andrego die Vorhänge ein kleines Stück, beobachtete wachsam, wie Jaranenturm so nah an ihm vorbeilief, dass er nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Beinahe instinktiv hielt er den Atem an, doch der Gelehrte schien nichts zu bemerken. Und, was das wichtigste war - er schien das Amulett nicht bei sich zu tragen.
Innerlich triumphierte der Krieger, zwang sich jedoch, zu warten bis die Schritte jenseits der Treppe verklungen waren, bevor er, beinahe zeitgleich mit dem Nandusgeweihten, der sich ein Fenster weiter verborgen gehalten hatte, aus dem Versteck schlüpfte. Wortlos deutete Silvano auf die Tür, durch die er Jalanenturm den Gang hatte betreten sehen, und nur Augenblicke später standen sie in einer reich ausgestatteten Bibliothek. Bücherregale säumten die Wände, ein schwerer Sekretär in der Mitte des Raumes war von Papieren übersäht. Und auf diesem Sekretär, zwischen Notizen und aufgeschlagenen Büchern, lag auch das gesuchte Kleinod.
"Nandus sei gepriesen!"
Silvano nahm das Schmuckstück vorsichtig an sich, schlanke Finger strichen über die Ornamente.
"Altelfisch… glaube ich", murmelte er bewundernd. "Das Zeichen für Wind… man sollte…"
"Ich unterbreche dich nur ungern, aber vielleicht sollten wir die Untersuchung auf später verschieben", warf Andrego etwas nervös ein. "Das hier ist weder die Zeit, noch der Ort…" Silvano riß sich bedauernd los, ließ das Kleinod in seiner Tasche verschwinden.
"In Ordnung. Gehen wir."
Beinahe hätten sie es geschafft, das Haus durch die Hintertür ebenso unbemerkt zu verlassen, wie sie es betreten hatten, doch ihr Glück endete in der Küche. Nur noch wenige Meter waren es bis zur Tür in den kleinen Garten, doch gerade als sie - mitten in der großen Kochstube stehend und fern jeder Versteckmöglichkeit - auf den Ausgang zugingen, wurde die Tür mit einem Male aufgerissen, und sie sahen sich drei weiteren nächtlichen Besuchern entgegen.
Es rettete ihnen das Leben, dass ihre Gegenüber ebenso überrascht waren wie sie - und dass Andrego den Degen schneller in der Hand hatte als ihre Gegner. Die Hoffnung, die bloße Drohgeste der blankgezogenen Waffe würde ausreichen, die Besucher in die Flucht zu schlagen, erfüllte sich nicht.
"Schau an", grummelte jener, der als letzter eingetreten war und sich als erster fasste. "Schnappt sie euch."
Zu jenem Zeitpunkt war Andrego bereits auf den Tisch der Küche geschwungen, einen festen Stand suchend, bevor er absprang, sich auf den ersten stürzend. Der taumelte zurück, stieß gegen einige Pfannen, die in ohrenbetäubendem Lärm auf den gekachelten Boden fielen. Andrego wandte sich um, sah aus den Augenwinkeln eine Klinge kommen und warf sich zur Seite, rollte ab und kam auf die Füße, keinen Augenblick zu früh, um die Klinge ein zweites Mal zu parieren.
Auch Silvano hatte mittlerweile blank gezogen, und während Andrego sich mit dem offensichtlichen Anführer schlug, wehrte sich sein Gefährte tapfer und nach Kräften gegen den zweiten Schläger, wurde jedoch immer weiter in die Küche zurückgetrieben, der dritte, benommen von dem Aufprall in die Küchengeräte, rappelte sich nur mühsam wieder auf.
Mit Unbehagen stellte Andrego fest, dass sein Gegenüber ihm in Waffenkunst fast ebenbürtig war, in schneller Abfolge wechselten Stich und Parade, flink auf den Füßen waren sie beide. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der dritte wieder in den Kampf eingreifen würde, und sich neben seinem Gegenüber noch eines zweiten Kämpfers zu erwehren sah Andrego sich nicht imstande. Ein Ausfall trieb den Anführer zurück, Schritt für Schritt auf die Tür nach draußen zu, und beinahe abwesend bemerkte er, dass auch das Haus ob des niederhöllischen Lärms zu erwachen begann.
Behende wich sein Gegner ihm aus, der kleine Parierdolch schlug jeden seiner Stiche beiseite, doch Andrego erinnerte sich an die kleinen Stufen direkt vor der Tür und hoffte, sein Gegenüber hätte sie vergessen.
Der himmlische Fuchs war ihm hold. Nur einen Augenblick lang zögerte, strauchelte der Kämpfer, doch dieser Augenblick lang war genug. Andrego setzte nach, seine Klinge traf den Gegenüber, schlug eine tiefe Wunde, und so bemerkte er nur abwesend zunächst den brennenden, wühlenden Schmerz in seiner Seite.
Unendlich schien die Zeit, die es dauerte, bis er begriff, dass auch er getroffen war, von hinten, vermutlich durch den, den er vermeinte, als erstes ausgeschaltet zu haben.
Er reagierte, bevor er Zeit hatte, den Schmerz zu begreifen, fuhr herum und ließ die Klinge tanzen, Schritt für Schritt trieb er den Gegner zurück, und doch spürte er, wie mit jedem Schritt sein Gesichtsfeld enger wurde. Wo immer er verletzt war, es war nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Andrego biß auf die Zähne, ballte die Linke fester um den Parierdolch und drang heftiger auf seinen Gegner ein, der die Treppe wieder hinauf - bedauerlich, dass er sich ihrer erinnert hatte - in die Küche zurückgetrieben wurde, wo der Lärm verriet, dass Silvano immer noch mit seinem Gegner beschäftigt war.
Doch schließlich erlahmten die Bewegungen seines Gegenübers, ein nachlässig geführter Stich öffnete die Deckung und Andrego stieß zu. Der überraschte Blick des Kämpen verriet, dass er seinen Fehler nicht einmal bemerkt hatte, doch dem Liebfelder fehlte die Kraft, ihn einen Stümper zu heißen. Schwer atmend lehnte er sich gegen die Wand und presste eine Hand gegen die schmerzende Seite, bemerkte nur aus den Augenwinkeln, dass Silvanos Gegner ebenfalls zu Boden fiel.
"Schnell!"
Wann war der Nandusgeweihte zu ihm gelaufen? Andrego versuchte, Benommenheit abzuschütteln, ließ sich von Silvano mitziehen nach draußen und sie ergriffen die Flucht.
Wie er über den Zaun gekommen war, wusste er später nicht mehr, erinnerte sich nur schemenhaft daran, gerannt zu sein, durch die nachtschlafenden Straßen Havenas, immer weiter und weiter, bis die Schwärze der Nacht in eine andere Finsternis überging und seine Sinne ihm den Dienst versagten, ihm gegen die Schmerzen eine gnädige Ohnmacht schenkten.

Er träumte von einem Labyrinth, verworrenen Pfaden zwischen hochaufragenden Hecken, und er war auf der Suche. Er träumte von Skulpturen, rätselhaft und verborgen, träumte von Fragen und Antworten auf einem ewigen Weg.
Und schließlich erwachte er, erquickt und erholt, und blickte verwundert in Silvanos besorgtes Gesicht. Der Nandusgeweihte sah ein wenig angestrengt und übernächtigt aus, doch auch in seinen Augen leuchtete ein Feuer der Erkenntnis, das keine Müdigkeit verlöschen konnte.
"Du hast mir einen wirklichen Schrecken eingejagt."
Andrego runzelte die Stirn, versuchte sich des Grundes dafür zu erinnern. Nur langsam wich die Benommenheit der schnöden Realität, und das Erkennen musste sich auch allzu deutlich auf seinem Gesicht abgezeichnet haben.
"Wir haben sie abgehängt - hoffe ich. Das ist ein schickes Stück, das deine Freundin da hat."
"Ach ja?"
"Hochelfisch, denke ich. Ich habe mir die Zeichen abgeschrieben, alle kenne ich nicht, aber ich denke, das wird sich herausfinden lassen. Es ist magisch, ganz nebenbei, ich vermute, dass es etwas mit dem Element der Luft zu tun hat. Auf jeden Fall sehr interessant. Sie sollte überlegen, ob sie es verkauft."
"Das wird sie nicht tun", wandte Andrego ein und der Nandusgeweihte nickte. "Ich weiß. Ein Jammer. Nun ja, ich habe mir angesehen, was ich sehen wollte, den Rest wird wohl Bücherstudium bringen. Außerdem hoffe ich doch, dass sie mir dankbar genug ist, dass ich es mir noch mal ansehen dürfte, wenn ich es wollte."
"Dir?" Andrego hob eine Braue.
"Natürlich mir." Silvano grinste breit. "Ohne mich wärst du da ja gar nicht mehr rausgekommen - und wer hat noch mal Nandus Macht herbeigerufen, damit du überhaupt noch unter den Lebenden weilst? Du schuldest mir was, mein Bruder."
Andrego seufzte.
"Das habe ich befürchtet."
Silvano lehnte sich zurück, sehr zufrieden mit sich selbst.
"Nichts ist jemals einfach, mein Lieber."

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