Fesseln Unausgesprochen

Rondario Arancha ist Verbündeter Alaras in der Verbannung. Doch er bleibt seiner alten Heimat treu, während Alara langsam in den Nachfolgekrieg des LIeblichen Feldes hinein gezogen wird und sich so langsam von ihm entfernt.

Unausgesprochen

Wenn sie sich jetzt umdreht, denke ich, als ich am Fenster stehe und ihr nachblicke, wenn sie sich jetzt umdreht, dann werde ich in ihren Augen etwas sehen, das mich hoffen läßt. Es ist nur ein flüchtiger Hauch, ein Gedanke, so kurz, dass ich ihn kaum zu greifen und festhalten vermag, und er ist müßig, denn sie dreht sich nicht um, das tut sie nie, denn es ist beileibe nicht das erste Mal, dass ich hier stehe und mich frage, ob sie es eines Tages tun wird.
Vielleicht ist es wie ein Zauberspruch. Aber die Magie ist mir fremd, kein Teil meiner Welt, und sie wird es nie werden. Also sehe ich zu, wie sie mit festem Schritt die Straße passiert, an dem fliegenden Händler vorbei, der oft dort steht und sich sicherlich in ganz anderen Diensten als den unseren befindet, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, hoch aufgerichtet, zielstrebig im kalten Licht eines Wintermorgens. Reste schmutzigen Schnees bedecken den Boden, es hat hinein geregnet, letzte Nacht, und das ehemals prächtige Weiß ist zu einem gräulichen Matsch geworden, der den Straßen jede Anmut nimmt. Die Stadt ist klein, winzig, eng, gedrängt und kalt, und kein Feuer im Kamin, mag ich es noch so schüren, vertreibt die Kälte vollends. Wir sind Gefangene in unseren eigenen Mauern. Ich hasse diese Stadt.
Ich hasse dieses Land.
Ich hasse dieses Leben, das das meine ist.

Wer immer gesagt hat, dass das Brot des Exils bitter ist er hat recht. Das ist eine Sache, die uns verbindet. Keiner von uns ist freiwillig hier, und ich weiß nicht welcher Gedanke mehr schmerzt dass wir die Unerträglichkeit dieser verklemmten, kalten Stadt erdulden, oder dass es daheim niemanden gibt, den unser Fortsein dauert.
Es ist das Los unserer Geburt. Mag sein, dass es das Vorrecht des Verlierers ist, zynisch zu werden, aber es ist mir gleich, dieses Los ist meines, nicht göttergegeben sonder meinen eigenen Taten geschuldet, und so es denn sein muss werde ich mich auch am eigenen Schopf wieder herausziehen.

Ich wende mich um zu dem großen Mohagonischreibtisch, der hinter mir steht, in einem Zimmer, das ein Händler dieser Stadt prächtig nennen würde, das mir in meinen Augen aber nur schäbig erscheint. Die fünf Phiolen dort sind akribisch gut verkorkt, mit Wachs eingeschlagen, beschriftet mit Zeichen in ihrer klaren, regelmäßigen Schrift, ein Pergament dabei, das ich gestern abend nur kurz betrachtete, doch ich weiß, daß es genau ist, was ich von ihr forderte, auf Gramm und Unze, fünf Tränke, höchste Qualität, bestens konserviert, mit der üblichen, zuverlässigen Sorgfalt, unfehlbar wie der Praiosgong am Beginn des Morgens.

Ich frage mich, wie es ihr gelingt, trotz all dieser Dämpfe, dieses Gestanks, all dem Schwefel und dem Gift, dass ihr Haar, jedes Mal, wenn sie mich besucht, nach Sandelholz duftet. Der Geruch hat sich derartig in meine Gedanken eingebrannt, dass ich kein Rauchwerk riechen kann, ohne an sie zu denken, und ich frage mich, ob sie das aus irgendeinem Grund beabsichtigt.

Es ist wohl eines der Geheimnisse ihrer Profession, eines jener kleinen Dinge wie sie bisweilen sagt die den Stümper vom Experten trennen. Nichts an ihrer Erscheinung, nichts, ausser den Händen, verrät die Alchemistin in ihr, und die verfärbten und vernarbten Finger verbirgt sie meist unter Spitze und Seide, oder manchmal, wenn ihr die Zeit fehlt, so wie an diesem Tage, auch in Leder. Manchmal legt sie sie ab, wenn sie bei mir ist, und ich weiß, dass es ein Zeichen von Vertrauen ist, wie sie es mir größer kaum geben kann. Sie hasst es und mich stört es so wenig. Sie ist eine Frau die ihre Geheimnisse nur zögernd preisgibt, selbst oder vielleicht vor allem vor mir.

Zurück am Fenster sehe ich wie ihre Gestalt um die Ecke in Richtung des Stadtzentrums verschwindet, eine schmale Gestalt in weicher Lederkleidung, das Haar zu einem glänzenden Zopf gebunden der ihr tief in den Rücken fällt, ihr kostbarer schwarzer Umhang über ihren Schultern, von dem ich weiß, dass er mehr als nur ein tödliches Geheimnis verbergen kann, wenn sie möchte.
Sie hat sich nicht umgedreht. Aber das tut sie niemals, und die wenige Hoffnung, die ich hatte, schwindet im fahlen Morgenlicht. Das wenige von ihr, das ich jemals hatte, entgleitet mir zusehends. Sie hat sich verändert.

Die Welt hat sich verändert. Und auch diese Stadt. Mag sein, in allzu weniger Zeit, dass hier kein Stein mehr auf dem andren steht oder dass unsere Position in dieser Stadt eine völlig andere ist.

Es ist ein Konflikt in den weder sie noch ich geraten wollen, aber wir sind Kinder unserers Landes und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Ich kann nicht anders, als zu hoffen, dass was auch immer sie dort draußen tut, bis zum Frühjahr abgeschlossen sein wird, denn die Götter allein wissen, was das Frühjahr bringen wird, und ob sie dann überhaupt noch zu einer Reise imstande sein wird.

Und daß sie zurückkehren wird, immer wieder zurückkehren wird hier her, wie ein Vogel, der jedes Frühjahr zu vertrauten Nestern zurückkehrt. Dieses Land stiehlt sie fort von mir, mit jedem Tag ein bißchen mehr. Und ich würde mich wehren, würde ich nicht sehen, wie sie sich ein wenig streckt, wie jener verlorene Ausdruck in ihren Augen bisweilen ein wenig blasser wird, und so bringe ich es nicht übers Herz, ihr zu nehmen, was ihr ein Maß an Zufriedenheit zu geben scheint, das mir nicht mehr vergönnt ist.

Denn es ist um den Preis meiner eigenen. Wie albern, wie töricht, vermag ich nur zu sagen, mich in dieser Position zu befinden. Sie hält mich an seidenem Faden und zwingt mich mit samtener Stimme.

Eine grausame Herrin ist Rahja, wenn sie solch Spiel mit mir treibt, wenn es denn Rahja ist, die mich zu ihr treibt, die mich bisweilen auf ruhelosen Spaziergängen durch die Stadt führt, bis ich, ohne zu wissen, wie ich dort angelangt bin, vor dem Haus des Herrn Saravello stehe und zu den verschlossenen Läden im Obergeschoss blicke, die ihr Refugium verbergen.

Um ihretwillen kann ich nicht selbstsüchtig sein. Und um meinetwillen lasse ich sie ziehen.






Die Zeit verstreicht träge und unbarmherzig. Nachdenklich ruht mein Blick auf dem weichen Rot des Goldfelsers, der, wie, als wolle er es Satinavs faulem Gebote gleichtun, mit zähflüssiger Langsamkeit durch das Glas gleitet. Ein edler Tropfen aus früheren, sonnigeren Jahren, geschmackvoll und edel, ein schwerer Wein, wie wir Südländer ihn lieben, weil er würzig und betäubend ist.

Ich habe eine Stunde damit zugebracht, ihn auszuwählen. Wir Al'Anfaner wissen um die Bedeutung von Details. Große Dinge entstehen aus nichts als ihnen, und es ist eine Kunst zu wissen, welchen Kleinigkeiten Aufmerksamkeit gebührt, und welche nur wie das Meeresrauschen sind, das die Schwarze Perle überall durchdringt und niemals verlässt.

Und eines dieser Details, unbedeutend, als ich das erste Mal davon hörte, hat sie mir endgültig durch die Finger gleiten lassen. Und das Erschreckende daran ist, dass ich bis heute nicht weiß, ob ich etwas anders tun würde, könnte ich den Augenblick markieren, an dem alles sich veränderte.

Doch mir bleibt nicht die Gelegenheit, danach zu suchen, denn nur Augenblicke später ist sie da, eine Vision unserer beider ferner Heimat, und an den Rändern ihres Lächelns sehe ich, dass auch ihr diese Nacht nur zur Hälfte freudig scheint. Ihre Pupillen sind leicht geweitet im Licht der Kerzen, die ich überall habe aufstellen lassen, und für einen Augenblick frage ich mich, ob die Ursache dafür einer der vielen alchemischen Tricks ist, derer sie mächtig ist, wenn sie ihren Gegenüber der Mühe für wert erachtet. Doch als sie mir die Wange zum Bruderkuss bietet, erahne ich das schwere Aroma von Seidenwolke, und aus der Unsicherheit wird Gewißheit.
Sie ist zerrissen, wo ich nur verbittert bin, und ebenso wie mich hat auch sie dieses Treffen viel Mut gekostet. Und doch ist es ein Zeichen unserer Verbundenheit, dass sie hier ist, wie sie ist, berauscht und eines Teils jener Kontrolle beraubt, die sie so eifersüchtig hütet. An Abenden wie diesen erkennen wir bisweilen ein wenig von einander.

Wir ergehen uns in Trivialitäten, freundlichen, belanglosen Wortwechseln, geteilt über einem Glas Wein, wie an vielen Abenden zuvor, wenn wir in freundschaftlicher Verbundenheit an unseren Ketten zu zerren suchten und uns nicht in meinen Gemächern der Botschaft, noch in ihren nicht weniger sicheren Kammern in der Stadt trafen, sondern stattdessen hier, in einem der besten - und verschwiegensten - Hotels der Stadt. Sie lächelt häufiger, doch es erreicht ihre Augen nicht, und für einen Augenblick erwäge ich den lächerlichen Gedanken, sie zu fragen was sie bedrückt.

Aber derlei Dinge fragen wir einander nicht. Zumindest nicht in den frühen Stunden des Abends. Und so wiegen die unausgesprochenen Dinge zwischen uns immer schwerer.

Die Karaffe ist beinahe geleert, als sie in den Ärmel ihres Gewandes greift und - mit hintergründigem Lächeln - eine Phiole mit silbrig glänzender Flüssigkeit hervor holt.

Ich hebe nur fragend eine Braue und sie lächelt - ein weiteres Mal - und beinahe wirkt es diesmal ehrlich.

"Das, Rondario, ist eine wahre Kostbarkeit." Geschickt dreht sie die Phiole zwischen seidenbehandschuhten Fingern. "Und ich würde sie mit niemand anderem teilen."

Ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken.
"Mit Verlaub, deinem sonstigen Umgang fehlt ja auch der Sinn für solche Kostbarkeiten", bemerke ich. Die Vorstellung, die prüde Dame di Yaladan, die ich, obschon, nur flüchtig kenne, einmal berauscht zu sehen, ist eine wahrhaft amüsante Vorstellung. "Eine neue Kreation?"

Sie hebt in gespielter Abwehr und Bescheidenheit die Hände.
"Zu viel der Ehre", verneint sie geschmeidig. "Ein solches Kunstwerk ist leider noch weit jenseits meiner Fähigkeiten."

Ein Teil meines Verstandes, von klein auf zu solchen Dingen erzogen, registriert dies mit Interesse. Das Zusammenspiel aus ihrer Frage nach der Hornisse und den hochwertigen Tränken, die sie bei mir deponiert hat, falls der Botschafter nachfragen sollte - und nun die Präsenz eines Erzeugnisses, das jenseits ihrer durchaus nicht geringen Kunstfertigkeit liegt... Wieder frage ich nicht.

"Aber wer weiß", fügt Alara mit einem Schmunzeln an, während sie geschickt - ich frage mich, wie man mit Handschuhen solche Fingerfertigkeit entwickeln kann - die Wachsverkorkung entfernt. "Vielleicht gelingt es mir ja einmal."

"Ich bin davon überzeugt", entgegne ich, und es ist nicht nur Galanterie die mich dazu treibt, denn obgleich ich von ihrer Kunst nichts verstehe, eilt ihr doch ein gewisser Ruf voraus.

So versunken bin ich in das Gespräch, dass mich das leise Klopfen an der Tür aufschreckt, und mit Selbstverständlichkeit erhebt Alara sich und läßt einen Bediensteten ein, der dampfenden, bitteren Kakao auf einem Tablett hinein trägt. Ich habe es nicht veranlaßt - das muss Alaras Werk sein, und obwohl ich nicht überrascht bin, freut mich die Aufmerksamkeit.

Der Bedienstete verläßt den Raum, und silbrige Schlieren vermengen sich mit dem bitteren Getränk.

Es schmeckt würzig, ohne süß zu sein, wie eine Ahnung verborgener Geheimnisse, ein Gruß des unergründlichen Elfenvolkes, und die Wärme des Gebräus bemächtigt sich meiner Glieder. Nie habe ich so klar gesehen, die Luft, die meine Lungen füllt, als so süß empfinden. Alara, mir gegenüber, legt nach dem ersten Schluck den Kopf in den Nacken, kundig auf eine Art wie ich es niemals sein werde spürt sie der Wirkung der Droge nach.
Einen weiteren Schluck später spüre ich, wie sich langsam die Spannung löst, die mich ergriffen hat, seit ich weiß, daß sie gehen will, und zum ersten Mal seit langem sehe ich sie ohne Schmerz, als bräuchte ich eine Erinnerung daran, wie fast der Strang ist, der uns bindet.

Der dritte Schluck nimmt mir den Atem, läßt mich taumeln, süße Rahja, unendlicher Boron, hin und her geworfen zwischen Göttern, und nichts bleibt als Freiheit und ein unbestimmtes Gefühl von Glück, ein Gefühl, so fremd, dass es lange dauert, bis ich es auch nur erkenne.


Stunden, Tage, Lebensalter später sind die Kerzen heruntergebrannt, nur einige wenige stemmen sich noch tapfer gegen das endgültige Vergehen und tauchen den Raum in ein schummeriges, flackerndes Licht, kümmerliches Überrest meines kunstvollen Arrangements, und doch passend, sind doch auch wir nicht mehr dieselben, wie als dieser Abend begann. Der Wahnsinn ist verflogen, doch noch immer liegt Wärme wie ein Schleier um meine Gedanken, schiebt Bitterkeit und Schmerz beiseite, und ich weiß, dass es ihr ähnlich geht, denn sonst würde sie nicht so hier liegen, entspannt, den Kopf an meiner einen Schulter, eine Hand - die Handschuhe sind verloren gegangen im Rausch des Abends - lose an der anderen.
"Warum?" Das erste Wort seit Stunden, und es klingt rauher, als ich es hätte haben wollen. Sie seufzt leise.
"Hundert Gründe, Rondario." Ihre Stimme schleppt ein wenig, doch sie weiß genau, wonach ich frage. "Ich will nicht hier sein, wenn die Stadt gestürmt wird."

"Glaubst du wirklich es wird so schlimm?" Ich schüttelte den Kopf. Bisher ist in diesem Krieg - von dem unglückseligen Bomed einmal abgesehen - nicht viel zerschlagen worden, und auch wenn uns die umzingelte Lage Sorgen macht, so kann ich nicht daran glauben, dass es wirklich gefährlich werden wird. Sie hingegen zuckt die Schultern.

"Ich war in Bomed", entgegnet sie, als habe sie meine Gedanken gelesen - bisweilen frage ich mich, ob sie das kann, doch ich nehme an, wenn sie diese Fähigkeit besäße, wäre sie nicht hier, nicht in dieser Situation. "Das genügt mir vollauf."

Dagegen kann ich schwerlich etwas sagen. Ich muss mir ins Gedächtnis rufen, dass sie trotz allem Handwerkerin ist, keine Politikerin, keine Kämpferin, und als solche vielleicht andere Loyalitäten besitzt. Dennoch rechtfertigt das nicht, dass sie Seidenwolke brauchte, um mir ins Gesicht sehen zu können.

"Und...?" hake ich also vorsichtig nach. Sie schweigt lange, so lange, dass ich mich frage, ob die Nachwirkungen der Droge sie vollends in Bishdariels Arme gesandt haben, und als sie schließlich antwortet, ist es nur ein Flüstern, doch umso mehr, umso deutlicher spüre ich den Einschlag ihrer Worte.
"Ich will weg von hier. Weg von allem. Weg von ihm." Solche Abscheu in ihrer Stimme. Die Dinge, die wir alle verbergen...

Und dann bricht es aus ihr heraus, unerwartet, unprovoziert, und ich beginne, ihren Schmerz zu begreifen. "Ich ertrage es nicht mehr, Rondario. Ich will das hier nicht mehr. Ich habe es satt, jedermanns Faustpfand zu sein." Sie hebt den Kopf und blickt mich an, und ich schrecke beinahe vor der Kälte und der Verzweiflung in ihren geweiteten Augen zurück. Noch nach Worten ringend trifft mich ihre Tirade hart. "Wenn ich hier bleibe werde ich mich zwischen allen zerreißen, und davon habe ich die Nase voll. Zwischen Timoristen, Aldares Unterstützern und meinen eigenen Leuten kann ich nur verlieren."

"Und Lucio?"
Es war das falsche Wort und ich begreife es in dem Augenblick in dem es meine Lippen verläßt. Tränen stehen in Alaras Augen, und sie bebt in meinen Armen, und die Mischung aus Trauer und Wut ist erschreckend.
"Lucio?" flüstert sie. "Was ist mit ihm? Er ist jetzt vier, Rondario. Vier. Er weiß nicht einmal wer ich bin. Glaubst du wirklich, dass ihn die Briefe erreichen, die ich ihm schreibe?" Sie lacht bitter. "Ich bitte dich. Wenn sie überhaupt das liebliche Feld verlassen, bleiben sie spätestens im Ulfhardschen Palazzo stecken!"

Und doch schreibt sie ihm, Woche für Woche, liebevolle Briefe voller Zeichnungen. Die Arbeit von Stunden. Ich weiß es, weil Shoy-Rina sie mir gab, in unserer beider Anfangszeit in diesem kalten Land, um sie zu vernichten.
Ich habe sie stets trotzdem gesandt.

"Was für ein Recht habe ich", fährt sie fort, "mein Kind aus Eitelkeit in Gefahr zu bringen? Wenn er vielleicht glücklich ist, wo er ist?" Sie schüttelt den Kopf. "Es ist zu spät, viel zu spät. Der Kampf ist verloren. Es ist vorbei. Und je früher ich danach handle, desto sicherer ist er." Mir fehlen die Worte, doch ich wage, eine Hand zu ihrer Wange zu heben. Ich kann kaum ermessen,was sie da sagt und es schmerzt mich, dass sie nach so langem Kampf aufgeben will.Doch vielleicht ist es tatsächlich das beste.

"Alara..."
Sie schüttelt den Kopf, mit einem Male wieder müde, streift meine Hand ab, doch sie nimmt wieder dieselbe Position ein wie zuvor. Und ich weiß keinen Weg, ihr zu helfen.
"Und ich sorge mich um dich."
Wieder nach langer Pause gesprochen, kaum hörbar, versetzt mir ihre Aussage einen Schlag in den Magen. Nur einmal zuvor hat sie etwas derartiges angedeutet, als sie mich aufsuchte, um mich vor dem perfiden Giftanschlag des Botschafters zu warnen. Es hat mich weniger schockiert als sie - ich weiß wohl in wessen Diensten ich stehe - doch ich kam nicht umhin, in ihrer Sorge einen Hoffnungsschimmer zu sehen. Doch seitdem besitze ich ihr Vertrauen nicht mehr vollständig. Und - auch wenn ich es um ihretwillen weiterhin tun würde - sie fragte mich nach nichts mehr.

"Das ist nicht nötig", wehre ich ab, doch sie fährt fort, die Stimme immer noch vernebelt, so wie mein Geist, denn nur dann können wir miteinander sprechen, wie wir es tun, können den Hauch eines Blickes hinter die Masken erhaschen.
"Doch... Ich könnte es nicht ertragen, kämst du um meinetwillen zu Schaden." Ihre Hand fährt kleine Kreise, Feuerspuren auf meiner Haut. "Gib acht auf dich...."

Was soll ich sagen? Was kann ich sagen? Worte versuchen, sich einen Weg zu bahnen, der unmöglich ist, doch ich will ihre Sorge nicht mit Trivialitäten entehren, denn ehrliche Freundschaft ist ein seltenes Ding, und so schweige ich, lausche nur dem Nachklang ihrer Stimme. Und wage nicht zu hoffen.





Wenn sie sich jetzt umdreht, denke ich, als ich am Fenster stehe und ihr nachblicke, wenn sie sich jetzt umdreht, dann werde ich in ihren Augen etwas sehen, das mich hoffen läßt.
Wie einen Zauberspruch flüstere ich die Worte vor mich hin, während ich sie im Morgengrauen verschwinden sehe, mit ihrem festen Schritt, die Straße hinunter. Und diesmal geschieht das Wunder, kurz vor der Biegung, denn sie hält inne und blickt sich um, und ich weiß nicht, ob sie mich erspäht, halb hinter dem Fensterladen verborgen, durch Butzenglas verzerrt. Doch für einen, winzigen Augenblick liegt eine Welt in ihren Augen, und ich sehe alles, was ich erhoffte, und mehr, und in einem irrationalen Aufwallen will ich die Fenster aufreißen, und ihr nachrufen, sie solle nicht gehen, doch sie ist verschwunden, ehe ich mich auch nur hätte bewegen können, und wie immer bleibe ich mit nichts als rinnendem Sand in den Händen zurück.
Doch diesmal verbirgt sich darin ein Same, und ich kann nur hoffen, dass etwas geschehen ist in dieser seltsamen Nacht, die unsere letzte sein sollte.
Vielleicht wird sie bleiben.





Bis zum Abend ertrage ich es, doch ich bin nicht stark genug. In der Dämmerung des warmen Sommertages eile ich zum Laden des Alchemisten, in der unbestimmten, irrationalen Absicht, mit ihr zu sprechen, ihr etwas zu sagen, was ich besser verschweigen sollte, mich ihr auszuliefern wie es nur die naivsten Menschen tun - oder zumindest zu sehen, ob es genügt hat, was geschehen ist, um zu bleiben.
Doch ich stehe vor verrammelten Fenstern, und di Saravello, der mich einläßt, kann nicht mehr tun, als mir ihren verwaisten Arbeitsplatz zu zeigen. Ihre Schale ist fort, ebenso der Koffer, und ihr kleines Schränkchen mit Tränken, Reagenzien und Kräutern. Allein eine Glasapparatur steht noch da, wie ein anklagendes Mahnmal, und ich muss nicht in die oberen Stockwerke gehen, um zu wissen, dass das Bild der Goldenen Bucht verschwunden sein wird, und das ihrer Eltern, die beiden Kunstwerke, auf deren Erschaffung sie immer am stolzesten war, dass die Staffelei ebenso fort ist wie Ölfarben und Kosmetiktiegel.
Sie ist fort.
Und ich begreife, es war nie genug.

-> Zurück nach oben

<- Fesseln