Fesseln Unausgesprochen

Alara Yimeno ist Al'Anfanerin von Geburt. Als Alchemistin ausgebildet steht sie im Dienste iher Silberberger Familie, und somit sind ihre Fesseln ganz eigener Art.

Fesseln

Die Geschichte einer Al'Anfanerin

"Alara!"
Ich wandte mich nur langsam um. In diesem Moment, noch waehrend ich mich drehte, hing alles in der Schwebe, war die Welt ein Universum an Moeglichkeiten, zerrissen zwischen all den Alternativen, die sich boten, und die allein ein Fluegelschlag des Schicksals zu meinen Gunsten oder Ungunsten entscheiden wuerde. In diesem Augenblick trat alles zurueck, der schwere Duft der Rauschkraeuter, von denen ich auch, wenn auch nicht im Uebermass, genossen hatte, die leise Musik, das zu schrille Gelaechter und die wirbelnden Farben, die diese Feier im Hause der Paligans so charakteristisch machten, alles verschwamm im Nebel und liess mich unberuehrt zurueck, wie eine Braut vor der Hochzeit, schwebend zwischen Alveran und den Niederhoellen.
In diesem, kurzen Augenblick konnte ich mir sogar einbilden, es sei gar nicht ich gewesen, nach der gerufen wurde. Nicht erst, seit dem die Tochter des Hauses, in dem ich mich nun befand, gen Gareth gereist war, gehoerte mein Name zu den Beliebtesten unter den Grossen Al'Anfas. Mochte sein, dass dort eine andere Stimme eine andere Alara rief, und jene Moeglichkeit schien mir unter all den Alternativen, die sich mir boten, die angenehmste zu sein.
Doch dann war meine Bewegung vollendet und ich spuerte meine Fesseln wieder schwer wie zuvor.

Es kostete mich keine Muehe, Tsaiane Ulfhart mit einem freundlichen Laecheln zu begruessen, das nichts von meiner inneren Anspannung verriet. Es gibt Dinge, die gehen einem in Fleisch und Blut ueber, wenn man sie von Kindesbeinen an lernt, und auch wenn ich beileibe keine gute Schuelerin war – sonst befaende ich mich wohl im Augenblick nicht in der Situation, der ich mich gegenuebersah – so hatte ich es doch nicht verhindern koennen, die eine oder andere Lektion in mich aufzunehmen.
Al'Anfa verachtete die offene Verachtung. Und ich konnte es mir nicht leisten, meine Position noch weiter zu schwaechen.

"Eine herrliche Feier, nicht wahr?" Ich nahm, ohne ihn auch nur eines Blickes zu wuerdigen, einen Becher schweren Weines aus den Haenden eines Sklaven entgegen, waehrend ich beifaellig zu Tsaiane nickte. Sie prostete mir zu und ich erwiderte hoeflich, doch diesmal, im Gegensatz zum vorherigen, Becher, den ich beinahe gestuerzt hatte, nippte ich nur, in der Hoffnung, meinen schon leicht benebelten Sinnen doch noch ein wenig Klarheit zu bewahren. Es passte zu Tsaiane, mich ausgerechnet nun zu sich zu rufen, wo das Kraut begann, seine beruhigende, benebelnde Wirkung in vollem Masse auszubreiten, und ich nicht mehr in der Lage sein wuerde, klug zu reagieren. Obwohl ich das vermutlich auch nicht getan hätte, waere ich noch vollkommen nuechtern gewesen.
Sie war eine ausnehmend huebsche Frau, mit blonden Locken und einem breiten Mund, der nur zu oft zu einem unbeschwerten Lachen verzogen war. Ihre Augen waren klar und blau, und in ihrer hellen Schoenheit war sie genau das Gegenteil von mir, die ich durch das Erbe meines tulamidischen Vaters dunkel war, und deren Augen nur allzu deutlich verrieten, dass in den Adern meiner Mutter auch das Blut einer mohischen Sklavin geflossen war, die irgendwo, nicht allzu weit in ihrer Ahnenreihe entfernt, wohl das Gefallen ihres Herrn erregt hatte. Es war leicht, Tsaiane bereits bei der ersten Begegnung zu moegen. Sie war freundlich, offen, hoeflich, verstand es zu bezaubern und zu scherzen. Sie war grosszuegig, denn sie konnte es sich leisten, und spielte in Diskussionen und Streits gerne das besaenftigende Zuenglein an der Waage.
Und allein hierin lag auch schon die Gefahr, die einem begegnete, wenn man sich mit Tsaiane Ulfhardt einliess. Zu sagen, dass sie das "besaenftigende Zuenglein an der Waage" war klingt danach, als haette ich zwei Sprichwoerter miteinander vermischt, die eigentlich nicht zusammen gehoeren, doch ich kann dem geneigten Leser versichern, dass dies durchaus nicht so ist. Denn so sanft, so freundlich, so harmlos sie auch an der Oberflaeche ist, so gross ist ihr Einfluss, und so wenig merkt man, merkte ich wirklich, dass jedes ihrer seidenen Worte eine Fessel ist, eine Schlinge, die sich unwiderruflich um den eigenen Hals legt.
Manchmal frage ich mich, ob die anderen es nicht bemerken. Doch vielleicht ist ihr auch nur jeder so wie ich ins Netz gegangen, und schaemt sich nun dieser Abhaengigkeit.
Ihre Familie und meine sind seit Generationen miteinander verbunden. Oder vielleicht sollte ich akkurater sagen, dass meine Familie ihrer seit Generationen verpflichtet ist. Wenn ich genau genug nachforschen wuerde, wuerde ich vermutlich sagen koennen, dass sie meine Cousine dritten Grades, oder eine entfernte Tante, oder etwas in der Art ist, doch keiner von uns beiden hat sich diese Muehe je gemacht, und seit wir uns kennen, reden wir uns einfach mit dem Vornamen an.
"Es ist wohl nicht umsonst, dass man ihn ‘den Grossartigen' nennt", machte ich eine gefaellige Bemerkung ueber unseren gemeinsamen Gastgeber, und Tsaiane nickte, freundlich, und spielte das Spiel mit, das jeder in Al'Anfa beherrscht, das freundliche, vorsichtige Konversationsaustauschen, bevor man zum wahren Kern der Angelegenheit kommt. Denn einen wahren Kern gab es, dessen war ich mir sicher. Mochte ich auch mit Tsaiane verbunden sein, durch Verwandtschaft und lange Gewohnheit, es war kein Zweifel daran, wer in dieser Partnerschaft auf der Geberseite stand, und es lag auch nicht in ihrem Wesen, etwas ohne Hintergedanken zu tun.
Ohne, dass ich es verhindern konnte, spuerte ich, wie mir das Herz im Halse klopfte. Was konnte sie schon von mir verlangen, das zu erfuellen ich nicht bereit war? Und was auch immer sie verlangte, ich wusste schon, was sie mir als Gegenleistung gewaehren wuerde, und allein die Aussicht liess meine Haende beben.
Ich verachtete mich fuer diese Gedanken. Genau diese Naivitaet war es gewesen, die mich ueberhaupt in meine derzeitige Situation gebracht hatte, und ich tat es schon wieder, immer wieder, doch ich konnte nicht widerstehen. Ich war suechtig nach dem, was sie mir anbieten wuerde, und wer wuerde mich dafuer verurteilen? Wer in der Tat, ausser jenen, die in dieser Stadt der Intrigen geboren wurden und die diese Frage wohl genau anders herum stellen wuerden: Wer wuerde sie dafuer verurteilen, dass sie mich zu ihrem willenlosen Werkzeug machte, zu etwas, das in huendischer Ergebenheit nach den kleinen Krumen schnappte, die es ihr zu werfen beliebte?
Ich hing an ihrer Leine, an der kurzen Leine, doch um mich loszureissen fehlte mir die Kraft.
Ich haette den Preis nicht zahlen koennen.

"Man sagt, dass seine Erzeugnisse von hoechster Qualitaet sind", fuhr Tsaiane mit einem Nicken in Richtung eines Grueppchens fort, das, auf Kissen gebettet, eine Pfeife kreisen liess und ihre leicht gehobene Braue sagte mir nur zu deutlich, dass sie genau wusste, was und wieviel ich von den in der Tat koestlichen Rauschmitteln bereits genossen hatte. Sie schmunzelte ein wenig anzueglich, gerade genug, um es einen Augenblick spaeter mit einem breiten Lachen zu einer Nichtigkeit zu degradieren. Wir beide wussten, worauf sie anspielte, aber ebensogut haette sie fuer einen fluechtigen Beobachter einfach nach meiner Expertise fragen koennen, denn kompetent war ich in der Beurteilung von Rauschmitteln auf mehr als nur eine Weise.
"Das sind sie in der Tat", stimmte ich also zu. "Ich staune jedes Mal von Neuem."
Diesmal war ihr Schmunzeln beinahe wohlwollend, und ich spuerte schon, wie ein Teil von mir sich entspannen wollte, doch ich war viel zu sehr gebranntes Kind, als dass mir das noch moeglich gewesen waere.
"Ich frage mich", bemerkte sie, "wann wir auch aus deiner Werkstatt solch exquisite Genuesse werden erwarten koennen."
Ich neigte den Kopf und senkte die Lider, in einem ein wenig ertappten Schmunzeln. Sie wusste genau wie lange ich schon mit Seidenwolke experimentierte, doch so lange ich es auch versucht hatte, die Reinheit des Pulvers, das der Paligansche Alchimist produzierte, war mir bisher verwehrt geblieben. Nicht, dass meine Mixturen schlecht gewesen waeren – ich mochte nicht besonders kompetent in dem Intrigenspiel des Silberbergs sein, aber mit meinen Kolben und Puelverchen kannte ich mich aus – doch ich war erst vor zwei Monden siebzehn Goetterlaeufe alt geworden, und mein Abschluss der Universitaet, an der Horanis, der Alchimist der Paligans, als Lehrer aufgetreten war, lag ebenfalls noch kein Jahr zurueck. Ein Alchmist lernt schnell, dass der beste Lehrmeister die langjaehrige Erfahrung ist, und ich zweifelte, dass Horanis in meinem Alter Seidenwolke in seiner heutigen Reinheit produzieren konnte.
Das war es auch nicht, was Tsaiane Ulfhart an mir tadelte. Sie kannte meine Faehigkeiten und war mit meinen Erzeugnissen immer zufrieden gewesen. Sie trieb mich an, doch sie hatte noch niemals zu viel von mir verlangt, viel zwar, doch niemals zu viel. Dazu war sie zu klug, denn sie wollte mich auch nicht ueber jenen Punkt hinuebertreiben, an dem unsere Zusammenarbeit fuer mich nicht mehr ertraeglich wuerde. Zudem war die Alchemie ein gefaehrliches Handwerk. Ich hatte zu meiner Zeit schon einiges an Unfaellen verursacht, und ich war eine der vorsichtigeren Schuelerinnen der Fakultaet gewesen. Ich wusste es besser, als mich an einer Mixtur zu versuchen, fuer die ich mich noch nicht bereit fuehlte.
Das war einer der kleineren Krumen, den sie mir hinwarf. Sie wusste, dass ich auf meine Expertise, auf meine Faehigkeiten als Alchemistin stolz war, und so gab sie vor, mir zu trauen, sich auf mich zu verlassen und meine Arbeit wirklich wertzuschaetzen. Ihre Rechnung ging auf, denn ich fuehlte mich jedes Mal geschmeichelt und kostete fuer einen Augenblick den Eindruck, dass sie mir auf Augenhoehe begegnen wuerde.
Natuerlich war das nichts als Illusion, nichts als ihre Berechnung, doch ich war zu schwach, um mich dagegen zu wehren.
"Wenn es mir gelingt, wirst du die erste sein, die es kosten darf", versicherte ich ihr, wie ich es schon hundertmal getan hatte, und ihre Antwort hoerte ich ebenfalls nicht zum ersten Mal.
"… nachdem du es selbst versucht hast, natuerlich."
Es war nur ein kleiner Hinweis, eine Erinnerung daran, wo ich stand, doch sie kam an und ernuechterte mich deutlicher, als es ein Eimer eisiges Wasser gekonnt haette. Ich nickte, wie ich es immer tat und folgte Tsaiane, als sie einen Schritt nach draussen in den Garten machte. Auch hier flanierten Gaeste, doch man stand hier weniger dicht, und ich nahm an, dass wir uns langsam dem Kern dessen naeherten, weswegen sie mich zu sich gerufen hatte. Das wenigste von dem, was Tsaiane Ulfhart mir auftrug, war fuer fremde Ohren bestimmt. Natuerlich hat man in Al'Anfa deutlcih weniger eigenwillige Ansichten ueber die etwas extravaganteren Substanzen, die man, sei es zur erweiterung des persoenlichen Horizonts, sei es zur Verwirklichung persoenlicher Ziele, verwendet, doch trotzdem mochte es Unannehmlichkeiten bereiten, wenn man mich mit Tsaiane ueber dieses oder jenes Gift debattieren hoerte, gerade eine Woche, bevor der eine oder andere Beamte einen bedauerlichen Unfall erlitt. Nicht, dass ich der Polizei Al'Anfas zugetraut haette, bis zu mir durchzudringen – es sei denn ich verloere irgendwann meine Nuetzlichkeit fuer Tsaiane, doch unbedarft wie ich war war ich selbst in einem solchen Fall zumindest nicht vollkommen hilflos – doch ein Geruecht an falscher Stelle mochte Plaene zerstoeren, oder, noch schlimmer, andere, wenig konservative Konsequenzen auf das eigene Haupt herabrufen.
Ich wollte auch nicht wissen, was sie mit dem tat, was ich ihr brachte. Es gibt Fragen, die zu stellen ich mir sehr schnell abgewoehnt hatte.
"Nichtsdestotrotz haette ich gerne noch einmal etwas von deiner aktuellen Mischung", hob Tsaiane an. "Ich tue dir unrecht, wenn ich dich mit Horanis vergleiche, doch auch deine Mixtur ist durchaus von hohem Standart."
"Das wird keinerlei Schwierigkeit sein", entgegnete ich, beinahe erleichtert, dass es sich um so etwas Einfaches handelte. Die Zutaten fuer Seidenwolke hatte ich meist noch im Haus, denn ich mischte mir auch haeufiger einmal etwas fuer meinen eigenen Gebrauch zusammen und hatte auch einiges an Uebung erlangt, so dass ich mir zutraute, den Standart meiner letzten Lieferung an Tsaiane durchaus zu halten.
"Das freut mich zu hoeren", erwiderte sie. "Ich wuerde dich diesmal um die doppelte – nein – dreifache Ration bitten, denn ich fuerchte, dass ich deine Dienste in naechster Zeit nicht mehr so oft werde in Anspruch nehmen koennen."
Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, was sie da eigentlich gesagt hatte. Und noch einen Augenblick, bevor ich begriff, dass sie eigentlich noch gar nichts gesagt hatte. Mein Herz machte einen Sprung, und dann noch einen weiteren.
"Wie bitte?"
Ich krallte meine Finger um das Glas und schalt mich beinahe sofort fuer diese Unbeherrschtheit. Tsaiane war sie natuerlich nicht entgangen, und so hatte ich ihr schon wieder meine eigenen Waffen in die Haende gegeben.
"Oh, meine Liebe, ich dachte, du haettest es schon gehoert. Ich habe vor kurzem einen deiner Mentoren von der Schule getroffen, Kalman Arnoires, wenn du dich an ihn erinnerst." Natuerlich tat ich das. Ein Mann mit kuehlen, schwarzen Augen, hochaufgeschossen, streng und, zumindest mir, unsympathisch. "Er hatte eine wunderbare Neuigkeit fuer dich. Ein Alchemist des Salamanders, Gerion di Saverello, hat vor kurzem an der Universalschule um eine Assistentin gebeten. Er sucht jemanden, der ihm ab und an bei der Erstellung der Mixturen hilft, aber sonst waerest du frei, deinen eigenen Geschaeften und Forschungen nachzugehen, und von ihm zu lernen. Seine Expertise in einigen Gebieten ist unerreicht."
Das ungute Gefuehl in meiner Magengrube verstaerkte sich. Der Name war nicht al'anfanisch, und Tsaianes Selbstzufriedenheit verhiess nichts Gutes.
"Es waere ein gehoeriger Karrieresprung fuer dich, meine Liebe. Di Saverello ist ausgesprochen bekannt – und waehlerisch – und es hat mich einiges an Ueberredungskunst gekostet, dich ueberhaupt ins Spiel zu bringen." Daran zweifelte ich nicht, allerdings zweifelte ich an ihren Absichten. Wenn sie mir etws Gutes tun wollte, dann nur, wenn auch etwas fuer sie dabei heraussprang, und diesen Vorteil fuer sie sah ich noch nicht. Dass di Saverello ein kompetenter Alchemist war, reichte alleine durchaus noch nicht aus, denn in Al'Anfa gab es die Universalschule, und was ich dort an Mixturen nicht lernen konnte, gab es schlichtweg nicht. Also hatte sie etwas anderes im Hinterkopf. Muehsam beherrschte ich mich und nahm einen Schluck Wein.
"Ich bin es nicht gewohnt, so viel Freizeit zu haben", wich ich also vorsichtig aus. "Vielleicht gaebe es ja noch eine Bschaeftigung, die mir die Zeit versuessen koennte."
Tsaiane laechelte.
"Nun, so du dafuer noch Zeit findest…"
Das war natuerlich keine Bitte, sondern eher eine Forderung.
"… so wuerde ich dich doch darum bitten, ab und an ein Auge auf unsere Landsleute und das, was sonst so vor sich geht zu haben. Du weisst, ich bin von Natur aus neugierig. Eine weibliche Schwaeche." Sie tat es mit einer mueden Handbewegung ab, und ich war mir nicht sicher, ob in der Aussage auch eine Spitze gegen mich verborgen war, doch fuer den Moment war ich zu verwirrt, um darauf zu achten. Unsere Landsleute… das klang… ganz und gar nicht gut.
"Wohin?" stiess ich hervor, unfaehig, mein Erschrecken zu verbergen. Wenn ich etwas nicht wollte, dann war es, Al'Anfa zu verlassen.
"Oh, er lebt in Vinsalt", sagte Tsaiane leichthin. "Ich weiss, es ist nicht Al'Anfa, aber das Liebliche Feld ist in den Gebieten der Wissenschaften auch nicth ganz unbedarft. Und wie man mir sagte, sind die dortigen Gesellschaften zumindest…. Tolerierbar." Die Welt begann, scih um mich herum zu drehen. Vinsalt…
Um das Kap herum, eine halbe Ewigkeit gen Norden entfernt. Eine Reise mehrerer Wochen. Entsetzen ergriff mich, Al'Anfa zu verlassen hiesse auch…
Man musste mir die Blaesse angesehen haben, doch Tsaianes einzige Reaktion darauf war ein Heben der Brauen. Ich war sicher, dass sie Befriedigung angesichts meiner Reaktion empfand, doch um sie zu zeigen, war sie deutlich zu beherrscht. Ich hatte mich schon gefragt, wann ich meine Quittung fuer mein eigenmaechtiges Treffen mit einigen Mitgliedern des Hesindetempels, bei dem es nur vordergruendig um die Wissenschaft ging, erhalten wuerde, und hier war nun die Konsequenz fuer mein Handeln, fuer meinen vorsichtigen Versuch, an meinen Fesseln zu zerren. Sie sandte mich fort aus ihrer Naehe, fort aus Al'Anfa, fort von…
"Was ist mit ihm?" fragte ich erstickt.
"Oh, meine Liebe, du musst dir keine Sorgen machen." Tsaiane klang muetterlich, besorgt, und liebevoll, doch das letzte Mal, dass ich diesem Tonfall geglaubt hatte, hatte es mich mehr gekostet, als ich jemals gedacht hatte, geben zu koennen. "Aber du wirst verstehen, er hat sich gerade so an Lil'Pua'Ta gewoehnt, es waere herzlos, ihn schon wieder aus seiner Umgebung zu reissen. Du weisst dohc, dass er bei uns in den besten Haenden ist, wir werden ihm all das beste angedeihen lassen, das wir koennen." Mir wurde uebel. Unnoetig, Tsaiane darauf hinzuweisen, dass mein Sohn nur deshalb aus seiner Umgebung gerissen worden war, weil sie ihn mir fortgenommen hatte, um ihn, wohl zunaechst, so lange ich mich noch wehrte, von Unterkunft zu Unterkunft zu bringen, bis ich mich mit der Situation abgefunden hatte, und er an einem Ort bleiben konnte.
Seitdem war seine Gegenwart der Koeder, der mich an ihrem Haken haengen liess, und Arbeit meinerseits wurde mit kostbaren Stunden mit meinem Kind belohnt.
Wie oft hatte ich mich schon dafuer verflucht, bei meiner ploetzlichen Schwangerschaft zu meiner Familie auf der Suche nach Hilfe gelaufen zu sein. Ich hatte das Kind an die Niederhoellen verkauft, und bereute es jeden Tag aufs Neue.
Damals, wie auch jetzt, hatten sie behauptet, das beste fuer mein Kind gewollt zu haben, doch ich wusste es mittlerweile besser. Er war das Kind zweier Magiebegabter, zweier schwach Magiebegabter, aber dennoch zweier Zauberkundiger, und als solches wurde auch bei ihm Madas Kraft festgestellt. Ein kostbares Kind fuer Tsaiane, besonders wenn sie es, anders als beispielsweise mich, von Geburt an nach ihrem eigenen Willen formen konnte.
Meine Verzweiflung und Sorge, zur Unzeit ein Kind zu bekommen, hatte mich zu ihr laufen lassen, in der Hoffnung, sie, die schon meine Ausbildung an der Universalschule bezahlte, wuerde mir auch in diesem Punkte helfen. Haette ich gewusst, wie ihre Hilfe aussah, ich haette sie niemals angenommen.
Aber dazu war es lange zu spaet. Und ich wusste es besser, als ich zugeben wollte.
"Wann?" brachte ich muehsam heraus, udn in diesem Augenblick zeigte sich auch in Tsaianes Blick ein wenig von dem Stahl, den sie sonst so sorgsam unter Samt verbarg, eine Kaelte, die mir nur zu deutlich machte, dass dieser Punkt nicht zur Diskussion stand. "Naechste Woche."
Mir war klar, dass ich mich hiermit noch tiefer in die Unbillen der Abhaengigkeit verstrickte. Schon vor der Geburt meines Sohnes hatte ich in ihrer Schuld gestanden, doch nun, da sie ihn in ihrer Gewalt hatten, wusste ich sehr wohl, dass sein Wohlergehen von Tsaianes Wohlwollen mir gegenueber abhing. Je folgsamer ich war, desto besser wuerde es auch Lucio ergehen. Fuer den Moment war er ihr Gefangener, ihre Geisel, ihr Garant fuer eine folgsame Alchemistin.
Es erregte Uebelkeit in mir, doch ich konnte nichts tun.
"Ich will ihn sehen", forderte ich, und Tsaianes Lachen klang glockenhell.
"Aber natuerlich, Alara. Selbstverstaendlich. Du kannst jeden Tag bis zu deiner Abreise mit ihm verbringen. Wenn die Notwendigkeit mich schon zwingt, das Kind von der Mutter zu trennen, werde ich dich sicherlih nicht der Gelegenheit berauben, dich gebuehrend von ihm zu verabschieden."
Ich schluckte ob dieser ploetzlichen Suesse in einem Meer von Bitterkeit. Eine Woche, so viel am Stueck hatte ich noch niemals mit meinem Sohn verbringen duerfen.
Es machte Tsaiane nur umso grausamer – und verpflichtete mich ihr noch mehr.
"Und nun geniesse das Fest, Alara. Es ist wirklcih exquisit. Ich erwarte dich morgen, zur zehnten Morgenstunde, um dich zu Lucio zu bringen."
Sie schwebte davon, wie auf Wolken getragen, udn nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob sie eine jener seltsamen Kreaturen war, die dieses Spiel der Notwendigkeiten, Abhaengigkeiten und Verpflichtungen nicht nur aus Langeweile, Notwendigkeit oder Angst spielte, sondern es wirklcih und ernsthaft genoss.
Ich wuerde es wohl niemals erfahren.

Die naechste Stunde driftete ich wie ein Schlafwandler durch die Gesellschaft und fand mich erst spaeter auf einigen Diwanen wieder, allein, wie ich es immer gewesen war, abgesondert von den anderen, die um mich herum feierten. Auf einen Wink hin brachte mir einer der Sklaven einen Kakao, und ich griff in das kleine Iryanledertaeschchen an meiner Huefte, das neben allerlei Kosmetika und einem Parfumflakon auch noch eine ganz andere Kostbarkeit enthielt.
Meine Haende zitterten leicht, als ich die Portion Seidenwolke enthuellte, meine letzte Mischung, eine, die Tsaiane nicht zu Gesicht bekommen wuerde. Sie war stark, staerker als das, was ueblicherweise bei solchen Festivitaeten gereicht wurde, doch ich wusste, dass dies das einzige war, das in diesem Augenblick den Sturm in meinem Inneren wuerde besaenftigen koennen. Das weisse Pulver loeste sich in dem Kakao und hinterliess keine Spuren. Ich bebte in innerlicher Vorfreude, als ich ihn langsam, Schluck fuer Schluck trank und spuerte, wie sich das beruhigende, schwebende Gefuehl einstellte, das der Droge ihren Namen gegeben hatte.
Seidenwolke…
Als schwebe man in hoechsten Hoehen.
Nach und nach legte sich das Pulver wie Balsam um blutende Wunden, betaeubte was zuvor geschrien hatte und liess mich langsam vergessen, vergessen wer ich war, vergessen, in welcher Situation ich mich befand, vergessen, dass ich mein Kind verloren hatte an eine Frau ohne Skrupel, die mich nun mit seinem Leben und Wohlergehen an jeden Ort und zu jeder Tat senden konnte, der ihr gefiel, vergessen liess, dass cih schwach genug war, auch all das zu tun, was sie von mir verlangte.
Ich genoss diese seltenen Momente der Abwesenheit jeglichen Schmerzes.
Ich wusste, ich wuerde es am Morgen bereuen, doch an diesem Abend rief ich all meine geliebten Geister herab, die Droge, den Alkohol und all das, was meine Schmerzen betaeuben wuerde fuer einen letzten, kleinen Hauch von Frieden.

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