Bis wir uns wiedersehen Alte Wunden
Löwe und Einhorn Schritte auf deinem Grab
Solch sorglose Zeiten Das Ende meiner Freiheit
Zu lange vergangen  

Beinahe wie Brüder waren Andrego Stragazza di Montana und Silvano di Miranelli, von frühester Jugend an, bis die Welt sie auseinanderriß und sie schließlich zu dem schrecklisten Ende führte, das eine Freundschaft wohl erfahren kann. Der Kriegerschüler an der Akademie der Kriegs- und Lebenskunst zu Vinsalt und der Novize des Nandustempels empfanden Vinsalt als die Welt, die es für sie zu entdecken galt. Das folgende Kapitel beschreibt, wie die beiden ungleichen jungen Männer zusammenkamen und erste Gemeinsamkeiten fanden.

Löwe und Einhorn im Zeichen der Schlange

Von Kriegerschülern und Nandusnovizen

Im Tsamond, 1024 nach Bosparans Fall, zu Montana

Vergib mir mein Herr, denn groß ist meine Snde. Vergib mir, Herr der Weisheit, daß mir fehlte, was du schätzt. Vergib mir, Nandus, was nicht zu vergeben ist. Denn ich habe einen deiner Diener getötet.

So finde ich mich nun doch wieder mit Feder und Papier, im Scheine einer düster glimmenden Kerze, und tue das, was ich eigentlich meiner Schwester hatte überlassen wollen. Getreulich Zeugnis abzulegen über meine Taten war nie mein Wunsch, und doch habe ich nun das Gefühl, ich müsste es tun, und sei es nur, um die unglückseligen Umstände darzulegen, die zum Tode Silvano di Miranellis fhrten. Denn er starb durch meine Hand, und es schmerzt mich zu wissen, dass ich es war, ich, nicht die Atmosphäre des Ortes, an dem ich mich befand, kein rächender Geist, nein, ich alleine diese Schuld in meinem Herzen tragen muß.

Vergib mir, Meister der Meister, wenn du kannst.

Im Rondramond, 1001 nach Bosparans Fall, zu Vinsalt

"Riposte und Stich! Schritt, Schritt, antäuschen und durch! Nein, nein, nein, so geht das nicht! Aufhören! Stop!"
Die beiden Halbwüchsigen auf dem Fechtplatz hielten schweratmend inne und traten einen Schritt auseinander. Der Dunkelhaarige der beiden - ein wenig größer und massiver gebaut, hielt noch für einen Augenblick den Degen in Richtung seines Gegenübers. Dieser, schmaler, mit rölichbraunen Haaren und dunkelblauen Augen, hatte die Stichwaffe ebenso wie Parierdolch bereits sinken lassen und wischte mit dem Unterarm über die Stirn, bevor ihm die Schweißtropfen in die Augen liefen. Die ersten Tage des Rondramonds überschütteten Vinsalt mit Hitze, und die Luft über dem Fechtplatz flirrte in der Mittagssonne. Staub wirbelte auf und legte sich nun, da der Kampf vorbei war, auf Gewänder und Gesichter der Kombattanten der Akademie der Kriegs- und Lebenskunst zu Vinsalt.
"Garlischgrötz!" fuhr Alrigio Terranko den Dunkelhaarigen der beiden an. "Wie oft noch? Mit Gefühl! Kein Kampf wird durch blindes Voranstrmen gewonnen. Mut und Wagnis in allen Ehren, aber wenn du deinen Kopf nicht benutzt, wird ihn dir beizeiten jemand vom Halse trennen. Und Stragazza" Er wandte sich zu dem Rothaarigen, auf dessen Zügen sich ein leichtes Schmunzeln zeigte, das zu verbannen ihm nicht schnell genug gelang " kein Grund für dich, zu grinsen. Ist ja schön und gut, dass du abwartest, bis du deinen Stich setzen kannst, aber wenn du dich permanent zurücktreiben lässt, stehst du irgendwann mit dem Rücken zur Wand."
"Ich habe den Stich rechtzeitig gesetzt; Signor", wandte der Gescholtene mit einem Achselzucken ein. "Wäre dies ein echter Kampf, hätte ich gewonnen."
"Umso schlimmer, dass du deine Arroganz offen zur Schau stellst. Zu hohe Selbsteinschätzung führt zur Unterschätzung des Gegners, und dies führt unweigerlich vor Uthars Pforte. Die Herrin Rondra liebt es nicht, wenn man mit seinem Gegner spielt." Nun war es an Dero von Garlischgrötz, das Gesicht zu einem Grinsen zu verziehen, während Andrego Stragazza seine Miene in jener Geste von gelehriger Aufmerksamkeit einfror, die den Fechtmeister für gewöhnlich besänftigte. Heute war ihm dieses Glück jedoch nicht beschieden. "Ich denke, damit du dies verinnerlichst, wird es dir wahrhaft zum Nutzen gereichen, dich in die Taktiken des Cavalliero di Sorrentia zu vertiefen. Ich erwarte dein Essay morgen zur Mittagsstunde." Andrego unterdrückte ein Augenrollen, nickte nur knapp und verneigte sich angemessen. Nicht die erste Strafe für Aufsässigkeit. Und vermutlich auch nicht die letzte.
"So, und jetzt Abmarsch mit euch beiden, und richtet euch her. Ich nehme nicht an, dass Signor Cavanta zwei verschwitzte, stinkende Thorwaler in seinem Unterricht sitzen haben will." Diesen Rat ließen die beiden sich nicht zweimal geben, und die stumpfen Waffen in Hüftscheiden steckend machten sie sich auf den Weg zurück ins Haupthaus. Sie würden noch einige Augenblicke der Ruhe haben, bevor der unbarmherzige Stundenplan sie in den Unterricht gldenländischer Sprache, Schrift und Cultura bei Signor Cavanta trieb - einem Unterricht, von dem zumindest Andrego bisweilen den Eindruck erhielt, die Materialien entsprängen alleine der Phantasie des gestrengen Signors.
"Wer bei Hesinde ist dieser Cavalliero di Sorrentia?" fragte Delo, als die beiden Halbwüchsigen sich mit einer Schale Wasser versorgt hatten und im Waschraum versuchten, sich vom Staub und Schweiß der Übungsstunde zu befreien. Andrego klatschte sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht.
"Keine Ahnung. Ich werde um Ausgang ersuchen und mich mal im Hesindetempel umsehen. Da wird sich schon etwas finden lassen."
"Warum probierst du es nicht in unserer Bibliothek?" Andrego hob leicht die Schultern, benetzte die Hände ein weiteres Mal um den Hals zu waschen.
"Du kennst doch den Alten. Der hat bestimmt verlautbaren lassen, dass mich da auf meiner Suche niemand unterstützen soll. Wäre nicht das erste Mal. Im Hesindetempel beißt er damit auf Granit. Und, naja, wenn ich mich ein wenig reumütig und wissensdurstig gebe, darauf poche, dass man in den Hallen der Weisheit mit Sicherheit mehr Informationen findet dann lassen sie mich schon raus."
"Wenn es ein Held aus alten Zeiten ist, könntest du auch deinen Cousin fragen", erinnerte Delo mit einem schadenfrohen Grinsen.
"Lessandreo? Um Himmels Willen." Andrego schüttelte heftig den Kopf, so dass Tropfen aus seinem roten Haar flogen. "Das kann doch nicht dein Ernst sein." In der Tat hatte Lessandreo ya Tegalliani di Wanka, einige Jahre älter als Andrego und bereits im Abschlußjahrgang der Schule, zwar ein breites Wissen an Heldensagen zu bieten, war jedoch auch für seine Ausschweifigkeit in derlei Dingen berchtigt. "Ich brauche den Aufsatz bis morgen, nicht bis nächsten Mond!"
"Auch wieder wahr. Wo wir es gerade von Vielrednern haben, wie geht es eigentlich deiner Schwester?"
"Esybilla?" Andrego grinste. "Ich habe lange nichts aus Kuslik gehört, aber ich glaube, die angemessene Frage wäre eher, wie es ihren Lehrern geht. Ich hoffe mal, dass alles im Lot ist, solange mir hier keine allzu großen Klagen kommen."
"Grüß sie, wenn du ihr schreibst."
Andrego verneigte sich tief.
"Selbstverständlich."

Es war beinahe schon dunkel, als Andrego endlich die Zeit fand, die Akademie zu verlassen und sich auf den Weg in die Hallen der Weisheit zu machen. Es war keine grosse Schwierigkeit gewesen, die Erlaubnis für den Ausgang zu erhalten, und so fand er sich im Licht russender Ölampen zwischen endlosen Bücherreihen vor. Ein junger, schwarzhaariger Tempeldiener in grünem Gewand ging einem ältlichen Bibliothekaren zur Hand, an den sich Andrego mit seiner Suche wandte.
"Cavalliero di Sorrentia", sinnierte er. "Wenn mich nicht alles täuscht, dann sind seine Taten in die Dunklen Zeiten einzuordnen, in Yaquirien soweit ich mich erinnere. Silvano, geh mal mit ihm auf die Suche danach, ihr werdet schon was finden." Der dunkelhaarige Junge, der wohl in Andregos Alter sein mochte, bedeutete ihm, zwischen die hochaufragenden Bcherreihen zu folgen. Geschickt und behände suchte er einige Bände heraus und stapelte sie auf Andregos ausgestreckte Arme.
"Das sollte für den Anfang erst einmal gengen. Wie tief wollt Ihr in die Materie einsteigen, wenn ich fragen darf?" Andrego verzog das Gesicht.
"So tief, dass es für eine fundierte Strafarbeit reicht." Sein Gegenber ließ ein tiefes, amüsiertes Glucksen hören und half ihm, die Bücher zu einem der sporadisch verteilten Tische zu bringen.
"Etwas ausgefressen?"
"Naja, eher vorlaut gewesen", gab Andrego zu und schlug den ersten Wälzer auf. "Ist nicht so, als hätte ich es nicht verdient. Ist aber auch nicht so, als würde ich es bereuen."
"Kriegerschule, hm?" Allein schon Andregos Aufmachung hatte dem jungen Scholaren vermutlich seine Identität verraten. "Naja, nichts gegen einen kritischen Geist zu sagen."
Der Scholar schlug den ersten der Wälzer auf und überflog den Inhalt, der auf einem kleinen, eingelegten Pergament kurz dargelegt war. Unter den schwarzen, unordentlich in die Stirn hängenden Haaren blitzte im Lampenlicht das silbrige Emblem eines Einhornstirnbandes auf. Andrego zog kurz die Brauen hoch. Von allen Städten wrde man einen Nandusjünger wohl am ehesten in Methumis oder eben hier in Vinsalt erwarten, trotzdem hatte er bisher wenig Kontakt mit dieser Gruppierung gehabt, die dem Sohn Hesindes und Phexens dienten und über die man bisweilen mit ein wenig Unbehagen sprach.
"Meine Rede", stimmte er trotzdem zu. Silvano wandte sich zu ihm, wache Augen im Halbdunkel funkelten amüsiert.
"Komm ich helf dir ein bisschen. Der alte Bruder Marcos wird eh nicht merken, dass ich weg bin, und das hier", er tippte auf das in das Buch gelegte Pergament, "klingt ziemlich interessant." Anderthalb Stundenläufe später wussten sie zumindest, dass es sich bei Cavalliero di Sorrentia um einen Landadeligen aus Arinken handelte, der Stadt inmitten des Arinkelwaldes, um den sich so viele Gerüchte rankten. Wider das Übel und das Unverständliche, das nur zu oft den Wald verließ hatte er sich mehrfach verdient gemacht, und als seine größte Heldentat galt die Zurückschlagung der Horden des Iv'genhau, einer Ansammlung spinnenartiger Wesen unbekannter Herkunft, von denen man vermutete, dass sie auf magische Weise herbeigerufen werden konnte. Silvano di Miranelli, wie sich Andregos jugendlicher Komplize im Verlaufe dieser Zeit vorstellte, war eine Quelle des Wissens über jene Gegenden. Selbst in Yaquirien geboren hatte er sich seit frühester Kindheit für den Arinkelwald und seine Wesen und Geheimnisse interessiert. Genug, um Andregos Essay mit Leben und einigen Seiten zu füllen. Bruder Marcos, der Bibliothekar, suchte nach einiger Zeit nach seinem Helfer, beließ Silvano jedoch in der Gesellschaft Andregos, mit dem murmelnden Hinweis, dass der Junge ja ohnehin hier wäre, um etwas zu lernen. Es dauerte nur einige Augenblicke und einige vorsichtige Fragen, um aus Silvano herauszulocken, dass auch sein Dienst in diesen Hallen nicht ganz freiwillig geschehen war. Er hatte wohl zugunsten eines Abends des Kartenspiels in einer Taverne seine Studien vernachlässigt und war nun dazu animiert worden, sich in den Hallen der Weisheit für zwei Wochen allein seinen Studien zu widmen.
Obwohl sie zügig vorankamen, war die nächtliche Praiosstunde doch schon lange vergangen, als Andrego seine Pergamente zusammenfasste. Dank der Eloquenz des jungen Nandusdiener, die er nur bewundern konnte, war es eine ansehnliche Schrift geworden. Nächsten Praiostag, wo abends den Eleven der Kriegerschule Ausgang gewährt war, und wo auch Silvano hoffte, vom Dienst im Tempel befreit zu sein, verabredeten sie sich auf einige Weingläser - auf Andregos Rechnung, hatte er doch noch eine Schuld bei dem Nandusdiener zu begleichen, und von dortan waren die beiden jungen Männer ein unzertrennliches Gespann.

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