Bis wir uns wiedersehen Alte Wunden
Löwe und Einhorn Schritte auf deinem Grab
Solch sorglose Zeiten Das Ende meiner Freiheit
Zu lange vergangen  

Ein Zufall brachte Andrego und Silvano zusammen, bei dem Treffen zwischen dem Nandusnovizen und Andregos Schwester Esybilla ist jedoch wesentlich weniger davon im Spiel. Eine Diskussion entspinnt sich um Glauben und Moral - und wer mag schon ahnen, wie akut all jene Fragen werden, wenn erst der Dämonenmeister kommt...

Schritte auf deinem Grab

Sorglose Worte und namenlose Schauer

Ich weiß nicht genau, was uns derartig zusammenhielt. Ich habe mir niemals schwer damit getan, neue Freundschaften zu schließen, und auch in Vinsalt war es einfach, Anschluß zu finden. Die Kriegerakademie fördert die Gemeinschaft, vereint im Widerspruch gegen die Lehrer, vereint gegen die Widrigkeiten der Ausbildung, ist man niemals allein. Kameradschaft zu finden war dort ein Kinderspiel, und manche Nacht verbrachten wir in den Tavernen der Oberstadt, feierten uns, unsere Jugend und unsere Unschuld - auch wenn wir damals natürlich vehement bestritten hätten, unschuldig zu sein.
Silvano unterschied sich deutlich von all jenen, die ich über die Akademie kannte. Sein Tag bestand im Gegensatz zu meinem zu deutlich größerem Maße daraus, nicht den Körper, sondern den Geist zu schulen. Gewiß war auch in der Akademie von Kriegs- und Lebenskunst ein Leben ohne die Künste Hesindes nicht vorzustellen, doch war es doch etwas anderes, zwischen körperlicher Ertüchtung bisweilen auch noch ein wenig Kräftigung für den Geist durchzuführen oder aber, wie Silvano es tat, sein ganzes Leben nach dem Lernen auszurichten.
Die meisten meiner Kameraden hätten seinen Weg wohl als den skurrilen, den leichten, den wenig achtenswerten gesehen, doch ich selbst hatte auch die Theoriestunden an der Akademie mindestens ebenso genossen wie den Fechtunterricht. Vielleicht war es das Erbe meiner Mutter, von der man sagte, dass sie eine sehr kluge Frau gewesen sei, vielleicht auch ein wenig Neid meiner Schwester gegenüber, an deren regelmäßig aus Kuslik eintreffenden, enthusiastischen Briefen ich bequem ablesen konnte, wie ihre Welt, anders als die meine, mit jedem Tage einen Schritt größer wurde.
Ich begann, mit Silvano zu diskutieren, und ich stellte fest, dass ich es konnte und mochte. Die Kunst der geschliffenen Argumentation reizte mich ebenso wie der Versuch, mein Wissen und meine Gedanken an denen eines anderen zu messen, der nicht nur den Wert einer guten Schlussfolgerung zu schätzen wusste, sondern überdies auch ein gutes Stück klüger war als ich selbst. Silvanos Witz war feiner, subtiler, als der bisweilen doch recht grobe Spaß meiner Kameraden, und er war mehr nach meinem Geschmack.

"Ich dachte schon, du kommst nicht mehr."
Andrego hatte sein erstes Weinglas bereits geleert, als er den dunklen Schopf Silvanos im Eingang der Taverne auftauchen sah und hob den Arm, um sich bemerkbar zu machen. Er hatte einige Mühe gehabt, den mühsam ergatterten Tisch gegenüber den unzähligen Feierwilligen, die die Weinstube bevölkerten, zu verteidigen. Der erste Rahja war immer ein Grund zu feiern und Auftakt zu zwei Wochen Freizeit, die viele der Eleven genutzt hatten, um zu ihren Familien nach Hause zu reisen. Andrego hatte sich dagegen entschieden, stattdessen hatte Esybilla ihren Besuch aus Kuslik angekündigt. Der "Schwarzenacker", war gut besucht, trotz des Namens eine der gehobeneren Tavernen. Sie besaß neben der mit aus hellem Holz kunstvoll geschnitzten Möbeln ausgestatteten Schankstube auch noch einen Hof, in den sich in den warmen, horasischen Sommern das Leben hinverlagerte. Und so saß auch Andrego an einem Tisch unter dem hölzernen Gestell, das den ganzen Garten überspannte, und das als Stütze für die Weinstöcke diente, die Schatten vor der heißen Sommersonne spendete. Der Wein des "Schwarzenackers" war ausgezeichnet, die Atmosphäre gut, die Barden meist erlesen. Das Publikum rekrutierte sich aus verschiedenen Bereichen der gehobenen horasischen Gesellschaft, besonders beliebt war es beim jungen Volk, und somit hatte es sich als die ideale Schnittstelle zwischen den Welten des Kriegerschülers und des Nandusnovizen erwiesen.
"Die Weisheit mit dir, Andrego." Silvano, der sich endlich durch die vielen Feiernden hindurchgekämpft hatte, ließ sich mit einem Seufzer der Erleichterung auf den Stuhl seinem Freund gegenüber fallen. Er sah ein wenig gerupft aus, die grüne Tunika saß etwas schief und das sonst stets sorgfältig frisierte schwarze Haar war durcheinandergeraten. "Man könnte meinen, Meister Griado verteilt Wein umsonst bei dem Aufruhr, der hier herrscht." Andrego schmunzelte und schob dem Neuankömmling ein Glas mit Wein zu, dessen Farbe im Sommerlicht an blasses Gold erinnerte.
"Nimm erst einmal einen Schluck und komm zur Ruhe."
"Du hast was gut bei mir", bedankte Silvano sich für die Rücksicht seines Freundes, ihm direkt etwas zu trinken mitzubestellen und nahm einen Schluck. Der Tropfen war ausgezeichnet, doch das hatte er auch nicht anders erwartet. Sie waren oft genug gemeinsam unterwegs gewesen, und Andrego wusste, dass er die leichten trockenen Weine bevorzugte. Dazu kam, dass Meister Griado sich mit ziemlicher Sicherheit nicht die Blöße geben würde, dem Sohn und Erben des bekannten Weingutes Montana schlechten Wein andrehen zu versuchen. Nicht, dass es funktionieren würde, wie Silvano mit einem innerlichen Schmunzeln hinzufügte. Es gab wenige Gebiete, auf denen er sich unbeschlagen fühlte, doch Andregos profunde Kenntnis der verschiedenen Rebsorten, Kelterungen und Reifungsarten versetzte ihn immer wieder in Erstaunen.
"Will ich doch hoffen", bemerkte Andrego und ließ seinen Blick über die Feiernden fallen. "Da wird sich sicherlich etwas finden."
"Sicherlich." Silvano nickte bekräftigend und folgte dem suchenden Blick seines Freundes. "Wann kommt denn nun dieses Wunderwerk von einer Schwester, von der du die ganze Zeit redest? Ich gebe zu, du hast mich neugierig gemacht."
"Gute Frage", bemerkte der Krieger und hob die Schultern. "Wie ich Esybilla kenne - zu spät."
Sie wandten ihr Gespräch anderen Dingen zu, frischten Geschichten über gemeinsame Bekanntschaften auf und waren bereits beim zweiten Glas Wein, als Silvano von einer der letzten Unterrichtsstunden zu berichten begann, die er genossen hatte.
"Ich würde wahrhaftig einmal gerne mit einem Vertreter der Bruderschaft der Wissenden darüber disputieren."
Andrego runzelte die Stirn. "Bruderschaft der Wissenden war…"
"Die Schwarze Gilde natürlich", warf der Nandusnovize erklärend ein.
Der junge Krieger spitzte zweifelnd die Lippen.
"Und du bist sicher, dass das schlau ist? Ihnen wird nicht gerade moralische Aufrichtigkeit nachgesagt."
"Das stimmt zwar, Andrego, aber was ist moralische Aufrichtigkeit? Wer diktiert sie?"
"Die Götter", entgegnete er überzeugt. "Die Gebote der Götter sind unsere moralische Instanz."
"Das sagt alles und nichts, Andrego." Silvano wischte die Bemerkung mit einer nachlässigen Handbewegung beiseite. "Die Moralvorstellungen Travias oder Rahjas? Die Vorstellungen Phexens oder die des Praios."
"Es sagt durchaus etwas", widersprach Andrego. "Es gibt Dinge, die keiner der Zwölfe, und auch keiner seiner himmlischen Kinder gutheißen kann. So lange man sich auf den Pfaden von einem von ihnen bewegt, ist es etwas anderes, als wenn man sich von der Lehre jedwedes Gottes entfernt hat."
"Aber selbst das ist nicht eindeutig. Ich kann dir eine ganze Reihe Dinge aufzählen, die in der Schwarzen Perle durchaus Usus sind, doch die hier auf jeden Fall als Ketzerei bezeichnet würden. Und dennoch sind auch die Priester dort in der Lage, Wunder zu wirken - die Götter haben ihnen das Vertrauen nicht entzogen."
"Die Götter sind bisweilen vielleicht ein wenig langmütig", gab Andrego zu bedenken. "Sie sind ewig, im Gegensatz zu den Menschen, deren kurze Lebensspanne sie in anderen Maßstäben denken lässt. Aber war da nicht einmal etwas in Al'Anfa… mit vielen Raben und vielen Toten?"
"Schon richtig", nickte Silvano. "Aber die Zustände damals waren mit den heutigen trotzdem nicht zu vergleichen - und wenn du schon sagst, dass wir in der Spanne eines Menschenlebens nur selten ergründen können, was für einen Sinn haben dann die Götter als moralische Instanz?"
"Sie sind auf jeden Fall die beste Instanz die wir haben."
"Tatsächlich?"
Andrego legte den Kopf schief.
"Kennst du eine bessere?"
"Den Verstand, Andrego. Deinen eigenen Verstand."
"Der Verstand kann genarrt werden", widersprach der Krieger. "Von Zauberei oder von schönen Worten, der Verstand allein kann sehr viel Schreckliches anrichten."
"Nicht, wenn er wahrhaft geschult ist", wandte Silvano ein, breitete die Hände in beredter Geste aus. "Der Verstand ist ein wirklich wunderbares Ding. Die einzigen Grenzen, die sich uns wahrhaftig bieten, sind die, die wir uns selbst setzen. Die einzige wahrhaftige moralische Instanz ist ein geschulter, kritischer Verstand."
"Und er ist ebenso gefährlich. Du willst mir doch nicht erzählen, dass aus Intellekt stets auch Güte erwächst."
"Güte…" Silvano stellte das nun leere Weinglas auf den Tisch und rollte die Augen. "Und was ist Güte?"
"Güte ist, an einem herrlichen Sommertag seinen Bruder inmitten einer Diskussion zu finden und zu beschließen, ihm zur Seite zu stehen", beantwortete eine frische, unbekümmerte Stimme seine Frage auf eine Weise, die ihm sicherlich nicht im Sinn gewesen war.
Gleichermaßen verblüfft fuhren beide herum, um den Blick zu dem Ursprung der Worte zu wenden und fanden dort ein Mädchen vor, das, die Hände in die schmalen Hüften gestützt, aufmüpfig zu ihnen hinübersah.
"Esybilla!" begrüßte Andrego sie und ließ somit für den Nandusnovizen keinen Zweifel daran, wer der Neuankömmling war. Nicht, dass diese Zweifel ohne die Begrüßung bestanden hätten. Sie glichen sich zwar nicht unbedingt wie ein Ei dem anderen, doch die Ähnlichkeit war dennoch nicht zu übersehen. Esybilla war klein, von zartem Körperbau und - schon auf den ersten Blick - von beinahe unheimlicher Energie. Rotblondes Haar fiel lang in ihren Rücken, blaue Augen über der sommersprossenübersähten, fein geschnittenen Nase blitzen wach und neugierig in ihre Umgebung. Sie war in eine weiße Robe von einfachem Schnitt und teurem Satinstoff gekleidet, ein grüner Kragen rundete das Bild ab. Das Gewand trug deutliche Spuren ihrer Reise - einen staubigen Saum, einen leichten Schmutzrand am Kragen, doch sie störte sich augenscheinlich nicht daran.
Andrego hatte sich schon beim Klang ihrer Stimme erhoben und seine Schwester umarmt. Es war fast ein Götterlauf her, dass die Geschwister sich gesehen hatten, und tatsächlich hatte sich Esybilla verändert. Nicht, dass sie größer geworden wäre. Während er im letzten - seinem siebzehnten - Götterlauf einen gehörigen Schuß getan hatte, hatte die vierzehnjährige Esybilla offensichtlich nicht vorgehabt, noch zu wachsen.
Andrego stellte seine beiden Gefährten einander vor, und beide überschlugen sich geradezu in Höflichkeiten aufeinander, wenn er auch beide gut genug kannte, um festzustellen, dass dies vor allen Dingen aus Schalk geschah. Schließlich, als Esybilla sich recht unzeremonienmäßig zu ihnen an den Tisch hatte fallen lassen, kam auch das Gespräch wieder in Gang.
"Tiefgreifende Themen diskutiert ihr da", bemerkte Esybilla mit einem Schmunzeln. "Habt mich gar nicht kommen hören."
"Nun, sicherlich sehr interessant für eine angehende Contramagia, oder nicht?"
Das junge Mädchen grinste in sich hinein. "Brennend. Ich glaub ich sollte ein paar Dinge, die ich hier gehört habe, nach den Ferien mal im Ethikunterricht hören lassen." Andrego schwante schlimmes, und so schüttelte er den Kopf.
"Das lässt du bleiben, Schwesterherz. Es sei denn die Academia zu Kuslik hat aufgehört, den von Praiosgeweihten geben zu lassen."
"Natürlich nicht, aber das wäre doch gerade der Spaß an der Sache."
Mit charmantem Lächeln ließ Esybilla sich ebenfalls ein Glas tiefroten Wein hinstellen und wandte sich wieder den beiden jungen Männern zu. Silvano musste grinsen.
"Wenn du das tust, dann verrätst du mir, wie es ausgegangen ist."
"Das tust du nicht!" bestand Andrego, obwohl er beinahe sicher war, dass hinter Esybillas Getöne steckte, was sie zwar gerne tun würde - meist aber doch in einem Anfall von Vernunft nicht tat.
"Ja, ja, Bruderherz", seufzte die junge Magierin und rollte die Augen. Ihnen beiden war klar, dass sich Esybilla nichts von Andrego verbieten lassen würde - und ebenso klar, dass Andrego nicht damit aufhören würde, es zu versuchen. Silvano hatte die Angelegenheit mit einem Schmunzeln beobachtet und stützte dann schließlich das Kinn in die Hände.
"Also gut, Esybilla."
Sie setzte den Wein ab, um ihn mit großen Augen anzublicken, die Lippen noch halb verzogen, als habe sie mitten im Trinken aufgehört.
"Mhmh?"
"Bei welcher Grenze würdest du in jedem Falle von Unmoral sprechen, wenn wir nun schon darüber disputierten. Mich würde einmal die Ansicht einer Contramagierin dazu interessieren."
"Naja, was moralische Instanz angeht, sind wir ja immerhin doch grau", bemerkte Esybilla. "Weiß der Himmel wieso, wenn ich sehe, wie sich Spectabilitas Ukchabar beträgt, denke ich immer, wir gehörten eher zu den Weißen. Aber gut… wenn du mich als Esybilla fragst, ist die Antwort einfach."
Sie kopierte seine Geste, stützte das Kinn auf die Handrücken und lächelte süß zu Silvano hinüber. Nandusnovize und Magierin taxierten sich einen Moment, Silvano zog die Brauen hoch, Esybilla blinzelte, verlor das stumme Duell.
"Das ist doch offensichtlich. Bei allem, was dämonisch ist."

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